Schlagloch

Es ist toll unabhängig zu sein. Es ist ein großer Schritt in die Freiheit, nicht einfach, aber machbar. Die Erkenntnis, sich selbst zu genügen, sich selbst zu achten und nicht davon abhängig zu sein, was andere über einen sagen und denken – großartig. Großartige Gefühle, die ich verspüre. Ich war schon immer irgendwie stark, auf meine eigene Weise. Auch wenn das nach außen selten so gewirkt haben mag. Eher verletzlich und einsam. Das rief immer wieder Beschützerinstinkte hervor – und verstärkte meine Unsicherheit. Mme Freud lässt grüßen. Es bleibt nun mal nicht aus nach gefühlten tausend Wochen Selbstreflektion und das ständige Reden über Fortschritte und Wünsche und Rückschläge und den ganzen Mist. Ich habe fleißig an meinem Wäscheberg gearbeitet, aber die Ergebnisse, die ich beim Durchwühlen fand, wollen mir nicht immer so gefallen.

So. Fein. Jetzt bin ich immer noch stark, auch nach außen sichtbar. Ich habe einen Weg beschritten, von dem ich vorher schon wusste, dass er nicht leicht sein wird. Heute hänge ich an ein paar Schwierigkeiten, stellen wir sie uns mal als Schlaglöcher vor, in die ich reingefallen bin. Hab mir ein wenig die Knie beim Stürzen aufgeschürft, was solls. Das werden nicht die einzigen Verletzungen bleiben im Laufe dieses Weges. Ich fürchte eher noch schlimmeres. Den Blick geradeaus, es geht weiter.

Aber nicht mehr heute. Heute mache ich eine Pause. Ich fühle mich heute klein und verletzlich und einsam. Ich wünsche mir gerade nichts mehr als jemand, der mich in den Arm nimmt. Ganz fest, ganz lange, ohne zu fragen. Der Preis dafür, stark sein zu wollen und das auch zu zeigen: Ich weiß nicht wohin. Statt dessen schicke ich meine Gedanken – die ich doch lieber mit einem Freund teilen sollte, in der Hoffnung, dass der mich einfach in den Arm nimmt und mich damit tröstet – statt dessen schicke ich das alles ins World Wide Web, raus in die Welt, wo sie ungehört, tja, und eben trostlos verschallen werden. Super Taktik.

Ich bin wohl doch noch nicht so weit. Mir kommt gerade der Gedanke, dass Starksein vielleicht auch heißt, Schwäche zuzulassen und Trost zu suchen. Na gut, dann dreh ich mal noch ne Runde. In der echten Welt. Die Sonne scheint.

Der großartige Damien Rice und Lisa Hannigan

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… and I feel good …

It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life – naja so ähnlich. Kennt ihr Avenger Duck? Bei uns in Deutschland kennt man ihn als Phantomias, den etwas tollpatschigen Retter der Schwachen – gut, es ist schon Jahrzehnte her, dass ich Disney-Comics gelesen habe, aber heute, da fühlte ich mich als hätte ich ein schwarzes Cape, eine Avenger-Duck-Maske und einen schicken Avenger-Duck-Anzug mit dicken Turnschuhen. Und es tat gut!

Ich war heute fleißig, habe mich endlich an ein Stück Wäsche getraut, das da schon lange vor sich hinstank und gammelte. Die Gelegenheit war gut. Ich habe es begutachtet – lange schon war ich im Begriff , etwas daran zu ändern, es aufzuarbeiten, endlich einen Abschluss zu finden. Und heute war also dieser Tag, als das Wäschstück vorwitzigerweise aus dem Wäscheberg lugte und ich quasi darüberstolpern musste. Ich habe abgerechnet. Und zwar allein, meine Waschfrau hat sonntags frei. Es war … befreiend. Es geschah souverän. Es war Avenger Duck, vielleicht körperlich nicht allzu stark, dafür rhetorisch um so mehr. Diesen Kampf habe ich gewonnen, habe mich von diesem verlausten stinkigen Kleidungsstück getrennt und – ich fühle mich gut dabei. Es war so nötig. Und es war so gut, dass ich es so lange habe liegen lassen. Meine Gedanken haben sich bis zum heutigen Tag, an dem sich die Gelegenheit bot, soweit selbständig formuliert, so dass es am Ende eigentlich klar war, wer hier gewinnen wird. Yes.

Das absolut passende Lied für den heutigen Tag:

It’s a new life. Der erste, nein, die ersten Schritte sind getan. Die neue Haarfarbe ist schmückendes Beiwerk. Good bye blonde. Ab heute trage ich Avenger Duck bei mir.

Viel zu tun

Viel Arbeit, davon viel Selbstauferlegtes, daher komme ich leider nicht so oft zum Von-der-Seele-schreiben, wie ich das möchte. Und sie wird immer voller … Immerhin gab es gestern erfreuliche Momente. Ein zweites Treffen bei mir – soll ich mich für die Dauer des Projekts einfach mal frech „Ghostwriter“ nennen? –  und damit die Kritik eines ersten Versuchs fielen sehr positiv aus. Im Prinzip sind nur noch ein paar kleine Änderungen gewünscht. Sonntägliches Seelenbalsam.

Die Arbeit, also: mein Broterwerb, lief heute nach einem anfänglichen Tief sehr gut. Ich habe sogar mal ein echtes, gedrucktes Wörterbuch verwendet und ihm damit wieder eine Daseinsberechtigung verliehen. Damals, als arme Studentin, hat es mich ein gefühltes Vermögen gekostet, und darum muss es, anstatt im Regal zu verstauben, einfach ab und zu gebraucht werden – einigermaßen erfolgreich sogar, möchte ich sagen.

Meine Notizen mache ich immer noch handschriftlich, und zwar mit Füller und Rosentinte. Wie dekadent. Aber es wäre zu schade, wenn das vor langer Zeit erstandene Tintenfässchen ebenfalls im Regal, neben dem Wörterbuch, versauern müsste. Ein wenig Dekadenz im tristen Alltag… Ich liebe Rosen. Etwas Frühling mitten im November.

Und es wäre nicht November, wenn hier nichts Nachdenkliches stünde:
Du hast mich aufgehoben, als du zufällig vorbeikamst. Mich eingepackt und aufgewärmt, mir den Sand aus dem Kopf geschüttelt und Hoffnung geben, mich erhöht. Nur leider hast du mich dann in deiner Manteltasche vergessen und nicht gemerkt, dass ich rausgefallen bin … Aber hey. Mit warmen Füßen läuft es sich prima, also mach dir mal keine Gedanken … falls du mich irgendwann vermissen solltest.

Auf in eine neue Woche.

Mme C.
(Monday blue)

The Man Comes Around

Wer braucht eigentlich den November? Der goldene Herbst ist vorbei, die Adventszeit lässt auf sich warten, und rundherum ist es nebliggrau, kalt, es regnet – Willkommen, novemberlich-depressive Stimmung. Braucht keiner. Sagt man so. Aber es würde zugegebenermaßen etwas fehlen, wenn man das Jahr so im Gesamten betrachtet. Ein kuscheliger Sonntag zu Hause in leichter oder auch etwas schwerere Melancholie zugebracht, scheint manchmal den Horizont zu öffnen und macht – zumindest mich – empfänglich vor allem für Musik, die gerade so eine Stimmung einfängt. Ich suche derzeit kein Gegenprogramm zu meinen momentan vorherschenden Empfindungen. Ja, ich möchte sogar zeitweise vollkommen darin untertauchen. Zelebrieren. Alles, einfach alles davon erfassen, weil ich hoffe, dass ich auf diese Weise verstehen kann, was da mit mir passiert. Ob das hilft? Ich weiß es nicht.

Meine Sonntagsgedanken widme ich daher heute dem großen Johnny Cash, den ich für sein Alterswerk sehr verehre.  Country-Geschrammel liegt mir eigentlich nicht, ehrlich. Deshalb habe ich Cash bewusst gemieden. Bis ich One und The Mercy Seat kennenlernte, vor etwas mehr als zehn Jahren bei einer Freundin auf einer selbst zusammengestellten CD. Sieben Jahre später, unvergessen, kaufte ich sie mir endlich, American Recordings III: Solitary Man, und damit einen ganzen Sack weiterer Goldstücke. Seitdem habe ich Cash beim Autofahren dabei, so laut es geht, so oft mir danach ist. Wundervoll. Melancholisch. Tröstlich. Ich liebe es.

Nun war ich also auf der Suche nach einem bestimmten Song (nicht von Cash), den ich zur Zeit auch oft höre, weil er sich prima eignet, um seine Aggressionen rauszuschreien und dabei an bestimmte Personen zu denken, denen man mal mit ganz deutlichen Worten sagen möchte, was man von ihnen hält. Leider werden sie’s wohl nie von mir persönlich erfahren. Jedenfalls fand ich dabei dieses wunderbare Lied vom Man in Black, das mich beim ersten Hören schon tief bewegte und im Prinzip das ausdrückt, was ich da gerade spürte: nicht Aggression, nicht der Wunsch jemanden anzuschreien, sondern schlichtweg Verletztsein.

Hurt (American IV: The Man Comes Around)

Es klingt unglaublich, aber es tröstet mich irgendwie. Man nimmt ihm diese Emotionen ohne jeden Zweifel ab. Es fühlt sich so wahr an, so richtig – und gut. Schmerzlich, aber gut. Vielleicht bin ich nun mal mit einer gewissen Grund-Melancholie ausgestattet, die genährt werden will. Cash kann es. Danke dafür.

Mit Sicherheit gibt es bald noch mehr von Johnny Cash zu lesen und zu hören. Ich habe mir nach American Recordings III noch IV und V zugelegt und bin gerade am Durchhören. Mein verfrühtes Geburtstagsgeschenk an mich selbst.

Mme C.
(sonntagsentspannt)

Lazy Sunday

Gestern ein halber Weltuntergang mit Schneeregen und Minustemperaturen, heute wieder Sonne satt. Und trotzdem ziehe ich es vor, den Tag auf der Couch zu verbringen. Ausruhen, auftanken vor der neuen Arbeitswoche. Zeit, das zu tun, wofür im Alltag wenig Zeit bleibt. Eine Menge angelesene Bücher liegen noch herum. Und wie ich so auf der Couch liege, warm eingepackt und beim Lesen eingedöst, passiert es schon wieder. Die Gedanken verselbständigen sich und wandern auf ausgetretenen Pfaden. Was beschäftigt mich?

Zum Ersten
Ich habe einmal wieder erfahren dürfen, wozu echte Freunde da sind. Lachen? Feiern? Aber gern, so oft es geht. Aber es darf auch mal ernster zugehen. Wahre Worte habe ich hören dürfen, und einige Wahrheiten, die mir zunächst nicht allzu sehr geschmeckt haben. Dennoch, alles was gesagt wurde, hat seine Berechtigung. Als echter Freund darf man sich durchaus Sorgen machen, und man darf, ja sollte das auch zur Sprache bringen.  Manchmal gar nicht schlecht, mal zu hören was andere so denken. „Und was fang ich jetzt damit an?“ war meine zugegebenermaßen unbescheidene Frage am Ende unseres Gesprächs. „Das musst du selbst wissen“ – was ich mir hätte denken können. Aber: „Wir sind auf alle Fälle für dich da, egal was du draus machst.“ Gut zu wissen. Danke, Ihr seid meine Besten.

Zum Zweiten
Bisher habe ich mich aus Zickereien erfolgreich herausgehalten. Nachgegeben, um Situationen zu entschärfen, mich einsichtig gezeigt um zu deeskalieren. Berechtigten Ärger heruntergeschluckt um des lieben Friedens Willen. Am Wochenende fragte ich mich allerdings: Was, wenn ich es anders handhaben würde? Einfach mal Blasrohr und Puderzucker einpacken und stattdessen auch das Zickenprogramm hochfahren. Ich glaube das wäre erst mal ziemlich lustig und irritierend.

Und zum Dritten
Ein weiteres Mal die Erfahrung gemacht: Eltern sind nicht zu objektiver Kritik fähig, egal wie alt du bist.  Gib ihnen deshalb bloß nichts von dir zu lesen. Es sei denn, es ist unterhaltsam, unverfänglich und handelt um Himmels Willen nicht von deinem Seelenleben. Sonst kommen Kommentare wie: „Ein guter Psychologe könnte da weiterhelfen.“ Oder: „Sprachlich ist es schon okay, aber … Als Vater macht man sich so seine Gedanken.“ Nein. Bitte. Ihr habt da nix falsch gemacht. Ich hole lediglich ein paar Wörter aus den Tiefen meiner Gehirnwindungen, die da rumlungern, schmeiße ein paar überflüssige Emotionen dazu und streue über das Ganze ein wenig Sarkasmus (oder das, was ich für Sarkasmus halte. Ich hab in der Schule gefehlt, als das behandelt wurde). Durchrühren, aufkochen, fertig. Das ist lediglich ein einfaches Kochrezept und keine Bombenbauanleitung. Das nächste Mal reiche ich wieder ein Kindermärchen ein. Die Reaktion darauf kann ich schon erahnen: „Hm. Ja. Schön.“ Hallo? Wie objektiv ist das denn bitte?

Schönen entspannten Sonntag noch!
Mme C.