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Wenn die Glühlampe zu flackern beginnt, dreht man sie raus. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, und kaputt geht sie sowieso. Energiesparlampen, etwas anderes gibt es nicht mehr, heißt es. Energie sparen guuut, Energie verschwenden schleeecht.

Wenn der Kopf zu flackern beginnt, wünschte ich, ich könnte ihn abdrehen wie diese alte Glühlampe. Raus aus dem rostigen Gewinde. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, raubt mir den Schlaf. Ungesund für den Körper, und ungesund für das Umfeld.

Übellaunigkeit einfach abdrehen und den Einsatz mit dem gewünschten Fröhlichkeitsgrad einschrauben. Nicht möglich. Vielleicht wenigstens einen Dimmschalter? Ich lese nach:

Bei der Phasenanschnittsteuerung wird der Stromfluss meist durch einen Triac (Antiparallelschaltung zweier Thyristoren) gesteuert. Nach dem Nulldurchgang der Wechselspannung (und des Stromes) leitet der Triac den Strom so lange nicht, bis er einen Zündimpuls erhält; ab diesem Zeitpunkt (dieser „Phase“ des Wechselstromsignals) wird der Verbraucher mit Energie versorgt (bis zum nächsten Nulldurchgang). Je später der Triac gezündet wird, desto geringer ist die mittlere Leistung.

Aber ich verstehe nichts. Offenbar sind meine Stromkreise nicht für derartige Information ausgelegt, denn ich nehme nur „Nulldurchgang“ wahr und denke nicht im entferntesten an die schon länger zurückliegende Elektrizitätslehre im Studium …

… Im flackernden Kopf, wo sich Gedanken und Emotionen aufstauen, kein Abfließen möglich, zero crossing. Die Grenzen zur Außenwelt sind dicht, Kontakte überlagert von salzverkrusteten Gedankenfetzen. Wie konnte sich diese Wand in mir aufbauen, wie konnte ich sie nicht bemerken? „Niemand hat die Absicht …“ Sie hat sich in unglaublicher Geschwindigkeit, Sedimentgestein, Schicht auf Schicht, in Zeitraffer gebildet. Auch deshalb ist es unmöglich, das Gewinde herauszuschrauben, es sitzt fest, und jeder Versuch würde unweigerlich zur Zerstörung führen. Damit ist keinem gedient.

Den berühmten Schalter im Kopf umlegen. Erst einmal finden. Erst einmal bewegen können, verstaubt, verklebt von dicken Spinnweben, verkrustet. So einfach ist das nicht. Es erfordert Anstrengung im Vorfeld. Ich bin allein, hier, in meinem Kopf. Die Putzkolonne (selbst wenn ich wüßte, woher nehmen) dringt genau so wenig zu mir durch wie alles andere. Unwirklich, ein Traumgespinst, diese plötzliche Verwahrlosung.

Sprengen. Ja, ich wüsste, was all den Dreck fortsprengen könnte. Aber – ich bin allein, immer noch, der Sprengstoff liegt außerhalb meiner Reichweite. Und überhaupt, auch das kann in Zerstörung enden, wenn nicht gut genug geplant. Wer weiß, was dabei rauskommt. Ich muss selbst etwas tun, das Spontanchaos irgendwie beseitigen. Ich steige in die Tropfsteinhöhle hinab, stetig tropft es hier auf den Spiegelsee, ein guter Ort zum Nachdenken. Es tropft. Es bewegt. Die Oberfläche erzittert, immer wieder. Ein einziger Tropfen kann die gesamte Oberfläche erschüttern.

Ich versuche es. Schleppe zwei hölzerne Eimer heran, fülle sie mit dem Wasser des Tränensees und steige wieder hinauf, in den Kopf, den salz- und sedimentgesteinverkrusteten, der nichts nach draußen und nichts hineindringen lässt. Mit Schwung schütte ich das Wasser gegen die Wand. Den zweiten Eimer. Nichts. Ich hole weiter Wasser, schütte weiter, Tränenflüssigkeit auf Granit. Und weiter. Immer mehr. Wie ein Sturm lasse ich das Meer gegen die Klippen schlagen. Schon sind meine Füße von Wasser bedeckt, aber ich steige immer wieder hinunter und hinauf, schleppe, schütte, schütte. Und tatsächlich werden die Wände schon dünner, erst nur wenig, das Gestein leicht abgeschwemmt, dann immer mehr. Als das erste kleine Loch entsteht, als mir die Kräfte schon zu schwinden drohen, dringt neue Hoffnung in den Kopfraum, ein fahler Lichtstrahl. Weiter. Die Wand durchlöchern mit Tränen, alles hinausschwemmen, was nicht gut ist. Fließen lassen. Irgendwann fließt doch alles ab.

Wortstrom: Wort¦weit¦flug

Worte, Worte, Worte, weg und hinfort, ein aufgescheuchter Wörtervogelschwarm. Und ich sitze hier unten, blicke ihnen in die Ferne nach, lausche dem verstummenden Flügelschlag nahe am Horizont. In die Nacht hinaus. Vielleicht lassen sie sich morgen wieder in meiner Nähe nieder, vielleicht gelingt es mir, ein paar von ihnen anzulocken. Mir fehlt ihr hübscher Anblick und die Stimme, die sie mir verleihen. Mir fehlen leider auch die Brotkrumen, mit denen ich sie zu füttern pflege. Eine Nacht darüber schlafen. Die Stille walten lassen. Vielleicht kommen sie von ganz allein zurück, meine kurzweitgereisten Wortscheinschwalben, Satzdreckspatzen, Fragmentschmutzfinken. Ich mag den Klang ihrer kleinen Federschwingen, wenn sie mein Herzgewebe streifen.

Die lieben Kleinen

Eigentlich sind Katzen einzig das, was wir aus ihnen machen. Sicher, sie mögen ihren eigenen Kopf haben. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Gutes Futter, ein Muss für ein gesundes Erscheinungsbild. Ausgeglichenheit schätzen wir natürlich mehr als Nervosität oder tiefe Kratzer und Schäden von scharfer Kralle an unserem Mobiliar. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Manche präferieren je nach persönlichem Gusto eher zurückhaltende Zeitgenossen, andere ergötzen sich an Lebhaftigkeit und Charakterstärke. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Wir investieren in unser Haustier, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihr Leben verlängern. Fachmännisch befasst sich der Tierarzt unseres Vertrauens mit der Gesundheit unserer  Ersatzkinder, während wir nägelkauend im Wartezimmer sitzen und uns die Impfung mehr körperliche Schmerzen zufügt als unseren Kleinen. Wir brauchen viel Zeit und Hingabe, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, sonst fordern sie dies ein, quälen uns mit Blicken, liegen uns in den Ohren. Schlimmstenfalls wenden sie sich enttäuscht von uns ab, werden apathisch, resignieren.

Man sagt ja: Artgerechte Haltung. Irgendwann lassen wir nach qualvollem Abwägen des Für und Wider unsere Lieblinge schweren Herzens nach draußen, die Bedenken stehen uns zu Beginn auf die Stirn geschrieben, wenn wir anfangs ständig nach ihnen sehen, sie unter Beobachtung stellen, wenn sie ihr neues Revier erkunden und weiter, immer weiter sich vom heimischen Grundstück entfernen. Hinaus in die weite Welt. Wir blicken ihnen heimlich nach, wenn sie in Nachbars Garten spielen. Freuen uns diebisch über Komplimente von außen über Aussehen und Verhalten, nehmen später, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Haustierexperten avanciert zu sein, so manche Kritik nicht mehr so ernst und sehen bald über kleine und größere Missgeschicke großzügig hinweg. Und so wachsen und gedeihen sie, mit Fell und Fängen, werden dick und füllen unsere Herzen. Wir lieben sie, diese kleinen Kreaturen.

Kleine Kreaturen, die wir lieben, ein paar Buchstaben, wenige Wörter. Zuweilen wachsen und gedeihen sie, füllen Zeile um Zeile, gar Seiten, ganze Bücher. Über größere und kleinere Missgeschicke sehen wir bald großzügig hinweg, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Schreibexperten avanciert zu sein, und nehmen so manche Kritik längst nicht mehr so ernst. Freuen uns dennoch diebisch über Komplimente von außen über Form und Inhalt. Hinaus in die weite Welt. Anfangs blicken wir ihnen heimlich nach, als sie noch neu auf der Spielwiese sind. Stellen sie unter Beobachtung, wenn sie anfangen, ihr neues Revier zu erkunden und sich weiter, immer weiter vom heimischen Hafen entfernen. Was standen uns die Bedenken auf die Stirn geschrieben, sie nach draußen zu lassen, schweren Herzens entschieden wir uns irgendwann nach qualvollem Abwägen des Für und Wider dazu. Man könnte sagen: um der artgerechten Haltung willen.

Resignation, Apathie zuweilen sind nicht selten, wenden wir uns enttäuscht von ihnen ab, wenn wir nicht mehr genügend Zeit und Hingabe haben, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, denn sie fordern dies ständig ein, quälen uns beim bloßen Anblick und liegen uns im Magen. Fachmännische Hilfe kann möglicherweise Gesundung herbeiführen, und während sich der Experte unseres Vertrauens mit unseren Kindern befasst, sitzen wir nägelkauend in der Warteschleife, und jeder Schnitt und jede Änderung fügt uns mehr körperliche Schmerzen zu, als mit bloßem Verstand zu begreifen ist. Wir investieren in unsere Lieblinge, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihnen zum Erfolg verhelfen. Präferieren je nach persönlichem Stil  Zeitgenössisches, zurückhaltende bis sachliche Beschreibungen, oder verschreiben uns unserer lebhaften Fantasie oder dem starken Ausdruck. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Ausgeglichenheit schätzen die meisten mehr als nervöse Zeilensprünge und tiefe Kratzer und Schäden von stumpfer Feder an unserem Ästhetikbegriff. Hirnschmalz und Ausdauer, ein Muss für ein augenschmeichelndes Erscheinungsbild. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Sicher, sie mögen ihre eigene Dynamik haben. Aber eigentlich sind Texte einzig das, was wir aus ihnen machen.