Siebenmeilensteine

Ich will. Schreiben. Ich will endlich schreiben. Aber es passiert nichts in meinem Kopf. Manchmal überfallen mich Gedanken, aus denen sich was bauen ließe – was genau dabei herauskommt, das weiß ich anfangs nie, aber einmal angefangen zu formulieren, wächst ein Textchen, ein Gedichtchen meist schon ganz von selbst. Aber auch das will mir nicht gelingen.“Zu glücklich“, klagte ich dieser Tage. Und, ehrlich gesagt, auch ein wenig überdrüssig, immer wieder über mich und mein Leben zu referieren. Seien es die ach-so-neuen Erkenntnisse, dass es mir jetzt abermillionenmal besser geht als noch vor 14 Monaten (14,5 Monaten, will man genau sein) oder diese verflixt-klebrigen Scheißherzchen allüberall, die sich an jeden Gedanken heften, der sich in meinem Kopf entspinnt. Kürzlich las ich, dass der Körper sich nach 12 bis 24 Monaten an diesen Rauschzustand biochemischen Ursprungs gewöhnt hat. Es besteht also noch Hoffnung.

Derweil ich auf der Oxytocinwelle schwimme, fallen mir leider nur die neusten Entwicklungen in meinem nicht-mehr-ganz-so-neuen Leben ein, über die ich berichten könnte: Ich habe Sperrmüll angemeldet. Oh ja, ein nicht zu unterschätzender Schritt! Aber auch nur, weil es tatsächlich dringlich und notwendig wird; der zukünftig vom gesammelten Sperrmüll befreite Platz muss mit Feuerholz für den Winter bestückt werden, und das muss ich zeitnah ordern, sonst geht es mir wie im vergangenen Winter, dass ich nichts mehr bekommen habe und vor der Wahl stand, von überall her Restholz zusammenzukratzen oder mir den hübschen Hintern abzufrieren. Und da ich ja Verantwortung für zwei Katzen habe, die nichts in der Welt mehr lieben, als sich fett und faul vor dem Ofen auszustrecken, entschied ich mich fürs Holzbetteln.

Mittlerweile funktioniert unsere Mensch-Katze-Beziehung sehr viel besser als noch zu Beginn unseres mehr oder minder fremdarrangierten Zusammenlebens. Seit meine Scheidungskinder Freigang haben, habe ich weniger Mord- und Tierheimabschiebegedanken, weniger (und doch noch beachtlich viele) Katzenhaare (überall. Wirklich. Überall.) und bessere Nerven. Katzpfotige, schnurrnasige Meilensteine. Bliebe tatsächlich nur noch, an mir selbst zu arbeiten, nachdem Haushalt und Heimtierpflege offensichtlich in besseren Bahnen laufen.

Mein Schneckenhaus war mir ein begehrter Rückzugsort in allen Lebenslagen. Brach ein Stürmchen los, zog ich ruckzuck die Fühler ein und wartete, bis es vorüberzog. Fremde Menschen, neue Herausforderungen? Hach nein, daheim im Häuschen ist noch so viel zu tun! Aber ich arbeite daran. Zwinge mich nach draußen. Buche einen Flug und ein Hotelzimmer und hoffe, dass ich nicht aufgefressen werde, wenn ich ohne Schneckenhaus, aber mit ganz viel Lust und Vorfreude im Gepäck demnächst ganz allein verreise. Nix besonderes? Für mich schon. Es bedeutet für mich einen gewaltigen Schritt nach vorne und eine ganze Fülle an neuen Erfahrungen: nicht nur die Reise selbst, alleinst und höchstselbst geplant, und die große Stadt; vorallem sind es die voraussichtlichen Begegnungen, fernab vom PC, über den es so viel leichter ist zu kommunizieren, wenn man sich nicht dabei in die Augen sieht … Herz¦mit¦teilen ist offensichtlich ungemein einfacher als Augen¦blicke¦teilen. Was muss ein Mensch manchmal so alt werden, um Dinge zu tun, die für andere völlig selbstvertändlich sind…

Ha, und da hat sie’s schon wieder getan, die Madame! Über ihr ach-so-tolles-neues Leben referiert. Langweilig! Und deshalb, ich habe es mayumi versprochen, hier die Auflistung der häufigsten Suchanfragen, die bisher hierher geführt haben:

    • Platz eins belegt, wer hätte es gedacht: mme contraire – Fühlst du dich angesprochen? Ich weiß, wer du bist. In echt.
    • was tun gegen katzenexkrement auf fußnoden? – Herrlich. Egal ob Fußnoden, -boden oder -hoden, ich gebe hier den ultimativen Geheimtipp: aufwischen.
    • pubertierende schwärmt für erwachsene – Möglicherweise kokettiert die pubertierende Menschheit mit einem höheren Entwicklungsstadium, nur eine Vermutung.
    • bella blond im möbelmarkt – Na danke.
    • pulververschwörung – Guy Fawkes lässt grüßen
    • liebesverlust geschmolzene herzen – Geht es bei mir wirklich so schwülstig zu? I am deeply sorry!
    • müde glanzlose augen – Oft ein Zeichen von Überlastung. Kenne ich. Kannte ich.
    • wortbasteleien – Gibt es bei mir auch.
    • vom braven mädchen zum metaller – Hell yeah. Grüße an Frau Knobloch an dieser Stelle.
    • ektorp sitzkissen verliert federn – Bitte wenden Sie sich an Frau Blond ein paar Punkte weiter oben … Schweinerei, das.
    • gehen, bleiben Lope de Vega – Stimmt, darüber habe ich auch mal was geschrieben.
    • oh contrair – Ja, fast.
    • fräulein contraire – Ach, dankeschön, ich erröte …
    • will contenance werden – Ich auch, mein(e) Liebe/r. Ich auch.
    • 11 Stunden nach einem Waidwundschuss – …ist die Jägerin wieder auf der Pirsch. Was dachtest du denn?
    • was ist drin im lebensrucksack – Über¦lebens¦ge¦wichtiges?
    • geschrammel cash – Still a burning thing

Warum tun wir das? Ich könnte mich genau so gut über solche Suchanfragen (auch wenn diese hier weit weniger spektakulär sind) still und heimlich beömmeln, ohne euch damit zu belästigen. Aber statt dessen breite ich sie vor euch aus und kommentiere sie auch noch. Vielleicht, weil ich momentan nicht viel Kreatives zu sagen habe. Aber, wie schon gesagt: es besteht Hoffnung. In 12 bis 24 Monaten.

Wärme

13 Stunden bis Abflug. Ich habe gepackt, sitze in meiner Küche und versuche noch ein wenig runterzukommen. Ich habe so lange auf diesen Urlaub gewartet. Und verdient habe ich ihn mir allemal. In vielerlei Hinsicht. Jetzt hoffe ich natürlich, dass er mir das bringt, was ich erhoffe. Ein bisschen Abenteuer in der großen Stadt, viel sehen und erleben, alles mitnehmen. Und Ruhe. Das erste Mal habe ich fünf Tage Nichtstun geplant. Ich bin gespannt, ob ichs durchhalte.

Als ich da so sitze, alle Sorgen verpackt, alle Bedenken für einen anderen Zeitpunkt aufgehoben, fühle ich mich allein. Richtig allein. Sonst, wenn ich so durchs Leben renne, arbeite, kommuniziere, habe ich gar keine Zeit mich allein zu fühlen. Jetzt gerade schon. Allein. Harrend. Vermissend. Grübelnd.

„Mau?“ Ein Fellgesichtchen schaut mich an. Und schon sitzt Mademoiselle 1 auf meinem Schoß, blinkert mich mit großen Augen an, und ihr braunes Näschen beschnüffelt meine Hände – ich maniküre gerade. Mau, ja. Mau fühle ich mich, aber das zählt für Mademoiselle nicht. Viel zu interessant ist die Nagelfeile, und der verlockende Duft! Ich muss an das Bild vom Hufschmied denken, wenn er den Pferden ein wenig Horn vom Huf hobelt. Hü! Mademoiselle 2 ist neugierig, was ihre Schwester Interessantes entdeckt hat, und so stapft sie auf meinen Beinen herum, krallt sich ein wenig fest, um nicht gleich wieder runterzufallen. Egal. Meine Beine sehen ohnehin aus wie das Opfer eines veritablen Rasurunfalls. Die rosa Nase steckt Mademoiselle 2 aber lieber unter ihre Pfote und fängt fast sofort an behaglich zu schnurren.

Sagte ich, ich fühle mich allein? Ich komme ja kaum dazu, muss nun synchron Katzenohr und Katzenkinn kraulen, zum Alleinfühlen keine Zeit. Sie haben es tatsächlich drauf, mit ihren winzigen Gehirnen und riesigen Augen und spitzen Ohren, mich für eine Weile völlig zu vereinnahmen und alle weniger schönen Gedanken in ihrem Schnurren untergehen zu lassen. Während ich noch tippe, liegen beide, Kopf an Kopf gekuschelt, auf mir, dreieinig, unzertrennlich, bis mich nachher ein fast bis zur Amputation eingeschlafenes Bein zwingen wird, das bunte Katzenklüngel von mir zu nehmen. Zurück wird Wärme bleiben, so ein Katzenfell heizt ungemein. Katzenliebe auch.

Der degenerative Einfluss exzessiv-kompensatorischer Pflege feliner Heimtiere auf die menschliche Artikulation

oder: Duuziduuu! – Warum Katzenhaltung die Sprache versaut

Der Ausgangspunkt: Ich bin Single, ich habe Muttergefühle, ich kompensiere sie mit der Haltung zweier liebreizender Katzen. Jeden Morgen, wenn ich aus der Schlafzimmertür trete, wickeln sich zwei Fellknäule um meine nackten Beine, begleitet von einem gurrend-fordernden Miauen, ich möge meinen verschlafenen Hintern sofortigst in die Küche bewegen und den über Nacht unerträglich gewordenen Hunger meiner felinen Hausgenossen – a.k.a. ärmste Katzen auf der ganzen Welt, der Lautstärke nach zu urteilen – mit jeweils einer Schüssel bestem Katzenfutter stillen. Die Begrüßung meinerseits fällt noch humanoid, wenn auch im Tonfall etwas übersteigert aus: „Guten Morgen, die Damen!“ Geht noch. Dann aber folgt meist: „Naaaiiin, naaaiin!“, dies zur Abwehr weiterer Schmuseattacken, denn ein anderes natürliches Bedürfnis meinerseits zwingt mich, die Speisung der hungernden Kreaturen zunächst ignorierend, ins Badezimmer. Sobald ich dann bereit bin, die Aufgaben meines Standes als Katzenversorger wahrzunehmen, degeneriert meine Ausdrucksweise zunehmend mit steigendem Niedlichkeitsfaktor von Mademoiselle 1, die sich auf den Treppenstufen auf den Rücken gelegt hat, mit den Vorderpfoten strampelt und somit ihrer Forderung nach Futter psychisch Nachdruck verleiht. „Ooooh, bist du ein süüßes Katzi!“ entfährt es mir, dem Reflex sich in die Knie zu begeben und den entgegengestreckten Katzenbauch zu streicheln nachgebend. Katzi. Ernsthaft.

Teilweise erkläre ich mir diese sprachliche Degeneration mit der vermehrten Forderung an mein Bewegungszentrum, mich geschickt auf den Treppenstufen und über spontan vor meinen Füßen auftauchende Katzenrücken nach unten zu bewegen, ohne zu stolpern und auf der Nase zu landen. Katzen laufen eine Treppe grundsätzlich quer von oben nach unten, grundsätzlich immer exakt vor den Füßen ihres Halters. Ich wundere mich jeden Morgen, dass ich noch lebe. Heil unten angekommen ergibt sich folgende Situation: Drei Mal muss am Treppenpfosten, i.e. Kratzbaum, gekratzt werden. Ebenfalls grundsätzlich. Als Bestätigung, dass Mademoiselle 2 sich genau die richtige Stelle zum rituellen Krallenwetzen ausgesucht hat, wo sie am wenigsten Schaden anrichtet, entfleucht mir ein „Ja feiiin gemacht! Das is sooo feiiin!“ Fein? Fein.

Die nächste Etappe: beide Mademoiselles sprinten den Flur entlang in die Küche, und da jede die erste am noch leeren Futternapf sein will, stolpern sie übereinander, was mein Katzenmutterauge als wild und gefährlich einstuft, sich gleichzeitig aber über so viel Elan und offensichtlicher Gesundheit freut. Die nächste Stufe sprachlicher Degeneration ist erreicht: „Ja Mausis! Seid ihr sooo hungrig? Laaangsam, Mausis! Jaa, die Mama kommt doch!“ Neben der inkorrekten Gattungsbezeichnung meiner beiden Hauskatzen als „Mausis“, was einer gewissen Ironie bezüglich des Beuterasters von Felis silvestris catus nicht entbehrt, kann man hier auch einen degenerativen Faktor bei der Artikulation dieser Sätze ausmachen: Eine deutliche Erhöhung der Stimmlage kann beobachtet werden, zugleich werden alle stimmhaften bilabialen Plosive spontan stimmlos gesprochen, Hintergaumenlaute, also stimmlose velare Frikative, verwandeln sich zu Vordergaumenlauten, stimmlosen palatalen Frikativen.  Ein Hörbeispiel einer berühmten Filmszene, die dieses sprachliche Phänomen thematisiert, soll der Verdeutlichung dieser Beschreibung dienen.

Vermehrte Konzentration ist nun gefordert, als ich die beiden glänzenden Katzenschüsseln vom Boden auf die Küchenarbeitsplatte befördere. Mein Schmerzzentrum meldet scharfe Krallen an meinem Bein, während mein Zeigefinger schon gewohnheitsmäßig in die Höhe schnellt, um Mademoiselle 2 warnend das Ansinnen zu unterbinden, den Schüsseln mit einem Sprung auf die Arbeitsplatte zu folgen. Begleitet werden diese Aktionen von einem „Ah, ah, ah!“, dem bereits bekannten „Naaaiiin“ sowie einem nicht der natürlichen Satzfolge entsprechenden „Bleibssu schön unten, ja?“ Mein Kopf ist derweil schon mit der Wahl des heutigen Katzenfrühstücks beschäftigt. Ich greife zwei Dosen aus dem Schrank über mir, halte sie vor die beiden riesig erscheinenden Katzenaugenpaare und frage: „Heute Fisch? Oder lieber Hühnchen?“ Dieses Mal ist nichts an der Artikulation, sehr wohl aber am Sinn dieses Fragesatzes auszusetzen. Denn es ist meinen Mademoiselles a) völlig egal, was sie gleich in sich hineinschlingen werden, Hauptsache es ist viel und vom Feinsten, und b) kann ich doch nicht ernsthaft eine entscheidungsfördernde Antwort erwarten. Das zweistimmig entgegnete „Maaauuuugrrrchchch“ klingt weder nach Fisch noch nach Hühnchen, sondern nach „Mach sofort die verdammte Dose auf!“ während sich im selben Moment der Druck spitzer Krallen in meiner Ferse verstärkt. Befehlsgewohnt reiße ich die Dose also auf, löffle gehetzt entsprechende Portionen in die beiden Schüsseln, tänzele dabei ballerinenhaft von einem Bein aufs andere, um weiteren Katzenkrallenschmarren auf meiner geschundenen Haut zu entgehen, während ich gleichzeitig mit der Gabel drohe, damit Mademoiselle nicht doch noch zum Sprung ansetzt.

Begleitet von Miauen und Gekecker stelle ich die beiden gut gefüllten Schüsseln auf den Essplatz meiner beiden verwöhnten Damen, mein Hirn hat erst einmal Pause, während sich Mademoiselles mit schlingendem und schmatzendem Geräusch über das Frühstück hermachen. Weitere Beispiele des degenerativen Einflusses auf mein Sprachzentrum lassen sich beim nach der Nahrungsaufnahme eingeforderten Kuschelbedürfnisses und dessen Erfüllung meinerseits beobachten. Völlig sinnfreie Reimpaare wie „Tatzi-Katzi“, „Katzi-Schatzi“ bis hin zu „Katzi-Watzi-Schmatzi“ untermalen sowohl die Peinlichkeit als auch die emotionale Komponente dieser Situation, wenn ich auf dem Boden sitzend abwechselnd Mademoiselle 1 und 2 durchknuddeln muss und zum Dank dafür weiter mit Krallenbewegungen traktiert werde, die laut Ratgeber absolutes Wohlbefinden meiner Pfleglinge ausdrückt. Na dann.  Ich versuche diese Momente trotz latentem Schmerz und vielen, vielen Katzenhaaren auf mir so lange zu genießen wie irgend möglich. Denn im Anschluss folgt eine weitere, dem Katzenbesitzer im allgemeinen nicht sehr liebsamen Aufgabe.

Die regelmäßige Instandhaltung des Katzenklos ist essentiell wichtig. Wichtig vor allem deshalb, will man nicht im ganzen Haus auf Katzenexkrement stoßen, das die an sich sehr reinliche Hauskatze als eindeutiges Indiz hinterlässt, dass ihr angestammter Platz zur Blasen- und Darmentleerung nicht der ihr eigenen Ästhetik entspricht. Im Klartext und als goldene Regel: Wenns im Sandkästchen stinkt, kackt die Katz‘ woanders hin. Deshalb empfiehlt es sich, das Sandkästchen zwei Mal täglich von Exkrementen und verklumptem Streu zu befreien. Die sprachliche Degeneration erfolgt dieses Mal auf Ausdrucksebene in Form einer Verschiebung hin zur Fäkalsprache, der Situation durchaus angepasst: „Oh lieber Gott, überall Scheiße! Ihr verkackten Drecks … Mausiis!“ Handschuhe, Nasenklammer und Raumspray helfen dabei im Übrigen, die nötige Contenance zu wahren, will man solche Äußerungen vermeiden.

Zum Abschluss meiner Ausführungen möchte ich noch eine letzte Degenerationsform der menschlichen Sprache beschreiben, den Rückfall in prähistorisch anmutende Artikulation. Bevorzugt erfolgt diese Art der sprachlichen Äußerung infolge stressinduzierender Reize. Meist bewegt sich die Katze dabei auf verbotenem Terrain, also auf der Tischplatte, im Bücherregal oder kratzend auf dem Perserteppich, wahlweise auch am Stoffbezug des teuren Lesesessels. Mehrere Faktoren führen hierbei zum Ausbruch urzeitlich inspirierter Laute. Zunächst das Entsetzen über eine mögliche Beschädigung teurer Möbelstücke, dann das Entsetzen über offensichtlich nicht greifenden Erziehungsmaßnahmen und letztlich das Entsetzen über sich selbst, dass einen sowas immer noch derart auf die Palme bringt. Vorzugsweise ereignen sich solche Situationen bei geöffneten Fenstern, sodass auch die Nachbarschaft in den Genuss barbarischer Lautäußerungen kommt, die nicht nur fremde Ohren, sondern auch den eigenen Hals reizen, weil mit einer solchen Heftigkeit artikuliert wird, dass alle beteiligten Komponenten des Sprachapparats über Gebühr beansprucht werden. Die Katze erschrickt meist aufgrund der Lautstärke und lässt von ihrem verbotenen Tun ab, verkriecht sich, und ihr Mensch bleibt verstört im nachhallenden Raum zurück. Verstört aufgrund des fremden Klangs der eigenen Stimme und ob der Heftigkeit der Reaktion. Manchmal klopft zu diesem Zeitpunkt auch schon ein besorgter Nachbar an Tür oder Fenster. Alles, was einem jetzt noch bleibt, ist, über sich selbst zu lachen und die Katze aus ihrem Versteck hinter dem Sofa zu locken, versöhnlich, mit einem Leckerli. Duuziduuu? Allesch guut, Schatzi-Katzi?

Abtau’n, Girl!

„On nein!“ Prinzessin Contenance traute ihren Augen kaum.  Gerade als sie sich daran machen wollte, ihr Mittagessen einzunehmen, fiel ihr Blick auf die leicht geöffnete Tür des Gefrierschranks. Böses ahnend öffnete sie die Tür, und was ihr dahinter gewahr wurde, übertraf die schlimmsten Befürchtungen: Die Kühltruhe hatte sich über Nacht in ein Winterwonderland verwandelt. Dicke Eisklumpen hingen von den einzelnen Fächern, eine Schicht weißen Schnees überzog die Schubladen. Die Tiefkühlshrimps hatten sich bereits ein paar Fischstäbchen geschnappt und rodelten auf ihnen die verschneiten Eiswölbungen hinab. „Oh nein.“ Die Prinzessin ging in sich. Sie musste am Tag zuvor die Tür nicht richtig geschlossen haben, als sie den Tiefkühlspinat aus seinem Winterschlaf holte (und ihn mit Hingabe erwärmte, das sollte Erwähnung finden. Er war auch fast gar nicht angebrannt.). Und nun ließ sich die Tür nicht mehr schließen. Der Grund hierfür war schnell ausgemacht: Hinter den Schubfächern hatte sich eine fiese Eisschicht gebildet, und die nicht ganz eingeschobenen Fächer blockierten nun die Tür.

„Und gerade war Frau Mutter noch hier!“ jammerte Prinzessin Contenance, „die hätte mir sagen können, wie man die Kühltruhe richtig abtaut!“ Schon viel zu lange schob sie diese unliebsame Aufgabe vor sich her, bald würde es keinen Aufschub mehr geben dürfen. Sollte sie die Königin nicht noch einmal anrufen und um Hilfe bitten? Nein, das würde sie selbst schaffen. Irgendwie. Sie bewaffnete sich mit einer Käsereibe, die sich gerade in Reichweite befand, und traktierte die dicke Eisschicht mit ein paar kräftigen Stößen. Schon nach kurzer Zeit fiel ihr auf, dass die Wahl des Werkzeugs nicht optimal gewesen war und legte die verbogene Käsereibe zur Seite. Ein Pfannenwender leistete ihr weitaus besseren Dienst, als sie die Rückwand der Kühltruhe mit weiteren Schlägen und vollem Körpereinsatz bearbeitete, dass ihr die Eisbrocken nur so um die Ohren flogen. Die beiden verstörten Mademoiselles ergriffen vorsichtshalber die Flucht.

Und – so – schlug – und – schlug – sie- weiter – auf – das – Eis – ein, bis sie alle Hindernisse restlos beseitigt glaubte. Ihr Mittagessen war mittlerweile kalt, ihr selbst auch, übersät mit Eissplittern, genau so wie der Küchenboden. Wie groß war die Enttäuschung, als sich die Tür immer noch nicht schließen ließ! So viel Arbeit, so viel Mühe (und eine verbogene Käsereibe) – alles umsonst! Prinzessin Contenance schickte sich an, über all dies Unglück ein paar Tränen zu vergießen, als die Küchentür mit lautem Krachen aufflog und … Madame Contraire festen Schrittes hindurchmarschierte, zielstrebig auf den weit offenstehenden Gefrierschrank zusteuerte und mit einem beherzten Roundhouse kick die obere Schublade in die ihr ursprünglich zugedachte Position beförderte. Der Prinzessin entfuhr ein spitzer Schrei ob des verwegenen Handelns. Ungläubig verfolgte sie die Bewegung der Gefrierschranktür und gewahrte, dass sie sich tatsächlich schließen ließ. Sie öffnete die Tür erneut, wackelte an der eingetretenen Schublade und stellte fest, dass alles so war, wie es sich gehörte. Die Shrimps lagen wieder friedlich und brav in ihrer Packung neben den Fischstäbchen, als wäre nie etwas vorgefallen.

„Habt Dank!“ wollte sie ihrer Retterin hinterher rufen, doch Madame Contraire hatte sich schon den Weg zurück durch die Eissplitter gebahnt, ihren Mantel um die Schultern geworfen und ein Tiefkühlhuhn gesattelt. Sie stob hinaus ins Freie, ein kleines Lied auf den Lippen: „Abtau’n, Girl, du musst die Kühltruhe mal abtau’n, Girl …“ Die Prinzessin blieb konsterniert zurück und biss sich auf die Unterlippe.

Wertgeschätztes Grün

Es ist mal wieder Zeit für Profanes. Dachte ich mir, als ich neulich zum Blumenladen fuhr und einen hübschen Strauß kaufte, cremefarbene Rosen und rote Beeren, Schleife, schönes Papier. Als Geschenk für eine liebe Freundin, die am Wochenende eine kleine Feier gab. Als ich wieder ins Auto einstieg, verspürte ich einen kleinen Stich. Nicht von den Rosen, die waren entdornt und gut eingepackt. Nein, es war die leise Stimme in meinem Kopf, die mich schalt: „Da kaufst du für teuer Geld ein paar abgeschnittene und zusammengebundene Pflanzenteile, und in einer Woche schmeißt sie das verwelkte Gemüse weg! Was hat sie denn davon? Du bist ja ne schöne Freundin, machst dir nicht mal Gedanken um ein richtiges Geschenk…“ Diese Stimme war nicht meine innere Stimme. Das war eine fremde, die mich bis vor kurzem noch begleitete, und von der ich mich jetzt endgültg freigemacht habe. Dennoch hallt sie manchmal noch nach, in meinem Kopf, und sticht, in meinem Bauch.

Warum kaufe ich Blumen anstelle eines „wertigeren“ Geschenks? Dekoartikel für die neue Wohnung, vielleicht. Pralinen, da hat man wenigstens noch was von! Einen Gutschein, verbring doch wenigstens mal Zeit mit deiner Freundin! Ich persönlich hasse Dekoartikel, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe – hab gerade einen ganzen Sack davon entsorgt. Meine Freundin ist schwanger, bringt schon genug auf die Waage und hätte sich herzlich für eine Schachtel Pralinen „bedankt“ – ihr Mann nimmt übrigens aus Sympathie ebenfalls zu, also auch kein geeigneter Abnehmer (ha!). Und Zeit … die beiden haben drei Kinder, das vierte ist unterwegs, die neue Wohnung gerade eingerichtet, es gibt genug zu tun. Vielleicht können wir uns ja im Jahre 2023 auf nen Kaffee…? Und überhaupt, was brauche ich Gegenargumente, wenn ich gerne Blumen verschenke? Ich bekomme auch gern Blumen, und zwar abgeschnittene und zusammengebundene Pflanzenteile, die nach einer Woche verwelkt sind und die ich dann wegschmeiße! Ich erfreue mich daran, gerade an der Tatsache, dass ich in einer Woche etwas anderes auf den Tisch stellen kann – oder freue mich noch mal extra, wenn sie nach einer Woche immer noch gut aussehen und lasse sie noch stehen. Ich mag Blumen, ich liebe Rosen, und finde das echt gut, eine kleine oder größere Aufmerksamkeit als Zeichen der Wertschätzung, das mir nicht das Haus vollmüllt. Topfpflanzen mag ich aus dem Grund weit weniger. Da ist es doch schlimmer, wenn die verwelken, weil ich vergaß sie zu gießen. Oder noch schlimmer, wenn sie sich weigern elegant und stillschweigend einzugehen und es immer mehr werden. Bestenfalls kümmern sich meine beiden Mademoiselles schon drum, fressen sie ab oder stoßen sie vom Fensterbrett, weil die da nun mal nicht hingehören.

Ich habe den Strauß Rosen mit einem Lächeln überreicht, ein Geschenk von Herzen für die liebe Freundin, und ich hab mich gut dabei gefühlt. Sie hat sich gefreut.

P.S.: Tja, Stimme aus meinem Kopf, respektive Bauch, hättste mal lieber ein paar wertschätzende Schnittblumen dann und wann mitgebracht…

What the heck …

Irgendwas hat am heutigen Tag gedreht. Fand ich das Salatbufett in der Kantine schon immer so attraktiv und reichhaltig, dass ich mich fragen muss, warum ich nicht öfter hingehe? War es schon immer wunderschön, mit dem Schirm im strömenden Regen vom Parkhaus zur Firma zu spazieren und nasse Füße dabei zu bekommen? Seltsam, wirklich. Wie um alles in der Welt habe ich es geschafft, nach nur drei Stunden Schlaf (und zweieinhalb davon regunglslos aufgrund kätzischer Belagerung, genau auf den Knien) und lediglich einem Energydrink so wach zu sein, als käme ich erholt aus dem Urlaub? Im Spiegel sehe ich meine Augen schalkhaft aufblitzen. Hallöchen, kleine Erinnerung: Du hast dich gerade von einem Wäschestapel getrennt, der ich über ein Jahrzehnt begleitet hat. Ist es angesichts dessen wirklich angebracht, dieses widerlich-süße Grinsen auf dem Gesicht zu tragen und zu strahlen, als hätte man dir einen Leuchtturm in die Birne gepflanzt? Mal die Waschfrau fragen. Ach halt! Die weiß ja noch gar nichts davon, die hatte Urlaub! Die kippt aus den Latschen, prophezeihe ich hier und jetzt.

Ich geh mir mal rasch ne Zitrone besorgen, vielleicht ist noch eine von gestern da …

Ablenkung

SO lange nichts geschrieben! Und auch jetzt: Kaum Zeit, kein Raum für Gedanken. Zumindest nicht für solche, die ich hier aufschreiben will. Das Gedankenkarussell dreht sich Tag und Nacht, es kommt mir fast so vor, als hätte ich mich an diesen Zustand gewöhnt. Ich hadere nicht, ich nehme es halt hin – aber ich tu auch nichts dafür oder dagegen. Um es im Waschfrauenmetaphorik auszudrücken: Fast alles ist gewaschen und gestapelt und aussortiert. Zwei Stapel Wäsche liegen vor mir, der eine soll wieder in den Schrank, der andere in die Altkleidersammlung. Aber ich habe noch nicht entschieden, welcher der beiden ich abgebe, aufgebe.

Dazwischen: Ablenkung, viel Arbeit, viel Arbeit durch die Ablenkung. Da war einmal der Urlaub. Schön, beeindruckend, volle Tage, Fußschmerzen. Und der Beginn einer schönen Freundschaft. Es fühlt sich gut an, das Ganze, auch wenn ich jetzt noch mit Nachwirkungen wie Schlafmangel und schmerzender Ferse zu kämpfen habe (und einem ständig piepsenden Handy). Man ist halt keine 20 mehr. Und dann die neuen Mitbewohner. Meine beiden Katzenmädchen – man mag gerne behaupten, das sei ein Schnellschuss gewesen, so kurz nach Erdbeernäschens Ableben. War es auch. Hätte ich die alleinige Entscheidungsmacht über mein Leben (so wie es eigentlich sein sollte, der eine Wäschestapel eben), dann hätte ich nun keine zwei Katzenmädchen. Dann hätte ich morgens keinen mehr als zuverlässigen Wecker, der mich zu früh aus den Federn holt, kein Katzenstreu im Hausgang verteilt, keine im Spiel zerkratzen Hände und keinen mit Katzenfutter gefüllten Schrank und ein leeres Portemonnaie. Dann hätte ich aber auch keine Ablenkung in Form von Schmuseattaken, keine zwei Damen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die sich auf meiner Bettdecke balgen oder sich im Schlaf ganz lieb umarmen. Ich hätte auf meinem Smartphone nur irgendwelche langweiligen Landschaftsbilder und keine Zeugen der Verwüstung meiner Pflanzenkulturen oder Bilder von schlafenden, schnaubenden, schnarchenden Katzennasen. Mir würde echt was fehlen.

Hoffentlich denke ich genau an diesen Satz, wenn ich gleich nach Hause komme und zerfetzte Teppiche und ausgegrabene Efeututen vorfinde.