The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.

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Schmerzgeschenk

Was passiert eigentlich mit zugefügten Schmerzen? Die gehen weg, sagt man. Die heilen aus. Aber wo gehen die hin? Die verreisen doch nicht einfach. Sie verschwinden, manche schneller, manche unendlich langsam. Narben zeugen meist von ihrer verblassenden Existenz. Und irgendwo ist dieses Schmerzauffanglager, eine Unterabteilung der Seelenmüllhalde. Was geschieht dort mit dem Schmerz, dem vergangenen, vergessenen? Er wird sortiert, recycelt. Aus manchem werden Bausteine gepresst, mit der das Bauwerk namens Lebenserfahrung unterfüttert wird. Guter, stabiler Schmerz, der sich zwischen Erkenntnis und Erfahrung mauern lässt. Mancher wird plattgewalzt und auf die Krater gelegt, die er hinterlassen hat. Unnötiger Schmerz. Ein Abschluss meist selbstverschuldeter Dinge. Die Schmerzplatte ist so robust und fest, dass man bedenkenlos über das darüber gewachsene Gras laufen kann. Ob man Erkenntnisse darauf bauen sollte … ich weiß nicht, auf ein hohles Fundament? Es kann funktionieren. Aber auch einstürzen.

Schmerzreste gibt es auch, die beim Pressen und Walzen und Behauen entstehen. Die sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Manche Querschläger schießen hin und wieder direkt ins Herz während des Umformens, auch wenn der Schmerz schon uralt und längst vergessen scheint. So mancher Partikel gelangt auf diese Weise in den Kopf und nistet sich dort ein. Man kann von Glück sprechen, wenn er sich nicht entzündet und schließlich wahnsinnig macht. Besser, wenn man nicht allzu eifrig ans Werk geht, ruhig und mit Bedacht arbeitet und am besten noch Schutzkleidung trägt bei der Schmerzverarbeitung.

Die unbrauchbaren Reste – was macht man damit? Manche lösen sich auf, in Whisky, in Ablenkung, manche lassen sich letztendlich weglachen, wegtrösten, sanft wegkuscheln. Manchmal, ganz selten, werden Schmerzreste in unauffällige kleine Kistchen verpackt – wohin auch damit? – und man neigt dazu, diese Kistchen irgendwo da draußen abzustellen. Mitzubringen, als Gastgeschenk sozusagen. Soll sich doch ein anderer drum kümmern. Soll sich doch jemand anders mal genau so verletzt fühlen. Die Kistchen explodieren, wenn man versucht sie zu öffnen, und so verteilen sich die Schmerzpartikel granatensplitterartig und ohne Rücksicht. Deckung, dieser Angriff bedeutet meist unerbittlichen Herzkrieg. Man kann nur hoffen, dass die auf Schmerz gebaute Erkenntnis rechtzeitig davon abhält, diese kleinen Schmerzbomben unter die Leute zu bringen.

Habe ich auch schon Schmerzkistchen verschenkt? Habe ich auf diese Weise versucht, diese pochenden Splitter loszuwerden, anstatt zu versuchen, sie wegzulachen, wegtrösten zu lassen? Schmerzgranaten, wo Herzgeschenke angebracht gewesen wären? Ich hoffe so sehr, dass ich trotz aller Auf- und Umarbeitung nie vergesse, wie sich so was anfühlt.

Be pineapple!

Es ist hart, so hart zu sein, wie es die momentane Situation erfordert. Eben noch verzweifelt vor einem Riesenberg Wäsche, dann plötzlich befreit und erleichtert, aber mit allen Konsequenzen.  Die aussortierten Teile haben zwar begriffen, warum sie aussortiert wurden und dass es kein Zurück mehr in meinen Kleiderschrank gibt (in dem davon abgesehen sowieso kein Platz ist, bevor ich nicht den nächstgrößeren Schrank bezogen habe). Aber sie quäken noch und stinken ganz fürchterlich. Je länger sie verharren, desto schlimmer wird es. Sie müssten mal raus an die frische Luft – ist ja nicht so, dass sie unbrauchbar wären, sie passen mir nur einfach nicht mehr. Ich mag sie nicht mehr haben.

Und jetzt stellen sie auch noch Ansprüche. Entschädigung ob des verlorenen Platzes im Kleiderschrank. Völlig überzogen, meint die Waschfrau. „Bleiben Sie hart! Sie haben so gut gearbeitet“, ermutigt sie mich. Die nächsten Schritte stehen schon fest, erst mal zurück und aufräumen, putzen, alles wieder herrichten, was in der letzten Zeit verfallen und vergammelt ist. Herzpflege betreiben, Zukunft erfühlen, Freiheit genießen. Und eben viel arbeiten. Gestern, als Worte nicht mehr halfen,  habe ich die letztens beschriebenen härteren Bandagen rausgekramt und den aussortierten Stinkeberg mal sanft angestupst, damit er sich mal bewegt. Am besten weit weg. Sollte das nicht helfen, müsste ich mal mit der Mistgabel ran, aber auch da hab ich einen erfahrenen Mistgabelfachmann an der Seite, der weiß, wie sie effektiv zu führen ist. Am Blutvergießen liegt mir nichts, das befleckt nur die eigene Seele. Aber ich lass mir auch nicht mehr das Herz aus dem Leib und die restlichen Klamotten, die mir geblieben sind, vollends runter reißen. Irgendwo gibt’s Grenzen der Gutmütigkeit. Peinlich vor allem, wenn man im Nachhinein hört, dass der Klamottengestank anderen schon unangenehm aufgefallen ist. Hat sich bloß keiner getraut mal was zu sagen.

Dazwischen immer wieder mal Lichtblicke. Heute Abend gilt’s, mal wieder Mädchen zu sein und vor allem kulinarisch die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Es lebe die Ananas!

… and I feel good …

It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life – naja so ähnlich. Kennt ihr Avenger Duck? Bei uns in Deutschland kennt man ihn als Phantomias, den etwas tollpatschigen Retter der Schwachen – gut, es ist schon Jahrzehnte her, dass ich Disney-Comics gelesen habe, aber heute, da fühlte ich mich als hätte ich ein schwarzes Cape, eine Avenger-Duck-Maske und einen schicken Avenger-Duck-Anzug mit dicken Turnschuhen. Und es tat gut!

Ich war heute fleißig, habe mich endlich an ein Stück Wäsche getraut, das da schon lange vor sich hinstank und gammelte. Die Gelegenheit war gut. Ich habe es begutachtet – lange schon war ich im Begriff , etwas daran zu ändern, es aufzuarbeiten, endlich einen Abschluss zu finden. Und heute war also dieser Tag, als das Wäschstück vorwitzigerweise aus dem Wäscheberg lugte und ich quasi darüberstolpern musste. Ich habe abgerechnet. Und zwar allein, meine Waschfrau hat sonntags frei. Es war … befreiend. Es geschah souverän. Es war Avenger Duck, vielleicht körperlich nicht allzu stark, dafür rhetorisch um so mehr. Diesen Kampf habe ich gewonnen, habe mich von diesem verlausten stinkigen Kleidungsstück getrennt und – ich fühle mich gut dabei. Es war so nötig. Und es war so gut, dass ich es so lange habe liegen lassen. Meine Gedanken haben sich bis zum heutigen Tag, an dem sich die Gelegenheit bot, soweit selbständig formuliert, so dass es am Ende eigentlich klar war, wer hier gewinnen wird. Yes.

Das absolut passende Lied für den heutigen Tag:

It’s a new life. Der erste, nein, die ersten Schritte sind getan. Die neue Haarfarbe ist schmückendes Beiwerk. Good bye blonde. Ab heute trage ich Avenger Duck bei mir.

Un¦selbst¦über¦windung

Meine Waschfrau klopft mir auf die Schulter, aufmunternd. Sie sagt nichts, alles andere würde ich ohnehin gerade nicht hören wollen. Ich sitze vor einem Berg Wäsche, riesig ist er, sagt mein Gefühl, und heule wie ein Schlosshund. Vielleicht ist das objektiv betrachtet gar nicht so schlimm, aber gerade jetzt, subjektiv wie es mir nun mal einzig möglich ist, glaube ich, ich schaffe das nicht. Niemals nie.

Ich saß schon öfter vor gefühlt riesigen Bergen und wusste nicht, ob ich sie bezwingen werde. Wie sich Verzweiflung anfühlt, das weiß ich. Also Augen geradeaus, angepackt und durchmarschiert und plötzlich, ja, plötzlich war ich ganz oben. Im Rückblick sind all diese bezwungenen Berge lächerlich klein gewesen. Abitur, Studium, Diplom. Praktikum, Job, Eigenheim. Und so vieles mehr. Rückschläge gab es, aber sie waren selten. Ich bin es gewohnt, bin bisher ein erfolgreicher Bergsteiger und -bezwinger gewesen.

Und jetzt? Ich sitze immer noch vor dem Wäscheberg, verheult und unfähig, und weiß nicht, wie und wo ich anpacken soll. Am liebsten würde ich all den Kram in Tüten stopfen und ungesehen wegwerfen – jemand anders freut sich vielleicht noch darüber. Aber die Entsorgungstaktik geht bekanntlich nicht auf. Das ist mein Leben, das da vor mir liegt, und es gehört unbedingt ausgemistet und neu geordnet. Es einfach wegzupacken und irgendwo, irgendwie etwas Neues anzufangen, das geht nun mal nicht. Ich würde daran zerbrechen. Zu einem Neuanfang gehört nun mal jede Menge dreckige Wäsche, sagt meine Waschfrau. Ach Mensch.

Wenn ich dann, wann auch immer das sein wird, auf dem erklommenen Berg stehe, relativiere ich das Ganze hoffentlich nicht gleich wieder und erinnere mich immer an das,  was ich jetzt gerade empfinde. Auf dass ich zukünftig gleich mehr Ordnung halte in meinem Leben. Damit mir das hier so schnell nicht mehr passiert.

Hello Goodbye – edit

Der vorletzte Tag des Jahres 2012. Eigentlich Blödsinn, von „Jahresende“ und „Neuanfang“ zu sprechen – es geht ja doch immer weiter, kein Reset, kein Zurückblicken-und-Bessermachen. Das Rad dreht sich unaufhörlich. Geschehen ist geschehen, wir müssen mit gemachten Erfahrungen und den daraus entstandenen Narben weiterleben.

Ein paar Highlights aus 2012 gefällig? Nicht, dass ich allen Ernstes fragen würde, hier sind sie:

Freundschaft schrieb sich dieses Jahr ganz groß. Unglaublich schön zu spüren, auf wen man zählen kann, und auch, dass man sehr auf mich gezählt hat. Ein Geben und Geben ist Freundschaft. Gute Gespräche habe ich geführt, und mir ist, als könne ich das erste Mal in meinem Leben sagen, ich habe über wirklich alles reden können, was mich beschäftigt. Rar gesät sind solche Menschen, mit denen man am liebsten alles, alles teilen möchte, was sich im Laufe von Jahren in Herz und Hirn angesammelt hat. Und das muss unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen, sonst ist es ineffizient. Zwillingsseelchen, in diesen Zeilen steckt ein Lächeln ganz allein für Dich!

Premieren gab es dieses Jahr auch, und zwar nicht wenige, ich bin selbst überrascht, dass mein Schatten wohl doch nicht zu groß ist, um drüberzuspringen. Ein wenig als Mut getarnter Leichtsinn, ein wenig Anstacheln von außen, eine Prise neu gewonnenen Selbstbewusstseins, und schon ist man mittendrin statt nur dabei. Seither weicht das „Ich kann aber nicht“ immer öfter einem „Ich probier’s halt mal“, und damit lebte es sich dieses Jahr ganz gut.

Fies ist es, wenn sich eine Katastrophe auf Samtpfoten anschleicht und sich zunächst verschmust und freundlich gibt. Und wider besseren Wissens lässt man sich dann doch vom hypnotischen Schnurren betäuben und reicht der Katastrophe die Hand, in Erwartung weichen Fells und einer rauen Katzenzunge. Stattdessen schlägt sie einem die Krallen ins Fleisch, und erst später, viel später, stellt man fest, dass sie einem die ganze Zeit schon in die Schuhe gepinkelt hat, nur dass man‘s nie bemerkt hat. Oder nicht bemerken wollte.  Wer sein Vertrauen so leichtfertig verschenkt, der verdient es nicht anders.

In dieser Sache hoffe ich einerseits auf persönliche Konsequenzen, die ich gleichzeitig fürchte: ich will nicht mit einem verkrüppelten, enttäuschten Herzen leben, ich will aber auch nicht verletzt werden. Ich setze daher mal auf meine mir eigene Unbelehrbarkeit in Verbindung mit etwas Glück.

Aussichten für 2013: Weitermachen, aber nicht um jeden Preis. Dinge überdenken, und seien sie noch so alt und eingefahren. Neue Wege finden und sie eventuell sogar beschreiten. Noch mehr lesen und lernen. Also raus aus der Routine und rein ins Leben. Ich bin jetzt schon gespannt, was ich in 365 Tagen darüber sagen kann.

P.S.: Ja, ich habe editiert. Manche Dinge benötigen Abstand, um sie klar zu sehen, manche benötigen viel mehr Nähe, um sie zu verstehen. Verstanden habe ich nicht wirklich, allzu klar sehe ich auch noch nicht. Aber ich bleibe optimistisch und setze meine Hoffnung – wieder einmal – auf dieses neue Jahr. Nix zu verlieren – und alles. Man wird es erleben.

Seelensiff

Ungewollte, abgelebte Gefühle, nie zu Ende gedachte Gedanken, Worthülsen… das alles warf ich einst hinter mich, in den Abgrund, auf die Seelenmüllhalde. Wird schon verrotten und verschwinden, dachte ich. Anfangs habe ich noch getrennt und schön sortiert. Aber jetzt schmeiße ich alles nur noch blind über die Schulter. Schmerz? Weg damit. Kummer? Ab dafür. Klappe uff, Dreck rin, Klappe zu.

Leider quillt der Müllberg gerade über. Ich habe in letzter Zeit zu viel in der Abfallgrube entsorgt, so schnell kann das gar nicht aufbereitet werden. Aktuell geht die Klappe nicht mehr zu und es stinkt erbärmlich nach altem, rottendem  Seelensiff. Seufz.

Also bin ich mal runtergestiegen, mit einem Stock bewaffnet, und habe etwas im Müllberg gestochert, damit das ganze etwas sackt. Dass wenigstens die Klappe zu bleibt und mir nicht ständig diese ätzenden schmeißfliegenartigen Seelenfragmente um die Ohren surren. Als würde ich in ein Wespennest stechen. Da, jetzt hab ich den Müllsack mit dem Soundtrack der letzten Wochen aufgeschlitzt und der Schmodder strömt nur so heraus … I will make you hurt … Meine Güte.  … We could have had it all …Echt eklig, noch mal mit all diesem Mist konfrontiert zu werden … F*ck you and all we’ve been through … Ich muss gleich kotzen.

Ich könnte eine Schaufel gebrauchen, um die vollgestopften Müllsäcke plattzudreschen. Wenn‘s wenigstens Säcke mit vollgeheulten Taschentüchern wären. Die hätte man auch verbrennen können. Aber nein, viel zu einfach. Ich musste ja das gesamte Inventar eintüten und entsorgen. Filmsequenzen. Buchpassagen. Wort- und Gedankenfetzen aus Briefen und Kurznachrichten. An den Sack da ganz hinten in der Ecke traue ich mich gar nicht erst heran. Die darin verpackten Emotionen quieken sogar noch, die Empfindungen brizzeln und brazzeln vor sich hin wie Zitteraale. Ich wundere mich, dass der Müllsack nicht schon längst geschmolzen ist, so wie das da drin glüht und Funken sprüht. Muss asbesthaltig sein.  Einen Eimer Eiswasser bitte.

Ein kleiner, zugeschnürter Beutel fällt mir in die Hand. Darin puckert es. Leise. Sanft. Herrje, das ist mein Herz, es lebt noch, und ich habe es weggeworfen. Armes geschundenes Ding, man sieht dir deutlich an, dass du strapaziert wurdest. Ich nehme es wieder mit nach oben und werde  es ein bisschen pflegen. Es hat mir gefehlt. Vielleicht werde ich damit wieder etwas mehr ich selbst.

Ein wenig Platz ist jetzt geschaffen, die Klappe geht wieder zu und es stinkt nicht mehr so arg. Ich nutze die Gelegenheit und werfe mein dummes stummes Handy noch hinterher. Das passt jetzt da noch rein. Und das brauch ich, im Gegensatz zu meinem Herzen, ja nun wirklich nicht mehr.