So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

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Wenn, dann heftig

Nun ist es passiert. Wovor man mich vor nicht allzu langer Zeit warnte – Frau Knobloch tat’s, und ahnte – und doch warf ich meine gesamte Kondition hinein in den Strudel von Taten, Drang und Arbeitskraft, allein um Dinge zu bewegen, gut zu machen, der Gemeinschaft zu dienen. Erwartet habe ich nichts, bekommen habe ich unverdienterweise all den Tadel, der an anderen abperlt wie Regen an der imprägnierten Speckschwarte. Nur leider fällt dieser Tadelregen bei mir stets auf allzu fruchtbaren Boden und treibt die furchtbarsten Blüten. Die Folge: Nicht einmal mehr Zeit und Muße, all die wundervollen Beiträge hier zu lesen und zu kommentieren, geschweigedenn wieder das Schönschreiben zu üben. Zwischen dem Alltag und der Nacht versuchte ich mich zu erholen, was leider gründlich daneben ging, bis nun also eines der letzten verbliebenen Nervenfädchen riss. Und schmiss. Und zwar das mir so teure Smartphone, meine Standleitung in die Welt, mein Wecker und Wachhalter, Terminverwalter, WordPresserleichterer, Herzensneffenbilderspeicher und so manches mehr. Exitus. Finito.

Und mit einem Mal ebbt das Rauschen in meinem Kopf ab. Ich existiere virtuell nicht mehr, bin gleichzeitig nicht mehr nervbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, kann/muss nicht mehr umgehend reagieren. Und lebe trotzdem noch. Ich habe keine To-Do-Listen mehr vor Augen, keine Termine und keine unbeantworteten Nachrichten. Wie sich das auf die Dauer mit dem Alltag vereinbaren lässt, wird sich zeigen. Nur – jetzt im Moment ist es, als hätte ich diese meine grüne Wiese wiedergefunden, auf der ich doch so gern flanierte, sorglos und – glücklich. Wenn das so ist … dann lasse ich mir am besten mit der Reparatur dieses, wie ich glaubte, lebenserhaltenden Geräts noch eine Weile Zeit. Oder länger. Meine Liebsten wissen, wie sie mich erreichten, und, oh Wunder, Kommunikation kann man auch mündlich betreiben! So viel persönlicher und direkter, es ist mir fast schon ein Fest. Und was ich ebenfalls feststellen konnte: die Welt dreht sich weiter, ohne dass Madame „existiert“. Auf den Tadel kann ich ohnehin sehr gut verzichten, möge sich einstweilen ein anderer Sündenbock finden, Madame macht jetzt erst einmal Urlaub.

Und langsam, langsam lebe ich wieder. Was ist wohl befriedigender, sich jeden Abend vor dem Schlafengehen den kleinen Herzensneffen auf dem kleinen Display zu betrachten, oder mit verknutschter Wange, dem Halstuch voll Sabber und anderer babytypischer Erzeugnisse und dem Herzen voller Kinderlachen nach Hause zu kommen? Dem Herzliebsten in die Augen zu sehen oder sich elektronisch-summende Herzküsschen hin und her zu schicken? „Was meinst du? Stehen wir das noch eine Weile durch, ohne Handy?“ – „Klar. Ziehen wir halt zusammen, wollten wir doch eh…“ Nein, das war ein ganz und gar fiktiver Dialog, aber es muss ja nicht heißen, dass Unausgesprochenes weniger wahr und bedeutsam ist.

Es wird Zeit, sich neue Herausforderungen zu suchen. Die erste lautet: zur Ruhe kommen. Sich frei machen von all dem Ballast, den ich noch immer mit mir herumschleppe.  Und sich dann wieder in den Trubel stürzen. Aber in den richtige Trubel dieses Mal. Nicht wieder dieses Sackgassentadelding, sondern etwas mit Zukunft. Kann man ja auch mal verlangen: Leistung gegen Entlohnung. Und die hätte ich endlich mal gerne. Aber ich sehe schon: ich werde sie mir am besten selbst auszahlen.

„Spieglein, Spieglein … oh. Kaputt.“

Der Spiegelbildeffekt: Menschen halten anderen genau das vor, was sie an sich selbst am meisten stört. Mir ist in der letzten Zeit recht Unangenehmes begegnet – unangenehm, das ist meine eigene, contrairsche Definition der momentanen Situation, jeder andere mag damit weniger Probleme haben und besser damit umgehen können als ich. Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich einen Spiegel um den Hals hängen, in den meine Mitmenschen hineinblicken und sich ob des Gesehenen empören. Da ist die junge Dame, die mich anherrscht, ich bräuchte sie wohl kaum derart anzuherrschen, obwohl ich die Stimme nicht einmal erhoben habe. Da ist eine andere, nun ja, Dame, die mir zu verstehen gibt: Sollte ich weiterhin in diesem Ton mit meinem Umfeld sprechen, hätte ich bald kein Umfeld mehr, das sich gerne mit mir abgibt. Da ist zum dritten, wer hätte es geahnt, noch eine weibliche Person, die mir Veräumnis und möglicherweise ein freches Mundwerk bescheinigt – mit einem ebensolchen Ton am Leibe und ganz offensichtlich Watte in den Ohren, die den Informationsfluss deutlich hindert und mindert. Spiegel¦bild¦defekt?

Überhaupt lerne ich langsam verstehen, weshalb ein Sündebock für alles, was nicht rund läuft, eine formidable Sache ist, solange man es nicht selbst ist. Glücklicherweise ist mein näheres Umfeld (oh ja, das gibt es noch) bereit, sich fast täglich meine derzeitigen Sorgen anzuhören und mir den Rücken zu stärken. Oder so ähnlich. Zumindest weiß ich, dass sie es wollen, auch wenn es als wohlgemeinte Ratschläge verpackt ist. Das Nicht-mit-sich-machen-lassen ist so eine Sache, genau so wie das Mal-auf-den-Tisch-hauen. Nie praktiziert, bin ich darin natürlich etwas ungeübter als andere und lasse mich dann gerne verunsichern, wenn wieder einmal mein Ton kritisiert wird, den ich an mir haben soll. Dann blicke ich verstohlen an mir herab und suche ihn, diesen Ton, der andere so stört, der an mir hängt wie die berühmte Bahn Toilettenpapier, die ich versehentlich irgendwo abgekriegt haben muss. Ich stelle mir vor, mein Ton ist eine blecherne Fahrradtröte, mit einem roten Gummiball, die mir irgendwo unerreichbar an der Kleidung angenäht wurde, und die jedes Mal ertönt – „Möööp!“ – wenn ich mich irgendwie bewege und an etwas stoße. „Möööp, möööp!“ – „Verzeihung! Mein Ton schon wieder! Wenn ich den zu fassen kriege …“

Ich vermute, dieser Spiegel, den ich da um den Hals hängen habe, wirft nicht nur Licht und Abbild zurück, sondern potenziert auch die Laustärke, mit der man ihn anspricht. Sprechen, auch so eine Definitionssache. Die Kommunikationswege haben sich in unserer Zeit vervielfältigt, und nie fiel es so leicht, einen anderen Menschen offen zu beleidigen, als über die sogenannten modernen Medien – altbekanntes Problem. Ein Zerrbild unserer Wirklichkeit, ein stummes Sich-Anschreien, bei dem man tatsächlich nicht mehr als das Klackern der Tasten vernimmt – und da bescheinigt man mir wiederum einen Ton, den ich doch gar nicht von mir gegeben habe? Die Enter-Taste vielleicht ein wenig zu heftig betätigt, das könnte es gewesen sein. Seither schweigen die Tastentöne konsequent.

Das berühmte dicke Fell, ich habe es noch nirgends auffinden können, vermute aber, dass es einen hohen Preis hat. Möchte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Nicht, solange es Menschen gibt, die mir gerne zuhören und mich trösten können. Ja, Trost und Zuspruch sind, wenn auch zeitverzögert, mein dickes Fell, mein geteiltes und daher halbes Leid. Leider leidet mein Herz darunter, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Ein Gefühl, als hänge einem ein Schaufelradbagger am Herzgewebe und grübe sich immer tiefer hinein. Konsequenzen sind, im Kopf zumindest, bereits abgesteckt, es gilt noch eine kleine Weile durchzuhalten, bis diverse Dinge erledigt sind und sich nachher wieder alle auf die breiten Schultern klopfen, die ja ach-so-viel getragen haben. Was ich in meinem Herzen trage, das trage ich nicht nach außen.

Und so spiele ich eben den Spiegel, sündenbocke ein wenig vor mich hin. Wenn die Contenance fast bis zum Zerreißen gespannt ist, hilft mir Freundlichkeit durch den Tag. „Verlogenheit“ bezeichnen die Spiegelnutzer das hinter vorgehaltener Hand. Aber auch nur, weil sie’s ärgert. Und weil ihre eigene Freundlichkeit womöglich gelogen ist – der Spiegelbildeffekt, vermutlich wieder. In meinem Kopf zitiere ich die bösen Stiefmütter und Stiefschwestern dieser Welt: „Spieglein, Spieglein der ollen Contraire, warum ist die so, wie ich gern wär‘?“ Welch schöne Mär. Madame strafft ihre Schultern und legt ein Lächeln auf. Aus dem Spiegelmeer lächelt es zurück.

[…]

Denk¦pause

Ist es schon zu viel gedacht, wenn man denkt, man denke zu wenig?

Und zwar denke man womöglich zu wenig an andere, obwohl man ständig an andere denkt, weil man selbst denkt, man denke nicht oft genug an sie – die denken ja bestimmt, man denke nicht an sie -, weil man diesem Denken keinen kommunikativen Ausdruck verleiht. Du denkst nur an dich, denke ich dann. Und die bestimmt auch.

Mal nicht denken. Nicht denken müssen. Weil alles einfach so läuft, wie es läuft, ohne dass man versucht, mit Gedanken eine Sache in eine bestimmte Richtung zu lenken. In eine Richtung zu denken – Szenarien, die so oft beim Versuch, sie weiter und weiter zu denken, in einer Sackgasse landen. In einem dichten dunklen Sack, in dem die ganze Masse von hineingedachten Gedanken bis zur Unkenntlichkeit verwirbelt. Wenn ich da hineinsehe, in gleißend helle und nachtschwarze, ineinander gedrehte und verwirrte Gedankenstränge, wird mir ganz schwindelig.

Aber ich denke ja schon wieder.

Weihnachten mal anders?

– „Jammer, jammer, Weihnachten und der Konsumterror, herzloser Schund und billiger Scheißdreck – wo bleiben die wahren Werte? Wir haben uns verkauft!“

– „Dann mach du es doch anders.“

– „Haben wir in der Familie doch schon probiert, aber irgendwann fängt wieder jemand mit dem Schenken an…“

– „Mach du es doch anders.“

– „Ja, aber der Zwang! Wenn doch jeder …“

– „Mach es doch anders.“

– „Wir sind aber nun mal eine konsumlastige Gesellschaft! Die ideellen Werte sind längst verloren gegangen.“

– „Mach es anders.“

– „…“

Es scheint, als unterlägen wir Konsumsklaven allesamt dem allumfassenden, nicht zu entrinnenden Kaufzwang sündhaft-sinnloser Geschenke, dazu verdammt, in weißen, schmiedegeeisten Ketten made in Winterwonderland an der Tannengirlande entlang in die überfüllten Geschäfte zu pilgern, Zeit und Gesundheit zu opfern, um uns durch die quälenden Staus und das Gedränge auf den oh-so-schrecklichen Weihnachtsmärkten zu drücken – Regenfeuchte Kälte kriecht derweil an uns herauf -, die Taschen vollzubaggern und zu schaufeln , bis dass der Einkaufswagen ächzt und die Kreditkarte quietscht und der unsägliche Weihnachtsstern die Blätter hängen lasst, und all das mit penetrantem Weihnachtsduft in der Nase und dem Geschmack überwürzten Glühweins am Gaumen. Verstehe, wenn dir da das Kotzen kommt, lieber Freund*.

Hätte ich einen Spankyaufkleber zur Hand gehabt, *dieser Herr hätte ihn ruckzuck auf seiner Stirne kleben gehabt. Was nutzt alles Jammern über den Verfall der Gesellschaft, wenn man seinen eigenen Hintern nicht hochbekommt? Ich sage nicht, dass es einfach ist, aus alten Strukturen zu fliehen oder sie gar aufzubrechen. Aber sich so gar nicht dagegen zu wehren? So richtig meine ich, nicht nur mit jammernden Posts, in der Hoffnung, jemand antwortet und schlägt in die selbe Kerbe?

„Hach ja, die blöde Menschheit, alles geht den Bach runter“ – „Oh, du hast ja so vollkommen recht!“ – „Komm, wir zünden eine virtuelle Kerze an zum Gedenken an all die Weihnachtsveteranen und Konsumversehrten.“

Spanky X-Mas!

 

Wunder gibt es immer wieder …

… sei es, dass mich die Telekom nach jahrelang anhaltenden Ärgernissen dieser Tage so positiv überrascht hat, dass ich zweifelnd zum Kalender griff, um auszuschließen, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Oder sei’s, dass Madame endlich den Mut aufgebracht hat, sich wieder in ihrem Vorgärtchen blicken zu lassen. Zeit ist leider immer noch der entscheidende Faktor dafür, dass es hier sehr vereinsamt und verwildert ist. Mein heißgeliebter Job hat mich die letzten Monate sehr gefordert, ich habe Dummheiten begangen wie am Feiertag ein paar Stündchen arbeiten, im Urlaub nur schnell noch dies und das erledigen … Es pressierte schließlich, ein wichtiger Auftrag hing von der pünktlichen Abgabe ab und ich mache ja nichts lieber, als meinem Chef den Hintern zu retten…

Freitag, 17 Uhr 05: Madame schickt die letzten bearbeiteten Dateien weg.
Montag, 08 Uhr 15: Aus dem Postfach grinst mir eine Benachrichtigung entgegen, die mich wiederum dazu brachte, das Datum anhand des Kalenders zu prüfen. „Äh, das waren doch die Dateien, die wir gar nicht mehr brauchen, weil der Auftrag nicht zustande kommt?“ Vor meinem geistigen Auge rieselten die am Schreibtisch verbrachten Stunden zu einem Häuflein Staub zusammen. Die enttäuschten Gesichter von Familie und Freunden, wenn ich mal wieder nicht dabei sein konnte. James, der mich in der letzten Zeit zum Aston Martin tragen musste, weil ich zuvor schon längst mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war.

Nun denn, was soll’s, sowas passiert, sowas wird immer wieder passieren. A propos wiederkehrender Mist: Da glaubt Madame, sie habe endlich so etwas wie Frieden gefunden, ein Plätzchen zum Sein und Träumen, ein bisschen ausspannen noch, bevor das Leben in all seiner Schnelligkeit und Launenhaftigkeit wieder voll zuschlägt – und schon hagelt es Kritik von mehreren Seiten. Am Ende des Tages fragte ich mich: Bin ich wirklich ein so schrecklicher Mensch? Bin ich wirklich blind, falle ich tatsächlich in alte Muster zurück, obwohl es mir doch so gut geht und ich endlich, endlich in der Lage bin, mein Leben zu genießen? Anscheinend schon. Anscheinend bin ich nie und niemandem gut genug, am wenigsten mir selbst. Und leider, auch wenn sich Madame Contenance den stimmigen und durchaus zutreffenden Teil der Kritik zu Herzen genommen hat, leider ist da noch die kleine rebellische Contraire, die am liebsten genau jetzt ihre Koffer packen und der ganzen Bagage den Rücken kehren möchte, auf dass sie sehen mögen, was sie angerichtet haben. Mach ich natürlich nicht. Aber den Kritikern zukünftig die Füße küssen, den Nörglern eine Puderzuckeranwendung verabreichen, ich weiß nicht, ob ich das kann.

Ist es Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, andere so sein zu lassen, wie sie sind? Ist es verwerflich, sich in jemanden hineinversetzen zu können und zu sagen: Ich verstehe dich? Ist es einfach nur idiotisch, jemandem in einer schwierigen Situation Zeit zu gewähren? Mein Verstand sagt mir: du funktionierst nicht richtig, du bist nicht auf dem Weg, auf dem andere dich gern sähen. Mein Gefühl sagt: es ist nicht gerecht.

We’ll love you just the way you are if you’re perfect …

 

Ein Jahr danach

Ein Jahr danach geht es mir gut. Nein, das ist falsch ausgedrückt. Ein Jahr danach geht es mir so gut, wie ich es nicht zu hoffen wagte. Ich wusste, es würde mir gut gehen – es begann schon unmittelbar, nachdem es passierte, als die vier magischen Worte aus mir herausbrachen, dich und mich zerbrachen, obwohl wir doch schon so lange Zeit zuvor aneinander zerbrochen waren. Ich wusste also, ich würde meine eigenen Ziele jetzt endlich verfolgen und sie sogar erreichen. Aber ich wusste nicht, dass es so schnell gehen kann, sich wieder aufzurichen, nachdem man aus großer Höhe in den Staub gefallen ist. Aber so hoch war die Höhe offensichtlich nicht.

Du fragst, wie es mir geht, nach einem Jahr, versuchst die Finger in eine Wunde zu legen, die es nicht mehr gibt. Du wünschst mir nur das Beste, sagst du, und trittst nach: Hoffentlich lernst du erst einmal ein paar Idioten kennen… Seltsam. Das habe ich dir nie gewünscht. Habe gehofft, du findest jemand, der dich vergessen macht, was du verloren hast. Ich würde dir gern weh tun, einfach deshalb, weil du nicht loslassen und mich in Ruhe lassen kannst. Weil du mich immer noch versuchst, runterzuziehen. Aber was würde das bringen? Deine Scheuklappen sind angewachsen, deine Ohrstöpsel, die ich nächtens so gehasst habe, weil du nicht gehört hast, wie ich im Schlaf geweint habe um uns, sind eins mit dir geworden: Nichts sehen, nichts hören, was man nicht wahrhaben will.

Aber ich habe auch keine Lust mehr, mich damit zu belasten, mit deinen Anbiederungsversuchen, deinen Fehlinterpretationen und deinen kleinen Gemeinheiten, die du  dazwischenstreust. „Ich wünsche dir nur das Beste“ – Ach, behalt‘ es doch und hör auf mich zu nerven. Ich steige nämlich aus diesem Irrenkarussell aus, das du mit jeder Nachricht immer noch eine Runde weiter drehst. Ich gehe lieber geradeaus. Die Erkenntnis, dass ich ohne dich so viel mehr bin, ist bitter, aber nicht zu leugnen. Auch wenn das nicht durch Scheuklappen und Watte hindurchdringt – mir reicht vollkommen, dass ich es weiß.

Sphinxgedanken

Tränen am Weihnachtstag. Willkommen zur ultimativen Tränendrüsenjahresüberproduktionsperiode. Rührung in der Stillen Nacht. Vermissen derer, die fehlen, ob tot oder lebendig. Vermissen des Gefühls, das doch immer da war, wenn die Kerzen brannten und die roten Kugeln am Plastikbaum selig den schönen Schein wiedergaben. War es immer da? War es nicht so, dass es Jahr um Jahr immer mehr verblasste? Dass das Weihnachtsherzweitgefühl immer mehr der Hektik und der Furcht gewichen ist? Furcht vor dem, was kommt: streiten wir uns wieder unterm überschmückten Christbaum, jede Kugel, jeder Anhänger ein Betäuben des Eindrucks von Weihnachtsheuchelei? Nervt Schwiegeroma, weil ich es nicht schaffe, den ganzen verdammten Abend zu lächeln, sondern mich hin und wieder, wenn ich mich unbeobachtet fühle, zurückziehe in mich selbst, meinen Körper in Gedanken verlasse und am Sandstrand Muscheln suche, allein in der Südseesonne? Werden Hund und Katz und Kind wieder den Baum zu Fall bringen und die üblichen zwei bis acht Glaskugeln zersplittern lassen? Tränen zwischen zerknülltem Geschenkpapier.

Herausgewachsen. Abgestreift. Des Gefühls der Weihnachtspanik entledigt, freiwillig und bei vollem Bewusstsein. Nix zu vermissen. Oder? Warum laufen die Tränen trotzdem und lassen sich nicht stillen? Das Emotionskonto ist voll, ich habe dieses Jahr gespart, gespart und nichts davon ausgegeben, alles zurückgehalten. Und nun läuft es über, pünktlich zu Weihnachten, wie passend. Wo das Fest der Liebe doch Emotionen ausdrücklich fordert und fördert.

Gutes Timing, Amtsgericht, den Scheidungstermin zum 24. Dezember zu verschicken. Ich meine, wessen Herzenswunsch ist das nicht? Tolle Aktion, sogenannter bester Freund, mich per Handynachricht zusammenzufalten und mir verbal in den Hintern zu treten, ich soll es künftig unterlassen, Weihnachtspäckchen zu verschicken. Einleuchtendes Argument, Freunde hätten sowas nicht nötig (und gefallen hat’s ihm darüber hinaus auch nicht). Aber ja, das muss Freundschaft sein, nur gute Freunde sind in der Lage, sich übers Jahr immer wieder so schwer zu verletzen, bis dass der Schwächere am Weihnachtstag von früh bis spät mit Tränen in den Augen und einem Messer im Herzen rumläuft. Ein großes Dankeschön, verdammt, wie hab ich das Gefühl vermisst! Gelockt werden bis auf Reichweite, um dann wieder weggestoßen zu werden, das macht dir Spaß, nicht wahr? Elender Emotionskrüppel, ich habe genug von euch Austernmenschen. Steck’s dir sonstwohin. Ach nein, da steckt ja schon der Stock, mit dem du geboren wurdest …

Gäbe es nicht auch Menschen, die mich tatsächlich schätzen, wie ich bin, ich hätte aufgeben wollen. Mich wieder zurückgezogen hinter den Vorhang. Mich als Sphinx überlebensgroß vor meinem Herztempel postiert und darüber gewacht, dass niemals wieder jemand Zutritt erhält, mit kalten Augen und steinernem Lächeln verteidigt, bis mich Sand, Wind und Zeit selbst zu einem Häuflein Sand korrodiert haben. Dabei habe ich noch Glück, kann meine überlaufenden Emotionen in Worte fassen und sie niederfließen lassen, bis sich der Herz- und Hirndruck soweit abgebaut hat, dass ein Lächeln wieder möglich ist. Ein schiefes, aber immerhin ein unversteinertes. Und so sitze ich am Küchentisch, wisch mir immer wieder die Tränen aus dem Gesicht und packe Päckchen. Für die Familie, für Freunde, und schreie den Gedanken, ob ich es nicht mal wieder übertreibe, mit einem lauten „Ich will es aber so!“ nieder.

Herzen heilen. Irgendwann. Narben sind eine Zier. Ich trage sie mit Stolz.

Kunst¦pause

Wieder bewies es sich, dass ich mit meiner Selbstbeschreibung so völlig recht behalte – unbelehrbar und widersprüchlich wandelt Madame Contraire durch die Welt, reißt sich ein Bein nach dem anderen aus und hat nichts, absolut nichts gelernt aus den Lehren der Waschfrau, die Selbsterkenntnis liegt verstaubt im Regal, und das Gedankenkarussel quietscht vor sich hin. Ich habe den Verdacht, dass sich meine Situation einzig und allein nur deshalb so zuspitzt, weil ich keine Zeit zum Schreiben finde. Die Zeit für diese Zeilen stehle ich mir gerade, nachdem man mir schon den Vorgarten zertrampelt und mit weiterer Randale gedroht hat – ich liefere! Ich versprech’s.

Es fehlt  mir, das Schreiben. Es ist mehr als Zeitvertreib. Es ist etwas, was mich, die ich schon so einige Hobbies und Interessen begonnen, durchexerziert oder abgebrochen habe, seit dem Tag begleitet, da ich Buchstaben und Wörter bilden lernte. Es ist mein Ventil, meine Therapie. Seit ich hier bin, geht es bergauf.

In meinem Urlaub verbot ich mir Internet und jegliche Kommunikation – was ich auch durchgehalten hätte, wäre da nicht jemand, der mir so gut tut, dass er mir keinen Tag fehlen darf. Gegen Ende ereilten mich wunderbare Gedanken, der goldene Sand und die warmen Wellen brachten mir Entspannung und ein einzigartiges Gefühl, das mich so plötzlich überkam, das ich in dieser Form noch nicht verspürte: Glück. Ungebrochenes, unbelastetes Glück. Und die Erkenntnis, dass meine Entscheidung noch immer unbereut ist.

Und nun, wieder zu Hause, zerrt es an mir, in alle Richtungen. Den meisten Druck mache ich mir selbst, weil ich wieder alles, alles erledigen will, weil sich so viel mittlerweile angesammelt hat, das ich vernachlässigt habe. Madame hat sich gehen lassen, hat es sich gut gehen lassen und Sorgen, Papierkram und Renovierung hinten angestellt. Der anstehende Berg macht mich sprachlos. „Nicht auf den Berg schauen. Einen Schritt nach dem anderen gehen. Wie der Straßenfeger bei Momo.“ Und damit wurde ich quasi mit meinen eigenen Worten geschlagen. Ich hab ja nur auf den Tag gewartet, da man mir meine eigenen gutgemeinten Ratschläge um die Ohren haut und ich denke: Ja. Es ist leichter, auszuteilen als anzunehmen. Hat wohl auch was mit geben und nehmen zu tun. Im Moment muss ich vor allem lernen, mich anzunehmen und nicht wieder in Angst zu verfallen, dass ich „nicht recht“ sein könnte, dass ich anderen auf die Nerven falle, nur weil ich Nähe suche. Solange ich schreiben und reflektieren kann und darf, wird mir das hoffentlich gelingen.

Der schönste Satz für heute, den ich mir ganz fest hinter die Ohren schreiben werde, weil er mich lächeln macht: „Ich dich auch.“