Begegnung

Hallo. Wie geht es dir? Ich weiß, es ist noch nicht so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Trotzdem. Wir haben früher so viel Zeit miteinander verbracht. Vielleicht, das gebe ich zu, war meine Frage mehr Reflex als wirkliches Interesse, entschuldige bitte. Die Zeiten ändern sich, das weiß ich, und du weißt es auch. Es hat sich für uns beide einiges verändert. Nein, es ist okay für mich. Mir geht es gut damit, dir offensichtlich auch. Ja, natürlich sehen wir uns weiterhin, uns verbindet einfach zu viel, wir gehören doch zusammen. Aber du weißt auch, ich brauche meinen Freiraum, ich kann mich nicht 24 Stunden am Tag nur mit dir beschäftigen.

Du gehörst zu mir. Ganz ohne dich sein, das wollte ich nicht. Es mag seine Vorteile haben, das sehe ich ein. Mir wäre es halt lieb, wenn wir uns ein wenig besser absprechen könnten. Ich will damit nicht sagen, dass du mir unwillkommen bist, aber es ist nun mal so: Ich habe ein neues Leben begonnen, ich habe vieles hinter mir gelassen. Du bist, außer ein paar anderen Kleinigkeiten, das Einzige, was ich mitgenommen habe. Ich habe dich geschultert, als ich auszog, um das Leben zu lernen, und du warst mir stets der treuste Begleiter. Jetzt aber gibt es noch andere Dinge, die mir wichtig sind. Ich musste mir leider eingestehen, dass manches davon mit dir einfach nicht vereinbar ist.

Jeder sollte doch frei bestimmen können, was er gerade tun möchte, nicht wahr? Ich weiß, du bist immer auf Abruf bereit. Aber versuch doch mal, dich nicht immer so zu konzentrieren, dich in Momenten zu ballen, gerade dann, wenn es mir besonders ungelegen kommt. Wäre es nicht schön, wenn du auch etwas freier wärst? Können wir möglicherweise ein paar Situationen absprechen, in denen du mich einfach in Ruhe lässt und dir einen schönen Tag machst, damit ich auch einen schönen Tag haben kann? Versteh mich richtig, natürlich schätze ich dich, du hast mich mit Sicherheit schon vor so einigem bewahrt und veranlasst, dass ich nachdenke, gründlich abwäge und am Ende bestimmt die richtige Entscheidung treffe. Aber manchmal sind auch Bauchentscheidungen nicht verkehrt.

Eine Sache liegt mir besonders am Herzen: Können wir vereinbaren, dass du dich raushältst, wenn mich JB im Aston Martin abholt? Ich möchte ihm so gern mein Vertrauen schenken, ich möchte ich sein dürfen und entspannt erwarten, was noch so alles passiert. Aber das kann ich schlecht, wenn du immer dazwischen quasselst.  Ich bitte dich, bleib fort, wenn er da ist, es tut nicht gut. Bleib einfach fort, wenn du mich mit jemandem glücklich siehst. Es ist alles gut dann. So hart es für dich klingt, du würdest es mit deiner Anwesenheit nur kaputt machen. Wir wissen beide, wovon ich spreche. Du willst nur mein bestes. Das ist das beste. Bleib einfach fort.

Wir zwei, ja, wir waren immer unzertrennlich. Und wenn ich demnächst ganz allein verreise, da nehme ich dich mit, ich verspreche es dir. Ich gehe mit dir Hand in Hand – gleichberechtigt nebeneinander her, ich mag dich nicht mehr auf den Schultern und im Nacken tragen, dazu bist du, bin ich nun wirklich zu alt –  und ich vertraue deinen Einwänden, weil ich weiß, dass das mich wieder gut und sicher nach Hause bringen wird. Da vertraue ich auf dich. Aber du darfst nicht wieder übermächtig werden und mir die Beine lähmen. Du musst mir die Luft zum Atmen lassen, musst mich leben und laufen lassen. Auch mal einfach so drauflos. Du wirst sehen, das wird uns gut tun. Wir sind aneinander geschweißt, dazu bestimmt, vom Anfang bis zum Ende miteinander zu leben. Das Stichwort aber ist: Leben. Nicht kriechen. Nicht zittern. Nicht vegetieren.

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Fear the Reaper

Sensefrau mit Elefantenfüßen sucht
Opfermann mit zerstörungsbereitem Herzen.

Vielleicht hätte ich mal so eine Kontaktanzeige schalten sollen, um klarzustellen, dass mit mir nicht ausschließlich gut Kirschen essen ist. Brav war offensichtlich gestern. Wenn ich auf die vergangenen zwölf Monate zurück blicke, sehe ich eine Spur der Verwüstung, eine breite Bresche, geschlagen mit mittelscharfer Sense, übersät mit zertrampelten Gefühlen. Zumindest vermitteln mir manche Menschen diesen Eindruck.

Ich habe gehofft, dass ich mein Erlebtes ohne große Auswirkungen auf meine Umwelt verarbeiten kann. Anscheinend funktioniert das aber so nicht. Auge um Auge, Schmerz um Schmerz? Oder man interpretiert mich ständig falsch, vielleicht weil ich leicht zu begeistern (und schwer zu beeindrucken) bin und meine Physiognomie kaum kontrollieren kann, sprich: ich lächle sehr viel und sehr breit und dennoch sphingenhaft. Was mir schon alles in mein Lächeln hineininterpretiert worden ist! „Aber bitte, fass mir ruhig an den Hintern, auch wenn wir uns eben erst kennengelernt haben! Ich steh total auf plumpe Anmache.“ – „Natürlich schlafe ich mit dir, denn eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich mich von dir getrennt habe und wieso es mir damit jetzt um ein Vielfaches besser geht.“ – „Ach was, Kinder! So ein Kinderwunsch, der lässt sich ganz fix wegwünschen, keine Sorge.“

Bin ich wirklich selbst schuld? Setze ich die falschen Signale? Ist es verwerflich, einen Weg einzuschlagen und sich dann umzuentscheiden? Woher soll ich denn wissen, was ich will, wenn ich nicht weiß, was es gibt? Ich sehe die vergangenen zwölf Monate als eine notwendige Zeit der Selbstfindung und des Experimentierens an – die Zeit, die mir in der Jugend vollkommen abging. Das war eben so. Mit mir wurde schließlich auch experimentiert, mein Herz wurde ebenfalls in den Staub getreten, meine Seele verbogen, meine Persönlichkeit niedergesenst. Und das war tatsächlich zum großen Teil meine eigenen Schuld. Wir geben offensichtlich die Erfahrungen weiter, die wir selbst gemacht haben.

Und nun, was bleibt noch zu sagen? „Sorry, ne? Ich habe doch üben müssen. Fühlt euch frei mich dafür zu hassen. Aber kommt bitte klar mit euch selbst.“ Hart, irgendwie. Gar nicht meine Art. Oder vielleicht doch? Ich fühle mich mittlerweile angekommen, so ganz und gar, und das macht mich sehr glücklich. Ich habe wirklich nicht mehr daran geglaubt, dass mir dieses, genau dieses momentane Gefühlsglück einmal zuteil werden würde, dem ich jahrelang nachgelaufen bin. Man darf aufatmen; mein Weg ist bis auf weiteres fokussiert und kanalisiert, ich werde nicht mehr senseschwingend nach allen Seiten laufen und weitere Gefühle zertrampeln. Und wenn doch, dann habe ich zuvor die Sense geschärft, den Schwung geübt und leichte Schuhe angezogen – damit es nicht mehr ganz so weh tut, wenn ich mein Unwesen treibe – buhu! Drückt mir trotzdem lieber die Daumen, dass James mich nie wieder aus seinem Aston Martin aussteigen lässt. Sicher ist sicher.

Happiness, redefined.

Lebens¦zeich¦n¦en

Du liebe Güte, wie sieht es hier nur aus? Verspinnwebte Ecken, eingestaubtes Wortmaterial, die Schmiede voll mit Fragmenten und Gedankenfetzen – doch kein neues Werk in Sicht, keine Pläne, keine Skizzen. Wie lange war ich weg? Dem Gartenzweg hat’s die Mütze vom Kopf geweht, nachdem meine beiden Famoskommentatoren meine About-Seite erneut und scheißherzchenstapfend vandalisiert haben – zurecht, meine Lieben, doch musste der Kuhfladenangriff auf die geschlossenen Läden wirklich sein? Jetzt sitze ich hier und kratze wort¦wörtlich die Scheiße aus den filigranen Holzlamellen.

Real kratze ich auch gerade das letzte bisschen Scheiße aus meinem Leben. Leider habe ich dazu nur ein dünnes Nädelchen namens Zeit und ein Miniskalpellchen Motivation zur Verfügung. Mehr wird mir momentan von dieser Institution namens Arbeit nicht zugestanden, und darüber hinaus ist es weitaus verlockender, jedes kleine Fetzelchen Freizeit auf der rosa Wolke zu verbringen. Man möge Nachsicht üben, nur fliegen ist schöner.

Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nicht an der Zeit ist, dieses Blog zu schließen. Es ist vor über einem Jahr entstanden als eine Art Selbsttherapie, während der ich nach mir selbst gesucht habe. Ein Hilfeschrei an mich selbst, ein Ventil für all die abgelebten und ungel¦i¦ebten Gefühle. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt. So, und nun kann ich sagen, ich bin zufrieden mit der Entwicklung. Ich musste lernen, erst mal eins zu werden. Auf dem Weg dahin bin ich oftmals ganz schön daneben getreten. Und ich habe verletzt und verstört. Das hat mir gezeigt wie verletzt und verstört ich selbst gewesen bin. Es tut mir wahnsinnig leid, das ist nicht gut zu machen, aber anscheinend war auch das notwendig. Und es ist notwendig, dass zumindest ich mir selbst das verzeihe. Shit happens. Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer derjenigen, die mich in der Vergangenheit verletzt haben, so viele Gedanken machen. Absolution.

Jetzt seid ihr allesamt gefragt: Soll es weitergehen mit Mme Contraire? Auch wenn es in nächster Zeit hier weniger oft und dafür Scheißherzchen regnen wird? Ich kann selbst noch nicht abschätzen, wie sehr es mich in meiner Schreiberei beeinträchtigen wird, dass ich der Melancholie zwangsweise erst einmal abgeschworen habe – die wird nämlich unglaubwürdig, wenn man den ganzen Tag mit einem überbreiten Grinsen herumläuft. Ich werde zunächst einmal ein wenig entstauben hier, mit dem haarfeinen Pinsel, der mir zur Verfügung steht. Die abgelegten Worte sortieren, kategorisieren, eventuell probeweise zusammensetzen. Vor allem die Späne unter der Werkbank beseitigen. Die Skizzen werden sich im Laufe der Zeit selbst niederzeichnen, Pläne reifen, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Dann ist noch Gartenarbeit angesagt. Spuren beseitigen, neue Blümchen pflanzen und einen Elektrozaun installieren, damit es anspruchsvoll bleibt für meine Famoszaungäste. Es wird eine Weile dauern, bis der Alltag wieder einkehrt – hoffentlich dauert es ein Leben lang -, und die nächsten Monate bleiben sowieso spannend: Ich arbeite an einem Wiegebettchen, mit Kissen aus süßen Worten, einem Himmel aus Freudentränen und einem Grundgerüst aus weitvorfälliger Liebe gewoben. Man wird nur einmal zum ersten Mal Tante.

(Von Cash zu Cave. Ich halte das für konsequent.)

Absprung

Dies wird das Ende sein. Dies endgültig das Ende einer lebens¦wichtigen Endphase, die ihren Anfang bereits nahm, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, als das zu beendende Begonnene gerade noch im Beginn begriffen war.  Dieser ganze Prozess, dieses Beginnen eines zum Enden verurteilten Lebens über das Amlebenerhalten eines trügerischen Lebenstraums bis hin zum Beenden einer Beziehung und dem Beginn einer ganz neuen Zeit wird von Moment zu Moment wertvoller und sinniger für mich. Mir kommt es geradezu so vor, als sei dieser von mir gewählte Weg, über den ich in der Vergangenheit haderte, auf dem ich stolperte und fiel und mir die Knie blutig stürzte – als sei dieser Weg der einzig richtige gewesen, der mich jetzt, da er endet, in eine völlig neue Welt entlässt.

Ich glaubte den Ausgang schon gefunden zu haben, aber ich hatte mich geirrt. Noch brauchte es Zeit, bis wichtige Dinge so weit gereift waren, dass ich deren Früchte erkennen und kosten durfte. Hätte ich geduldiger sein müssen? Den Weg zum Ende hin bewusster gehen und nicht so voranpreschen sollen? Erspart hätte es mir neuerliche Kniewunden, doch ist Schmerz nicht umso süßer, je näher das Ziel rückt? Dafür ließ ich die Erkenntnis reifen, brach mein Herz herunter bis auf den kleinsten Bestandteil und analysierte, ließ es in neuer Form wiedererstehen – intuitiv, mag man das wohlwollend nennen, denn geplant war keine dieser Aktionen. Naiv, chaotisch, mit saumäßigem Glück, mögen weniger wohlwollende Zungen sprechen.

Nun, am Ende des Weges, blicke ich ein letztes Mal zurück. Nein, ich habe oft genug zurück geblickt, jetzt schaue ich nach vorn: Eine Blumenwiese voll rotem Herzblumenklatschmohn tut sich vor mir auf. Soll ich hineintauchen in dieses neue Leben? Was genau ist es, das mich so sicher macht, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, da doch mein bisheriger Weg von Zweifeln und Fehlurteilen geprägt war? Ich weiß es nicht, absolut nicht. Ich weiß nur, dass die Intuition zum allerersten Mal beide Daumen reckt und mir auffordernd zuzwinkert. Ich befrage die Vernunft, aber die steht schon in Siegerpose da und wartet nur noch auf den Absprung. Die Moral lehnt sich mit zufriedenem Lächeln zurück und nimmt die Contenance ein wenig an die Leine. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fantasie Anlauf nehmen, sie schwingt einen großen Sack voller Traumbilder, die ich doch eingemottet und entsorgt glaubte, aber nein, sie lässt sie wiedererstehen, schöner, strahlender als je zuvor. Gleich hat sie mich erreicht, gleich wird sie mich mit meinen unverwirklichten und verloren geglaubten Träumen und Sehnsüchten pudern und mich hinab-, hinausstoßen auf die zukunftsversprechende Herzblumenwiese.

Letzte Worte, bevor Altes endet und Neues beginnt? Danke für alles bisher Erlebte. Für alle Tränen, Wunden, Narben und verlorene Nerven. Was hab ich nur für ein unverschämtes Glück.

Wortstrom: Anfangs¦ende

Jedes Mal ein letztes Mal. Ein Anfang ohne Ende.

„Wie geht’s? Wollen wir reden?“ – „Na gut“
Und alles, was ich höre, ist: „Ich“. Ich, ich ich.

Du fragst nicht. Du redest. Schaffst absurde Welten mit deinen Worten. Und willst die Wirklichkeit mit deinem Schweigen töten.

„Warum bist du so angepisst?“ – „Na hör mal…“
Und alles, was du sagst, ist: „Weil.“ Weil, weil, weil.

Du hörst nicht zu. Du rechtfertigst dich. In Dauerschleife. Und du erkennst es nicht. Dass die Dämonen, die mich quälen, nur ein einziger sind.

„Mir fällt das hier nicht leicht.“ – „Dito.“
Und alles, was du denkst, ist: „Hätte“. Hätte, hätte, hätte.

Hättest du mal gefragt. Mal zugehört. Nicht totgeschwiegen. Nicht „hätte ich“ oder „hätten wir“. Du.

„Was ist damit?“ – „Nein.“
Und alles, was ich je sagen wollen sollte, ist: „Nein.“ Nein, nein, nein.

Es reicht. Hier endet es. Nicht „ich“, nicht „weil“, nicht „hätte“ und schon gar nicht wir. Sondern „nein“. Zum Ersten und zum Letzten.

→ Esc

Wortstrom: Sinkende Steine

Hochwasserzeit

Mein Tränensee ist angefüllt

Schwarz

Die sonst so glatte, schimmernde Fläche kräuselt sich.

Steinernes Halbrund spannt still sich über den Erdsee

Von rauher Höhlendecke

Hängen bündelweise schwere Steine

Geschnürt in faserige Seile, aus Emotion und Vergangenheit.

Es ist an der Zeit.

Seil um Seil trug Last genug

Zerzeitet, bricht und reißt nun endlich.

Die Last fällt tief, taucht ein in schwarze Tränenflut

Kreise durchziehen nun die schimmernde Fläche.

Stein um Stein sinkt auf den Grund

Läßt den Tränenseespiegel stetig steigen

Unaufhaltsam, bis heiß es aus den Augen rinnt.

Bald ist es gut. Bald fortgespült und ausgeschwemmt.

Die Last ruht.

Steine

Auf dem Herzensgrund, wo auf ewig sie verharren.

Glasmosaik

Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Nicht leicht. Mit der Angst, die selben Fehler dabei zu wiederholen.

Ein Rückblick: Da habe ich an meinem Lebensmosaik herumgebastelt, Glasstein für Glasstein gesammelt, angelegt und, wenn für gut befunden, angeklebt. Gesammelt, geklebt, gesammelt. Irgendwann muss ich den Überblick verloren haben. Irgendwann bemerkte ich Risse in der Struktur. Haben das andere auch bemerkt? Vor mir vielleicht sogar? Sicher, hin und wieder gab es Hinweise, ich solle mir das große Ganze doch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von oben, von der Seite, vielleicht. Ich tat das ab, sammelte weiter, klebte fleißig und wartete. Worauf wartete ich? Ich glaube, ich wartete auf dieses Gefühl des Erfülltseins, des Zufriedenseins mit dem, was ich geschaffen hatte. Nicht, dass ich dauerhaft unzufrieden gewesen wäre. Ich habe Stück für Stück erarbeitet, manchmal größere Stücke auf einmal, manchmal schillernde, neue Flächen hinzugefügt. Ich habe Gestaltungsvorschläge bereitwillig angenommen und kaum mehr realisiert, wie wenig ich selbst noch bestimmte, welche Steine, Fragmente ich anklebte und wie. Selten, nie eigentlich, habe ich ein Stück wieder weggenommen, weil es nicht passte. Irgendwie passte immer alles, mir passte alles, ich passte mich an.

Eines Tages passierte etwas Unerwartetes. Etwas ließ mich zusammenzucken. Ein Donnerschlag? Ein Erdbeben? Ich weiß es nicht mehr, und niemand sonst bemerkte etwas. Ich zuckte also zusammen, mein Glasmosaik entglitt meinen Händen und – fiel. Unendlich langsam. Die Zeit schien stillzustehen, während alles andere um mich herum in gewohnter Geschwindigkeit weiterlebte. An mir vorbei, die ich meinem Glasmosaik beim Fallen zusah und damit in der Zeitlosigkeit gefangen war. Bald stürzte ich ich hinterher, fiel parallel dazu, schob mich darunter, um den Fall zu stoppen, aber nichts schien den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Da war sie. Die Möglichkeit. Eine Chance, mir mein Werk aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Von oben. Von der Seite. Sogar von unten, so unendlich langsam glitt mir das Glasmosaik aus den Händen. Ich wusste, es würde irgendwann aufprallen, und ich wusste auch, dass ich allein den Zeitpunkt bestimmen musste, wann es so weit war. Vor mir lagen Jahre des freien Falls.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als das Glasmosaik auf dem harten Boden der Realität auftraf. Krachend, ein lautes Splittern von Glas und das Aufbrechen von verhärtetem Kleber, die Glassplitter kratzten schreiend über den Asphalt. Ich lauschte ohne mir die Ohren zu bedecken. Und ich sah. Chaos um mich herum. Schock. Starre. Und gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit. Der Fall war abgeschlossen, endlich, und früher als erhofft – ich hätte kein weiteres Jahr im freien Fall ertragen. Ich gab mir keine Zeit zu verharren, schob die Glassplitter zusammen und wieder auseinander. Wühlte, sortierte aus, legte weg, legte die verbliebenen Strukturen frei. Ein gesplittertes, verbogenes Stück Leben. Wie nun weiter? Sollte ich wieder anfangen zu basteln und zu kleben, was noch klebbar war? Unbrauchbares wegwerfen, neue Fragmente zusammensammeln? Ich wartete. Still. Zweifelte. Doch niemals an der Richtigkeit des Aufpralls.

Heute schaue ich auf mein gefallenes und in den wenigen vergangenen Monaten schon wieder recht ansehnlich hergerichtetes Mosaik. Es fehlt. An allen Ecken und Enden. Aber es ist in Ordnung, es wird sich wieder füllen. Ich habe brauchbare Teile umsortiert, an andere Stellen angeklebt. Ich habe Teile, die mir nicht mehr gefielen, weggelassen. Die zersplitterten Steine habe ich zur Seite geräumt. Schneide mich manchmal noch daran, wenn ich unachtsam bin, und schiebe sie doch immer wieder mit der bloßen Hand von mir weg. Mache ich das richtig? Ich nehme mir ab und zu die Zeit und sehe mir mein fragmentiertes Glasmosaik aus einem anderen Blickwinkel an. Von oben. Von der Seite. Und ich suche Rat und frage nach Meinungen. In solchen Momenten fühle ich mich stark und schwach zugleich. Ich spüre, dass ich noch Zeit brauche. Ich spüre, dass ich hin und wieder die alte Contenance vermisse und versuche mich zu erinnern an ihre guten Seiten. Die Zeit dafür ist gekommen. Morgen ist es so weit. Morgen nehme ich den Handbesen, fege die letzten Glassplitter zusammen und entsorge sie. Für immer.

Zeit, sich Zeit zu nehmen. Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Und hoffen, die selben Fehler dabei nicht zu wiederholen.

Sphinxgedanken

Tränen am Weihnachtstag. Willkommen zur ultimativen Tränendrüsenjahresüberproduktionsperiode. Rührung in der Stillen Nacht. Vermissen derer, die fehlen, ob tot oder lebendig. Vermissen des Gefühls, das doch immer da war, wenn die Kerzen brannten und die roten Kugeln am Plastikbaum selig den schönen Schein wiedergaben. War es immer da? War es nicht so, dass es Jahr um Jahr immer mehr verblasste? Dass das Weihnachtsherzweitgefühl immer mehr der Hektik und der Furcht gewichen ist? Furcht vor dem, was kommt: streiten wir uns wieder unterm überschmückten Christbaum, jede Kugel, jeder Anhänger ein Betäuben des Eindrucks von Weihnachtsheuchelei? Nervt Schwiegeroma, weil ich es nicht schaffe, den ganzen verdammten Abend zu lächeln, sondern mich hin und wieder, wenn ich mich unbeobachtet fühle, zurückziehe in mich selbst, meinen Körper in Gedanken verlasse und am Sandstrand Muscheln suche, allein in der Südseesonne? Werden Hund und Katz und Kind wieder den Baum zu Fall bringen und die üblichen zwei bis acht Glaskugeln zersplittern lassen? Tränen zwischen zerknülltem Geschenkpapier.

Herausgewachsen. Abgestreift. Des Gefühls der Weihnachtspanik entledigt, freiwillig und bei vollem Bewusstsein. Nix zu vermissen. Oder? Warum laufen die Tränen trotzdem und lassen sich nicht stillen? Das Emotionskonto ist voll, ich habe dieses Jahr gespart, gespart und nichts davon ausgegeben, alles zurückgehalten. Und nun läuft es über, pünktlich zu Weihnachten, wie passend. Wo das Fest der Liebe doch Emotionen ausdrücklich fordert und fördert.

Gutes Timing, Amtsgericht, den Scheidungstermin zum 24. Dezember zu verschicken. Ich meine, wessen Herzenswunsch ist das nicht? Tolle Aktion, sogenannter bester Freund, mich per Handynachricht zusammenzufalten und mir verbal in den Hintern zu treten, ich soll es künftig unterlassen, Weihnachtspäckchen zu verschicken. Einleuchtendes Argument, Freunde hätten sowas nicht nötig (und gefallen hat’s ihm darüber hinaus auch nicht). Aber ja, das muss Freundschaft sein, nur gute Freunde sind in der Lage, sich übers Jahr immer wieder so schwer zu verletzen, bis dass der Schwächere am Weihnachtstag von früh bis spät mit Tränen in den Augen und einem Messer im Herzen rumläuft. Ein großes Dankeschön, verdammt, wie hab ich das Gefühl vermisst! Gelockt werden bis auf Reichweite, um dann wieder weggestoßen zu werden, das macht dir Spaß, nicht wahr? Elender Emotionskrüppel, ich habe genug von euch Austernmenschen. Steck’s dir sonstwohin. Ach nein, da steckt ja schon der Stock, mit dem du geboren wurdest …

Gäbe es nicht auch Menschen, die mich tatsächlich schätzen, wie ich bin, ich hätte aufgeben wollen. Mich wieder zurückgezogen hinter den Vorhang. Mich als Sphinx überlebensgroß vor meinem Herztempel postiert und darüber gewacht, dass niemals wieder jemand Zutritt erhält, mit kalten Augen und steinernem Lächeln verteidigt, bis mich Sand, Wind und Zeit selbst zu einem Häuflein Sand korrodiert haben. Dabei habe ich noch Glück, kann meine überlaufenden Emotionen in Worte fassen und sie niederfließen lassen, bis sich der Herz- und Hirndruck soweit abgebaut hat, dass ein Lächeln wieder möglich ist. Ein schiefes, aber immerhin ein unversteinertes. Und so sitze ich am Küchentisch, wisch mir immer wieder die Tränen aus dem Gesicht und packe Päckchen. Für die Familie, für Freunde, und schreie den Gedanken, ob ich es nicht mal wieder übertreibe, mit einem lauten „Ich will es aber so!“ nieder.

Herzen heilen. Irgendwann. Narben sind eine Zier. Ich trage sie mit Stolz.

Premieren, Pannen, Pustekuchen Vol. IV: Wortstrom

Ich habe mir angewöhnt, etwa alle sieben Wochen seit dem Zeitpunkt X einen kleinen Rückblick zu schreiben, was ich erlebt habe und wie es sich so entwickelt. Dieses Mal ist es ein Wortstrom geworden, glücklicherweise heute mittag schon durch mein Hirn mäandert. Ich habe nicht lange nachgedacht und hoffe, dass euch das trotzdem irgendwie was sagt. Es sind erst sechs Wochen, aber nächstens weile ich ja bekanntlich im wohlverdienten (?) Urlaub und werde (hoffentlich) nicht zum Schreiben kommen. Außerdem hatte ich gerade eine Begegnung mit einigen zufällig entdeckten Überresten meines aussortierten Wäschebergs, die mich gerade runterziehen, so weit nach unten, wie ich seit langem nicht mehr war. Er schafft es immer noch, selbst wenn er nicht anwesend ist, mir die Freude zu verderben. Zumindest heute ist meine Urlaubsstimmung ein wenig gedämpft, aber da muss ich jetzt durch, und morgen scheint mit Sicherheit schon wieder die Sonne.

Nun aber: Schleusen auf für den Premieren-Pannen-Pustekuchen-Wortstrom Vol. IV:

Wachsweicher Wort¦wechsel
– warnt wiederkehrend vor Wiederholung

Den Schrank ausgemistet,
den Mr. ausgemustert,
das Muster entfrustet;

den Frust begrüßt,
die Grüße vermiest,
die Miesen entsorgt,
die Sorge geparkt,
im Park gefreut,
die Freude geteilt,
beim Teilen beeilt;

in Eile entschieden,
die Scheidung beschlossen,
das Schloss gewechselt,
den Wechsel vollzogen
den Zug bestiegen,
die Stiegen entstaubt,
den Staub weggeräumt;

die Räume erneuert,
das Neue gefeiert,
beim Feiern verliebt,
vom Liebchen geküsst,
den Kuss erwidert,
Fürundwider verworfen;

den Steinwurf geübt,
bei der Übung geblieben,
im Bleiben gegangen,
den Gang fortgesetzt,
Fortsetzung erbeten,
das Beten beschränkt;

und den Schrank ausgemistet

Namenloses

November, du bist so freundlich gerade. Noch. Du hast tatsächlich Sonne, und meine Stimmung ist erstaunlich gut! Sehr wahrscheinlich ziehst du das jetzt deine vollen 30 Tage am Stück durch, gerade weil ich dir dieses Jahr ein Schnippchen schlagen wollte und ganze 13 Tage vor dir in den Süden flüchten werde. Aber es ist okay. Für alle anderen, die keinen Urlaub haben und oftmals ähnlich genervt von dir und deinem Grau, deiner Melancholie sind.

Was ist anders? Wie soll ich’s benennen? Diesen Goldpunkt da in mir drin. Das Mehrlächeln, die beachtlichen Prozentpunkte, um die das Stimmungsbarometer ganz novemberuntypisch gestiegen ist. Findet da gerade eine Kontinentalverschiebung auf meiner inneren Landkarte statt, mit einhergehendem Klimawandel? Ich verweigere mich ein wenig dem Gedanken, dass das ausschließlich mit einem anderen Menschen zu tun haben könnte, der mir sehr nahe gekommen ist in letzter Zeit, und den ich für mich selbst den fantanstischen Kerl mit Cashmereanteil getauft habe.

Eine Frage der Terminologie

Wie nennt man Menschen, die einem sehr nahe kommen, mit denen man am liebsten unbegrenzt Zeit verbringen möchte? Als ich noch klein war, war das der Nachbarsjunge. Wir bauten Sandburgen, immer größer, immer höher,  und gossen sie mit Wasser aus der Gießkanne wieder kaputt. Wir klauten Papas Nägel und den Hammer und bastelten ein Flugzeug aus Holzlatten und Seil, groß genug für uns beide, und flogen nach Amerika. Die beste Freundin und ihre Puppen waren toll, aber meine Sandkastenliebe war viel toller. Es brach mein kleines Kinderherz, als er zur Schule ging und ich nicht mehr seine Freundin war.

Das Namenlose kam und ging, bescherte mir Kumpels, gute Freunde, Herzschmerz, Träume, die im Nachhinein glücklicherweise unerfüllt blieben, den ersten Freund – fester Freund, wie man in der Familie sagt, und damit die unvermeidliche, dröhnend mitschwingende Konnotation, mein Gott, war mir das peinlich – den erste Liebeskummer, der eine gefühlte Ewigkeit anhielt. Mit steigendem Alter, und wenn die Beziehung schon ein gewisses Verfallsdatum überschritten hat, fühlt sich die Bezeichnung „der Freund von“ für Eltern anscheinend unpassend an, man wird also vorgestellt als Lebenspartner und später dann, wenn man wider besseres Wissen auf den Hafen der Ehe zugesteuert ist, endlich, endlich als Mann. Ehemann. Schwager. Schwiegersohn. Schwachmat.

Endlich begriffen

Und wenn man das alles hinter sich hat? Redet man am liebsten nicht mehr davon. Wünscht sich, nie einen Namen für das gefunden zu haben, was man sich jetzt wieder schmerzlich abgestreift hat, wie einen zu eng gewordenen Panzer. Und dann steht man eben wieder nackt und bloß vor dem Leben und fragt sich: Was kommt jetzt? Es kommt nämlich immer wieder was, was benannt werden muss. Und sei es die Erkenntnis, dass sich bloß keiner mehr wagen soll, sich Lebenspartner schimpfen zu lassen. Lebenspartner bin ich mir selbst, muss ja schließlich mit mir auskommen, ich lass mich nun mal nicht von mir abstreifen – weil ich eins bin. Weil ich ganz bin. Da braucht es keine bessere (oder schlechtere) Hälfte. Kein Deckelchen, kein fehlendes Puzzleteil.

Und trotzdem. Wenn man ganz ist, möchte man teilen. Die Ganzheit. Das wunderbare Gefühl, mit sich zufrieden und im Reinen zu sein. Mit jemandem, mit dem man gern zusammen ist – nicht, weil man sich braucht. Nicht, weil man sich ergänzen müsste. Einfach, weil man irre Spaß zusammen hat und alles, was doof ist, lauthals weglacht. Zwei ganze Menschen, alleine ganz, zusammen eben ganz-ganz. Und wie stellt man diesen Menschen vor? Ich denke, ich bevorzuge die Aussage „Das ist mein fantastischer Kerl. Mit Cashmereanteil.“

Credits
Ein grand merci heute an Candy Bukowski und ihren Beitrag, der mir ein willkommener Inspirationsfunke war.