Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!

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Los¦lass¦moment

Dieses Lied. Es lief fast das ganze Jahr über im Radio, und ich mochte es. Es war lebhaft. Es war laut. Es schien perfekt in diese Zeit zu passen, klang mir nach Freiheit, und frei war ich, wie noch nie. Ich konnte es bald mitsingen, war oft froh, dabei immer im schallgeschützten Innenraum meines Autos zu sitzen. Wann immer es lief, drang sein Beat in meinen Kopf und durch meinen Körper, riss mich mit wie eine Welle. Es würde sich die Gelegenheit bieten, diese eine im Jahr, bei der ich mich gehen lassen und darauf abtanzen würde. Wie sehr ich das wollte! Es wäre völlig egal, jeder würde das tun in diesem Moment. Ich würde ihn ganz genau zu meinem Moment machen, und ich würde ihn feiern.

Und dann kam die Gelegenheit. Während wir da standen, mitten in der lauten Menge. Während wir uns unterhielten, in die Augen des anderen hineinlauschten, während alles andere wie abgedunkelt und gedämpft um uns herum erschien, als ragten unsere Körper weit über eine laute, wogende Masse hinaus, nach oben, ins Licht. Da spielten sie es, dieses Lied, das ich zum Inbegriff meiner Freiheit gemacht hatte. Ich hielt kurz inne. Es gab nicht einmal den Anflug von Bedauern, sich eben nicht, wie so lange geplant, gehen zu lassen und abzutanzen. Ich wollte es nicht. Denn jetzt war nur eines wirklich wichtig. Die Eingebung, dass dieser Moment für mich, für uns eine Bedeutung haben sollte, war goldrichtig. Verharren in deiner Gegenwart, anstatt sich von der Welle erfassen zu lassen. Ich habe damit meine Freiheit nicht verloren, im Gegenteil. Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Moment ganz genau zu unserem zu machen und ihn zu feiern. Jeden Tag. Jeden Augen¦blick.

 

Lebens¦zeich¦n¦en

Du liebe Güte, wie sieht es hier nur aus? Verspinnwebte Ecken, eingestaubtes Wortmaterial, die Schmiede voll mit Fragmenten und Gedankenfetzen – doch kein neues Werk in Sicht, keine Pläne, keine Skizzen. Wie lange war ich weg? Dem Gartenzweg hat’s die Mütze vom Kopf geweht, nachdem meine beiden Famoskommentatoren meine About-Seite erneut und scheißherzchenstapfend vandalisiert haben – zurecht, meine Lieben, doch musste der Kuhfladenangriff auf die geschlossenen Läden wirklich sein? Jetzt sitze ich hier und kratze wort¦wörtlich die Scheiße aus den filigranen Holzlamellen.

Real kratze ich auch gerade das letzte bisschen Scheiße aus meinem Leben. Leider habe ich dazu nur ein dünnes Nädelchen namens Zeit und ein Miniskalpellchen Motivation zur Verfügung. Mehr wird mir momentan von dieser Institution namens Arbeit nicht zugestanden, und darüber hinaus ist es weitaus verlockender, jedes kleine Fetzelchen Freizeit auf der rosa Wolke zu verbringen. Man möge Nachsicht üben, nur fliegen ist schöner.

Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nicht an der Zeit ist, dieses Blog zu schließen. Es ist vor über einem Jahr entstanden als eine Art Selbsttherapie, während der ich nach mir selbst gesucht habe. Ein Hilfeschrei an mich selbst, ein Ventil für all die abgelebten und ungel¦i¦ebten Gefühle. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt. So, und nun kann ich sagen, ich bin zufrieden mit der Entwicklung. Ich musste lernen, erst mal eins zu werden. Auf dem Weg dahin bin ich oftmals ganz schön daneben getreten. Und ich habe verletzt und verstört. Das hat mir gezeigt wie verletzt und verstört ich selbst gewesen bin. Es tut mir wahnsinnig leid, das ist nicht gut zu machen, aber anscheinend war auch das notwendig. Und es ist notwendig, dass zumindest ich mir selbst das verzeihe. Shit happens. Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer derjenigen, die mich in der Vergangenheit verletzt haben, so viele Gedanken machen. Absolution.

Jetzt seid ihr allesamt gefragt: Soll es weitergehen mit Mme Contraire? Auch wenn es in nächster Zeit hier weniger oft und dafür Scheißherzchen regnen wird? Ich kann selbst noch nicht abschätzen, wie sehr es mich in meiner Schreiberei beeinträchtigen wird, dass ich der Melancholie zwangsweise erst einmal abgeschworen habe – die wird nämlich unglaubwürdig, wenn man den ganzen Tag mit einem überbreiten Grinsen herumläuft. Ich werde zunächst einmal ein wenig entstauben hier, mit dem haarfeinen Pinsel, der mir zur Verfügung steht. Die abgelegten Worte sortieren, kategorisieren, eventuell probeweise zusammensetzen. Vor allem die Späne unter der Werkbank beseitigen. Die Skizzen werden sich im Laufe der Zeit selbst niederzeichnen, Pläne reifen, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Dann ist noch Gartenarbeit angesagt. Spuren beseitigen, neue Blümchen pflanzen und einen Elektrozaun installieren, damit es anspruchsvoll bleibt für meine Famoszaungäste. Es wird eine Weile dauern, bis der Alltag wieder einkehrt – hoffentlich dauert es ein Leben lang -, und die nächsten Monate bleiben sowieso spannend: Ich arbeite an einem Wiegebettchen, mit Kissen aus süßen Worten, einem Himmel aus Freudentränen und einem Grundgerüst aus weitvorfälliger Liebe gewoben. Man wird nur einmal zum ersten Mal Tante.

(Von Cash zu Cave. Ich halte das für konsequent.)

Offenherbstlich

„Schade, dass wir uns nicht später kennengelernt haben!“ Das lag mir auf der Zunge, als kürzlich ein langjähriger Kollege in den Vorruhestand verabschiedet wurde. Er ist für seine 58 Jahre eine echt coole Socke. Hat schon viel mitgemacht, öfter mal die Firma im stillen Kämmerlein oder direkt beim Kunden gerettet und die Welt ein kleines Stückchen sicherer gemacht. Ich glaube aber kaum, dass es ihm daheim langweilig werden wird. Musikalisch ist er, und genug Kinder hat er, um deren Baustellen und Belange er sich jetzt voller Hingabe kümmern kann. Er will das Leben noch so richtig genießen mit seiner Liebsten, und ich finde, er hat das absolut Richtige vor.

Jetzt aber: wieso später kennengelernt? Wieso nicht früher? Hätte man doch noch länger zusammen arbeiten können, sich vielleicht noch etwas besser verstanden. Schauen wir mal zurück ins Jahr 2005, als ich, frisch von der Uni, zu meiner Kollegentruppe stieß. Der Kollege, mit dem ich ein Büro teilte, gestand mir nach einem halben Jahr, dass er mich zu Beginn für „extrem seriös“ hielt. Sein Euphemismus für überkorrekt, spießig und unentspannt. Zum Glück stellten wir ziemlich schnell fest, dass wir auf einer Wellenlänge waren, vor allem musikalisch (ja, auch Ingenieure haben Musikgeschmack). Beim Rest der Kollegen allerdings hielt sich mein korrekt-verkrampftes Image noch sehr lange. Dagegen unternommen habe ich nichts, wie auch, ich war ja so schrecklich verschreckt und zurückhaltend und so gar nicht unterhaltsam. Man schätzte mich im Wesentlichen für schnelle und gute Arbeit. So soll es doch sein. Oder? Oder nicht? Weihnachtsfeiern waren übrigens ein Graus für mich …

Erst in der letzten Zeit, sagen wir mal: seit einem Jahr ungefähr, habe ich den Eindruck, dass man mich mehr als Mensch wahrnimmt. Umgekehrt auch, die Kollegen erzählen mir öfter auch mal aus dem Privatleben, und das fühlt sich irgendwie sehr gut an, obwohl ich stets einen engeren Kontakt vermeiden wollte – aus Angst vor … Enttäuschung? Ablehnung? Meine Studentenjobs vorher lehrten mich Vorsicht. Und da komme ich wieder zu meinem Kollegen, der jetzt kein Kollege mehr ist. Wir haben uns generell gut verstanden, er hatte auch immer ein offenes Ohr für meine Probleme und hat mir auch einiges ermöglicht. Da merkte ich zum ersten Mal, dass es tatsächlich etwas positives bewirkt, sich zu öffnen und was von sich zu erzählen. Offenheit wird mit Offenheit belohnt. Heute bin ich immer noch sehr dankbar, traurig, dass er jetzt geht und traurig, dass ich nicht zugelassen habe, dass wir uns zu früh kennengelernt haben. Er ist wirklich ne coole Socke.

Und wo wir bei Dankbarkeit sind: Auch wenn meine Waschfrau mich zuletzt so geärgert hat, dass ich sie in den Urlaub geschickt und ihre Tür zugeschlagen habe, bin ich doch dankbar, dass sie mich bei meiner schmutzigen Wäsche so sehr unterstützt hat und mir gezeigt hat, dass es durchaus total in Ordnung ist, sich einfach großartig zu fühlen und großartig zu sein. Großartig, das alles. Und so geh ich jetzt raus, bin ich und bin großartig und habe Spaß.

Life is beautiful. Und als ich da so rausgehe, ganz in ich gehüllt, und ein bisschen schaue und staune, da spüre ich die Brisen, frischen Wind, und auch die Kühle. Es wird – es ist Herbst. Mein Kleiderschrank ist zur Hälfte leer. Sommerkleider trage ich nicht mehr. Ich bin zufrieden. Es ist nämlich so weit: Ich bin in der Lage mich aus mir selbst heraus zu wärmen. Trotzdem – gerade deshalb vielleicht? – fühlt er sich gut an, der Pulli. Kuschlig. Flauschig. Ich vermute einen Großteil Cashmere, der Blick aufs Wäscheetikett bestätigt mir das. Ich weiß nicht … steht mir das? Der Blick in den Spiegel zeigt mir zumindest, dass seine Farbe meine Augen endlich wieder zum Leuchten bringt. Es ist Herbst. Es ist wunderschön da draußen.

Was aus früher Jugend, und gleichzeitig die Warnung: Don’t keep it all inside

As Damien puts it …

In Gedanken ist man ja nicht immer so feinfühlig und beherrscht. Manchmal würde man gewissen Personen im Falle einer realen Begegnung gerne mal genau das an den Kopf werfen, was man sich nächtelang zusammengedacht und auf den Punkt gebracht hat. Nein, das ist ganz und gar nicht so fein, wie die Contenance das oftmals von uns verlangt. Man bleibt doch meist höflich, zurückhaltend, dezent. Aber kann man damit seinen ganzen angestauten Frust so ausdrücken, wie man sich wünscht, dass diese gewisse Person eben diesen Frust genau so am eigenen Leibe erfahren möge? Na? … Fail. Auf der ganzen Linie.

Ich habe ein seltsames Faible für T-Shirts, auf denen man sein momentanes, tagesabhängiges Statement buchstäblich auf die Brust geschrieben trägt. Vorteil: Man muss nicht über seine Verfassung sprechen, es ist ja weithin sichtbar, oder aber so dezent gehalten, dass es lediglich diejenigen Mitmenschen erfassen können, die man nah genug an sich heranlässt. Eine interessante Möglichkeit, gewissen Personen sein Statement aufzudrücken, ohne verbal ausfällig zu werden. „Hab ich ja nicht gesagt, steht halt nun mal da – wenn du das auf dich beziehst, deine Schuld! Aber hey – gute Auffassungsgabe, mein Lieber.“ Daher entwerfe ich zwischendurch immer mal wieder solche netten und auch sehr unnetten Sprüche, die ich mir auf einem T-Shirt wünsche. Zur Ausführung ist es bisher leider nie gekommen. Ich vermute, die intensive Beschäftigung mit der Textaussage selbst und deren möglichst passendes Erscheinungsbild auf einem Stück Textil führt zu ausreichender Auseinandersetzung mit der Materie und dem dahinterstehenden Frustgefühl, so dass die Umsetzung dann auch nicht mehr nötig ist. Selbst-Therapie vom Feinsten. Oder Zeitverschwendung. Das liegt immer im Auge des Betrachters.

Nun also für euch, mein neuster Entwurf für ein T-Shirt, ein eindeutiges Statement, was man von seinem Gegenüber halten mag, und gleichzeitig eine (weitere) Hommage an den großartigen Damien Rice:

Damien_2

So. Und nun? Wer möchte, kann versuchen, dieses „Zitat“ hier nachzuvollziehen.
Warnung: Sehr wahrscheinlich ist das nur in meinem Kopf treffend, geistreich und überhaupt. Ich jedenfalls höre immer die Klänge dieses Stücks, wenn ich an besagte gewisse Person denke. Entfruster par excellence. Danke, Damien.

Schlagloch

Es ist toll unabhängig zu sein. Es ist ein großer Schritt in die Freiheit, nicht einfach, aber machbar. Die Erkenntnis, sich selbst zu genügen, sich selbst zu achten und nicht davon abhängig zu sein, was andere über einen sagen und denken – großartig. Großartige Gefühle, die ich verspüre. Ich war schon immer irgendwie stark, auf meine eigene Weise. Auch wenn das nach außen selten so gewirkt haben mag. Eher verletzlich und einsam. Das rief immer wieder Beschützerinstinkte hervor – und verstärkte meine Unsicherheit. Mme Freud lässt grüßen. Es bleibt nun mal nicht aus nach gefühlten tausend Wochen Selbstreflektion und das ständige Reden über Fortschritte und Wünsche und Rückschläge und den ganzen Mist. Ich habe fleißig an meinem Wäscheberg gearbeitet, aber die Ergebnisse, die ich beim Durchwühlen fand, wollen mir nicht immer so gefallen.

So. Fein. Jetzt bin ich immer noch stark, auch nach außen sichtbar. Ich habe einen Weg beschritten, von dem ich vorher schon wusste, dass er nicht leicht sein wird. Heute hänge ich an ein paar Schwierigkeiten, stellen wir sie uns mal als Schlaglöcher vor, in die ich reingefallen bin. Hab mir ein wenig die Knie beim Stürzen aufgeschürft, was solls. Das werden nicht die einzigen Verletzungen bleiben im Laufe dieses Weges. Ich fürchte eher noch schlimmeres. Den Blick geradeaus, es geht weiter.

Aber nicht mehr heute. Heute mache ich eine Pause. Ich fühle mich heute klein und verletzlich und einsam. Ich wünsche mir gerade nichts mehr als jemand, der mich in den Arm nimmt. Ganz fest, ganz lange, ohne zu fragen. Der Preis dafür, stark sein zu wollen und das auch zu zeigen: Ich weiß nicht wohin. Statt dessen schicke ich meine Gedanken – die ich doch lieber mit einem Freund teilen sollte, in der Hoffnung, dass der mich einfach in den Arm nimmt und mich damit tröstet – statt dessen schicke ich das alles ins World Wide Web, raus in die Welt, wo sie ungehört, tja, und eben trostlos verschallen werden. Super Taktik.

Ich bin wohl doch noch nicht so weit. Mir kommt gerade der Gedanke, dass Starksein vielleicht auch heißt, Schwäche zuzulassen und Trost zu suchen. Na gut, dann dreh ich mal noch ne Runde. In der echten Welt. Die Sonne scheint.

Der großartige Damien Rice und Lisa Hannigan

Happy ½ year – ach, doch nicht…

So ist das eben, wenn man sich vornimmt, einen Artikel zu einem ganz bestimmten Datum zu schreiben: Entweder fehlt die Zeit oder die Idee. In meinem Fall heute fehlt irgendwie beides. Aber ich will. Und ich werde. Ich bin schon dabei. Und ich stelle gerade fest: Ich bin voll schlecht in Mathe. Es ist eben kein halbes Jahr, es sind, äh, fünf zwölftel eines Jahres. Ach verflixt. Und es ist trotzdem feiernswert, sag ich.

Heute auf den Tag ist es also ein halbes Jahr fünf Monate her, dass ich den Entschluss, einen eigenen Blog zu erstellen, in die Tat umgesetzt habe. Getrieben dazu hat mich die zunehmende Beschäftigung mit Blogs und das Bedürfnis, meinem Herzen endlich mal ungezwungen Luft zu machen in einer Form, die ich am besten von allen Möglichkeiten der menschlichen Kommunikation beherrsche. Denn es ergaben sich im Vorfeld Dinge, mit denen ich nicht wirklich gut zurecht kam, über die ich aber auch nicht wirklich reden konnte. Und was soll ich sagen, nach einem halben fünfzwölftel Jahr bloggen? Es macht Spaß, es befreit, es tut unheimlich gut. Und weil ich das primär für mich getan habe, macht es mich umso zufriedener, dass ich unter euch ein paar Leser gefunden habe, die bereit sind, meine Gedanken und damit mein Innerstes zu teilen. Danke fürs Lesen, für eure Kommentare und Likes. Das tut mir sehr, sehr gut.

Und wer die kleine Mme Contraire genauer verfolgt, der stellt fest, dass sich einiges zum Positiven entwickelt hat. Mein Leben nimmt gerade, zugegebenermaßen, seltsame und teilweise komische Wendungen an. Das ist nicht immer harmoniefördernd, aber ich fühle mich bisher gut dabei. Ich mag den wandelnden Widerspruch, viel mehr als zu Beginn. Das strenge Fräulein Contenance fühlt sich  ziemlich in die Ecke gedrängt. Ja, da sieht sie mal, wie das ist!

Stolz kann ich zudem berichten, dass die Telek♥m nach meiner letzten „bösen“ E-Mail weder angerufen noch an meiner Tür geklingelt hat. Es tut sich was. Und ich habe mittlerweile bestimmt mehr Themen, über die ich schreiben kann – und werde! -, als die!

Der persönliche Fortschritt beweist sich, für mich jetzt, auch gerade darin, dass ich dieses Geschreibsel trotz meines Rechenfehlers in die Weiten des Internets schicke. Hätte ich vorher nie gemacht! Hätte mein Perfektionismus zu verhindern gewusst. Und Contenance, du hältst jetzt mal gepflegt die Klappe.

Nun denn, auf das nächste halbe, fünfzwölftel, achverflixtisdochschietegal! Auf die nächste Zeit. Feiern kann und soll man am besten immer. Be happy

 

Kacke, es war nicht mal der 50. Artikel zum Fünfmonatigen. Was solls. Wo kämen wir hin, wenn ich mich hier so wahnsinnign ernst nähme!

Mädchen…

…sein ist toll. Doch, wirklich! Mit diesem Gedanken bin ich heute aufgewacht. Habe mich ein bisschen mehr als sonst für die Arbeit rausgeputzt. Ein wenig öfter als sonst in den Spiegel geblickt. Mal dezenten Lippenstift ausprobiert. Fein fühlte sich das an! Und dann auch noch Sonne! Die Hormone führen gerade einen regelrechten Veitstanz in mir auf, es ist unglaublich.

Ein Kollege fragt mich, wie ich meine Nägel so schön lackiert bekomme (er hatte seine Brille nicht auf) – wenn er das bei seiner Tocher macht, sieht das immer ganz schrecklich aus. Mein Tipp lautet: zwei Mal, mit schnelltrocknendem Lack. Wieder einen Kleinmädchentraum vom alleskönnenden Papa gerettet. Und nebenbei den häßlichen babyrosa Nagellack losgeworden.

Einen Schokoriegel geschenkt bekommen. Zum Weltfrauentag. Das Leben ist schön.

Ich darf so viele Schuhe haben, wie in den Schuhschrank passen. Diverse Geheimverstecke habe ich sowieso schon gefunden und besetzt. Ich darf bunte Farben anhaben und niemand hält mich für schwul, wenn ich pink trage. Oder Puder benutze. Ich dürfte sogar ab und zu zickig sein, wenn ich denn wollte, und niemand wäre mir lange böse.

Angesichts der vorgenannten Oberflächlichkeiten müsste ich jetzt normalerweise das große Erbrechen bekommen. Bleibt aber aus. Weil ich ein Mädchen bin. Weil ich in der westlichen Welt lebe und mir keine Sorgen um Genitalverstümmelung machen muss. Oder Verschleierung. Oder Missachtung meiner Grundrechte. Echt jetzt. Und weil meine Hormone Tanzwut haben.

Das Konterprogramm: Gestern hörte ich mal wieder einen Song von James Blunt im Auto. „No Bravery“ geht durch Mark und Bein, wenns einem mal wieder zu gut geht. Blunt verarbeitet darin seine Erlebnisse während seiner Stationierung im Kosovo. Mich trifft es jedes Mal wieder, ich muss es mir dann meistens zwei Mal hintereinander anhören: einmal zum laut mitsingen und einmal zum stillen Lauschen. Großartig traurig. Großartig.

„Buon Giorno Principessa!“

Seit einiger Zeit höre ich zu jeder Gelegenheit einen Klassik-Radiosender. Leichte Unterhaltung, vieles wiederholt sich, und hin und wieder gibt es auch schöne Filmmusik aus bekannten Filmen. Nicola Piovani hat den Soundtrack zu Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ komponiert, und ein Stück daraus lief eben kürzlich im Radio.

Ich liebe diesen Film. Ich liebe die Musik. Ich habe eine unglaubliche Gänsehaut bekommen, als ich das Stück wiedergehört habe. Eigentlich kann und will ich kaum viele Worte verlieren über Roberto Benignis Werk aus dem Jahr 1997 –  eine anrührende Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Guido und seiner „Principessa“, Dora, während der Faschismus in Italien auf seinen Höhepunkt zusteuert.

Daher gibt es an dieser Stelle dieses wunder-wunderbare Stück aus dem Film, „Buon Giorno Principessa“.

Den ganzen Soundtrack von Nicola Piovani zu „La vita è bella“ mit einigen Sequenzen aus dem Film gibt es hier. … Genug der Worte, irgendwie stellen sie mich heute so gar nicht zufrieden. Lieber anhören und fühlen. Und natürlich bei Gelegenheit den Film anschauen.

Quid novi?

Und dann gehst du einfach hin, lässt Gedanken Gedanken sein und tust es einfach. Spontan sein kann echt schön sein!

Tatsächlich, so schnell geht es, wenn man einfach mal was tut, anstatt immer nur darüber nachzudenken. Mme Contraire war heute im Reisebüro und hat eine kleine feine Reise über ein verlängertes Wochenende gebucht. Nicht groß gefragt, nicht lang gefackelt, und schon stand ich wieder draußen, die Flug- und die Hotelbestätigung in der Hand.

Und so lerne ich langsam, auch mal meinem Ich gegenüber großzügig zu sein, es zu beschenken und zu beaufmerksamkeiten. Die letzte Zeit war überraschend positiv, es gibt zwar immer noch Dinge, vor allem Gedanken, die mich verwirren und mir den Blick in die zukunft verwehren. Aber alles in allem fühle ich mich wohl. Sehr. Was gibt es Neues?

Arbeit. Die letzten zwei Wochen habe ich mich extrem reingekniet. Mir selbst mehr Druck auferlegt, und siehe da, es hat funktioniert. Sogar ein paar Sonderschichten am Wochenende war ich nicht abgeneigt (und wenn ich jetzt nicht so müde wäre, würde ich weiterarbeiten). Ich bin so zufrieden, wie schon lange nicht mehr in meinem Job. Es läuft. Ich tu und ich kann was. Ich mach das gut. Wenn ich jetzt noch schaffe, meinem Chef klarzumachen, dass Wochenend-Schichten eine freiwillig erbrachte Leistung ist, um den einen oder anderen Hintern zu retten (und nicht mal meinen eigenen!), dann, ja. Dann passt’s.

Schreiberei. Den Vortrag habe ich seit Wochen schon fertig und hätte mich dann ganz nach Plan zurückziehen wollen. Jetzt hab ich aber auch noch die Aufsicht über die Performance. Doch das ist weniger Arbeit und mehr Vergnügen – auch das läuft gut. Ich bin schon ganz aufgeregt…

Neues. Juhu, ich bin jetzt auch stolzer Smartphone-Besitzer. Mehr muss ich, glaube ich, nicht dazu sagen. Ansonsten neu ist die Erkenntnis, dass alles, wirklich alles einmal ein Ende hat. Schluss is mit der Sucht, und ich hoffe, ich halte dieses Mal wirklich daran fest.

Fortschritt. Rückschritt. Zwischenschritt. Egal. Am Ende komme ich dort an, wo ich hin will. Wo auch immer das ist. Das ist die nächste Aufgabe, eben das herauszufinden.

Hier noch etwas Wiederentdecktes für ein entspanntes, zufriedenes, mit angebrachtem Schwermut versehenes, aber durchaus schönes Wochenende:

Maurice Ravel: Pavane pour une infante défunte