Der längste Monat ist der Januar

Ganze 31 Tage zählt er, der erste Monat des Jahres. Dennoch kommt er mir seit langer Zeit sehr viel länger vor als jeder andere Monat. Ich vermute, es liegt daran, dass man im Dezember so sehr auf das Jahresende hingearbeitet hat, um an den Feiertagen, dazwischen und vielleicht über ein kleines Urläubchen danach die Füße hochzulegen. Dass es meistens anders kommt, ist ja hinlänglich bekannt. Oder hat sich schon mal jemand im Weihnachtsurlaub wirklich entspannt? Und schon prügelt der Januar wieder los, es hagelt neue Projekte, neue Arbeit und vor allem ist da noch all das Liegengebliebene, was man mehr oder weniger sorglos aufs Neue Jahr verschoben hat.

Mein Januar begann deshalb mit ein paar Tagen Urlaub, die ich aufgrund längerer Abwesenheit noch nehmen musste, damit sie nicht verfallen. Einfach schön, mal nur auf der Couch zu liegen oder in der Badewanne, endlich wieder Bücher zu lesen, vielleicht ein kleiner Ausflug … Aber nein, auch JB hat so ein Gedankenkarussell im hübschen Köpfchen, sodass diese Entspannungsphasen mehr dazu genutzt wurden, neue Pläne zu schmieden – Hallo? Nachwuchs als einziges Jahresvorhaben? Nicht mit uns! Wir haben eine Menge aufzuholen, zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich das Resultat dieser 31 Januartage vor mir sehe.

Ich bin dieser Tage so zufrieden mit mir wie gefühlt noch nie. Was ich anpacke, gelingt. Weil ich es anpacke, und nicht ausharre und warte, was sich von selbst erledigt (das ist nämlich genau nichts). Und es ist so leicht! Seit die Gesundheit sich dazu entschlossen hat, wieder ihren vertrauten Job stabil auszuführen, sind meine Gedanken endlich frei für all die vielen neuen Dinge, auf die ich Lust habe, auf die ich so lange gewartet habe. Die jetzt Schlange stehen und abgearbeitet werden wollen. Plus: Ich habe jetzt einen JB, der ganz ähnlich tickt und ebenso voller Tatendrang steckt, so dass wir quasi fast das Doppelte von all dem schaffen könnten, was wir beide erreichen wollen. Aber ein bisschen Luft zum Ausspannen muss natürlich auch gegeben sein. Insgesamt fühlt sich der Januar des neuen Jahres sehr gesund und reich an.

Und das ist gut so. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch „voll Stoff“ geben kann. Aber es erleichtert mich sehr, zu sehen, dass mit der richtigen Motivation alles so läuft, wie gewünscht. Das macht mir Mut, dass ich in ein paar Monaten doch nicht kopflos zur Mama-Maschine mutiere, sondern vielleicht ein klitzekleinwenig Organisation aufrecht erhalten kann, ein winzigbisschen Souveränität, ein ganz kleines Bisschen Herr meines Lebens bleiben darf. Lassen wir uns überraschen.

Es kann natürlich passieren, dass hier die nächsten Wochen oder Monate gar nichts mehr in meinem schönen Gärtchen gedeiht, was ich für euch pflücken und hübsch arrangieren könnte, wenn die Welle wahrgewordener Träume heranrollt und es nach dem Planen ans Realisieren geht.

Nur so viel: Heute habe ich, weil sonst nichts mehr zu erledigen blieb, meine Steuer gemacht, aus lauter positiver Verzweiflung über den vermeintlichen Stillstand. So früh war ich noch nie dran…

Schluss¦aus, aber wirklich!

Er hatte gestern Geburtstag. Ich habe nicht gratuliert. Nicht per Nachricht, nicht mal auf dieser Plattform, die mich mehr nervt als sie mir nutzt. Endlich mal konsequent sein, denke ich mir. Es ist zwar nicht so, dass wir uns je gestritten hätten. Dass wir uns gegenseitig etwas Schlechtes gewünscht hätten – außer das eine Mal, als ich schon längst JBs Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner Vorstellung sind alle Männer nach ihm völlige Idioten. Diese Vorstellung war es letztlich, die mich vertrieb. Also, konsequent keinen Kontakt mehr halten, auch nicht aus Mitleid. Er ist wieder Single, aber das sollte mich am allerwenigsten interessieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich ihn vermisse. Der Gedanke an ihn ärgert mich vielmehr. Ich denke, schuld sind einfach die vielen alten Dinge, die mir jetzt, bei der Renovierung, wiederbegegnen, die kleinen Erinnerungsstücke, die zu meinem Leben gehören. Und vielleicht ist es auch der Blick in die Zukunft. Der mich ermahnt, dass es endlich, endlich Zeit ist, den Schlussstrich zu ziehen. „Okay“, sage ich zur Zukunft, „du hast ja recht. Gib mal den dicken schwarzen Stift, ich zieh ihn jetzt. Den Schlussstrich. Und hepp!“

Das war leicht, verdächtig leicht. Ich schraube die Kappe wieder auf den Stift. Als ich aufblicke, steht JB vor mir und meint: „Es kann doch auch mal leicht sein im Leben. Es ist nicht alles nur kompliziert.“ Ich stimme dem einfach mal zu. Und während die dicke schwarze Linie trocknet und der Geruch von Schlussaus-und-Ende allmählich verfliegt, beschließe ich, dass ab dem gestrigen Datum einfach alles anders ist. Alles neu. Jetzt aber wirklich: Hallo Zukunft!

Rosenregen

Rosenregen

Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

Schulmedizin

Ich habe es ja verstanden. Zu viel Meckern macht krank. Oder umgekehrt. Nur, beides bringt so gut wie nichts, außer maximal einer Auszeit, und da ist es fraglich, wie erstrebenswert sie wirklich ist. Ich habe mich über mich selbst gewundert, als ich da so saß, wieder einmal wochenends, wieder einmal Klinikum. Ich wusste, was auf mich zu kommen würde. Und trotzdem war ich – ruhig, ja. Was hätte ich auch machen sollen, in solchen Momenten nützt weder hadern noch meckern, man muss sich auf Gedeih und Verderb fremden Menschen ausliefern, denen man aufgrund der Profession und dem weißen Kittel eben Vertrauen entgegenzubringen hat. Madame und ihre allererste OP. Ich schicke gleich vorweg, es war nichts Wildes, nichts Lebensbedrohliches, maximal war es akut und etwas unangenehm. Gut, dass es gleich am selben Tag erledigt werden konnte, eine längere Wartezeit hätte mir wahrscheinlich doch die mir nur zu gut bekannte Panik beschert. So durfte ich direkt bleiben, hatte sogar ein Zimmer für mich und diese nette kleine blaue Beruhigungspille, die alles andere als matschig im Kopf macht, wie ich eigentlich dachte.

Die Narkoseärztin hatte hübsche grüne Augen, das Schmerzmittel ließ mir orangefarbene Streifen quer über den Rücken laufen und das Narkosemittel war hammergut. Aufgewacht bin ich wenig später zwischen den Zweigen eines Apfelbaums mit schönen runden Pink-Lady-Äpfeln. Ich habe keine Ahnung, wie ich ausgesehen haben mag, als man mich wieder auf die Station rollte, aber ich dachte daran, wie toll ich es als Kind gefunden hatte, ein Bett mit Rollen zu besitzen, mit dem man, auf unzählige Kissen gebettet, in die Schule hätte fahren können. Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett lässt grüßen. Kurz nach einer OP so gut drauf zu sein kam mir selbst ein wenig pervers vor. Vor allem, wenn der Liebste am Bett sitzt und mit dem Kreislauf zu kämpfen hat, während ich fröhlich am Tropf hänge und von meinem Apfelbaumabenteuer erzähle. Aber keine Sorge, spätestens zurück in den einsamen vier Wänden, verlassen vom Pflegepersonal, da kehrt der Blues zurück.

Wie konnte es soweit kommen? „Pech“, ist die lapidare Aussage des Assistenzarztes, und dieses Mal ist es endlich eins dieser seltenen, durchaus ansehnlichen Exemplare. Aber ich weiß es besser, natürlich, unbelehrbar, wie ich bin. Immer dieses Verbiegen, das muss doch auf die Dauer schlecht für den Körper sein. „Für irgendwas muss es dennoch gut sein“, klingt es wohlbekannt aus der Plan-B-Schmiede. Vierzehn Tage Zwangsurlaub sind schon mal ganz in Ordnung, und halbliegenderweise kann ich sogar bloggen, und auch meine Katzen freut es ungemein, dass ich nicht den ganzen Tag wie sonst im Haus herumlaufe, ohne die Beine stillhalten zu können.

Und wie ich so entspannt versuche, den Tag herumzubringen, offenbart sich einmal wieder eine dieser kleinen, spitzen Ungeheuerlichkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs. Sofort ist mein Puls auf hundertachzig. Aber anstatt ihn wieder herunterzubringen, statt den sonst indizierten Achnichtsoschlimms und Daskannjamalvorkommens pocht die Enttäuschung einen Tick zu laut gegen die Herzwand und mäandert sich ungehindert durch den Körper ins Gehirn, wo der Entschluss so schnell heranreift wie kürzlich diese andere Sache, die operativ entfernt werden musste. Operativ entfernen. Genau das ist es. Es gibt Dinge, die sich einfach nicht mit Nachsicht und Geduld kurieren lassen. Versucht man es, kommen sie doch immer wieder, und mehr Nachsicht und Geduld sind gefordert, ein jedes Mal. Und dabei macht man sich lächerlich. Die immer mit ihrer Geduld! Mit der kann man echt machen, was man will. Ich fühle mich plötzlich wie eine kleine unverbesserliche Esoterikerin zwischen hunderten von Schulmedizinern, die sich nicht scheuen, ihr Skalpell kühl und berechnend einzusetzen, ihr Beruhigungsmittel und andere Gifte zu injizieren, wenn es gerade zupaß kommt. Und ich, mittendrin, jongliere noch immer mit Globuli und Kräutertee.

Nichts da, dieses Mal greife ich auch mal zur Knochensäge. Akribisch bereite ich den Eingriff vor, notiere mir die notwendigen Schnitte, lege Tupfer und sogar ein Pflaster bereit und greife zum Telefonhörer. Natürlich ist die Performance noch holprig und nicht so elegant, wie meine Notizen das vorsehen, aber das Wichtigste ist, dass der entscheidende Schnitt richtig platziert ist. Und das ist er. Mein Patient versteht sofort und versucht auch nicht, mich daran zu hindern, die Amputation zu Ende zu bringen. Immerhin liegt hier genug Eigenverschulden vor, auch eine Entschuldigung erweist sich als kontraindiziert.

Anstatt nun überglücklich zu sein, dass ich diese Operation erfolgreich durchgeführt habe, wandert nun der Phantomschmerz paukend und trompetend durch mich hindurch. War das richtig? Soll ich meine Glaubwürdigkeit riskieren und es doch schnell wieder annähen? War ich zu rigoros? Dann betrachte ich meine eigene Operationsnarbe und frage mich ernsthaft, ob ich das so oder so ähnlich noch einmal durchleben möchte. Nein, sicher nicht. Ich war auch nicht zu rigoros, ich war so freundlich und habe noch den Verband ordnungsgemäß angebracht, anstatt den Patienten verbluten zu lassen. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Leere. Bedauern. Aber damit muss ich jetzt leben. Es wird besser werden, je öfter ich es übe. Daran muss ich glauben, wenn ich zukünftig öfter andere dran glauben lasse.

Schnitte

Analysen¦konsequenz

Oder: To¦Do is To¦Be is To¦Do is To¦Be …

Ich habe keine Ahnung. Wirklich, ich weiß nicht, was heute anders ist als Freitag vor einer Woche. Es liegen lediglich sieben Tage dazwischen, sagt der Kalender. Ganze, große, weite Welten, sagt mein Gefühl. Also das im Bauch. Und das im Kopf nickt bestätigend. Starten wir sie, eine:

Analyse

Nach einer dunklen, viel zu früh herbeizitierten und daher sehr langen Nacht glitzerten noch die Hoffnungstautropfen, die ich beim Schlafengehen beiseite gelegt hatte, um mich dumpfen und ziellosen Gedanken hinzugeben. Vielleicht war’s die Sonne, die mich auf meinem nachfolgenden Streifzug – ich ganz allein mit meiner Seele an der Hand – so hell begleitete. Wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen, sie erzählte mir so einiges, als wir durchs Land streiften, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Währenddessen habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, ich ließ die Zeit einfach Zeit sein, ohne Druck und ohne die Vorgabe, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Jene Stunden, die wir glücklich und frei verbringen, was dagegen ist sinnvoller? Und so war ich in guter Stimmung und erfüllte meiner kleinen Seele an meiner Hand den einen oder anderen Wunsch, wenn sie plötzlich stehen blieb und sich die Nase an den Schaufenstern voller Süßigkeiten plattdrückte. Ich hakte gar nicht nach, ob „sinnvoll“, „nahrhaft“ oder gar „gesund“. Es machte mir einfach Spaß, die Kleine glücklich zu sehen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen und zuweilen völlig selbstvergessen. Kaum mehr etwas zu ahnen von der nicht einmal 24 Stunden zurückliegenden Quälerei mitten im Nichts.

Und siehe da: Als wir uns fröhlich kichernd und gegenseitig neckend auf den Heimweg machten, hatte noch niemand vergeblich angerufen, niemand vor verschlossener Türe gewartet. Nur die beiden Mademoiselles gebarten sich, als kehrten wir erst nach mehrwöchiger Weltreise wieder heim. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Und ein bisschen hatten sie es auch im Gespür mit der Welt¦en¦reise…

Oder sind vielleicht doch Frau Knoblochs Blautadelchen schuld am plötzlichen Sinnes¦wandel, die beim Lesen Sinne wandeln ließen über das Meer? Womöglich ist es überhaupt nicht schlimm, da draußen zu sein, wenn man die rechte Ausrüstung mit sich führt. Es gilt noch immer auszuloten. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen und kann unmöglich einfach so übersprungen werden. Man sollte auch keinen Kuchen anschneiden, ohne vorher den Teig für einige Zeit dem Ofen anvertraut zu haben und, auch wichtig, ihn auskühlen zu lassen, sonst ist das Ergebnis mit Sicherheit nicht das gewünschte. Die Verdächtigen – die Hoffnungstautropfenschenkerin, die Sonne und die Blautadelchenverfasserin – mögen daher meinen breitgestreuten Dank annehmen. Erkenntnisse ziehe ich ebenso aus dem Seelenspaziergang. Aber nicht nur Erkenntnisse, es darf daraufhin gerne eine Anpassung erfolgen, um sich nicht wieder zu diesen viel zu langen, dunklen Nächten hinreißen zu lassen. Et voilà, eine mögliche:

Konsequenz

Eine To¦Do-Listenrevolution steht an. Ja, ich bin ein Listenmensch, ich kann nicht ohne sie, weil ich sonst alles vergesse. Vom Einkaufszettel über die täglichen Arbeitsnotizen bis zur generellen (also die mit den utopischen Vorhaben, beispielsweise endlich die Garage aufzuräumen) und der wöchentlichen To-Do-Liste mit kleinen und größeren Haushaltsaufgaben. Letztere hat meist einen triftigen Grund, dieses Mal sind Gäste geladen, und das Häuschen soll daher etwas „Repräsentatives“ ausstrahlen. Sagt man doch so. Mit zwei Mademoiselles leidet leider die Sauberkeit zuweilen aufgrund von Katzenhaaren allüberall. Ein junger Neffe, im vollerblühten Erkundungs-, Krabbel- und Hinfallmodus, soll nach seinem Besuch nicht unbedingt aussehen wie ein haariges Äffchen oder Gefahr laufen, anstatt einer der beiden Mademoiselles aufgrund akuter Verwechslungsgefahr in meinem Haushalt zu verbleiben, wenn seine Eltern den Heimweg antreten. Kurz gefasst, es muss etwas getan werden, und das liste ich mir gerne auf, um jede Aktivität, und sei sie noch so gering, von der Liste zu streichen. Das befriedigt ungemein. Unbefriedigend dagegen ist das rasche Anwachsen solcher Listen. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich sehr viele von ihnen. Ein Hilferuf in Richtung des Herrn Papa soll zumindest vorerst Abhilfe schaffen, ein Sammelkästchen wird benötigt, das der Herr Papa anzufertigen imstande ist. Kaufen kann ja jeder. Aber auch gebündelt und hübsch aufbewahrt bleiben To-Do-Listen immer noch eines: meist lästige Pflichten. Und hier greift der Sinneswandel und wandelt Sinnen in reale Verhaltensanpassung:

Ich nehme mir vor, pro von mir angelegter Pflichtenliste einen Punkt auf einer „Schöne-Dinge-Liste“ zu ergänzen. Dinge, die ich gerne mache, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, die mir einfach Freude machen und in denen kein tieferer Sinn liegt. Meistens. Manchmal schon. Ein Beispiel setze ich darunter. Auch das bereitet mir Freude, sich die Zeit nehmen und einfach mal ein Bildchen schießen, das zum Thema passt. Diesen Punkt sollte ich vielleicht auch gleich ergänzen auf meiner Liste. Solange es nicht zum Zwang wird.

To Dos und To Loves

Man sieht es schon an der Schrift, was mir mehr liegt … Grüße an dieser Stelle an Gérard Otremba von Sounds&Books! Dessen Empfehlungen, die ich gerne mal wieder in Ruhe nachlesen möchte, kann ich meist uneingeschränkt weiterempfehlen.

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary III

Der Vollständigkeit halber

In Gedanken sitze ich in einem kleinen Café am Rhein, die Sonne scheint schüchtern durch eine diesige Schicht Wolken. Vor mir ein großer Milchkaffee, wunderschön und lecker, und ein Karamellkeks. Da sitze ich, zusammen  mit meinem Lächeln, und klopfe mir, ebenfalls in Gedanken, auf die Schulter. Gemacht. Geschafft. Innerhalb weniger Minuten war die Vorsorgeuntersuchung vorbei, das Ergebnis lautet: alles in Ordnung. „Wie im Lehrbuch“, schwärmt Frau Doktor. Gut, ein bisschen Wartezeit hatte ich, wurde aber dafür mit folgender Szene entschädigt:

Ein Mann, geschätzt Mitte 30, sitzt im Wartezimmer, unter 8 Frauen. Er blättert in einem Heft, in der Praxis gibt es tatsächlich auch Sportzeitschriften und Automagazine, aber so recht bei der Sache ist er doch nicht? Blickt ständig hoch und in den Flur. Eine junge Frau kommt schließlich ins Wartezimmer, sie strahlt, und selbst wenn ich ihr leises Flüstern und den lauten Schmatz auf seine Lippen vollkommen überhört hätte, würde ich trotzdem den Grund dafür kennen. „Sechste Woche.“ Das Wartezimmer wird Zeuge, wie hier und jetzt ein neues Abenteuer beginnt. Mit einem strahlenden Lächeln, roten Ohren und ichfassesnicht-feuchten Augen. Ich bin seltsam berührt und lächle den beiden zu, während sich die übrigen Wartenden wieder hinter ihren Zeitschriften verschanzen.

Daran denke ich, als ich am Rhein sitze, den letzten Tag eines märchenhaften Oktobers und meinen Milchkaffee genieße. In Gedanken. Denn eigentlich sitze ich schon wieder am Schreibtisch und versuche die zwei Stunden, die ich weg war, wieder aufzuholen. Verloren sind sie nicht, im Gegenteil. Gewissheit ist das,was ich gewonnen habe. In mehrfacher Hinsicht.

 

Danke, Manny!

 

 

Manny: Kämpfer, Krafttier, Schleifenträger

Pünktlich zum Wochenende wurde mir, wurde uns die Ehre zuteil, der Leserschaft ein neues Krafttier vorzustellen: Manny, benamt von Frau Knobloch, entworfen von Mo Beumers, erbeten von Madame. Ein kleiner Waschbär mit einer großen Aufgabe, nämlich für den Kampf gegen Brustkrebs einzustehen und das Bewusstsein hierfür zu fördern – und zu fordern.

Waschbärstarkes Bewusstsein

 

Verschiedene Fragen mögen sich ergeben, was Madame sich nun genau vorstellt. Ich versuche es mal:

Wie soll Manny eingesetzt werden?
Mir persönlich gefiele es, wenn jeder, der sich mit Manny identifizieren kann, ihn auf seiner Seite verlinkt und gerne ein oder zwei Worte zum Thema Brustkrebs verliert. Wenn gewünscht. Sich wortlos solidarisch zeigen ist in meinen Augen aber genau so wertvoll und wünschenswert.

Warum?
Siehe Mannys Aufgabe. Mir, uns liegt daran, das Bewusstsein für diese Erkrankung zu fördern und zu fordern. Solidarität für Betroffene, Angehörige, Freunde zu bekunden. Das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir eine Verantwortung haben. Für uns selbst und für andere.

Und sonst?
Wenn ich schon am Fordern bin – und das habe ich in den letzten Tagen oft getan – dann möchte ich gerne noch dieses loswerden: Greift zum Telefon, macht einen Vorsorgetermin aus, besser heute noch als morgen – auch Ihr, liebe Jungs! Die Untersuchung dauert nicht lange, und durch eine Früherkennung stehen die Chancen einer vollständigen Heilung gut. Gerade bei einer familiären Vorbelastung ist es wichtig, regelmäßige Untersuchungen durchführen zu lassen, auch schon vor 30. Die Ärzte haben dafür im allgemeinen großes Verständnis. Mein Termin ist am 31.10. um 10:30 Uhr.

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.