Lebensrucksack

Sieh sie dir an, wie sie auf dem Schulhof rumstehen. Die Kids mit ihren Schultaschen, die Älteren, die aufgesetzt lässig ihren Rucksack von einer Schulter baumeln lassen. Mein inneres Auge betrachtet sich heute die Menschheit und die Behältnisse, in denen sie ihre jeweiligen Sorgen mit sich trägt. Jeder hat sie, jeder trägt an ihnen, und das auf so vielfältige Weise.

Last und Überlast

Da ist zum Beispiel der ganz Korrekte, der Streber. Er trägt seinen kompakt gepackten eckigen Sorgenbehälter auf dem Rücken, ein Vorbild an Ergonomie. Breite Riemen auf beiden Schultern, damit das Gewicht gleichmäßig verteilt ist und nicht einschneidet. Ja, derart gut ausgerüstet und vorbereitet kann man bequem durchs Leben wandern. Andere tun sich da schwerer. Da läuft gerade einer durchs Bild, mit einem riesigen, aufgetürmten Rucksack, an dem er sich fast kaputt schleppt. So viele Sorgen hat er eingepackt für seine Reise, er scheint sich nicht entscheiden zu können, was davon mitzunehmen wichtig ist. Oder hat er für andere mit eingepackt? Ich würde ihm wohl raten wollen, den ganzen Sack auf den Teppich zu leeren und nur das Wesentliche mitzunehmen, das Unvermeidbare. Aber er würde mich nur müde anlächeln. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache.

Ein junger Mensch geht vorbei, er trägt sein halbgefülltes Rucksäckchen lässig an nur einem Riemen an der rechten Schulter. Er stört sich gar nicht daran, dass sein Sorgenbehälter hinter ihm her schlackert, man könnte meinen, er trägt sehr leicht daran. Er verharrt kurz an der Haltestelle, den Rucksack locker zwischen die Füße gestellt. Im nächsten Augenblick müsste der Bus kommen, und mir scheint fast, der junge Mensch möchte seinen Rucksack versehentlich vergessen, wenn er in den Bus steigt, so vernachlässigt kommt mir das Behältnis vor.  Aber nein. Er schultert den Rucksack wieder, denn trotz aller Lässigkeit erkenne ich, dass er Verantwortung trägt. Und weiter geht seine Reise.

Von Päckchen und Tüten

Manche sehe ich, die tragen ihre Taschen auf den Armen. Eine Frau umklammert ihr Bündel, sieht gehetzt von links nach rechts, am liebsten würde sie es unter ihren weiten Klamotten verstecken. Hoffentlich sieht ihr niemand hinein. Eine andere geht gemessenen Schrittes, wiegt ihr Päckchen auf den Armen und lächelt es an. Wie glücklich sie aussieht. Sie und ihr Päckchen, eine verschmolzene Einheit, untrennbar akzeptiert, gehegt, gepflegt. Da stellt sich ihr eine andere Person in den Weg, hält ihren Korb mit weit ausgestreckten Armen von sich. Sieh hinein! ruft sie der Frau mit dem Herzenspäckchen entgegen. Sieh hinein und nimm den Korb! Nimm ihn von mir weg! Doch niemand erbarmt sich, jeder trägt seinen eigenen Rucksack, wohin denn noch mit einem fremden Korb? Der mit dem riesengroßen Reisesack schaut neugierig dem Korb hinterher, er würde ja mal reinschauen und vielleicht das eine oder andere herausnehmen, um es in seinen übervollen Sorgensack zu stopfen. Ein bisschen Platz ist immer.

Was kommt denn da? Eine Louis-Vuitton-Tasche schiebt sich vor mein geistiges Auge. Die war bestimmt teuer. Wer sich die für seine Sorgen leisten kann, hat teuer bezahlt, scheint mir. Beneidenswerte Luxusprobleme? Sie geht ganz nah an mir vorbei und ich erspähe darin eine mitgenommene schmutzige Plastiktüte vom Discounter. Ein sanfter Hauch von Trauer und Leid entströmt. Nein, tauschen möchte ich nicht. Um die Ecke biegen zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer mit einem unglaublichen Leibesumfang, daneben geht sein fast magersüchtig anmutender Begleiter. Beide tragen Tüten im Arm, greifen ständig hinein und futtern und kauen und schlucken, ohne Unterlass. Der eine kippt etwas Flüssigkeit aus einer braunen Flasche hinterher. Und ihre Tüten werden niemals leer, so sehr sie sich bemühen, ihren Inhalt in sich hineinzufressen, ihn auf diese Weise eliminieren zu wollen. Bei dem einen schlägt es sich direkt nieder, der andere scheint ein Magengeschwür zu haben, oder eine Art Unverträglichkeit, so dass ihn das, was er in sich hineinstopft, seinerseits von innen her aufzehrt.

Meine Tasche

Ich verlasse meinen Platz in dem kleinen Café vor der Schule und nehme meine Umhängetasche. Ich trage sie an meiner rechten Seite, die Hand immer wie zum Schutz darauf gelegt. Manchmal, wenn sie mir zu schwer erscheint, wechsle ich die Schulter, das geht auch, aber es fühlt sich eigenartig fremd an. Meine Schulter weiß sie schon zu tragen. Manchmal spüre ich sie gar nicht, dann sehe ich hinunter, sie ist da, unter meiner Hand, und es ist alles gut. Wie ich wohl auf andere wirke? Ob sie mich auch mit einem riesigen Lebensrucksack laufen sehen? Oder mit einem Päckchen auf dem Arm, versteckt oder offen getragen? Es ist mir gleich; ich trage meine Umhängetasche an meiner rechten Seite, meine vergewissernde Hand ruht auf ihr, und es ist gut so.

Credits
Das Thema Lebensrucksack wurde mir als inspirierender Funke in mein Hirn gestreut von einer lieben Freundin, der ich hiermit danken möchte, dass sie meine Umhängetasche öfter mal sichtet und ich dafür ihre babysitten darf. Grand merci, ma chère!

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Ihr Könnt Es Ahnen …

… denn es ist wie es ist: Ich liebe schwedische Möbelhäuser. Gerade jetzt im Herbst, wenn sie mit ihren niedlich eingerichteten Kuschelwohnlandschaften und Knuddeleckchen auch für die kleinste Wohnung locken. Heute gehe ich nach Feierabend hin (bad idea, ich weiß), weil ich für Muttern zwei weitere Vorhänge kaufen soll, die sie beim letzten Besuch vergessen hatte. Mach ich doch glatt. Nach Feierabend in den Herbstferien (superbad idea). Vielleicht kann ich mir ein wenig Inspiration für die heimische Baustelle suchen. Denke ich und beginne entspannt bei der Polstermöbelabteilung. Echt, schöne Kuschelsitzgelegenheiten. An mir strömen Menschen mit kleinen blonden quengelnden Kindern durch die Gänge. Echt süß, diese Zusammenstellungen hübscher und unpraktischer Möbel in Kombination mit unnützer Deko und hässlichen Stilelementen. Ich Kann Es Ab. Und da steht es, das Objekt meiner Träume. Ein Lesesessel. Ein nostalgisch anmutender Ohrensessel mit passendem Fußhöckerchen. Ich … muss … mich einfach reinsetzen, mein Gott ist der toll. Und bequem. Und bezahlbar … Ich lasse die gewonnenen Eindrücke seit Betreten des Möbelhauses revu passieren:

Viele Pärchen fallen mir auf. In allen Altersklassen, doch immer haben sie dies gemeinsam: Sie schaut sich um, lächelt, schaut sich wieder um, strahlt vor Glück, ihre Gedanken sind so greifbar wie diese … was ist das eigentlich auf dem Glastisch vor mir? Eine Vase? Ein Serviettenhalter? Ihr Kopf richtet gerade die erste kleine gemeinsame Wohnung ein mit Ektorp und Billie, sie füllt das zukünftige Kinderzimmer mit großen Federkissen bis zur Decke, sie verlegt kuscheligen petrolfarbenen Teppichboden im gesamten Großfamilienhaus … aber am meisten bringt sie zum Strahlen, dass ER mitgegangen ist. Und er schaut nicht herum. Er schaut geradeaus und schaut sie immer wieder an. Er lächelt auch. Weil sie lächelt. Und vergisst, dass er einkaufen eigentlich total öde findet. Alles, was sie will, und sei’s der bonbonrosa Bettvorleger. Manche bleiben unvermittelt stehen, mitten im Gang, sehen sich in die Augen, sagen sich wortlos, was sie gerade dachten, völlig unerheblich, ob der andere es versteht. Ein Küsschen. Weiterstrahlen. Ich freu mich mit, und nur ein ganz winzig kleines Bisschen Wehmut kommt dabei auf.

Ich stehe aus dem Sessel auf. Nicht heute, aber bald, sage ich ihm. Jetzt aber schnell zu den Vorhängen, eine Etage tiefer. Dazu muss ich mich durch das gesamte Wohnprogramm schlängeln, immer wieder halten mich Kinderwägen auf und Kinder, die plötzlich vor meinen Füßen auftauchen. Ich muss mir den Weg bahnen, Abkürzungen zwischen Couchtischen und Umwege in Kauf nehmen. Die Massen schieben sich vor mir her, wo hatten die sich die ganze Zeit versteckt? Gerade war es noch gemütlich … Es stresst mich, merke ich, meine Schritte werden schneller, ich erlaube mir nicht mehr stehen zu bleiben – ich brauche schließlich nichts. Nur diese Vorhänge. An der Kinderrutsche, runter ins Warenlager, stauen sich die Eltern, wie komme ich da jetzt durch, durch diesen Wust aus Kinderwagenhalter und Windeltaschenträgerinnen, gepaart mit dem nicht wirklich anregenden Küchenduft aus der angrenzenden Kantine? Unten wird der Weg zum Ziel noch anspruchsvoller, denn hier gibt es Einkaufswägen zu leihen. Und schon habe ich einen in den Hacken, ein weiterer versperrt mir den Weg und ich muss ausweichen. So geht das eine Weile, bis ich die besagten Wunschartikel gefunden habe. Ruckzuck auf den Arm gestapelt und ab zur Kasse. Nein, keine Kerzen. Keine Dekoblumen. Und erst recht keine Servietten! Ich – schaffe – das! Obacht, Kind von rechts, Einkaufswagen von schräg links hinten, und eine große Handtasche in meiner Nierengegend. Und immer wieder Pärchen. Auch hier ist die entspannte Wohnfreude einem etwas angestrengten Ringen um Contenance gewichen, wenn er sich mal wieder überhaupt nicht für die essentielle Frage – taupe oder sandfarben? – begeistern kann, ihr wiederum vorwirft, man hätte doch bereits genug Platzsets und vor allem einen Jahresvorrat an Tindra-Vanilleduftkerzen.

Endlich an der Kasse. Der junge Mann vor mir sieht so aus, wie ich mich fühle: angekämpft, mit roten Augen. Seine Freundin hat ihn ganz schön gescheucht für … zwei Teppiche, eine Kugellampe und zwei Päckchen Teelichter. Der Kassierer will nett sein. Als ich ihm zwei Zwanziger hinhalte, meint er: „Jepp. Fast.“ Und als ich mühevoll und ohne Blickkontakt einen Zehner aus dem Portemonnaie krame, sagt er: „Jaa, das hätten wir geschafft!“ Depp. Und nun steh ich da, die Vorhänge und Zubehör auf den Armen, müde, hungrig, wohntraumatisiert, an mir vorbei strömen Einkaufswägen mit blonden Tagesdecken drin, sie schieben Pfannenwender vor sich her und fahren Slalom um Billie und Ektorp, die sich zärtlich versöhnend auf die Schwimmkerzen küssen … Es ist wie es ist: Ich hasse schwedische Möbelhäuser.

Coda
Ich habe doch noch was für mich gekauft. Ein Päckchen Haferkekse. Es geht einfach nicht ohne ein Stück aus dem kuscheligen, schönen, oh so heimeligen die-Welt-ist-schön-Wohnparadies mit nach Hause zu nehmen. Hoffentlich isst die wer, sonst muss ich sie allein vernichten. In Gedanken tue ich das in meinem neuen, dem weltgemütlichsten Lesesessel, die Füße auf einem passenden Höckerchen, mit einer wärmenden Tasse Tee. Im Ofen flackert ein Feuer. Endlich zu Hause.

Mit¦mensch¦l¦ich

rant

Es sind die Menschen, die mich krank machen. Ich kranke an der Gesellschaft. Ich kranke an dem Miteinander, das man so, ja eben, mit¦ein¦ander pflegt. Es schüttelt mich, wie ein Fieber, es schmerzt wie ein Geschwür am Herzen,  an Leib und Seele, dieses Menschliche, dieses Miteinander, das doch irgendwie keines ist. Diese verkackte Menschheit. Wir alle kranken daran, unsere Beziehungen kranken an diesem Menschlich-Unmenschlichen. Immer noch eins drauf, beim Nicht-Achten des anderen und seiner Gefühle. Meine Mitmenschen und ich – so manches Mal fühle ich mich wie der Bajazzo, dem man ungestraft eins überbraten kann, dessen Gefühle die meisten einen Scheißdreck interessieren. Hat Er denn welche? Warum regt Er sich dann so auf? Tu Er seinen Job, bring Er uns zum Lachen!

Ja, genau so. Machen, tun, damit es anderen gut geht. Sorgen, kämpfen, klären, organisieren. Und dann glaubt Er tatsächlich, Er könne sein Herz darreichen auf einem Silbertablett, damit es entgegengenommen werde und erhört? Wundert Er sich tatsächlich darüber, dass man es lieber mit einer Fleischgabel zu traktieren und aufzuspießen geruht, anstatt ihm Beachtung zu zollen? Wo lebt Er denn? Auf dem Mond?! Lächerlich! Aber so ist Er nun mal, unser Bajazzo, dumm, ungebildet, weltfremd. Na los, erheitere Er uns mit seiner grenzenlosen Naivität!

Aber nein, aber nein! Du vergisst einmal wieder – wie so oft – , dass wir dir doch freundlich gesinnt sind. Du ergehst dich hier – schon wieder – in Selbstmitleid und versperrst dir selbst den Blick auf die Menschen, die dich achten, die dich lieben und schätzen, so wie du bist! Danke für die Erinnerung, hätt ich’s doch fast vergessen! Aber so ist das nun mal, wenn mir jemand weh tut, ist das für mich ein halber Weltuntergang und ich vergesse schlagartig, was um mich herum noch geschieht. Wenn man mich vergisst. Oder ignoriert. Oder mir auf eine – echt jetzt – liebevolle Geburtstags-SMS nicht mal ein „Danke“ zurückschickt, sondern nur ein „Bin nicht da“. Wenn sich jemand über die Missachtung seiner Person beschwert, weil ein im Vertrauen gesprochenes Wort dann doch so schnell an die Öffentlichkeit geraten ist – auch wenn es mich in diesem Fall mal nicht betraf, tut mir so ein Verhalten stellvertretend weh. Wahrscheinlich mehr als dem Geschädigten selbst. Kann mir mal jemand sagen, warum ich diesen verflixten Weltschmerz in mir tragen muss und nicht einfach glücklich sein darf? Jeden Tag was Neues, an dem ich kranken muss. Herrgott noch mal, es wär jetzt wirklich genug!

/rant

As Damien puts it …

In Gedanken ist man ja nicht immer so feinfühlig und beherrscht. Manchmal würde man gewissen Personen im Falle einer realen Begegnung gerne mal genau das an den Kopf werfen, was man sich nächtelang zusammengedacht und auf den Punkt gebracht hat. Nein, das ist ganz und gar nicht so fein, wie die Contenance das oftmals von uns verlangt. Man bleibt doch meist höflich, zurückhaltend, dezent. Aber kann man damit seinen ganzen angestauten Frust so ausdrücken, wie man sich wünscht, dass diese gewisse Person eben diesen Frust genau so am eigenen Leibe erfahren möge? Na? … Fail. Auf der ganzen Linie.

Ich habe ein seltsames Faible für T-Shirts, auf denen man sein momentanes, tagesabhängiges Statement buchstäblich auf die Brust geschrieben trägt. Vorteil: Man muss nicht über seine Verfassung sprechen, es ist ja weithin sichtbar, oder aber so dezent gehalten, dass es lediglich diejenigen Mitmenschen erfassen können, die man nah genug an sich heranlässt. Eine interessante Möglichkeit, gewissen Personen sein Statement aufzudrücken, ohne verbal ausfällig zu werden. „Hab ich ja nicht gesagt, steht halt nun mal da – wenn du das auf dich beziehst, deine Schuld! Aber hey – gute Auffassungsgabe, mein Lieber.“ Daher entwerfe ich zwischendurch immer mal wieder solche netten und auch sehr unnetten Sprüche, die ich mir auf einem T-Shirt wünsche. Zur Ausführung ist es bisher leider nie gekommen. Ich vermute, die intensive Beschäftigung mit der Textaussage selbst und deren möglichst passendes Erscheinungsbild auf einem Stück Textil führt zu ausreichender Auseinandersetzung mit der Materie und dem dahinterstehenden Frustgefühl, so dass die Umsetzung dann auch nicht mehr nötig ist. Selbst-Therapie vom Feinsten. Oder Zeitverschwendung. Das liegt immer im Auge des Betrachters.

Nun also für euch, mein neuster Entwurf für ein T-Shirt, ein eindeutiges Statement, was man von seinem Gegenüber halten mag, und gleichzeitig eine (weitere) Hommage an den großartigen Damien Rice:

Damien_2

So. Und nun? Wer möchte, kann versuchen, dieses „Zitat“ hier nachzuvollziehen.
Warnung: Sehr wahrscheinlich ist das nur in meinem Kopf treffend, geistreich und überhaupt. Ich jedenfalls höre immer die Klänge dieses Stücks, wenn ich an besagte gewisse Person denke. Entfruster par excellence. Danke, Damien.

Anzeigentexte

Ein frohes Neues Jahr, Gesundheit, Glück und Wohlstand
wünscht ihrer wohlgesonnenen Leserschaft

Mme Contraire

So würde ich wohl eine Anzeige formulieren, hätte ich eine größere, wohlgesonnene Leserschaft. Und eine geeignete Plattform dafür. Ob Allgemeine Zeitung oder Käseblatt, beim Lesen nehme ich mir zuerst den Anzeigenteil vor, um mich über wichtige Veränderungen bei mir auf dem Dorf und in der näheren Umgebung zu informieren. Angezeigt werden meist erfreuliche Begebenheiten, nämlich Verlobung und Hochzeit, Geburt, runde Geburtstage und Ehejubiläen, quasi alles, was nach Glückwunsch und Feierei schreit. Auch Volljährigkeit und Schulabschluss, die besten Wünsche zur Einschulung und zum Meisterbrief finden sich saisonal. Und natürlich Todesanzeigen. Man munkelt, nirgends werde so viel gelogen wie beim Nachruf auf geliebte Menschen. Hier fordert es der Brauch von der Bevölkerung, Trauerkarten zu versenden. Wem es möglich ist, ein paar tröstend gemeinte Worte zu formulieren. Die Traueranzeige informiert in aller Regel auch über das Beisetzungsdatum, und jeder, der sich dem Verstorbenen verbunden fühlt, ist damit zur Trauerfeier eingeladen – und zum anschließend stattfindenden Trauerkaffee, wenn es eine traditionelle, dörfliche Beisetzung ist. In fröhlicher gemeinsamer Runde schlürft man im Gemeindehaus Kaffee und labt sich am Krümelkuchen, erzählt die eine oder andere Anekdote über den Verstorbenen und geht danach, trotz des traurigen Ereignisses, irgendwie erleichtert seines Weges.

Verlobung, Hochzeit, Geburt und Tod – wieso dann nicht auch mal eine Trennung anzeigen, fragte ich mich kürzlich. Wenn Freude und Trauer zum Leben und damit veröffentlicht gehören, dann sollte man vielleicht auch über Trennungsanzeigen nachdenken. So könnte eine lauten:

Wir haben uns getrennt.

Nach siebzehn Jahren des Zusammenlebens haben wir beschlossen, unseren gemeinsamen Lebensweg zu beenden und künftig getrennte Wege zu gehen. Von Beileidsbekundungen und Spekulationen in der Öffentlichkeit bitten wir Abstand zu nehmen.

Hans und Brigitte M., Kleinkäffleinshausen, im Januar 2013.

Interessant, stelle ich mir dabei vor, wäre dann die Ambivalenz möglicher Reaktionen der Leser: Beileids- oder Glückwunschkarte? Aufrichtige Anteilnahme oder heimliche Ich-habs-ja-immer-geahnt-Freude?

Geschmacklos? Unnötig? Tabubruch? Möglicherweise. Aber wenigstens ehrlich.

Hello Goodbye – edit

Der vorletzte Tag des Jahres 2012. Eigentlich Blödsinn, von „Jahresende“ und „Neuanfang“ zu sprechen – es geht ja doch immer weiter, kein Reset, kein Zurückblicken-und-Bessermachen. Das Rad dreht sich unaufhörlich. Geschehen ist geschehen, wir müssen mit gemachten Erfahrungen und den daraus entstandenen Narben weiterleben.

Ein paar Highlights aus 2012 gefällig? Nicht, dass ich allen Ernstes fragen würde, hier sind sie:

Freundschaft schrieb sich dieses Jahr ganz groß. Unglaublich schön zu spüren, auf wen man zählen kann, und auch, dass man sehr auf mich gezählt hat. Ein Geben und Geben ist Freundschaft. Gute Gespräche habe ich geführt, und mir ist, als könne ich das erste Mal in meinem Leben sagen, ich habe über wirklich alles reden können, was mich beschäftigt. Rar gesät sind solche Menschen, mit denen man am liebsten alles, alles teilen möchte, was sich im Laufe von Jahren in Herz und Hirn angesammelt hat. Und das muss unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen, sonst ist es ineffizient. Zwillingsseelchen, in diesen Zeilen steckt ein Lächeln ganz allein für Dich!

Premieren gab es dieses Jahr auch, und zwar nicht wenige, ich bin selbst überrascht, dass mein Schatten wohl doch nicht zu groß ist, um drüberzuspringen. Ein wenig als Mut getarnter Leichtsinn, ein wenig Anstacheln von außen, eine Prise neu gewonnenen Selbstbewusstseins, und schon ist man mittendrin statt nur dabei. Seither weicht das „Ich kann aber nicht“ immer öfter einem „Ich probier’s halt mal“, und damit lebte es sich dieses Jahr ganz gut.

Fies ist es, wenn sich eine Katastrophe auf Samtpfoten anschleicht und sich zunächst verschmust und freundlich gibt. Und wider besseren Wissens lässt man sich dann doch vom hypnotischen Schnurren betäuben und reicht der Katastrophe die Hand, in Erwartung weichen Fells und einer rauen Katzenzunge. Stattdessen schlägt sie einem die Krallen ins Fleisch, und erst später, viel später, stellt man fest, dass sie einem die ganze Zeit schon in die Schuhe gepinkelt hat, nur dass man‘s nie bemerkt hat. Oder nicht bemerken wollte.  Wer sein Vertrauen so leichtfertig verschenkt, der verdient es nicht anders.

In dieser Sache hoffe ich einerseits auf persönliche Konsequenzen, die ich gleichzeitig fürchte: ich will nicht mit einem verkrüppelten, enttäuschten Herzen leben, ich will aber auch nicht verletzt werden. Ich setze daher mal auf meine mir eigene Unbelehrbarkeit in Verbindung mit etwas Glück.

Aussichten für 2013: Weitermachen, aber nicht um jeden Preis. Dinge überdenken, und seien sie noch so alt und eingefahren. Neue Wege finden und sie eventuell sogar beschreiten. Noch mehr lesen und lernen. Also raus aus der Routine und rein ins Leben. Ich bin jetzt schon gespannt, was ich in 365 Tagen darüber sagen kann.

P.S.: Ja, ich habe editiert. Manche Dinge benötigen Abstand, um sie klar zu sehen, manche benötigen viel mehr Nähe, um sie zu verstehen. Verstanden habe ich nicht wirklich, allzu klar sehe ich auch noch nicht. Aber ich bleibe optimistisch und setze meine Hoffnung – wieder einmal – auf dieses neue Jahr. Nix zu verlieren – und alles. Man wird es erleben.

Pubertierende Menschheit

Feiertage, Familientage. Vor allem bei der eigenen steht da meist zu späterer Stunde und steigendem Alkoholpegel interessante Konversation auf dem Programm. Hinterher weiß man meistens nicht mehr, wie man überhaupt auf das Thema kam. Ein Reizwort genügt, und das Familienoberhaupt ist in seinem Element. Es geht um Hobbyschützen, Waffenbesitz, Amokläufe und die Menschheit im Allgemeinen. Das Familienoberhaupt, seines Zeichens verbalmilitanter Pazifist, lehnt bekanntermaßen alles ab, was mit Waffen und Kriegsführung zu tun hat. Die ganze Welt müsste man entwaffnen, damit es endlich Ruh‘ und Frieden gibt!

Es wird also diskutiert, über Sinn und Unsinn sportlich inspirierter Zielscheibenschießerei, inwieweit das als akzeptables Hobby gelten darf, ob das Mitglied im Sportschützenclub am Tontaubenschießen an sich oder rein am Waffenbesitz interessiert ist und natürlich, welchen sozialen Hintergrund der neuste Amokläufer in den USA gehabt haben mag. Auch so ein Ballerspielfanatiker? Ich blicke in die Runde. Man weiß es nicht. Wer so nachrichtensatt ist wie wir dieser Tage (und so absolut unpolitisch, das allerdings das ganze Jahr über), der lässt alles aus Radio, Fernsehen und Internet ungefiltert im Nirvana des ohnehin weihnachtsstrapazierten Hirns versanden.

„Zwei Aspekte“, werfe ich, das zweite Glas Sekt intus und nicht mehr allzusehr Herrin meiner Mimik, in den Raum. „Ich hab mal bei so ’nem Ballerspiel zugeschaut, und ich war ernsthaft geschockt. Das war alles so echt! Blut – überall – spritz und sprotz, ich war entsetzt, dass mein Nachbar, ein erwachsener Mensch, sowas macht und das auch noch gut findet! Und andererseits“, das dritte Sektglas folgt meiner Handbewegung auf die andere Seite und schwappt ein wenig über, „meine liebste beste Freundin, Theologiestudentin, ein guter und friedvoller Mensch par excellence, die kürzlich auf der Insel war und in einer Spielhalle ihre Mitspieler mit einer Laserkanone abgeschossen hat und von hundertprozentigem Aggressionsabbau schwärmte! Ich frage mich, ob das nicht irgendwie  doch in uns allen steckt. Aggressionen abbauen, indem wir anderen mindestens mal aufs Maul hauen wollen.“ Auf Ex, das war ein langer Monolog.

Die Diskussion entspinnt sich um das Bildungsstadium, in dem sich die Menschheit derzeit befindet. „Vernunftbegabt,“ doziert das Familienoberhaupt, seines Zeichens selbstgelehrter Philosoph (und Naturtheologe), darf sich heutzutage noch keiner nennen. Die Menschheit ist ja gerade erst der Grundschule entwachsen, wenn ich den Vergleich einmal anbringen darf. Bis die Menschheit erst mal Abitur hat und eine Hochschule besucht, ach! Da vergehen noch … ach!“

„Zunächst mal,“ hake ich ein, das dritte Glas Sekt halb drin, halb auf der weißen Bluse, es ist jedenfalls leer, „wer legt eigentlich fest, dass die Menschheit nach der Grundschule überhaupt ein Gymnasium, besucht und nicht doch die Realschule Plu… Pluus? Ich meine, ein bisschen Praxis ist doch selbst der Philosophie nicht fremd. Weißt schon,“ lallt es aus mir, „Fachkräftemangel und so. Oder besteht die zukünftige Menschheit nur aus Akademikern? Beschwören wir dann Glühbirnen mittels purer Vernunft sich selbst zu wechseln und beheben sich verstopfte Toiletten durch reine Willenskraft?“ Ich weiß, das ist irgendwie ein blödes Argument, aber mein böser Zwilling steht krawallgebürstet hinter mir und hält mir ein Glas Whisky on the rocks unter die Nase.

„Kein Wunder“, setze ich nach, „dass die Menschheit anscheinend so im emotionalen Zwiespalt zwischen Zi… Ziiivilisation und Urtrieb gefangen ist. Ignorieren oder aufs Maul hauen? Die Vergangenheit aufarbeiten oder die Zukunft abknallen? Wenn wir gerade der Grundschule entwachsen sind, dann steckt die Menschheit doch punktgenau mitten in der Pubertät! Hier lenken und leiten maximal die Hormone, aber doch nicht die Vernunft! Aus eigener Erfahrung kann jeder von uns sagen: Vernunft ist der Antagonist pubertierender Jugendlicher! Warum solls der Menschheit anders gehen?“ Wow, der haut aber rein, der Whisky.

„Da müssen wir jetzt durch …“, sage ich noch, als man mich zum Auto trägt. Es ist wirklich Zeit fürs Bett.