Schluss¦aus, aber wirklich!

Er hatte gestern Geburtstag. Ich habe nicht gratuliert. Nicht per Nachricht, nicht mal auf dieser Plattform, die mich mehr nervt als sie mir nutzt. Endlich mal konsequent sein, denke ich mir. Es ist zwar nicht so, dass wir uns je gestritten hätten. Dass wir uns gegenseitig etwas Schlechtes gewünscht hätten – außer das eine Mal, als ich schon längst JBs Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner Vorstellung sind alle Männer nach ihm völlige Idioten. Diese Vorstellung war es letztlich, die mich vertrieb. Also, konsequent keinen Kontakt mehr halten, auch nicht aus Mitleid. Er ist wieder Single, aber das sollte mich am allerwenigsten interessieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich ihn vermisse. Der Gedanke an ihn ärgert mich vielmehr. Ich denke, schuld sind einfach die vielen alten Dinge, die mir jetzt, bei der Renovierung, wiederbegegnen, die kleinen Erinnerungsstücke, die zu meinem Leben gehören. Und vielleicht ist es auch der Blick in die Zukunft. Der mich ermahnt, dass es endlich, endlich Zeit ist, den Schlussstrich zu ziehen. „Okay“, sage ich zur Zukunft, „du hast ja recht. Gib mal den dicken schwarzen Stift, ich zieh ihn jetzt. Den Schlussstrich. Und hepp!“

Das war leicht, verdächtig leicht. Ich schraube die Kappe wieder auf den Stift. Als ich aufblicke, steht JB vor mir und meint: „Es kann doch auch mal leicht sein im Leben. Es ist nicht alles nur kompliziert.“ Ich stimme dem einfach mal zu. Und während die dicke schwarze Linie trocknet und der Geruch von Schlussaus-und-Ende allmählich verfliegt, beschließe ich, dass ab dem gestrigen Datum einfach alles anders ist. Alles neu. Jetzt aber wirklich: Hallo Zukunft!

Rosenregen

Rosenregen

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Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

Vier Jahre

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Anfangs warst du ständig präsent, das lag schon an den ganzen Stücken, die ich nicht loslassen wollte und unweigerlich täglich trug oder damit lebte. Dein Eigengeruch, Joop und Zigaretten, war selbst nach mehrmaligem Waschen nicht wegzubekommen. Er hing mit der gleichen Selbstverständlichkeit in der Luft, wie du einst am erfüllten Leben. Und ich hüllte mich hinein wie in eine tröstende warme Decke. Ich habe kürzlich großzügig aussortiert. Es gibt nur noch ein paar wenige Dinge, die ich behalten habe. Mit der Zeit weicht die Trauer und damit die Notwendigkeit, zu viel von allem aufzuheben und heimlich anzubeten.

Was ich sagen kann, ist, dass heute mit der Erinnerung an dich die beißende Frage „Warum?“ nicht mehr mitschwingt. Die Überlegung, wie das Heute wäre, wärst du noch bei uns, doch wohl. Wäret ihr noch hier, zumindest hätte ich die Gelegenheit, euch mein neues Dasein vorzustellen – oder gerade deshalb nicht? Der Tag, an dem ihr gegangen seid, war der Beginn einer neuen Denkzeit. Alles wurde relativ, alles befand sich für mich im Zweifel. Dieses Warum stellte mein Leben zunächst auf den Kopf und anschließend in Frage, und bald fragte ich mich selbst, ob ich so weitermachen wollte.

Erstaunlich, wie schnell du zurück kamst zu mir. Ich dachte, es würde eine lange Zeit dauern, bis wir uns erneut und diesmal für immer verabschieden konnten. Aber du kamst, als ich in Barcelona weilte, und ich musste dich bedauernswerterweise wegschicken – ich hatte Angst, es könne uns jemand zusammen sehen, denn ich war nicht allein in Barcelona. Du trugst das wunderschöne schwarzrote Kleid, das du auch damals, an einem traumhaft sommerlichen Tag, getragen hast, als unsere Familie einen großen Tag zu feiern hatte. Du batest mich um Verzeihung, damals, in Barcelona. Ich nahm dich in den Arm. Und musste dich fortschicken. Ich bedaure es, noch immer.

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Es gibt jedoch Tage, da rufe ich die Erinnerung bewusst wach, weil ich verstehen möchte, was das alles mit uns gemacht hat. Meine Mutter kann dir nicht verzeihen, ihr gutes Recht. Ich verstehe sie. Ich kann nicht gutheißen, was du getan hast. Und gleichzeitig komme ich nicht umhin, dir zu danken, sobald ich mir diesen einen Tag in Erinnerung rufe und alles, was danach geschah. Dafür, dass ich mit dieser Erfahrung nicht zulassen konnte, dass das Versinken in einem Leben, das nicht zu mir passte, sich meiner bemächtigt. Dass ich aktiv werden musste, um selbst die Oberhand zu erlangen. Ich bin so verwegen zu behaupten: wenn du nicht gegangen wärst, wäre ich heute nicht mehr hier. Physisch vielleicht. Mein Geist aber wäre längst schon tot und eingeäschert.

Mit der Zeit weicht die Trauer, und auch das Warum. Aber du bist immer noch da. Gerade eben überkam mich der Gedanke „Was würdest du zu all dem sagen?“ Es ist unerheblich. Du würdest genau so wieder handeln, in einem nächsten Leben, für immer. Es ist unüblich, dass ich Verstorbenen öfter als dieses eine Mal im Traum begegne. Es ist der Abschied für immer. Aber ich hoffe dennoch auf ein Wiedersehen. Damit ich dir sagen kann: Es geht mir gut. Und: Ich habe dir verziehen.

Ich liebe euch.

Einigkeit und Recht und Freiheit? Offene Gedanken zur Wiedervereinigung

25 Jahre Deutsche Einheit, in Frankfurt wird groß gefeiert, man spürte die Ausläufer hektischer Vorbereitungen bis hierher an den Rhein. Wer es damals miterlebt hat, hängt vielleicht dieser Tage seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Wiederum eine gute Gelegenheit, noch einmal auf meinen Lieblings-Comickünstler Flix hinzuweisen. Seinen Band „Da war mal was“ habe ich kürzlich erst erstanden, die einzelnen Geschichten schon zu Entstehungszeiten gelesen, wenn nicht gar verschlungen. Flix verarbeitet in seinem Buch sein eigenen Erinnerungen und die von Freunden und Bekannten an „hier und drüben“ (klick: YouTube-Trailer). Unweigerlich dachte ich beim Lesen natürlich an das, was ich aus dieser Zeit noch vor Augen hatte.

Ich war 9 Jahre alt, als die Mauer fiel. Zu jung, um im Vorfeld viel von „der Wende“ mitzubekommen. Ich erinnere mich schemenhaft, dass mein Vater einige Jahre zuvor öfter geschäftlich nach Ostberlin reisen musste. Damals etwa vier oder fünf Jahre alt, erinnere ich mich an meine Mutter, die mir besorgt und traurig vorkam. Wenn ich fragte: „Wo ist denn der Papa? Wann kommt er wieder?“ antwortete meine Mutter bedeutungsschwanger: „Der Papa ist in der DDR.“ Die DDR, mir kam das damals so unendlich weit weg vor. Der Klang in der Stimme meiner Mutter verhieß nichts Gutes, ich stellte mir vor, die DDR sei in etwa so weit von uns entfernt wie der Mond , und ebenso karg und grau. Manchmal erzählte mein Vater, er habe nicht gewusst, was er abends unternehmen solle. Stattdessen schrieb er lange Briefe an meine Mutter. Das ihm zur Verfügung gestellte Geld habe er auch wieder komplett mitgebracht – wofür hätte er es ausgeben sollen? Einmal brachte er mir dennoch etwas mit, eine Art Wandaufbewahrung in Form eines blauen Hundes mit übergroßen bewimperten Augen und verschiedenen Täschchen an seinem Bauch, worin man Dinge verstauen konnte. Ich nannte ihn Hugo.

Im Herbst 1989 hörten und sahen wir im Fernsehen nichts anderes als Politiker, Menschen auf der Mauer und Ströme von Autos. Ich erinnere mich an Bilder von Autokolonnen, ein Mann in einem beigefarbenen Wagen wurde durch das Autofenster hindurch etwas gefragt. Er trug einen rötlichen Bart. Wahrscheinlich sind meine Erinnerungen an diese Zeit mittlerweile von Geschichtsunterricht und Reportagen, nicht zuletzt aber der eigenen Begeisterung für diese Zeit so verklärt, dass ich jenem Mann in meiner Erinnerung ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen verpasst habe. Die Stimmung jedenfalls war in diesen Tagen eine ganz besondere. Der Nachrichtensprecher rief dazu auf, diesen Menschen, die da über die Grenze zu uns strömten, eine zeitweise Unterkunft zu bieten. Ich war sofort Feuer und Flamme und bat meine Eltern: “ Mama, Papa, bitte, können wir auch so Leute bei uns aufnehmen?“ Ich war fasziniert, ich wollte diese Menschen kennenlernen, und ich wollte helfen. Irgendwie schien mir das ziemlich wichtig zu sein. Meine Eltern reagierten zunächst erstaunt und dann ablehnend. Das habe ich damals nicht verstanden.

Ein Jahr später nahmen meine Eltern mich mit zu einer kleinen Feierstunde in unserem Dorf. Es war Abend, und es dämmerte bereits. Meine Babyschwester war bei den Großeltern, und ich meine, ich habe ein wenig gemault, warum ich da jetzt mitgehen sollte. „Das ist ein ganz wichtiger Moment“, belehrte mich meine Mutter. „Wir feiern heute die Deutsche Einheit. Die DDR gibt es nicht mehr.“ Keine DDR, keine traurige Mama mehr, eigentlich eine gute Sache. Ich würde zu Hause gleich die eine Hälfte des Aufklebers an unserem Klavier abkratzen müssen, darauf stand „Leipzig / DDR“. Ich nahm also teil an der Feierstunde, an die sich das Einlassen einer kleinen Bodenplatte auf dem Dorfplatz anschloss.

25 Jahre später gehe ich wieder an dieser Bodenplatte vorbei, bleibe stehen. „Zur Deutschen Einheit“ steht darauf, „1990“. Ich weiß noch genau, wo ich damals als Kind gestanden hatte und zuschaute, als sie eingelassen wurde. Heute weiß ich mehr, kenne Hintergründe, und kenne Auswirkungen. Ich habe als Jugendliche Schüler unserer Partnerstadt in Sachsen kennengelernt und habe zugehört, wenn sie von „früher“ sprachen. Das war 1996. Innerlich entsetzt war ich über das vorherrschende Selbstbild dieser jungen Menschen, sechzehn-, achtzehnjährig, die sich selbst als „dumme Ossis“ bezeichneten, als „ungebildet“, „Wir können kein Englisch, nur Russisch“. War das unsere deutsche Einheit, die diese Selbstzweifel gesät hatte? Ich fand das alles schrecklich, denn ich fühlte Sympathie für meine Mitschüler. Ich mochte meine Austauschpartnerin, mir gefiel diese eine Woche in der Nähe von Dresden mit einer Familie, die meiner so erstaunlich ähnlich war. Wir verstanden uns.

In der Folgezeit, kurz nach der Wiedervereinigung, gab es immer wieder Fernsehsendungen. Es ging oft um „die Ossis“ und „die Wessis“, in Fernsehspielen wurden die gegenseitigen Aversionen thematisiert. Ich hielt „Ossi“ bislang für eine Abkürzung von Oswald und wusste bis dato nicht, welchen Unterschied es überhaupt zwischen uns gab, oder besser: zwischen „uns“ und zwischen „denen von drüben“. Waren wir nicht alle Deutsche? Menschen? Warum regte uns der Soli auf? Warum hörte man im Urlaub hinter vorgehaltener Hand Äußerungen wie „Das ist bestimmt ne Ossifamilie, guck mal, wie die ihre Teller vollhauen!“ Sie widerte mich an, diese Herablassung, und tut es noch heute.

Während ich Flix‘ Buch durchblättere, denke ich immer wieder an den Fernsehaufruf. „Mama, können wir auch so Leute aufnehmen? Bitte!“ War ich zu jung, um zu verstehen? In der Retrospektive bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die Wiedervereinigung miterleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich so jung war, denn für mich hat es nie diese Grenze zwischen Ost und West gegeben – bewusst wurde sie mir erst bei einem Besuch in Berlin im Jahr 2009, zuvor nie dort gewesen, sofort begeistert. Und erschüttert. Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Kopf die Mauer nie existiert hat.

Diese eine Frage stellt sich mir allerdings wieder: Wie werde ich heute reagieren, wenn ein neuerlicher Aufruf in den Medien erfolgt: „Bitte nehmen auch Sie Flüchtlinge bei sich auf!“

Wie schön

Sie ist eigentlich gar noch nicht so alt. Dieses Jahr wird sie 56, am 3. Oktober. Wie schön, oder? An einem Feiertag Geburtstag zu haben. Das finden vor allem die gierigen Anverwandten, die den ganzen Tag nichts vor haben und schon zur Mittagszeit wie die Heuschrecken über Braten, Salat und Eierspätzle herfallen. Spätze und Kartoffeln und Erbsen und Karotten. Es gibt bei jeder Feier das gleiche, die Verwandten freuen sich schon darauf, es gibt also kein Entrinnen aus der Küche an ihrem Geburtstag. Oder am Geburtstag ihrer Söhne oder ihres Ehemannes. Der, ob nun sein oder ihr Geburtstag oder der seiner Kinder, immer in gleicher Pose und teilnahmslos im Nebenraum vor dem PC sitzt. Zu viele Menschen. Seit Jahren zu viele Menschen, auch wenn sie keine Gäste haben. Sie gibt ihr Bestes, immerzu, trotzdem ist ihm kein Lob zu entlocken, wofür auch, Pflicht ist Pflicht, und dass ihm ihr Essen nicht schmeckt – noch nie – ist weder seine noch ihre Schuld. Bier füllt den Magen ebenso gut. Und Starkraucher essen sowieso nicht viel. Immerhin spricht er nach dem Schlaganfall vor anderthalb Jahren nicht mehr viel, und sie arrangiert sich damit, dass er das wenige, was er von sich gibt, ja gar nicht so meinen kann.

Am Vortag werden Kuchen gebacken, eine herrliche Fülle von Sahnequark und frischen Früchten, was das Verwandtenherz begehrt. Kaum ist der Mittagstisch abgeräumt, ein kleines Pläuschchen gehalten, während sie in der Küche steht und spült – nein, helfen braucht man ihr nie, sie macht das am liebsten alleine, dann geht es sogar schneller – bringt sie schon das Kaffeegeschirr und zwei Kannen Kaffee, belädt die Teller mit süßen Köstlichkeiten und freut sich, dass Tante Maria ihren Käsekuchen lobt, derweil sich die Neffen und Nichten im Nebenzimmer unter den Rauchschwaden ihres Onkels lautstark um die Playstation streiten. Die Katze hat ein Nierenleiden und erbricht sich still und vorwarnungslos auf ihre Füße. Nicht schlimm, das passiert fast täglich, lächelt sie und wischt das angedaute Katzenfutter fort. Dann lässt sie ihre Gäste kurz allein, der Hund muss noch mal raus, und ihren jüngeren Sohn, dem die verwöhnte Töle eigentlich gehört, will sie nicht wecken, es war spät gestern, sie blieb so lange wach, bis sie den Schlüssel im Schloss und ihn die Treppen hinaufwanken hörte. Und da war es eigentlich schon fast Zeit zum Aufstehen. Sie wollte nämlich noch Bad und Wohnzimmer gästetauglich herrichten.

Es ist ein trüber Tag, aber sie freut sich immer aufs Gassi gehen, egal bei welchem Wetter. Herbie, so heißt der kleine Mischling, Herbie hört ihr zu, wenn sie ihm ihre Gedanken anvertraut. Sie steckt sich, kaum dass sie nach draußen getreten ist, eine Zigarette an. Zigarettenschmal ist ihre Silhouette, auch wenn der Mantel viel zu groß ist. Zigarettendünn ihre Knochen, die sich am ganzen Körper abzeichnen. Ihr Gesicht gleicht einem Totenkopf, sie war schon immer auffallend schlank. Das einzige, was lebendig an ihr wirkt, sind ihre Augen, wenn sie an die Tasse Kaffee denkt, die sie sich gleich gönnen wird. Kaffee und Zigaretten, ja, eigentlich würde sie für sich ja gar nicht kochen brauchen, aber die Kinder müssen etwas essen und die Schwiegermutter auch. Sie wohnen alle unter einem Dach, wie schön, wenn man Familie hat. Seit dem Schlaganfall ihres Mannes und seiner vehementen Weigerung, die Reha geschweigedenn weitere Ärzte zu besuchen, woraufhin er keine Jobangebote mehr erhielt, arbeitet sie noch mehr. Die Gassipausen am Abend und an den Wochenenden sind dann so etwas wie ihre Insel, auf der sie eine kleine Weile abschalten kann. Sie bückt sich, um Herbies Hinterlassenschaften vorbildlich in einer schwarzen Plastiktüte zu verstauen. Schade, dass Herbie ein wenig zu faul ist, um längere Spaziergänge zu machen und daher immer gerne den Acker direkt gegenüber ihres Hauses benutzt. Sie blickt auf und sieht in ihr hell erleuchtetes Wohnzimmer, glaubt Onkel Franzens kahlen Hinterkopf zu erkennen, stellt sich Tante Marias leicht hysterisches Lachen vor – wenn Franz gerade wieder einen seiner obszönen Witze zum besten gibt – und aus dem Nebenzimmer meint sie lautstarken Kinderstreit dringen zu hören. Gleich wird sie wieder den typischen Geruch ihres Zuhauses in der Nase spüren – eingetrocknetes Katzenfutter, Hundehaare und kalter Zigarettenrauch. Wie schön, wenn man weiß, wo man hingehört.

Für I., in meinem Herzen

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.

Mit dir ist die Vergangenheit erloschen.

Du bist mir ein Licht gewesen, hast mein Herz erfreut. Ich bin oft so froh gewesen, dass es dich gab. Ein Stückchen Geborgenheit, ein Stückchen dessen, was mir bereits verloren war. Nur geborgt. Dazugeschlichen habe ich mich, unter deine Flügel und in dein großes Herz, in dem schon so viele Platz fanden, und doch gab es ungefüllten, unerfüllten Raum. Die Türen hast du aber immer gut verschlossen gehalten. Auch dein Schmerz war hinter großen dunklen Toren verborgen, und nur selten schauten seine Ausläufer durch den winzigen Spalt darunter hervor. Denn was bringt es, wenn man sich zeitlebens aufopfert und liebt und tröstet und zuhört und pflegt, wenn keiner sonst mit der gleichen Intensität zurückliebt und tröstet und zuhört. Mich schmerzte das, ich hätte dich gern ein wenig mehr auf Händen getragen, hin und wieder, aber das stand mir nicht zu, weil ich allzu angepasst gewesen war. Und meine eigene Sorge, die habe ich ebenso gut verborgen wie du die deine. Ich glaubte dich zu verstehen. Mit dir zu fühlen. Vielleicht habe ich deshalb so lange gezögert. Um ehrlich zu sein, als ich das Donnergrollen von weitem nahen hörte und wusste, das Unwetter kommt unweigerlich auf mich zu, da dachte ich zuerst an dich. Ich dachte, alle anderen werden damit zurecht kommen, aber dich, ausgerechnet dich, wollte ich nicht verletzen. Doch du verstandest. Liebtest weiter, auch wenn gerade Liebe hier endete und das Ende dieser Liebe der Donnerschlag und seine Folgen waren. Ich bin so froh, dass wir uns im Frühjahr noch sahen, so als wäre nichts, als hätte sich zwischen uns nichts geändert. Hat es auch nicht. Wir trugen uns immer noch gegenseitig im Herzen. Du schlichst dich in meine Gedanken, kurz bevor es zu Ende ging. Ich wollte noch nach dir fragen, da erreichte mich die Nachricht, dass du nach schwerem Kampf von uns gegangen bist. Ich war da, dich zu verabschieden, und es tat weh. Tut immer noch weh. Wie schmerzhaft muss dein Tod erst für diejenigen sein, die dich noch viel länger und zeit ihres Lebens kannten? Ich klammere mich an den Gedanken, dass der Tod auch einen Sinn erfüllen muss: an jenem Tag waren wir alle gleich, all jene, die zu deiner Verabschiedung kamen. Wir waren alle eins, so entzweit wir doch schienen. Keine Schmerzverursacherin, keine Zurückgelassenen. Schmerz bekommt in Zeiten der Trauer eine neue Dimension. Und ich fand Trost in der Berührung, in der Umarmung und selbst im stummen Kopfnicken und hoffte, dass auch ich Trost geben konnte. Du mochtest Rosarot. Ich hatte keine Blumen mit, aber in Gedanken schickte ich dir einen rosaroten lieben Gruß hinterher, hinab, da wo die Sehnsucht deiner letzten Jahre bereits begraben lag. Dich einmal noch in den Arm nehmen. Vielleicht besuchst du mich ja bald im Traum, dann sagen wir uns noch einmal Tschüss. Und ich werde dir Danke sagen. Für alles, was du für mich warst. Und dafür, was du selbst im Tod für mich getan hast: Mit dir ist die Vergangenheit erloschen. Nun sind wir alle bloß noch Mensch.

Einst war Gestern Heute, das Wiederkehrende, das Nun von Morgen, Jetzt.

Das Heute

Ich sitze hier, vor einem weißen Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir aber tobt und rauscht es. Wohin mit all diesen Emotionen, ein Meer, das hart gegen die Klippen der Realität geschleudert und durcheinander gewirbelt wird?

Das Gestern

Ich habe die Erlaubnis, das Schiff meines Herzenskapitäns allein zu entern, er ist noch nicht zurück – wieder eine dieser Besprechungen, in Hochzeiten seiner vielen Aktivitäten sind das bis zu fünf pro Woche. Aber es dauert nicht lange. Sagte er. Etwa bis neun, halb zehn. Ich lese in den Seekarten, fahre mit dem Finger die Längen- und Breitengrade nach, und erst als ich in den Himmel sehe, weiß ich, warum ich so müde bin: halb elf. Gut, dann beziehe ich schon mal die Koje, denn um 0430 beginnt der morgige Tag. Ein besonderer Abend, ein Experiment: Morgen schiffe ich mich direkt von seinem Ankerplatz aus zur Arbeit ein, lege nicht zu Hause an, sondern direkt im Büro. Ich schlafe ein.

Und werde wach. Halb zwölf. Ich vernehme ein Rauschen. Es schwillt an, stetig. Und da rollt sie heran, diese Welle. Eine Welle, die sich mir seit Jahren immer wieder in die Herzküste frisst, ihr die Substanz abträgt und sie offenwundig und bloß zurück lässt. Die Welle, die nichts bestehen lässt. Nichts außer dem Gefühl von Nichtwertsein. Was ist los? fragt die Küste, Angst in der Stimme, warum bin ich allein? Warum schützt mich niemand? – Alles in Ordnung, antwortet der Kopf. Wichtige Dinge. Oder einfach noch ein wenig gemütlicher Austausch, du weißt doch, wie Kapitänssitzungen sind. Doch die Welle rollt erneut heran, beißend, scharfkantig, der Zweifel reißt mit Macht das aufgebaute Vertrauen Stück für Stück nieder.

Das Wiederkehrende

Nein, nichts ist in Ordnung. Er ist wieder da. Dort, wo er nichts zu suchen hat. Aber ich bin stark jetzt. Denke ich. Verteidige meine Küste – mir reißt niemand mehr etwas aus und lässt mich allein und blutend zurück. Ich bin stark und ich bin bereit zu meutern, nicht genau wissend, gegen was eigentlich – gegen die Welle? Gegen den Kapitän, der mich gerade allein lässt? Gegen den alten Schmerz, den ich doch überwunden glaubte? Oder gegen meinen eigenen Verstand, der zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr durchdringt, zu viel Sand ist aufgewirbelt und versperrt mir die Sicht, blockiert mein Hörvermögen, begräbt mein Herz unter sich, mit jedem neuen Atemzug etwas mehr. Mit Mühe halte ich den Sextant, der über Bord zu gehen droht. Ich beschließe ein für alle Mal, nie wieder im Treibsand zu versinken und stehe auf. Ziehe mich an. Zücke das Funkgerät. Formuliere die Nachricht. Keine Sekunde zu früh, ich spüre die Erschütterung des Fallreeps, als ich den Funkspruch absetzen will, aber nicht kann. Zum Glück. Nicht havariert, dieses Mal.

Was los sei, verwundert, ohne jeden Vorwurf, besorgt das Gesicht des Kapitäns. Derweil zimmere ich meinen Verteidigungswall an der zerfressenen Küste zusammen aus dem Treibholz, das mir vom letzten Schiffbruch noch blieb, krumm und schief und alles andere als haltbar. Will ich das Rettungsboot, das auf mich zusteuert, wirklich abhalten? Wo unter all dem Sand ist das Vertrauen? Ich streite noch mit mir selbst, hämmere die rostigen Nägel ins faulige Holz, ziehe sie an anderer Stelle wieder raus, platziere salzverkrustete Kanonen, finde die Kanonenkugeln nicht – bis man mir sanft den Hammer aus der Hand nimmt und die Wahrheit das Holzkonstrukt still zu Staub zerfallen lässt.

Das Einst

Die Welle kam aus der Vergangenheit, als ich unzählige Nächte damit zubrachte, zweifelnd und allein in der Koje, ängstlich und verstört von den unsteten Bewegungen auf dem schwarzen Wasser, und mich fragte, warum ich so wenig wert sei. Was ich falsch machte, womit ich es verdiente, mein Leben lang darauf zu warten, endlich das Ufer zu erreichen. Und statt dessen nach halbdurchwachter Nacht Branntweinatem mir nur fremde Sorgen, Nöte und Hirngespinste in mein Ohr presste, in denen weder mein Name noch meine Person je eine Rolle spielte. Irgendwann gab es keine Küste mehr, kein Land zum Ankern, wellenzerfressen und aufgelöst, nur noch weites Meer. Ich drohte zu ertrinken. Entschied: Einer muss jetzt untergehen, aber ich will es nicht sein.

Das Nun

Ich werfe meine Geschichte wie Ankertaue blind in die Dunkelheit, und mein Kapitän fängt sie auf. Zum ersten Mal fängt jemand meinen Anker mit weit geöffneten Armen, mit festem Blick, mit offenem Herzen. Wie von tausend Händen gezogen erreicht meine Nussschale das Ufer, die neue Küste heißt Verständnis und kennt offensichtlich keine Grenzen. Die Uhr sagt mittlerweile halb zwei. Die Müdigkeit ist irgendwo da draußen im schwarzen Meer geblieben. Anstatt endlich einzuschlafen, werfen wir uns immer wieder Seile zu, immer dünner, immer feiner, wir fangen gegenseitig unsere Fäden auf, verketten sie und weben weiter an unserem Schirm, der ein Baldachin ist, der uns vor Regen schützt, und ein Leintuch, das uns auffangen soll, wenn wir zu fallen drohen. Die Wellen kräuseln sich sanft, bis sie endlich schweigen. Im Traum wandere ich an einer Küste entlang, Wrackteile und gerissene Taue auf dem nassen Sand. Ich weiß, dass es ein Traum ist, das ist die alte Küste, die nicht mehr existiert. Schmerz, der nicht mehr existieren dürfte.

Das Jetzt

Noch schweigen die ersten Sonnenstrahlen, als der neue Tag für mich beginnt. Wackelige Planken tragen mich ins Badezimmer, die heiße Dusche wäscht den letzten Sand aus den Haaren, spült die Algenschlingen fort. Das Salz auf den Wangen vermischt sich mit Geräuschen aus der Küche. Schiffsfrühstück. Morgens um 5. Nie hat jemand so etwas für mich getan. Meinen Meeressturm besänftigt, mir die Kanonenkugeln entrissen, meinen Anker vertäut und mein Herz in Verwahrung genommen. Und mir anschließend Frühstück gemacht. Morgens um 5.

Das Morgen

Ich sitze hier, vor einem gefüllten Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir rauscht es immer noch. Wohin mit all diesen Emotionen, glitzernde Wogen, die sanft an eine intakte Küste gespült und von ihr geküsst werden?