Lebens¦zeich¦n¦en

Du liebe Güte, wie sieht es hier nur aus? Verspinnwebte Ecken, eingestaubtes Wortmaterial, die Schmiede voll mit Fragmenten und Gedankenfetzen – doch kein neues Werk in Sicht, keine Pläne, keine Skizzen. Wie lange war ich weg? Dem Gartenzweg hat’s die Mütze vom Kopf geweht, nachdem meine beiden Famoskommentatoren meine About-Seite erneut und scheißherzchenstapfend vandalisiert haben – zurecht, meine Lieben, doch musste der Kuhfladenangriff auf die geschlossenen Läden wirklich sein? Jetzt sitze ich hier und kratze wort¦wörtlich die Scheiße aus den filigranen Holzlamellen.

Real kratze ich auch gerade das letzte bisschen Scheiße aus meinem Leben. Leider habe ich dazu nur ein dünnes Nädelchen namens Zeit und ein Miniskalpellchen Motivation zur Verfügung. Mehr wird mir momentan von dieser Institution namens Arbeit nicht zugestanden, und darüber hinaus ist es weitaus verlockender, jedes kleine Fetzelchen Freizeit auf der rosa Wolke zu verbringen. Man möge Nachsicht üben, nur fliegen ist schöner.

Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nicht an der Zeit ist, dieses Blog zu schließen. Es ist vor über einem Jahr entstanden als eine Art Selbsttherapie, während der ich nach mir selbst gesucht habe. Ein Hilfeschrei an mich selbst, ein Ventil für all die abgelebten und ungel¦i¦ebten Gefühle. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt. So, und nun kann ich sagen, ich bin zufrieden mit der Entwicklung. Ich musste lernen, erst mal eins zu werden. Auf dem Weg dahin bin ich oftmals ganz schön daneben getreten. Und ich habe verletzt und verstört. Das hat mir gezeigt wie verletzt und verstört ich selbst gewesen bin. Es tut mir wahnsinnig leid, das ist nicht gut zu machen, aber anscheinend war auch das notwendig. Und es ist notwendig, dass zumindest ich mir selbst das verzeihe. Shit happens. Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer derjenigen, die mich in der Vergangenheit verletzt haben, so viele Gedanken machen. Absolution.

Jetzt seid ihr allesamt gefragt: Soll es weitergehen mit Mme Contraire? Auch wenn es in nächster Zeit hier weniger oft und dafür Scheißherzchen regnen wird? Ich kann selbst noch nicht abschätzen, wie sehr es mich in meiner Schreiberei beeinträchtigen wird, dass ich der Melancholie zwangsweise erst einmal abgeschworen habe – die wird nämlich unglaubwürdig, wenn man den ganzen Tag mit einem überbreiten Grinsen herumläuft. Ich werde zunächst einmal ein wenig entstauben hier, mit dem haarfeinen Pinsel, der mir zur Verfügung steht. Die abgelegten Worte sortieren, kategorisieren, eventuell probeweise zusammensetzen. Vor allem die Späne unter der Werkbank beseitigen. Die Skizzen werden sich im Laufe der Zeit selbst niederzeichnen, Pläne reifen, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Dann ist noch Gartenarbeit angesagt. Spuren beseitigen, neue Blümchen pflanzen und einen Elektrozaun installieren, damit es anspruchsvoll bleibt für meine Famoszaungäste. Es wird eine Weile dauern, bis der Alltag wieder einkehrt – hoffentlich dauert es ein Leben lang -, und die nächsten Monate bleiben sowieso spannend: Ich arbeite an einem Wiegebettchen, mit Kissen aus süßen Worten, einem Himmel aus Freudentränen und einem Grundgerüst aus weitvorfälliger Liebe gewoben. Man wird nur einmal zum ersten Mal Tante.

(Von Cash zu Cave. Ich halte das für konsequent.)

Seelensiff

Ungewollte, abgelebte Gefühle, nie zu Ende gedachte Gedanken, Worthülsen… das alles warf ich einst hinter mich, in den Abgrund, auf die Seelenmüllhalde. Wird schon verrotten und verschwinden, dachte ich. Anfangs habe ich noch getrennt und schön sortiert. Aber jetzt schmeiße ich alles nur noch blind über die Schulter. Schmerz? Weg damit. Kummer? Ab dafür. Klappe uff, Dreck rin, Klappe zu.

Leider quillt der Müllberg gerade über. Ich habe in letzter Zeit zu viel in der Abfallgrube entsorgt, so schnell kann das gar nicht aufbereitet werden. Aktuell geht die Klappe nicht mehr zu und es stinkt erbärmlich nach altem, rottendem  Seelensiff. Seufz.

Also bin ich mal runtergestiegen, mit einem Stock bewaffnet, und habe etwas im Müllberg gestochert, damit das ganze etwas sackt. Dass wenigstens die Klappe zu bleibt und mir nicht ständig diese ätzenden schmeißfliegenartigen Seelenfragmente um die Ohren surren. Als würde ich in ein Wespennest stechen. Da, jetzt hab ich den Müllsack mit dem Soundtrack der letzten Wochen aufgeschlitzt und der Schmodder strömt nur so heraus … I will make you hurt … Meine Güte.  … We could have had it all …Echt eklig, noch mal mit all diesem Mist konfrontiert zu werden … F*ck you and all we’ve been through … Ich muss gleich kotzen.

Ich könnte eine Schaufel gebrauchen, um die vollgestopften Müllsäcke plattzudreschen. Wenn‘s wenigstens Säcke mit vollgeheulten Taschentüchern wären. Die hätte man auch verbrennen können. Aber nein, viel zu einfach. Ich musste ja das gesamte Inventar eintüten und entsorgen. Filmsequenzen. Buchpassagen. Wort- und Gedankenfetzen aus Briefen und Kurznachrichten. An den Sack da ganz hinten in der Ecke traue ich mich gar nicht erst heran. Die darin verpackten Emotionen quieken sogar noch, die Empfindungen brizzeln und brazzeln vor sich hin wie Zitteraale. Ich wundere mich, dass der Müllsack nicht schon längst geschmolzen ist, so wie das da drin glüht und Funken sprüht. Muss asbesthaltig sein.  Einen Eimer Eiswasser bitte.

Ein kleiner, zugeschnürter Beutel fällt mir in die Hand. Darin puckert es. Leise. Sanft. Herrje, das ist mein Herz, es lebt noch, und ich habe es weggeworfen. Armes geschundenes Ding, man sieht dir deutlich an, dass du strapaziert wurdest. Ich nehme es wieder mit nach oben und werde  es ein bisschen pflegen. Es hat mir gefehlt. Vielleicht werde ich damit wieder etwas mehr ich selbst.

Ein wenig Platz ist jetzt geschaffen, die Klappe geht wieder zu und es stinkt nicht mehr so arg. Ich nutze die Gelegenheit und werfe mein dummes stummes Handy noch hinterher. Das passt jetzt da noch rein. Und das brauch ich, im Gegensatz zu meinem Herzen, ja nun wirklich nicht mehr.

The Man Comes Around

Wer braucht eigentlich den November? Der goldene Herbst ist vorbei, die Adventszeit lässt auf sich warten, und rundherum ist es nebliggrau, kalt, es regnet – Willkommen, novemberlich-depressive Stimmung. Braucht keiner. Sagt man so. Aber es würde zugegebenermaßen etwas fehlen, wenn man das Jahr so im Gesamten betrachtet. Ein kuscheliger Sonntag zu Hause in leichter oder auch etwas schwerere Melancholie zugebracht, scheint manchmal den Horizont zu öffnen und macht – zumindest mich – empfänglich vor allem für Musik, die gerade so eine Stimmung einfängt. Ich suche derzeit kein Gegenprogramm zu meinen momentan vorherschenden Empfindungen. Ja, ich möchte sogar zeitweise vollkommen darin untertauchen. Zelebrieren. Alles, einfach alles davon erfassen, weil ich hoffe, dass ich auf diese Weise verstehen kann, was da mit mir passiert. Ob das hilft? Ich weiß es nicht.

Meine Sonntagsgedanken widme ich daher heute dem großen Johnny Cash, den ich für sein Alterswerk sehr verehre.  Country-Geschrammel liegt mir eigentlich nicht, ehrlich. Deshalb habe ich Cash bewusst gemieden. Bis ich One und The Mercy Seat kennenlernte, vor etwas mehr als zehn Jahren bei einer Freundin auf einer selbst zusammengestellten CD. Sieben Jahre später, unvergessen, kaufte ich sie mir endlich, American Recordings III: Solitary Man, und damit einen ganzen Sack weiterer Goldstücke. Seitdem habe ich Cash beim Autofahren dabei, so laut es geht, so oft mir danach ist. Wundervoll. Melancholisch. Tröstlich. Ich liebe es.

Nun war ich also auf der Suche nach einem bestimmten Song (nicht von Cash), den ich zur Zeit auch oft höre, weil er sich prima eignet, um seine Aggressionen rauszuschreien und dabei an bestimmte Personen zu denken, denen man mal mit ganz deutlichen Worten sagen möchte, was man von ihnen hält. Leider werden sie’s wohl nie von mir persönlich erfahren. Jedenfalls fand ich dabei dieses wunderbare Lied vom Man in Black, das mich beim ersten Hören schon tief bewegte und im Prinzip das ausdrückt, was ich da gerade spürte: nicht Aggression, nicht der Wunsch jemanden anzuschreien, sondern schlichtweg Verletztsein.

Hurt (American IV: The Man Comes Around)

Es klingt unglaublich, aber es tröstet mich irgendwie. Man nimmt ihm diese Emotionen ohne jeden Zweifel ab. Es fühlt sich so wahr an, so richtig – und gut. Schmerzlich, aber gut. Vielleicht bin ich nun mal mit einer gewissen Grund-Melancholie ausgestattet, die genährt werden will. Cash kann es. Danke dafür.

Mit Sicherheit gibt es bald noch mehr von Johnny Cash zu lesen und zu hören. Ich habe mir nach American Recordings III noch IV und V zugelegt und bin gerade am Durchhören. Mein verfrühtes Geburtstagsgeschenk an mich selbst.

Mme C.
(sonntagsentspannt)