Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

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Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!