Ein roter Punkt im Nichts

„Ganz schön ungerecht ist die Welt“, denke ich, als ich versuche, meinen kleinen Kahn durch die hohen Wellen der schwarzen See zu manövrieren. „Ganz schön ungerecht. Immer hänge ich zu allen Tageszeiten die Laterne an den Bug, damit jeder sieht: ‚Ah, da vorne gibt’s Halt, da kann man mal anlanden und sich’s gemütlich machen.‘ Und wenn ich selbst ein wenig Land gebrauchen könnte – keine Laterne in Sicht. Sogar der große Leuchtturm hat sich umgedreht und hält sich die Augen zu. Echt, so was Ungerechtes.“

Aber der Reihe nach. Man mag sich fragen, was ich da schon wieder mache, allein draußen auf der schwarzen See. Aber bin ich dort nicht schon immer, immer wieder? Mein Leben, mein Element, das Meer. Natürlich träume ich vom Landgang, natürlich werfe ich ab und an mal den Anker, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Aber lange halte ich es da nicht aus. Warum eigentlich? Weil ich keinen festen Ankerplatz habe. Dort, wo ich mich niederlasse, fängt nach einiger Zeit alles an zu bröckeln, kleine und größere Landmassen, die das Meer verschlingt, langsam, stetig. Es zersetzt sich alles unter meinen Füßen, und so setze ich sie wieder in den Kahn, fahre weiter an der Küste entlang. Ich habe nämlich das Gefühl, dass es nur da bröckelt, wo ich gerade bin. Das muss man dem jeweiligen Ankerplatz auch nicht antun, ihn der schleichenden Zerstörung und Zersetzung anheim geben, nur weil unter meinen Füßen alles bröckelt. Ich schippere also zwischen zwei Punkten hin und her, um wenigstens ein bisschen das Gefühl von Heimat zu haben. Eine Strecke, tausendfach befahren, kann auch so etwas wie Heimat sein, bewegliche Heimat, ein Hierundort und ein Sonstnirgends.

Anstrengend wird es, wenn wieder einmal ein Sturm aufzieht. Ich kann mich nirgends festmachen und bin ihm ausgeliefert. Entweder kommt er vom Land und drängt mich von der Küste ab aufs weite Meer oder er klatscht mich gegen die Klippen, wenn er von draußen, vom kalten großen Wasser kommt. Momentan bläst er also vom Land aus, ich sitze in meinem Kahn, irgendwo da draußen zwischen Nichts und Horizont, oben graue Wolken, unten schwarze See, ringsum wassertropfengraue Nebelwand und in der Mitte ich. Die Laterne baumelt noch am Bug, die Kerze ist fast heruntergebrannt. „Ich ersetze sie erst einmal nicht, wenn sie ausgeht“, denke ich. Erst muss ich wieder zurück finden, in meine Fast-Heimat, an meine Quasi-sowas-wie-Landestelle. Es wird dort immer schwerer für mich, den Anker immer und immer wieder aus dem Wasser zu ziehen, wenn er einmal unten ist. An jedem Punkt schlingen sich sogleich die Algen um ihn, überlagert ihn der Sand, als ober er ihn mit seiner dumpfen Umarmung nie wieder loslassen will. Manchmal glaube ich, meine Arme werden das nicht mehr lange mitmachen. Länger und länger werden sie, von Muskelaufbau kaum die Rede, eine nicht wirklich gute Übung, im Gegenteil.

Gerade das könnte mein Problem sein. Ich bin oft so ermüdet von diesem Ankerlassen und Ankeraufziehen, dass ich mich nicht in der Lage fühle, ein Paddel zu nehmen und mich wieder in die Nähe des Hafens – Verzeihung, der Häfen – zu bringen. Ich fühle mich müde, ausgelaugt. Dummerweise habe ich schon wieder vergessen, ein Tau festzumachen, am Bug, dort wo eigentlich die Laterne hängt. Daran könnte ich mich wieder zurück hangeln, zurück auf meine Heimat-Heimatlosstrecke. Die Laterne bringt in der Nebelsuppe auch nichts. Vielleicht Rufen? In alle Richtungen? Vielleicht hört mich jemand und holt mich ab? Aber meine Stimme trägt nichts weiter. Nur ein bisschen Gejammere und Gewinsel, und wer reagiert schon auf sowas? Naja, dann bleibe ich eben still. Strecke mich eine Weile im Kahn aus, mein Kaputzenpulli, ein winziger roter Punkt zwischen Nichts und Horizont, zwischen grauen Wolken und schwarzer See, inmitten einer wassertropfengrauen Nebelwand. Ich lasse mich treiben. Und hoffe, hach ja! Ich hoffe tatsächlich noch, hier, inmitten vom Nichts, dass der vermaledeite Leuchtturmwärter endlich ans Telefon geht. „Von mir wird doch auch erwartet, dass ich meinen Job mache“, werfe ich noch erbost einen Gedanken über Bord in die gluckernde See. Sie lacht. Ich ziehe mir die rote Kaputze über den Kopf und schließe die Augen. Vorerst.

Mein Meer