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Wenn die Glühlampe zu flackern beginnt, dreht man sie raus. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, und kaputt geht sie sowieso. Energiesparlampen, etwas anderes gibt es nicht mehr, heißt es. Energie sparen guuut, Energie verschwenden schleeecht.

Wenn der Kopf zu flackern beginnt, wünschte ich, ich könnte ihn abdrehen wie diese alte Glühlampe. Raus aus dem rostigen Gewinde. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, raubt mir den Schlaf. Ungesund für den Körper, und ungesund für das Umfeld.

Übellaunigkeit einfach abdrehen und den Einsatz mit dem gewünschten Fröhlichkeitsgrad einschrauben. Nicht möglich. Vielleicht wenigstens einen Dimmschalter? Ich lese nach:

Bei der Phasenanschnittsteuerung wird der Stromfluss meist durch einen Triac (Antiparallelschaltung zweier Thyristoren) gesteuert. Nach dem Nulldurchgang der Wechselspannung (und des Stromes) leitet der Triac den Strom so lange nicht, bis er einen Zündimpuls erhält; ab diesem Zeitpunkt (dieser „Phase“ des Wechselstromsignals) wird der Verbraucher mit Energie versorgt (bis zum nächsten Nulldurchgang). Je später der Triac gezündet wird, desto geringer ist die mittlere Leistung.

Aber ich verstehe nichts. Offenbar sind meine Stromkreise nicht für derartige Information ausgelegt, denn ich nehme nur „Nulldurchgang“ wahr und denke nicht im entferntesten an die schon länger zurückliegende Elektrizitätslehre im Studium …

… Im flackernden Kopf, wo sich Gedanken und Emotionen aufstauen, kein Abfließen möglich, zero crossing. Die Grenzen zur Außenwelt sind dicht, Kontakte überlagert von salzverkrusteten Gedankenfetzen. Wie konnte sich diese Wand in mir aufbauen, wie konnte ich sie nicht bemerken? „Niemand hat die Absicht …“ Sie hat sich in unglaublicher Geschwindigkeit, Sedimentgestein, Schicht auf Schicht, in Zeitraffer gebildet. Auch deshalb ist es unmöglich, das Gewinde herauszuschrauben, es sitzt fest, und jeder Versuch würde unweigerlich zur Zerstörung führen. Damit ist keinem gedient.

Den berühmten Schalter im Kopf umlegen. Erst einmal finden. Erst einmal bewegen können, verstaubt, verklebt von dicken Spinnweben, verkrustet. So einfach ist das nicht. Es erfordert Anstrengung im Vorfeld. Ich bin allein, hier, in meinem Kopf. Die Putzkolonne (selbst wenn ich wüßte, woher nehmen) dringt genau so wenig zu mir durch wie alles andere. Unwirklich, ein Traumgespinst, diese plötzliche Verwahrlosung.

Sprengen. Ja, ich wüsste, was all den Dreck fortsprengen könnte. Aber – ich bin allein, immer noch, der Sprengstoff liegt außerhalb meiner Reichweite. Und überhaupt, auch das kann in Zerstörung enden, wenn nicht gut genug geplant. Wer weiß, was dabei rauskommt. Ich muss selbst etwas tun, das Spontanchaos irgendwie beseitigen. Ich steige in die Tropfsteinhöhle hinab, stetig tropft es hier auf den Spiegelsee, ein guter Ort zum Nachdenken. Es tropft. Es bewegt. Die Oberfläche erzittert, immer wieder. Ein einziger Tropfen kann die gesamte Oberfläche erschüttern.

Ich versuche es. Schleppe zwei hölzerne Eimer heran, fülle sie mit dem Wasser des Tränensees und steige wieder hinauf, in den Kopf, den salz- und sedimentgesteinverkrusteten, der nichts nach draußen und nichts hineindringen lässt. Mit Schwung schütte ich das Wasser gegen die Wand. Den zweiten Eimer. Nichts. Ich hole weiter Wasser, schütte weiter, Tränenflüssigkeit auf Granit. Und weiter. Immer mehr. Wie ein Sturm lasse ich das Meer gegen die Klippen schlagen. Schon sind meine Füße von Wasser bedeckt, aber ich steige immer wieder hinunter und hinauf, schleppe, schütte, schütte. Und tatsächlich werden die Wände schon dünner, erst nur wenig, das Gestein leicht abgeschwemmt, dann immer mehr. Als das erste kleine Loch entsteht, als mir die Kräfte schon zu schwinden drohen, dringt neue Hoffnung in den Kopfraum, ein fahler Lichtstrahl. Weiter. Die Wand durchlöchern mit Tränen, alles hinausschwemmen, was nicht gut ist. Fließen lassen. Irgendwann fließt doch alles ab.

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Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

10 Wörter – Verlegenheits¦ratespiel

10 Wörter, die herausfordern: Raumzeit¦Erdbeergelee¦Veilchen¦Musenlaune¦Ausstellungskadaver¦
Literaturschleuder¦
Furie¦Gurkenhobel¦Cremetörtchen¦Schlürfen

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Willkommen, meine Damen und Herren, zu unserer heutigen Ausgabe von Jeopardy! Unser Sendungskonzept hat sich einer kleinen Veränderung unterzogen. Ab jetzt haben unsere Zuschauer die Möglichkeit, selbstkreierte Ratebegriffe und die entsprechenden Definitionen einzusenden. Unsere heutigen zehn Begriffe stammen daher aus der Sammlung von Frau Mia aus dem Westend, die Definitionen hierzu lieferte Frau Contraire aus Kleinkäffleinshausen. Vielen Dank an dieser Stelle! Und hier ist sie, unsere Ratewand:

Unschickliches 200 – Phänomen, das vor allem in Verbindung mit Heißgetränken oder Alkoholika zu beobachten ist
– Was ist … ?

Abstraktes 600 – Schweben an herzerfülltem Ort, Inspirationsfunken sammelnd und zu Papier bringend, die Leichtigkeit einer glücksfördernden Tätigkeit
– Was ist …?

Allegorisches 800 – Ein brennendes Pferd im Inneren, erweckt durch Koffeinentzug, allumfassender Inkompetenz und Manipulationsüberschuss
– Was ist eine …?

Allegorisches 1000 – Der Grund, weshalb der eigentliche Brotwerwerb wieder einmal auf die nächste Stunde verschoben werden muss
– Was ist …?

Mehrdeutiges 500 – aufgrund allzu großer Ambiguität und überbordender Fantasie nicht ohne das Abgleiten in Schlüpfrigkeiten zu definierender Begriff
– Was ist ein …?

Mehrdeutiges 800 – Glückliches Gewächs, dessen Farbe und Duft kindliche Sehnsüchte erwachen lassen, parallel als Begriff für faziale Schmuckumrandungen verwendet
– Was sind …?

Schimpfwörtliches 800 – Ein selbst G**gle nur bedingt bekannter Begriff, der unter Umständen Erinnerungen an die Begegnung vor einigen Jahren mit Gunther von Hagens hervorrufen kann
– Was ist ein …?

Schimpfwörtliches 1000 – Despektierliche Bezeichnung für glückliche Menschen, die genug „Abstraktes 1000“ und Inspirationsfunken zur Verfügung haben
– Was ist eine …?

Leckeres 500 – Rottransparent und lebenssüß materialisierter Sommer
– Was ist …?

Leckeres 600 – Wie „Mehrdeutiges 500“, jedoch positiv(er) besetzt
– Was ist ein …?

 

Hätten Sie’s gewusst, meine Damen und Herren? Ich hoffe, unsere heutige Raterunde hat Ihnen genau so viel Spaß gemacht wir mir! Bis nächste Woche

***

Die Sendung wurde nach dieser Neuerung übrigens abgesetzt.

 

 

 

Fiktion: Gelegenheiten

Und auf einmal ist er da. Dieser Moment, den du dir seit langem schon immer wieder vorgestellt hast, der sich aber bisher nie ereignete. Die Zeit vergeht, und langsam hast du vergessen, was du damals dachtest, wie es sich anfühlte, was du alles noch hättest sagen wollen. Denkst kaum mehr daran. Und dann ist er da. Der Moment. Du erkennst ihn und trittst ihm gegenüber, noch bevor du dir Zeit gelassen hast, darüber nachzudenken, ob das wirklich eine so gute Idee ist.

Dieser Moment, er hat auf sich warten lassen. Aber im Nachhinein betrachtet war es gut so. Viele Gedanken sind in der Zwischenzeit zerflossen, du hast aufgehört, dir nächtens Dialoge auszumalen, wenn du nicht schlafen konntest, und deine Schlagfertigkeit zu erproben. Mittlerweile weißt du, sollte er denn jemals kommen, dieser Moment – dahin wäre deine Schlagfertigkeit, dahin alles, was du noch hättest sagen wollen, damals. Also aufhören, darüber nachzudenken.

Nun ist er also da, du ergreifst die Gelegenheit und es entwickelt sich tatsächlich ein nettes Gespräch. Den halben Abend lang erzählst du und sprühst vor Begeisterung, und gefällst dir selber richtig gut heute Abend. Der Druck ist raus, es sprudelt aus dir heraus, meine Güte – hättest du geglaubt, dass sich das so gut anfühlt, nach all der Zeit voller Grübeln und zwanghaftem Nichtmehrdrandenkenwollen? Du hast aber auch viel zu berichten, lässt keins der besten Details aus, schwingst en passant und ganz unauffällig das Chirurgenbesteck, das du gegen gedankliche Mistgabeln und stumpfe Sensen ausgetauscht hast und spürst: es schneidet, fein, dennoch spürbar. Schließlich bist du die Contenance in Person, du schwingst keine Mistgabeln und Sensen. Nicht mehr.

Herrlich, dieser Abend, diese Gelegenheit! Es könnte noch Stunden so gehen, der Moment noch verweilen, aber mittlerweile gibt es Wichtigeres, und das ruft nun. Und du löst dich ohne Bedauern aus dem Gespräch, gerade rechtzeitig, denn bisher war es ein gutes Gespräch, ein, zwei Gläser Wein dazu, die Zunge wohlig gelöst, und doch unter Kontrolle. Na denn, machs mal gut, man sieht sich! rufst du fröhlich. Der Wein jedoch tut seinen Dienst und reißt deinen Gegenüber beim Verabschieden dann doch noch zu einer Frage hin, die du im ersten Augenblick nicht einzuordnen weißt. Am liebsten würdest du schallend lachen, allein die Contenance (und Höflichkeit) hält dich zurück. Auch ein kumpelhafter Nasenstöber wäre unangebracht, du lächelst einfach weiter und sagst: „Zerbrich dir mal nicht meinen Kopf, mein Lieber.“ Oder so ähnlich. Zumindest bröckelt jetzt die Contenance deines Gegenübers.

Küsschen links, Küsschen rechts, so rettest du die Situation. Ach ja, bis bald mal wieder, und Gottseidank, keine Sekunde zu früh verabschiedet. Sonst hätte der Moment  dich tatsächlich auch noch dazu hingerissen, ihm Dinge an den Kopf zu werfen, die du bedauert hättest. Und der andere noch viel mehr. Kleine Chirurgenbesteckschnitte sind okay, ein wenig Bohren mit dem Uhrmacherfeinstwerkzeug. Man muss ja nicht immer gleich das ganze Herz zerpflügen, so groß die Verletzung damals vielleicht war. Und wenn er nicht verblutet ist, dann trefft ihr euch vielleicht mal wieder.

Wortstrom: Daliesque

Endlich gehe ich einen Schritt der Zukunft entgegen – nun weicht sie vor mir zurück. Verrückte Welt. Frau Zuviel streitet sich seit jeher mit Herrn Zuwenig, und im unpassendsten Moment ist immer einer der beiden zugegen, der nicht in die Szenerie gehört. Zweifel gedieh schon immer prächtig auf meiner Herzwiese, wie Schlingpflanzen, wurzellos, doch großflächig. Wo sind sie geblieben, die Herzblumen? Ganz da hinten am Horizont erblicke ich noch welche, gehe schrittchenweise auf sie zu – schon schießt ein meterhoher Pfeiler unmittelbar vor mir aus dem Boden und begräbt mich in seinem Schatten. Da stehe ich, mit steifem Nacken, das Auge aufgerichtet, hilflos geblendet mit rudernden Armen. Ein weiteres Hindernis, an dessen hölzernen Füßen die Zeit zwar nagt wie ein Biber, aber nicht schnell genug. Lieber heute als morgen sähe ich seinen Fall, denn an meinen Holzbeinen nagt die Zeit bereits ebenso langsam wie stetig. Herrgott, wo ist das Meer, wenn man es braucht! Dass sowas stets zur Ebbezeit passieren muss, wenn alle Elefanten das Land verlassen haben.

Ich schließe die Tür hinter mir, kehre ein wenig Sand von den roten Stufen. Mir ist nach weiß, ich hülle die steinernen Wände in Leinen und die Bettstatt in silberne Kissen, drapiere den Baldachin, den wir einst gewoben aus unseren Schiffstauen, und einsame mich mit offenen Augen durch die textile Erinnerung. Teeblüten kontrastieren zur seidigen Kühle meines Lagers, ich nehme eine große Tasse aufgebrühter Gemeinsamkeiten und setze mich hinein. Am Boden finde ich glänzende Münzen und lasse die kleinen und großen Wünsche über meine Fingerknöchel wandern, lege sie wieder an ihren Platz. Ich wünsche mir weiße Lilien herbei, ihr Flüstern erfüllt fast augenblicklich den Linnenraum, hüllt mich in knisternde Vergessenheit. Nichts ist so strahlend und weiß wie das Rauschen des Meeres, das ich herbeiträume. Im Sternennachthemd, mit wachen Traumaugen, aus denen das lilienblättrig verhüllte Warten rinnt, Vergebung formend.

Die lieben Kleinen

Eigentlich sind Katzen einzig das, was wir aus ihnen machen. Sicher, sie mögen ihren eigenen Kopf haben. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Gutes Futter, ein Muss für ein gesundes Erscheinungsbild. Ausgeglichenheit schätzen wir natürlich mehr als Nervosität oder tiefe Kratzer und Schäden von scharfer Kralle an unserem Mobiliar. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Manche präferieren je nach persönlichem Gusto eher zurückhaltende Zeitgenossen, andere ergötzen sich an Lebhaftigkeit und Charakterstärke. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Wir investieren in unser Haustier, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihr Leben verlängern. Fachmännisch befasst sich der Tierarzt unseres Vertrauens mit der Gesundheit unserer  Ersatzkinder, während wir nägelkauend im Wartezimmer sitzen und uns die Impfung mehr körperliche Schmerzen zufügt als unseren Kleinen. Wir brauchen viel Zeit und Hingabe, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, sonst fordern sie dies ein, quälen uns mit Blicken, liegen uns in den Ohren. Schlimmstenfalls wenden sie sich enttäuscht von uns ab, werden apathisch, resignieren.

Man sagt ja: Artgerechte Haltung. Irgendwann lassen wir nach qualvollem Abwägen des Für und Wider unsere Lieblinge schweren Herzens nach draußen, die Bedenken stehen uns zu Beginn auf die Stirn geschrieben, wenn wir anfangs ständig nach ihnen sehen, sie unter Beobachtung stellen, wenn sie ihr neues Revier erkunden und weiter, immer weiter sich vom heimischen Grundstück entfernen. Hinaus in die weite Welt. Wir blicken ihnen heimlich nach, wenn sie in Nachbars Garten spielen. Freuen uns diebisch über Komplimente von außen über Aussehen und Verhalten, nehmen später, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Haustierexperten avanciert zu sein, so manche Kritik nicht mehr so ernst und sehen bald über kleine und größere Missgeschicke großzügig hinweg. Und so wachsen und gedeihen sie, mit Fell und Fängen, werden dick und füllen unsere Herzen. Wir lieben sie, diese kleinen Kreaturen.

Kleine Kreaturen, die wir lieben, ein paar Buchstaben, wenige Wörter. Zuweilen wachsen und gedeihen sie, füllen Zeile um Zeile, gar Seiten, ganze Bücher. Über größere und kleinere Missgeschicke sehen wir bald großzügig hinweg, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Schreibexperten avanciert zu sein, und nehmen so manche Kritik längst nicht mehr so ernst. Freuen uns dennoch diebisch über Komplimente von außen über Form und Inhalt. Hinaus in die weite Welt. Anfangs blicken wir ihnen heimlich nach, als sie noch neu auf der Spielwiese sind. Stellen sie unter Beobachtung, wenn sie anfangen, ihr neues Revier zu erkunden und sich weiter, immer weiter vom heimischen Hafen entfernen. Was standen uns die Bedenken auf die Stirn geschrieben, sie nach draußen zu lassen, schweren Herzens entschieden wir uns irgendwann nach qualvollem Abwägen des Für und Wider dazu. Man könnte sagen: um der artgerechten Haltung willen.

Resignation, Apathie zuweilen sind nicht selten, wenden wir uns enttäuscht von ihnen ab, wenn wir nicht mehr genügend Zeit und Hingabe haben, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, denn sie fordern dies ständig ein, quälen uns beim bloßen Anblick und liegen uns im Magen. Fachmännische Hilfe kann möglicherweise Gesundung herbeiführen, und während sich der Experte unseres Vertrauens mit unseren Kindern befasst, sitzen wir nägelkauend in der Warteschleife, und jeder Schnitt und jede Änderung fügt uns mehr körperliche Schmerzen zu, als mit bloßem Verstand zu begreifen ist. Wir investieren in unsere Lieblinge, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihnen zum Erfolg verhelfen. Präferieren je nach persönlichem Stil  Zeitgenössisches, zurückhaltende bis sachliche Beschreibungen, oder verschreiben uns unserer lebhaften Fantasie oder dem starken Ausdruck. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Ausgeglichenheit schätzen die meisten mehr als nervöse Zeilensprünge und tiefe Kratzer und Schäden von stumpfer Feder an unserem Ästhetikbegriff. Hirnschmalz und Ausdauer, ein Muss für ein augenschmeichelndes Erscheinungsbild. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Sicher, sie mögen ihre eigene Dynamik haben. Aber eigentlich sind Texte einzig das, was wir aus ihnen machen.

 

Wie schön

Sie ist eigentlich gar noch nicht so alt. Dieses Jahr wird sie 56, am 3. Oktober. Wie schön, oder? An einem Feiertag Geburtstag zu haben. Das finden vor allem die gierigen Anverwandten, die den ganzen Tag nichts vor haben und schon zur Mittagszeit wie die Heuschrecken über Braten, Salat und Eierspätzle herfallen. Spätze und Kartoffeln und Erbsen und Karotten. Es gibt bei jeder Feier das gleiche, die Verwandten freuen sich schon darauf, es gibt also kein Entrinnen aus der Küche an ihrem Geburtstag. Oder am Geburtstag ihrer Söhne oder ihres Ehemannes. Der, ob nun sein oder ihr Geburtstag oder der seiner Kinder, immer in gleicher Pose und teilnahmslos im Nebenraum vor dem PC sitzt. Zu viele Menschen. Seit Jahren zu viele Menschen, auch wenn sie keine Gäste haben. Sie gibt ihr Bestes, immerzu, trotzdem ist ihm kein Lob zu entlocken, wofür auch, Pflicht ist Pflicht, und dass ihm ihr Essen nicht schmeckt – noch nie – ist weder seine noch ihre Schuld. Bier füllt den Magen ebenso gut. Und Starkraucher essen sowieso nicht viel. Immerhin spricht er nach dem Schlaganfall vor anderthalb Jahren nicht mehr viel, und sie arrangiert sich damit, dass er das wenige, was er von sich gibt, ja gar nicht so meinen kann.

Am Vortag werden Kuchen gebacken, eine herrliche Fülle von Sahnequark und frischen Früchten, was das Verwandtenherz begehrt. Kaum ist der Mittagstisch abgeräumt, ein kleines Pläuschchen gehalten, während sie in der Küche steht und spült – nein, helfen braucht man ihr nie, sie macht das am liebsten alleine, dann geht es sogar schneller – bringt sie schon das Kaffeegeschirr und zwei Kannen Kaffee, belädt die Teller mit süßen Köstlichkeiten und freut sich, dass Tante Maria ihren Käsekuchen lobt, derweil sich die Neffen und Nichten im Nebenzimmer unter den Rauchschwaden ihres Onkels lautstark um die Playstation streiten. Die Katze hat ein Nierenleiden und erbricht sich still und vorwarnungslos auf ihre Füße. Nicht schlimm, das passiert fast täglich, lächelt sie und wischt das angedaute Katzenfutter fort. Dann lässt sie ihre Gäste kurz allein, der Hund muss noch mal raus, und ihren jüngeren Sohn, dem die verwöhnte Töle eigentlich gehört, will sie nicht wecken, es war spät gestern, sie blieb so lange wach, bis sie den Schlüssel im Schloss und ihn die Treppen hinaufwanken hörte. Und da war es eigentlich schon fast Zeit zum Aufstehen. Sie wollte nämlich noch Bad und Wohnzimmer gästetauglich herrichten.

Es ist ein trüber Tag, aber sie freut sich immer aufs Gassi gehen, egal bei welchem Wetter. Herbie, so heißt der kleine Mischling, Herbie hört ihr zu, wenn sie ihm ihre Gedanken anvertraut. Sie steckt sich, kaum dass sie nach draußen getreten ist, eine Zigarette an. Zigarettenschmal ist ihre Silhouette, auch wenn der Mantel viel zu groß ist. Zigarettendünn ihre Knochen, die sich am ganzen Körper abzeichnen. Ihr Gesicht gleicht einem Totenkopf, sie war schon immer auffallend schlank. Das einzige, was lebendig an ihr wirkt, sind ihre Augen, wenn sie an die Tasse Kaffee denkt, die sie sich gleich gönnen wird. Kaffee und Zigaretten, ja, eigentlich würde sie für sich ja gar nicht kochen brauchen, aber die Kinder müssen etwas essen und die Schwiegermutter auch. Sie wohnen alle unter einem Dach, wie schön, wenn man Familie hat. Seit dem Schlaganfall ihres Mannes und seiner vehementen Weigerung, die Reha geschweigedenn weitere Ärzte zu besuchen, woraufhin er keine Jobangebote mehr erhielt, arbeitet sie noch mehr. Die Gassipausen am Abend und an den Wochenenden sind dann so etwas wie ihre Insel, auf der sie eine kleine Weile abschalten kann. Sie bückt sich, um Herbies Hinterlassenschaften vorbildlich in einer schwarzen Plastiktüte zu verstauen. Schade, dass Herbie ein wenig zu faul ist, um längere Spaziergänge zu machen und daher immer gerne den Acker direkt gegenüber ihres Hauses benutzt. Sie blickt auf und sieht in ihr hell erleuchtetes Wohnzimmer, glaubt Onkel Franzens kahlen Hinterkopf zu erkennen, stellt sich Tante Marias leicht hysterisches Lachen vor – wenn Franz gerade wieder einen seiner obszönen Witze zum besten gibt – und aus dem Nebenzimmer meint sie lautstarken Kinderstreit dringen zu hören. Gleich wird sie wieder den typischen Geruch ihres Zuhauses in der Nase spüren – eingetrocknetes Katzenfutter, Hundehaare und kalter Zigarettenrauch. Wie schön, wenn man weiß, wo man hingehört.

Für I., in meinem Herzen

Wirkl¦ich¦welten – Stufe I

Mir scheint, als sei ich mir immer mehr als einzig gewesen. Im Zwischenraum, zwischen Fassade und innerstem Inneren, wende ich mich von einer Seite zur anderen, mal mehr, mal weniger, situations- und menschabhängig. Das kennt jeder, behaupte ich. Wie viel Ich lege ich hinein in Begegnungen, Begebenheiten, wie viel von mir lasse ich be¦greifen? Ist dieses Ich denn einzig? Oder ist Ich auch wieder Viele, mehrere Wirklichkeiten, geschichtet und gestapelt, ein Regal voller Settings, aus denen ich wähle, welches mir/uns heute am besten passt? Kennt das wirklich jeder, frage ich mich. (Und das andere Mich. Das antwortet spontan mit „Ja!“, das nächste weiß es nicht und ein drittes hat nicht zugehört, weil es gerade damit beschäftigt ist, in seine heutige Wirklichkeit zu schlüpfen. Die anderen spielen irgendwo im Zwischenraum.)

Für viele mag es die eine Wirklichkeit geben. So wie es für viele das eine Leben, die oder den Eine/n gibt. Gibt es das alles? Wie viele Leben gibt es? Und gibt es mehrere, dann eines nach dem anderen oder parallel? Doppel-, Zweit-, gar Unleben? Wie viel Welt lässt man in sein Ich, wie viel Ich lässt man in diese Welt¦en? Wie viele davon baut man sich auf? Zwischen-, Traum- und Parallel-: Welten Zwischen Traum und Parallelität?

Und wenn wir sprechen von der Realität, der Realität, ist dann meine die gleiche wie deine? Oder ist meine ganz anders? Und gleicht deine bloß in Grundzügen der meinen? Und haben wir parallele Realitäten, wie viele Teile weisen Kongruenz auf, wie viele Abschnitte sind inkongruent bis divergent? Es scheint nicht so, dass Ich mit Dir lebe – mein Wir lebt mit deinem Euch, Ihr lebt mit Uns, jedes Ich sucht sich ein Du, das ihm passt, mit dem es auskommt. Die Ichs und Dus, die sich nicht entsprechen,  das sind Enden, die lose im Raum hängen, veröden oder ihre Dus in wieder anderen Settings anderer Welt- und Wirklichkeitsschaffender suchen.

Wir – du, ich und die anderen – werden nie in der einen Wirklichkeit miteinander leben, nie einzig sein, immer im Zwischenraum zwischen Fassade und innerstem Inneren, immer abwägend, wie viel Ich wir in die Welt senden und wie viel Welt wir in uns zulassen…

Die Fortsetzung: Wirkl¦ich¦welten – Stufe II 

 

Wirkl¦ich¦welten – Stufe II

dachte ich. Das ist das Kreuz mit liegengelassenen Gedanken, wenn einem andere Dinge erst einmal wichtiger erscheinen. Was ist wohl besser? Hinterher, nach einiger Zeit, wiederlesen und denken „Hach ja, so habe ich mir das mal gedacht, wie süß?“ Diesen Zeitpunkt habe ich offensichtlich verpasst. Oder ruhen lassen, nachdenken, abändern, anpassen und am Ende nicht veröffentlichen, weil danach einfach gar nichts mehr passt? Oder alles so lassen und einen Nachtrag verfassen? Scheint mir jetzt gerade alles irgendwie blöd. Trotzdem entscheide ich mich für den Nachtrag. Gedanken vollends zu Grabe tragen liegt mir nicht.

Was, wenn diese gefühlten vielen Ichs und Michs nichts anderes sind, als die ausgefransten Enden eines Ganzen? Wie Leinenstoff, wenn man ihn nicht umsäumt und gleichzeitg strapaziert, keinen Abschluss anbringt. Ende, fertig, Schluss mit Fransen! Ausläufer eines nicht gesäumten Ganzen sind diese Ich-bin-Viele-Gedanken, der alles beendenden Nähmaschine entwischt. Fantasie, Vorstellungskraft lässt sich nicht begrenzen, das ist gut so, aber eine klare Trennung zwischen ihr und der Realität ist womöglich nicht das Schlechteste. Noch wehrt sich etwas in mir, das letzte Stück meines Linnen-Ichs unter der Maschine zu platzieren. Sie steht bevor, notgestoppt. Denn es fehlt an Sicherheit, das Fußpedal zu betätigen und den Saum anzubringen. Kein Weltuntergang. Und umgekehrt: Kein Saum ist für immer, ich habe schon mal einen wieder aufgetrennt, weil es am Ende nicht mehr passte. Nun habe ich gerade die letzten Fadenfetzen abgepflückt, die Stiche begutachtet und die Naht sauber wieder abgesteckt. Auf Probe, reversibel, es sind nur Stecknadeln, die ein Etwas zusammenhalten.

Ist es letztlich wirklich meine alleinige Entscheidung, wann die Nähmaschine erneut losfährt und einen Abschluss setzt? Neunähte sind haltbarer, habe ich gehört, spüre es auch. Man nimmt automatisch einen stärkeren Faden; Erfahrung macht klug. Ich versuche mich gerade selbst zu verstehen, was soll das nun alles mit Fransen und Nähmaschinen und Kettfäden und Stecknadeln? Begrenze ich mich gerade selbst? Oder ist es der Wunsch nach einem Ende aller Ausläufer und Franseleien, die bisher immer im Nirvana verschwanden? Dabei ist mir klar, dass eines endlich ein Ende haben soll: Der Blick zurück und der Versuch, brüchige Nähte wieder gerade zu rücken und neu zu versäumen. Unsinn. Einmal versäumt ist versäumt. Selbst wenn die Vergangenheit sich unregelmäßig anfühlt, die Ereignisse sich verknotet haben. Ein Abschluss begrenzt doch all ihre Ausläufer. Und vor mir liegt noch genug Stoff, der in Bahnen geschnitten werden will und mit Nadel und Faden eine Form erhalten soll. Wieder meldet sich die Erfahrung, die Arbeitsteilung mit der Waschfrau hat so gut geklappt, dass ich mich dazu entscheide, das Neunähprojekt mit ein wenig Hilfe anzugehen. Ein tapferes Schneiderlein – es ist wirklich sehr tapfer, denn es hält mich und meine holprige Vergangenheit aus, trägt und erträgt mich – bietet mir schon einen neuen Reihfaden an, stark und rot wie die Liebe. Bevor ich die Maschine anwerfe, hefte ich mit Stecknadeln unser beider Stoffbahn aneinander, zur Ansicht. In zwei Tagen weiß ich mehr, in welche Richtung die Maschine laufen wird.