Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

10 Wörter – Verlegenheits¦ratespiel

10 Wörter, die herausfordern: Raumzeit¦Erdbeergelee¦Veilchen¦Musenlaune¦Ausstellungskadaver¦
Literaturschleuder¦
Furie¦Gurkenhobel¦Cremetörtchen¦Schlürfen

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Willkommen, meine Damen und Herren, zu unserer heutigen Ausgabe von Jeopardy! Unser Sendungskonzept hat sich einer kleinen Veränderung unterzogen. Ab jetzt haben unsere Zuschauer die Möglichkeit, selbstkreierte Ratebegriffe und die entsprechenden Definitionen einzusenden. Unsere heutigen zehn Begriffe stammen daher aus der Sammlung von Frau Mia aus dem Westend, die Definitionen hierzu lieferte Frau Contraire aus Kleinkäffleinshausen. Vielen Dank an dieser Stelle! Und hier ist sie, unsere Ratewand:

Unschickliches 200 – Phänomen, das vor allem in Verbindung mit Heißgetränken oder Alkoholika zu beobachten ist
– Was ist … ?

Abstraktes 600 – Schweben an herzerfülltem Ort, Inspirationsfunken sammelnd und zu Papier bringend, die Leichtigkeit einer glücksfördernden Tätigkeit
– Was ist …?

Allegorisches 800 – Ein brennendes Pferd im Inneren, erweckt durch Koffeinentzug, allumfassender Inkompetenz und Manipulationsüberschuss
– Was ist eine …?

Allegorisches 1000 – Der Grund, weshalb der eigentliche Brotwerwerb wieder einmal auf die nächste Stunde verschoben werden muss
– Was ist …?

Mehrdeutiges 500 – aufgrund allzu großer Ambiguität und überbordender Fantasie nicht ohne das Abgleiten in Schlüpfrigkeiten zu definierender Begriff
– Was ist ein …?

Mehrdeutiges 800 – Glückliches Gewächs, dessen Farbe und Duft kindliche Sehnsüchte erwachen lassen, parallel als Begriff für faziale Schmuckumrandungen verwendet
– Was sind …?

Schimpfwörtliches 800 – Ein selbst G**gle nur bedingt bekannter Begriff, der unter Umständen Erinnerungen an die Begegnung vor einigen Jahren mit Gunther von Hagens hervorrufen kann
– Was ist ein …?

Schimpfwörtliches 1000 – Despektierliche Bezeichnung für glückliche Menschen, die genug „Abstraktes 1000“ und Inspirationsfunken zur Verfügung haben
– Was ist eine …?

Leckeres 500 – Rottransparent und lebenssüß materialisierter Sommer
– Was ist …?

Leckeres 600 – Wie „Mehrdeutiges 500“, jedoch positiv(er) besetzt
– Was ist ein …?

 

Hätten Sie’s gewusst, meine Damen und Herren? Ich hoffe, unsere heutige Raterunde hat Ihnen genau so viel Spaß gemacht wir mir! Bis nächste Woche

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Die Sendung wurde nach dieser Neuerung übrigens abgesetzt.

 

 

 

Wortstrom: Wort¦weit¦flug

Worte, Worte, Worte, weg und hinfort, ein aufgescheuchter Wörtervogelschwarm. Und ich sitze hier unten, blicke ihnen in die Ferne nach, lausche dem verstummenden Flügelschlag nahe am Horizont. In die Nacht hinaus. Vielleicht lassen sie sich morgen wieder in meiner Nähe nieder, vielleicht gelingt es mir, ein paar von ihnen anzulocken. Mir fehlt ihr hübscher Anblick und die Stimme, die sie mir verleihen. Mir fehlen leider auch die Brotkrumen, mit denen ich sie zu füttern pflege. Eine Nacht darüber schlafen. Die Stille walten lassen. Vielleicht kommen sie von ganz allein zurück, meine kurzweitgereisten Wortscheinschwalben, Satzdreckspatzen, Fragmentschmutzfinken. Ich mag den Klang ihrer kleinen Federschwingen, wenn sie mein Herzgewebe streifen.

Wortstrom: Ph¦r¦asenverschiebung

Regen im Kopf

Alles, was sich regt,
sind die Wellen auf dem Herzsee,
wenn tausende kleine Tränentropfensteine
in seine Oberfläche fallen.

Rauschen im Kopf

Alles, was rauscht,
ist die Zeit, der Treibsand im Glas,
so stark, dass das Dagegenlaufen
sturmzeitlupenlangsam scheint.

Schreien im Kopf

Alles, was schreit,
sind stumme Münder,
so rot und geschunden,
Stummmünderschreie vom und ins Dunkel.

Schweigen im Kopf

Alles, was schweigt,
muss doch schreien, rauschen, sich regen,
den Wellen, der Zeit und den Stummmündern entgegen.
Doch schweigt’s. Es. Schweigt.

Die lieben Kleinen

Eigentlich sind Katzen einzig das, was wir aus ihnen machen. Sicher, sie mögen ihren eigenen Kopf haben. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Gutes Futter, ein Muss für ein gesundes Erscheinungsbild. Ausgeglichenheit schätzen wir natürlich mehr als Nervosität oder tiefe Kratzer und Schäden von scharfer Kralle an unserem Mobiliar. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Manche präferieren je nach persönlichem Gusto eher zurückhaltende Zeitgenossen, andere ergötzen sich an Lebhaftigkeit und Charakterstärke. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Wir investieren in unser Haustier, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihr Leben verlängern. Fachmännisch befasst sich der Tierarzt unseres Vertrauens mit der Gesundheit unserer  Ersatzkinder, während wir nägelkauend im Wartezimmer sitzen und uns die Impfung mehr körperliche Schmerzen zufügt als unseren Kleinen. Wir brauchen viel Zeit und Hingabe, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, sonst fordern sie dies ein, quälen uns mit Blicken, liegen uns in den Ohren. Schlimmstenfalls wenden sie sich enttäuscht von uns ab, werden apathisch, resignieren.

Man sagt ja: Artgerechte Haltung. Irgendwann lassen wir nach qualvollem Abwägen des Für und Wider unsere Lieblinge schweren Herzens nach draußen, die Bedenken stehen uns zu Beginn auf die Stirn geschrieben, wenn wir anfangs ständig nach ihnen sehen, sie unter Beobachtung stellen, wenn sie ihr neues Revier erkunden und weiter, immer weiter sich vom heimischen Grundstück entfernen. Hinaus in die weite Welt. Wir blicken ihnen heimlich nach, wenn sie in Nachbars Garten spielen. Freuen uns diebisch über Komplimente von außen über Aussehen und Verhalten, nehmen später, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Haustierexperten avanciert zu sein, so manche Kritik nicht mehr so ernst und sehen bald über kleine und größere Missgeschicke großzügig hinweg. Und so wachsen und gedeihen sie, mit Fell und Fängen, werden dick und füllen unsere Herzen. Wir lieben sie, diese kleinen Kreaturen.

Kleine Kreaturen, die wir lieben, ein paar Buchstaben, wenige Wörter. Zuweilen wachsen und gedeihen sie, füllen Zeile um Zeile, gar Seiten, ganze Bücher. Über größere und kleinere Missgeschicke sehen wir bald großzügig hinweg, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Schreibexperten avanciert zu sein, und nehmen so manche Kritik längst nicht mehr so ernst. Freuen uns dennoch diebisch über Komplimente von außen über Form und Inhalt. Hinaus in die weite Welt. Anfangs blicken wir ihnen heimlich nach, als sie noch neu auf der Spielwiese sind. Stellen sie unter Beobachtung, wenn sie anfangen, ihr neues Revier zu erkunden und sich weiter, immer weiter vom heimischen Hafen entfernen. Was standen uns die Bedenken auf die Stirn geschrieben, sie nach draußen zu lassen, schweren Herzens entschieden wir uns irgendwann nach qualvollem Abwägen des Für und Wider dazu. Man könnte sagen: um der artgerechten Haltung willen.

Resignation, Apathie zuweilen sind nicht selten, wenden wir uns enttäuscht von ihnen ab, wenn wir nicht mehr genügend Zeit und Hingabe haben, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, denn sie fordern dies ständig ein, quälen uns beim bloßen Anblick und liegen uns im Magen. Fachmännische Hilfe kann möglicherweise Gesundung herbeiführen, und während sich der Experte unseres Vertrauens mit unseren Kindern befasst, sitzen wir nägelkauend in der Warteschleife, und jeder Schnitt und jede Änderung fügt uns mehr körperliche Schmerzen zu, als mit bloßem Verstand zu begreifen ist. Wir investieren in unsere Lieblinge, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihnen zum Erfolg verhelfen. Präferieren je nach persönlichem Stil  Zeitgenössisches, zurückhaltende bis sachliche Beschreibungen, oder verschreiben uns unserer lebhaften Fantasie oder dem starken Ausdruck. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Ausgeglichenheit schätzen die meisten mehr als nervöse Zeilensprünge und tiefe Kratzer und Schäden von stumpfer Feder an unserem Ästhetikbegriff. Hirnschmalz und Ausdauer, ein Muss für ein augenschmeichelndes Erscheinungsbild. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Sicher, sie mögen ihre eigene Dynamik haben. Aber eigentlich sind Texte einzig das, was wir aus ihnen machen.

 

Wortstrom: Füll¦feder¦halterin

Wie ein Buch lieg‘ ich vor dir, Welt
Recke meine weißen Seiten dir entgegen
Bitte stumm darum, gefüllt zu werden
Nicht leer bleiben will ich, niemals mehr.

Septembersonne brennt, Punkt für Punkt,
Mir sommerwarme Zeichen auf die helle Haut
Nadelspitzen formulieren sanft und stetig
Auf dem Zellstoff Rosenpurpurstickerei.

Ein Rebenmeer schreibt, Zeil‘ um Zeile,
Sehnsuchtsworte in mich hinein
Herzfarbenweit blickst du mich an
Herzweitgefärbt  mein Blick auf  dir.

Dich lass‘ ich die Feder führen, Seit‘ um Seite
Füllst du mich mit blauem Lebenstintenstrom
Nie versiegen lass ihn, die Feder leg‘ nicht nieder
Denn leer bleiben will ich niemals mehr.

 

Wortstrom: Sub¦attraktion

Die Neun fließt über. Schon meine Acht. Vermehrt durch Subtraktion – wer hätte das gedacht?
Denn da kommt man mit seinen Sieben lang – zum sechsten Mal schon, bang, wieder fünf Stunden unter vier Augen.
Die Wunden könnens schier nicht glauben und schauen drein, als ob die zwei nichts anderes beseelt, als eins zu sein.
Es zählt: von null auf zwei auf eins auf – zehn? Mit Logik hat das kaum zu tun.
Wer subtrahiert, gewinn hinzu? Ist doch ganz einfach zu erseh’n:

Wenn weniger mehr ist, ist mehr wohl weniger, wenig mehr als nichts nicht weniger als alles.
Und all das Nichts und Alles, so zeitlos und pupillengroß.

Canción de caza

Cicatrización – ich heile. Im Zickzack heilt die Welt um mich.
Die Wundwelt nach dem Waidwundschuss – zumindest fühlt sie sich so an.
Nicht schön, die Zickzacknaht, doch dicht, stabil. Belastbar – später, später doch einmal.

Cauterización – vermieden, denn zu kaputt, das gibt es nicht.
Es wächst noch an, was abgetrennt mir schien.
Die Bindung hier, der Wunsch nach Ganzheit, unversehrt.

Intervención – ich eile. Eile nicht. Im Zickzack eilt die Welt um mich.
Ich seh ihr zu. Bin ruhig. Bin wach, erholt nach kurzem Dämmerschlaf.
Im Traum, nein, es ist Wirklichkeit, wo Sieben und Sieben zur Acht gereicht.

Caza, cazadora, no descanses.