Fastenlasten

Beschlossen ist’s, ich faste dieses Jahr. Nehme den Aschermittwoch zum Anlass und versuche die nächsten 40 Tage eine Sache sein zu lassen, der ich in den letzten Jahren viel zu häufig gefrönt habe, wie ich finde. Frönen, wie ich lerne, leitet sich ab von Fro, „Herr“, wie in Fron und Frondienst. Frönen meint also jemandem oder einer Sache dienen, sich zum Sklaven derselben machen. Das zwar nur nebenbei, unterstreicht es jedoch dies: Will ich nicht.

Dass es hierbei nicht um Genussmittel gleich welcher Art geht oder Dinge, die das Leben schlichtweg versüßen, ist klar. Vom Leben zu viel habe ich noch lange nicht und werde mich hüten, es in einer Weise zu beschneiden, die mich letztlich nicht von meinen Laste¦r¦n befreien, sondern nur mehr beengen würde. Es geht natürlich um Dinge, die mir das Leben erschweren, und eben diese will ich die nächste Zeit einmal gründlich meiden.

Aber wie soll mir das gelingen? Kann ich die Gedanken, die mich unzufrieden stimmen, einfach so wegsperren wie zum Beispiel Schokolade? Die ich ins hinterste Eck des Schränkchens verbanne oder besser: sie vor Beginn der Fastenzeit effizient vernichte und dann keine mehr einkaufe? Aber Gedanken, die man nicht haben will, sind nicht wie Schokolade. So gar nicht. Vielleicht eher wie Alkohol? Das fiele mir nicht schwer, daheim. Aber erfahrungsgemäß lässt er sich in Gesellschaft (und auch noch in einem großen Weinanbaugebiet) kaum vermeiden. „Gehört doch dazu“, höre ich’s schon tönen, bei Geburtstagen das obligatorische Glas Sekt, ein Fläschchen Wein beim Treffen mit Freunden, das Feierabendbier nach einem langen Tag und der korrekte Cocktail am Wochenende. Nimmt man sich da raus für eine Weile, reagiert das Umfeld oft nicht gerade so, dass es unterstützend wäre. Im Gegenteil. Man muss erklären, rechtfertigen – „Wirst du jetzt gläubig, oder was?“ – „Ach komm, eins geht doch“ – „Bist du etwa…??“. Dreifach donnerndes NEIN.

Es erfordert eine Menge Disziplin und starke Nerven, solch Vorhaben unbeirrt durchzuführen. Wie schwierig ist das erst mit jenen Gedanken, die ich fasten will, wenn sie an jeder Ecke feilgeboten werden? Noch dazu bin ich ein fruchtbarer Nährboden für Zweifel aller Art. Es müsste eine Zweifelimpfung geben, kleine Zweifelantikörper, die mein Immunsystem stärken und die Zweifelviren mit ihren aus Selbstbewusstsein geschmiedeten Schilden und Waffen abwehren. Nimm das, du ungebetener Eindringling!

Nicht möglich. Gerade eben wieder erlebt. Die Kollegin, die sonst immer freundlich grüßt und für einen kurzen Plausch in der Tür stehen bleibt, geht heute mit finsterer Miene an meinem Büro vorbei, zwei Mal, schaut nur kurz mit heruntergezogenen Mundwinkeln rein. Und schon läuft die Zweifelgeneriermaschine an: Wahrscheinlich ist sie sauer, weil das ausstehende Dokument noch nicht da ist, weil ich es hätte für sie anfordern müssen, da sie am Montag nicht da war. Möglich, aber es ist ja da, seit eben, der zuständige Kollege war nämlich auch nicht im Hause am Montag. Oder hat sie heute einfach einen schlechten Tag? Wie ich es hasse, mir ständig fremde Befindlichkeiten überstülpen zu müssen. Wann verstehe ich endlich, dass mir fremde Klamotten weder zu Gesicht stehen noch passen und mich einzwängen und behindern?

Vielleicht sollte ich Menschen fasten. Menschen, die mich herunterziehen, ohne dass ich es auf Anhieb bemerke und mich hinterher frage: Warum fühle ich mich gerade so klein? Aber meiden ist wie weglaufen. Weglaufen ist aufschieben. Aufschieben ist anhäufen von Zweifeln und Gedanken. Sollte ich vielleicht hingehen und fragen, was los ist mit meiner Kollegin? Gespräche helfen, weiß ich aus Erfahrung zu berichten, nicht so gut laufende Dinge aus der Welt zu schaffen. Nicht warten, bis jemand kommt. Das tue ich viel zu oft. Sitze aus. Dabei ist es doch zielführender, Klärung zu suchen, als darauf zu warten. Und schon wieder halte ich eine Fahrkarte für das Gedankenkarussell in der Hand.

Ich mache mir jetzt erst mal eine Tasse Tee, um meine Hände und mein Herz daran zu wärmen. Dann gehe ich zur Kollegin. Damit beginne ich meinen ersten Fastentag: ich werde heute nicht auf dieses Gedankenkarussell aufsteigen.

 

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Seitenfüllender Scheißherzchensuperlativ

Unbeschriebene Seiten sind dem Schreiberling ein Graus. Er findet daran keinerlei Eleganz oder vornehme Zurückhaltung. Seiten füllen, Dinge beschreiben, Geschichten erzählen, die Zeilen wieder und wieder lesen – es ist ihm Bedürfnis und Zwang zugleich. Es ist im Leben nicht anders.

„Wären wir unbeschriebene Blätter, ich glaube, das fände ich gar nicht so gut“, gestand mir JB gestern. Vorangegangen war ein Gespräch, wie wir es seit ein paar Monaten immer führen, abends, in der kurzen Zeit zwischen Tagesende und Nachtbeginn. Egal, ob die Tage bis obenhin mit Berichtenswertem angefüllt waren oder eher nichtssagend leer geblieben sind (was deutlich seltener vorkommt). Es gleicht einer Lesung, dem Nachschlagen des tagesaktuellen Kapitels. Wir lesen uns gegenseitig ausgewählte Passagen vor und erwarten Reaktion, Kritik, Zustimmung. Die Protagonisten darin haben sich mittlerweile vertraut gemacht.

Gestern wollte sich der Schlaf nicht zu uns gesellen, obwohl eine kurze Nacht bevorstand. Die beste Gelegenheit, sich ein Buch vorzunehmen, um auf seinen Seiten Ablenkung, Abenteuer und schließlich Müdigkeit zu finden. Wir blätterten also die dicht beschriebenen Seiten unserer jeweiligen Biografien durch und blieben, wie erwartet, am unübersehbar großen Lesezeichen im Kapitel „Liebesleben“ hängen. Daran schreiben wir zur Zeit gemeinsam. Es ist zwar nicht erforderlich, die bisherigen Entwürfe zu konsolidieren, aber das Darinblättern ist durchaus spannend. Unweigerlich suchen die Augen, sucht der Finger die Stelle, die eine der brennendsten Fragen beantworten soll: „Wie viele?“ Und dann beginnt der verbale Eiertanz um eine Sache, aus der manche ein wohlgehütetes Geheimnis, andere nicht den geringsten Hehl machen.Fingerspitzengefühl ist gefragt.

Langsames Vortasten: „Wie viele was?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Partner.“
Zeitschinderei, der Situation angemessen: „Definiere ‚Partner'“.
Bereitwillige Aussage, geschickter Zug: „Ernsthafte. Ohne die Spielchen“
Kurze, wiederum angemessene Verzögerung, dann die ehrliche Zahl.
Ehrliche Verwunderung, durchaus als positive Reaktion einzuschätzen.

Die Gegenfrage blieb aus, die Antwort kannte ich bereits. Kein Schlaf in Sichtweite. Weiterblättern, durch die bunten Seiten der Kindheit, das ist immer unterhaltsam. Lesezeichen finden sich zuhauf, das ist gut, denn manche Kapitel mag man einfach überblättern. Zu düster manchmal für einen gewöhnlichen Abend, zu eng beschriebene Seiten in krakeliger Schrift, oder tränengeschuldet ausgeblichene, schwer lesbare Zeilen. Doch ich bin gedanklich noch beim vorherigen Kapitel. Ich will noch mehr lesen. Und lesen lassen: „Und so insgesamt? Interessiert dich das?“

Langsames Vortasten: „So insgesamt was?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Insgesamt eben. Partner plus Spielchen.“
Zeitschinderei, der Situation angemessen: „Deine?“
Bereitwillige Aussage, dankbar für diesen Zug: „Ja.“
Verzögerung fraglicher Angemessenheit: „Du hast die Zahl parat?“
Dialog: „Na hör mal. Aber dir ist schon klar, dass ich dann die Gegenfrage stelle?“ – „Ja. Aber ich muss … ein bisschen blättern…“ – „Es sei dir gestattet.“

Blasse Zahlen. Seine übersteigt meine, natürlich, keine große Kunst. Blasse Gestalten dahinter. Die nüchterne Erkenntnis: Uninteressant. Unerheblich. Unwichtig. Und während wir weiter blättern, erinnern, schmunzeln, jeder für sich, denn es gibt Dinge, die behält man einfach besser für sich, füllen sich die Seiten des tagesaktuellen Kapitels. Am Ende wartet eine Auflösung. „Es war ein Test.“

„Ein Test? Wozu?“
Die Suche nach der rechten Formulierung: „Ein Test für beide Seiten.“
„??“
Dieses Mal ohne Umschweife: „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt. Welche Gefühle entstehen, wenn wir uns gegenseitig von unseren Verflossenen erzählen.“
Ein berechtigt-konsterniertes, aber in seinen Grundzügen verständniswilliges „Aha. Hm. Und?“
Seitenfüllendes Lächeln.
Dialog: „Es ist total ok.“ – „Ja, ist es, tatsächlich.“ – „Toll, oder?“ – „Total.“
Seitenfüllendes Lächeln auf der gegenüber liegenden Seite. „Nein, ich bin wirklich froh, dass wir keine unbeschriebenen Blätter sind“, beendet JB das Kapitel.

Denn in diesem Moment erschien Bruder Schlaf, der Ersehnte, nahm mir mein Buch sanft aus den Händen und legte es zur Seite, in dem ich gerade noch einmal das abgegriffene Kapitel meines Kleinmädchentraums las und mich wiederum wunderte, wie nah Fiktion und Realität beieinander liegen können, auch wenn sie Jahrzehnte trennt. Ein verdammtscheißherzchenguter Literaturabend.

Liesmich

Ich sitze schon wieder länger als nötig am Schreibtisch. Die Arbeit für heute ist geschafft, die für morgen vorbereitet, ich könnte aufhören und meinen unzähligen Verpflichtungen nachgehen. Das Problem, es sind viele, und ich habe es bislang versäumt, Prioritäten zu verteilen. Der Druck ist ja nun weg, ich allein bin verantwortlich für das, was geschieht und nicht geschieht. Und jetzt rudere ich im Verpflichtungenmeer, dreh mich im Kreis und weiß nicht, wo ich zuerst anpacken soll. Und dann sitz ich länger als nötig am Schreibtisch und gehe meiner Schreibsucht nach. Aber auch hier: Wo soll ich anfangen?

Es bietet sich mir zur Zeit so viel Interessantes, was sich in meinem Kopf einfach gut anfühlt und beschrieben werden möchte. Ein Metaphernfeuerwerk folgt dem nächsten, allein, es fehlt mir an – was? An Zeit? Ja, wahrscheinlich ist es Zeit. Warum setze ich mich eigentlich hier auch noch unter Druck? Tja. Leider ist mein Ehrgeiz geweckt. Endlich habe ich das gefunden, was mir richtig Spaß macht, und bei dem sogar das Feedback stimmt. Achso. Ja! Daran seid ihr auch ein bisschen schuld, die ihr immer mal wieder vorbeischaut und hier lest. Ich wollte euch mal Danke sagen. Von Herzen. Dass ihr mir das Gefühl gebt, es kommt was an von dem, was ich mir so zusammenspinne. Den meisten von euch folge ich, und ich freue mich jeden Tag über eure neuen Beiträge – ich hoffe, das ist bei euch ein bisschen auch so.

Was bin ich denn heute so sentimental …? Liegt’s am Wetter? Ich wusste, der Novemberblues lässt sich auch dieses Jahr nicht lumpen und rückt ein bisschen näher in den Oktober, da ich ja vorsorglich den halben Bluesmonat mit Urlaub in (hoffentlich) warmen Gefilden verplant habe. War eigentlich klar. Oder liegt es vielleicht ein bisschen am gerade vergangenen cashmerelastigen Wochenende? Metaphorik ahoi! Ich erlebe also eine Cashmeresque … und die tut einfach wahnsinnig gut. Du … tust mir wahnsinnig gut. Danke für’s Lesen. *muak*

angeF(l)ixT

Manchmal kann ich mir selbst nicht mehr zuhören, wenn ich von meinem Leben erzähle. Man fragt mich halt, oder man fragt nicht, ich gebe auch ungefragt Antwort, erhalte Bestätigung, aber die meiste Zeit werde ich angeschaut, als käme ich aus dem Urlaub in einem weit entfernten Sonnensystem und hätte seltsame Bräuche und Sitten mitgebracht. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein näheres Umfeld fast ausschließlich aus Pärchen besteht, die verständlicherweise lieber gar nienicht damit konfrontiert werden wollen, was da mit mir passiert ist.

Heldentage

Alles neu - So sieht es auch gerade in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Alles neu – So schaut’s in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Um so schöner, wenn man sich irgendwo aufhält, wo man sich auf seltsam-vertraute Weise verstanden fühlt. Seit wie vielen Jahren ich Flix nun lese, weiß ich gar nicht mehr. Es begann mit seinen Seitenwechsel-Comics bei SpOn (vom Studenten zum Zeichendozenten), bis ich seine Homepage entdeckte. Fast jeden Tag gab (und gibt es noch) einen neuen Comic, die Heldentage 2.13, in denen er über Erlebtes und Gemachtes reflektiert. Dabei gefällt mir sehr, wie viel Gedanke und Emotion in diesen Bildchen stecken. Manchmal muss man unheimlich grinsen, wenn man sich ertappt dabei fühlt, schrecklich Profanes und Albernes vollstens nachempfinden zu können, was man sich selber vielleicht gar nicht eingestehen mag. Oder man kriegt Gänsehaut, die einer (selbst hineininterpretierten?) Tiefgründigkeit geschuldet ist. Ich kam kürzlich mal wieder an die ersten Heldentage, in denen Flix seine Trennung verarbeitet, und dachte mir: Ja, genau so fühle ich mich gerade. Vielleicht bin ich doch kein Alien und es gibt noch mehr von meiner Sorte… Ich wünsche viel Spaß beim Durchklicken, um zwischen Lobgesängen auf Nutella und Kaffee dann und wann in den Spiegel zu schauen!

Schöne Töchter

Mitten ins Herz

Nicht nur seine Heldentage machen Flix lesenswert. Ich warte immer in regelrecht freudiger Erwartung darauf, dass es einen neuen „Schöne Töchter„-Comic gibt. Sie handeln durchweg von, tja, schönen Töchtern eben, Mädchen, Frauen und ihrer Gefühlswelt. Oder was sie in der Gefühlswelt anderer verursachen. Wtf?? Wie kann ein Kerl sich bitteschön in die weibliche Psyche hineinversetzen? Das kann ja nur lächerlich werden! Ganz falsch. Das Gefühl beim Lesen stimmt einfach, zusätzliches Highlight ist die oftmals geniale Anordnung, Ausrichtung – Komposition. Ich erkläre mir die vielen vor allem weiblichen Fans anhand eigener Erfahrungen: Ich muss jeden Tag stark sein und kämpfen. Das muss jeder. Meine Interessen vertreten und tough sein, mich nicht in die Schublade „blödes Weibchen“ stecken lassen, und vor allem will ich eines: ernst genommen werden. Wenn ich dann vor dem Bildschirm sitze und Flix‘ Hommage an die Weiblichkeit lese, die uns zu jeder Zeit in einem positiven Licht erscheinen lassen, erlaube ich mir, Stärke und Schutzpanzer an der Garderobe abzugeben und einfach Mädchen zu sein: *seufz*. Die Folge 19 ist mein persönlicher Favorit, er traf mich mitten ins Herz.

Don Quijote

DQ CoverUnd wenn man das noch toppen will: Flix hat sich nach seiner Adaption von Goethes Faust, in der er den Titelhelden seinem Gretchen mit Migrationshintergrund im heutigen Berlin begegnen lässt, Cervantes‘ Don Quijote vorgenommen und – meiner Meinung nach – meisterhaft verarbeitet. Dabei fiel selbst mir (normalerweise Nicht-Comicleser) eine veränderte Strichführung verglichen mit vorhergehenden Werken auf. Es fühlte sich insgesamt ernster an beim Lesen, das Gesamtbild ist in Teilen sicherlich noch komisch, aber auch düster, schwer – bedeutsam. Seine Interpretation des Ritters von der Traurigen Gestalt ging mir unheimlich nah, vor allem die letzten Seiten des Buches waren ein unglaublich intensives – ein durchaus bekanntes Erlebnis. Auf seiner Homepage kann man sich auch durch die einzelnen Folgen klicken, die er vor Erscheinen des Buches seinen Lesern vorab täglich zur Verfügung stellte. Schön übrigens die Aufmachung in Anlehnung an diese abgenutzten, zerlesenen Reclam-Heftchen, die so manchem aus der Schulzeit in Erinnerung geblieben sein dürften.

Flix himself

Ich hatte letztes Jahr im September das Glück, einer Comiclesungen beizuwohnen. Auch das: ein tolles Erlebnis, ich kanns echt nur empfehlen. Anschließend wurde signiert, und so durfte ich ein paar persönliche Worte mit Flix wechseln, was meinen positiven Eindruck, den ich aus seinen Werken meinte herauslesen zu können, zusätzlich verstärkte.  Ob ich viel Intelligentes von mir gegeben habe, bezweifle ich, mir ging immer nur im Kopf rum: „Das isser! Das is der Flix! Den du nahezu jeden Tag liest! Don Quijote … ! Das isser! …“ Und dann steht da ein ganz normaler, einfach sympathischer Mensch vor dir, unterhält sich locker und zeichnet dir was in dein Buch, das du die ganze Zeit über an dich geklammert hast … Es war ein echt schöner Abend.

Ich könnte noch ewig so weiter lobhudeln. Gerne hätte ich auch noch die Reihe „Da war mal was“ erwähnt, persönliche Geschichten und Erlebnisse unterschiedlichster Menschen zum Thema Mauer, die einem immer wieder Gänsehaut auflegen. Aber es soll nun wirklich genug sein. Ich wollte euch einfach teilhaben lassen an ein paar schönen Dingen, die mir Freude machen und mich zum lächeln bringen. Die Bücher eignen sich übrigens hervorragend als Geschenk – ich habe mittlerweile mehr davon weitergegeben als selbst im Schrank daheim stehen, einfach weil man damit immer noch ein extra Lächeln mitverschenkt. Dankesehr, Flix!

Quid novi?

Und dann gehst du einfach hin, lässt Gedanken Gedanken sein und tust es einfach. Spontan sein kann echt schön sein!

Tatsächlich, so schnell geht es, wenn man einfach mal was tut, anstatt immer nur darüber nachzudenken. Mme Contraire war heute im Reisebüro und hat eine kleine feine Reise über ein verlängertes Wochenende gebucht. Nicht groß gefragt, nicht lang gefackelt, und schon stand ich wieder draußen, die Flug- und die Hotelbestätigung in der Hand.

Und so lerne ich langsam, auch mal meinem Ich gegenüber großzügig zu sein, es zu beschenken und zu beaufmerksamkeiten. Die letzte Zeit war überraschend positiv, es gibt zwar immer noch Dinge, vor allem Gedanken, die mich verwirren und mir den Blick in die zukunft verwehren. Aber alles in allem fühle ich mich wohl. Sehr. Was gibt es Neues?

Arbeit. Die letzten zwei Wochen habe ich mich extrem reingekniet. Mir selbst mehr Druck auferlegt, und siehe da, es hat funktioniert. Sogar ein paar Sonderschichten am Wochenende war ich nicht abgeneigt (und wenn ich jetzt nicht so müde wäre, würde ich weiterarbeiten). Ich bin so zufrieden, wie schon lange nicht mehr in meinem Job. Es läuft. Ich tu und ich kann was. Ich mach das gut. Wenn ich jetzt noch schaffe, meinem Chef klarzumachen, dass Wochenend-Schichten eine freiwillig erbrachte Leistung ist, um den einen oder anderen Hintern zu retten (und nicht mal meinen eigenen!), dann, ja. Dann passt’s.

Schreiberei. Den Vortrag habe ich seit Wochen schon fertig und hätte mich dann ganz nach Plan zurückziehen wollen. Jetzt hab ich aber auch noch die Aufsicht über die Performance. Doch das ist weniger Arbeit und mehr Vergnügen – auch das läuft gut. Ich bin schon ganz aufgeregt…

Neues. Juhu, ich bin jetzt auch stolzer Smartphone-Besitzer. Mehr muss ich, glaube ich, nicht dazu sagen. Ansonsten neu ist die Erkenntnis, dass alles, wirklich alles einmal ein Ende hat. Schluss is mit der Sucht, und ich hoffe, ich halte dieses Mal wirklich daran fest.

Fortschritt. Rückschritt. Zwischenschritt. Egal. Am Ende komme ich dort an, wo ich hin will. Wo auch immer das ist. Das ist die nächste Aufgabe, eben das herauszufinden.

Hier noch etwas Wiederentdecktes für ein entspanntes, zufriedenes, mit angebrachtem Schwermut versehenes, aber durchaus schönes Wochenende:

Maurice Ravel: Pavane pour une infante défunte

Versuch(t)ung

Ich bin ein Suchtmensch. Muss ich zugeben. Ein Stück Schokolade? Nein, es müssen schon zwei sein. Zu gut, zu verführerisch. So ist es mit vielem.
Bücher.  Worte und Sätze, die einen vermeintlichen tieferen Sinn in meinem Kopf ergeben, ein Gefühl in mir provozieren, das so intensiv ist, dass es mich dazu treibt noch  mehr aufzunehmen.
Information. Wenn mich etwas interessiert, schlage ich nach, suche, finde, lese weiter, bis ich meine, das Thema von allen Seiten beleuchtet zu haben. Oder bis ich merke, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Aber dort finde ich bestimmt schon die nächste Süßigkeit mit Suchtpotenzial. Eine Sucht löst die andere ab.

Aufmerksamkeit. Anders als bei meinen Wortgelüsten und Gefühlsprovokationen, meiner Informationsaffinität und dem Streben, den Geist immer in Bewegung zu halten, bin ich hier aber von anderen Vertretern meiner Spezies abhängig. Das eigene Handeln und die Gedanken zu kontrollieren –  oftmals schon schwer genug. Jetzt habe ich es aber mit Menschen zu tun, die ich nicht im Geringsten kontrollieren, maximal im Ansatz manipulieren kann – was auch wieder nicht in Ordnung ist. Schattenseiten einer jeden Sucht: die mangelnde Kontrolle. Und in dieser Sache ganz besonders.

Was nun, wenn jemand in mein Leben tritt, diese meine Sucht unaufgefordert nährt und es immer weiter auf die Spitze treibt? Der nicht davon ablässt, mich zu beaufmerksamkeiten – ungefragt! – in einer Art und Weise, die schon fast irrsinnig ist. So, dass mein Gehirn sich anfühlt, als stehe es kurz vor der Explosion und mein Körper ob der Überdosis an Endorphinen den Bodenkontakt verliert und sich schon meilenweit im Kosmos wähnt, während meine Gedanken unabwendbar nur auf eines fokussiert sind: Mehr davon. Nicht aufhören. Am anderen Ende muss jemand sitzen, der genau so süchtig danach ist, anders kann ich es mir nicht erklären.

Das bisschen Restverstand sagt mir natürlich, dass es so nicht ewig weitergehen wird. Irgendwann ist mit allem Schluss: Die Waage steht weiterem Schokoladenkonsum kritisch gegenüber, der Geldbeutel verbietet das Anschaffen neuen Lesestoffs. Herbstdepression und PMS blocken süchtigmachende Glücksgefühle ganz von allein – die natürliche Regulierung des Positiv-Negativ-Haushalts. Aber all das kündigt sich an. Gelegenheit bietend, sich langsam mit dem Gedanken ans Aufhören vertraut zu machen, Abschied zu nehmen von etwas Liebgewonnenem. So erlangt man immerhin ein klein wenig seiner Würde zurück, die man mangels Kontrolle in ausufernden Orgien diversester Art, nächtlichen Wortfindungseskapaden, über Bord geworfen hat, wenn die Versuchung zu groß war. Was nun, in diesem speziellen Fall, wenn der Zufluss an Aufmerksamkeit, Euphorieausbrüchen aufgrund so vieler vermeintlicher Gemeinsamkeiten und damit einer ganzen Menge endogener Drogen plötzlich abgedreht wird? Nichts mehr, von heute auf morgen? On/Off, von jetzt auf gleich? … Cold Turkey.

Statt wohlig-warmer Wellen nun kalte, zitternde Hände, die nach dem Handy greifen. Enttäuschung, ein ums andere Mal, statt des fast schon unbewussten Lächelns (unglaublich, welches Gedächtnis unsere Gesichtszüge haben). Walking on Sunshine? – Weit gefehlt… Die strahlende Ausgeglichenheit weicht extremer Gereiztheit, man möchte einfach nur um sich schlagen und irgendetwas zertrümmern. Bevorzugt das dumme, stumme Handy, das einen nächtelang wachgehalten hat und jetzt nicht mal mehr als morgendlicher Wecker taugt. Die Frage nach dem Warum kommt einem beiläufig in den Sinn, aber sie scheint so gar nicht relevant zu sein. Die Tatsache wiegt zu schwer, dass es überhaupt so ist. Egal warum. Fuck you all! schreit jede meiner Fasern. Meine Umwelt scheint sich von mir und meiner misslaunigen Aura zu distanzieren, und ja, ich hasse sie alle, sowieso. Unfair finde ich das. Fahrlässig. Unverantwortlich. Das gehört sich nicht, sowas tut man einfach nicht. Besonders nicht mit mir.

Da steh ich also, entzugsgeschüttelt, seelenentblößt und würdelos im Regen, das Handy immer noch in der Hand. Wort- und wertlos. Ich hatte nie darum gebeten. Überwältigt, überschwemmt wurde ich, ganz ungefragt. Doch ich habe auch nicht abgelehnt, das ist meine Schuld. Es ist einfach so passiert. Und genau so einfach hat es aufgehört. „Komm“, sagt das letzte bisschen Restverstand, das ich nicht aufs Spiel gesetzt habe, legt mir eine Flickendecke aus Erinnerungsfetzen und Vergessenwollen um und deutet auf den freien Platz vor sich auf dem Tiefkühlhähnchen. „Steig auf, wir reiten nach Hause.“