Chromatische Kreissägen

Kürzlich hat mir jemand eine besondere Freude gemacht und mir das Clawfinger-Album Deaf Dumb Blind geschenkt. Einfach war es nicht, wie ich erfahren habe, da das Album nicht mehr produziert wird und außer auf eBay nirgends mehr erhältlich ist. Also: doppelt gefreut, ausgepackt, eingelegt und mit kreischenden Gitarren spontane 18 Jahre in meine eigene Vergangenheit gereist. Steigt auf, ich nehme euch mit, und zwar zu einem sonnigen Apriltag des Jahres 1994:

Es ist der erste Tag nach den Osterferien. Auf dem Schulhof tauscht man sich aus, was man so erlebt hat. That strange girl nähert sich mit hängendem Kopf und platzt in unsere Konversation: „Kurt Cobain’s dead“, schnieft sie. „5. April. Kopfschuss.“ Wie wenig mich das gerade interessiert! „Mein Großvater ist gestorben. 29. März, Herzinfarkt. Was interessiert mich der Cobain?“ Das Ereignis hat meine kindliche Welt aus den Fugen geraten lassen. Ich war verwirrt. Fühlte mich alleingelassen und unverstanden, für meine Familie kam das nämlich ebenso überraschend. Das Ableben unseres Mittelpunktes versetzte uns alle in eine Schockstarre. Ich hatte zum Glück eine beste Freundin, die mich in der Folgezeit öfter mit zum neusten Objekt der Begierde nahm: einem Kerl samt Freundeskreis, die sich selbst „Metaller“ nannten. Und so kam ich in Berührung mit – nein, nicht mit Jungs, das sollte leider noch Jahre dauern – nein, mit Metal-Musik.

Selbst noch in der Findungsphase schmissen diese halblanghaarigen Buben also mit Bandnamen um sich, tauschten CDs und bemalten ihre Army-Rucksäcke mit schwarzem Edding. Meine Freundin, die mich wohl eher aus Unsicherheit als aus reinster Nächstenliebe überall mit hin schleppte, und ich begannen also gleichfalls unsere Transformation vom braven Cordblusenmädchen zur Metal-Göre: Schwarz, schwarz und nochmal schwarz, zerrissene Jeans, Zottelpulli und Palischal waren ein Muss. Wundersamerweise kam ich an ein paar Springerstiefel (die ich bis heute stolz hege und pflege). Meine Eltern müssen sich auch gedacht haben, das Kind spinnt. Aber sie waren mit sich selbst beschäftigt und ich war brav genug, um äußerlich nur minimal zu transformieren und die standesgemäßen Metaller-Accessoirs erst anzulegen, wenn ich außer Sichtweite war. Mein Innenleben ging damals sowieso niemanden was an.

Die Nächte schlug ich mir mit MTV und VIVA um die Ohren, und auf den Ohren hatte ich kassettenweise Metal – damals waren mir Differenzierungen ziemlich egal, Hauptsache  es war laut und gitarrenlastig. Und tötete Schmerz und blöde Gedanken. Bei Schulparties standen meine Freundin und ich im zwielichten Halbdunkel, leisteten uns zusammen eine Cola, lästerten über Raver und Girlies und warteten auf die Metalwelle. Dann gab es kein Halten mehr. Headbangen, Haare schütteln, bis die Nackenmuskulatur versagte. Geile Zeiten. Einsame Zeiten.

Und so sog ich alles auf, was ich in die Hände bekam: Clawfinger, Body Count, Chili Peppers, Rage against the Machine, Soundgarden, dann Pearl Jam, Type O Negative, Sepultura … tja, und dann eben auch Nirvana, Hole, Stone Temple Pilots – die Liste ist unendlich. Je lauter, je böser, je lieber. Irgendwie schaffte es die Musik, meine Aggressionen übers Ohr aufzulösen und mich ein liebes braves Mädchen bleiben zu lassen – äußerlich.

Hier also Clawfinger The Truth, Inspiration für die heutige Überschrift. Stellt euch das mal in eurem Kopf unterm Weihnachtsbaum vor, während alle anderen Stille Nacht singen. Das war mein Heiligabend 1994.

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Grüße

Vor dem Fest wollte ich unbedingt noch etwas schreiben. Unter anderem natürlich frohe Festtage wünschen – all jenen, die das lesen. Mir fallen täglich so manche Begebenheiten ein, die ich gern in Worte fassen würde, mit-teilen möchte, weil ich Freude daran habe. Ich habe wieder neue Musik im Auto, und ich habe ein neues Buch gestern fertig gelesen. Darüber könnte ich erzählen.  Allein – gerade jetzt in diesem Moment klopft schon der Vorläufer-Weihnachtsstress an meine Tür und mahnt mich, die Uhr nicht aus den Augen zu verlieren. „Du musst noch dies und das und jenes und duschen und Geschenke einpacken und, und, und …“ Das kann nicht der Sinn von Weihnachten sein, und doch ist es jedes Jahr das gleiche. Noch dazu kommt meine melancholische Grundstimmung, die ich seit ein paar Monaten mit mir herumtrage, und sie kratzt heute besonders laut an der Oberfläche. Ich bin selbst schuld. Es gibt Dinge, die ich lieber sein lassen sollte, und ich tue sie trotzdem, obwohl ich weiß, dass es weh tun wird. Mein Plan ist, mit eben diesen Dingen bis zum Jahresende ins Reine zu kommen und 2013 einen Neustart zu wagen. Einen Neustart dahingehend, Hilfe anzunehmen und wirklich daran zu arbeiten, dass es besser wird. Und nicht einfach nur eine mögliche Zukunft in meinem Kopf auszusäen und heranzuzüchten, dann vergessen sie zu gießen und sie welken und sterben zu lassen. Ich habe mich eine sehr lange Zeit nicht so furchtbar gefühlt wie momentan (momentan = die letzten drei Monate). Es ist mir, als wäre ich wieder 15 – und das war keine schöne Zeit! (Außer der Musik, die ich damals gehört und geliebt habe, das muss ich zugeben. Ohne sie wäre ich nicht mehr.) Ja, ich glaube, wenn ich wieder in Ordnung gekommen bin, dann habe ich auch die Zeit und die Kraft, für andere da zu sein. Ich habe keine Weihnachtsgrüße verschickt, keine Karten geschrieben. Ich ziehe mich zurück in die Feiertage, zu meiner Familie, und bin auch fast ein bisschen froh über die abgerauchte Festplatte – …

In diesem Sinne: Frohe Festtage, macht das Beste draus!

So gut …

Da bin ich wieder. Im wahrsten Sinne. Nachdem ich mal wieder ganz tief drin war, hat die letzte Woche mich irgendwie wieder herausgerettet. Und das, obwohl sich Plus und Minus nicht viel genommen haben. Heute ist auch ein wirklich guter Tag. Die Arbeit lief erstaunlich gut, so dass ich sogar auf die geplanten Weihnachtseinkäufe lächelnd verzichtet habe, um noch ein Überstündchen dranzuhängen. Denn morgen ist immerhin auch noch ein Tag. Oder Übermorgen. In guter Gesellschaft arbeitet es sich noch mal so motiviert, und wenn es keine Gesellschaft gibt, dann gibt es Musik – mein MP3-Player ist übrigens über den Jordan gegangen. Doch zum Glück hat mein stinkiges, kleines, lädiertes Handy (ich habe es trotz allem immer noch) eine MP3-Playerfunktion, die mich sehr zufriedenstellt. Meine bisherige Playlist heute:

– Factory of Faith (RHCP) Könnte ich gebrauchen
– Ode to my Family (Cranberries) Ihr seid toll, ich liebe euch
– Chasing Pavements (Adele) Should I give up? Och nö
– Hedonism (Skunk Anansie) Passt nicht. Und passt doch.
– Shake your Hips (The Bosshoss) Sieht sehr lustig aus aufm Bürostuhl
–  In the Dark (Nina Simone) Nichts lieber als das
– … t.b.c.

Und sonst? Die Festplatte meines Laptops hat sich verabschiedet. Blöder Mist. Aber es hat auch was Gutes. Jetzt hänge ich wenigstens nicht mehr allzu sinnlos vorm Internet und warte auf Dinge, die sowieso nie passieren werden. Dafür habe ich gestern endlich wieder ein Buch in der Hand gehabt. Nichts Anspruchsvolles. David Safiers „Happy Family“ – die Kritiken hatten recht, der schwächste Band bisher. Aber eben gut zum Abschalten. Dafür nun kürzliche persönliche Neuentdeckungen, die nur darauf warten von mir gekauft und konsumiert zu werden:

– Carlos Ruíz Zafón „Der Gefangene des Himmels“ Barcelona und Bücher – ich komme!
Carlos Ruíz Zafón „Marina“ Wenn ich schon dabei bin
– Ken Follett „Winter der Welt“ Muss – den ersten Band hab ich schon verschlungen
– Marie-Sabine Roger „Das Labyrinth der Wörter“ Zufallsfund. Ich freu mich drauf.

Die beiden besten Bücher der letzten Zeit waren übrigens Eduard von Keyerlings „Wellen“ und, natürlich „Das dreizehnte Kapitel“ von Martin Walser.

Und das vergangene Wochenende erst! Ein kleiner Urlaub vom Alltag mit guten Freunden in einer, sagen wir mal, etwas gewöhnungsbedürftigen, aber dennoch herzerwärmenden Atmosphäre. Viel gelacht, viel gefreut und – so komisch es klingt – die Abwesenheit gewisser Störfaktoren mehr als genossen.

Soweit, so gut. Was steht bis zum Jahresende noch an?

– Steuererklärung. Wird morgen fertig.
– Kontenwechsel. Heute noch mal kontrollieren, ob’s läuft.
– Weihnachtsgeschenke. Aaaah!
– MediaMarkt. Um Festplattenreparatur/-austausch bitten. Und ein neues Handy kaufen ;)
– Urlauben. Fest eingeplant.
– Äh, ja. Und dann ist das Jahr auch schon wieder vorbei.

Schön, wirklich schön. Das für heute. Reicht ja auch.

Mme C.