Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!

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Ent¦sorgung

Als wenn man etwas losgeworden ist, das einem schon lange in den Füßen herumstand.
Als wenn man altes Gerümpel, an dem man täglich sichärgernd vorbeigelaufen ist, endlich entsorgt hat.
Als wenn man Sachen, die man schon lange nicht mehr braucht, endlich abgeben konnte.
Der freigewordene Platz fühlt sich noch ungewohnt an, war er doch so lange belagert. Sauber ist er nun. Und frei. Ein so lange herbeigewünschter Zustand. Und dennoch, ein wenig Leere ist spürbar. Aber mit Sicherheit findet sich etwas Schönes, Gutes, das man mit dem freien Platz anfangen kann. Einstweilen die Leere – den freien Raum genießen. Und durchatmen. Es ist geschafft. Ent¦sorgt. Sorgenbefreit. Ich freue mich darüber. Sehr.

Los¦lass¦moment

Dieses Lied. Es lief fast das ganze Jahr über im Radio, und ich mochte es. Es war lebhaft. Es war laut. Es schien perfekt in diese Zeit zu passen, klang mir nach Freiheit, und frei war ich, wie noch nie. Ich konnte es bald mitsingen, war oft froh, dabei immer im schallgeschützten Innenraum meines Autos zu sitzen. Wann immer es lief, drang sein Beat in meinen Kopf und durch meinen Körper, riss mich mit wie eine Welle. Es würde sich die Gelegenheit bieten, diese eine im Jahr, bei der ich mich gehen lassen und darauf abtanzen würde. Wie sehr ich das wollte! Es wäre völlig egal, jeder würde das tun in diesem Moment. Ich würde ihn ganz genau zu meinem Moment machen, und ich würde ihn feiern.

Und dann kam die Gelegenheit. Während wir da standen, mitten in der lauten Menge. Während wir uns unterhielten, in die Augen des anderen hineinlauschten, während alles andere wie abgedunkelt und gedämpft um uns herum erschien, als ragten unsere Körper weit über eine laute, wogende Masse hinaus, nach oben, ins Licht. Da spielten sie es, dieses Lied, das ich zum Inbegriff meiner Freiheit gemacht hatte. Ich hielt kurz inne. Es gab nicht einmal den Anflug von Bedauern, sich eben nicht, wie so lange geplant, gehen zu lassen und abzutanzen. Ich wollte es nicht. Denn jetzt war nur eines wirklich wichtig. Die Eingebung, dass dieser Moment für mich, für uns eine Bedeutung haben sollte, war goldrichtig. Verharren in deiner Gegenwart, anstatt sich von der Welle erfassen zu lassen. Ich habe damit meine Freiheit nicht verloren, im Gegenteil. Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Moment ganz genau zu unserem zu machen und ihn zu feiern. Jeden Tag. Jeden Augen¦blick.

 

„Buon Giorno Principessa!“

Seit einiger Zeit höre ich zu jeder Gelegenheit einen Klassik-Radiosender. Leichte Unterhaltung, vieles wiederholt sich, und hin und wieder gibt es auch schöne Filmmusik aus bekannten Filmen. Nicola Piovani hat den Soundtrack zu Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ komponiert, und ein Stück daraus lief eben kürzlich im Radio.

Ich liebe diesen Film. Ich liebe die Musik. Ich habe eine unglaubliche Gänsehaut bekommen, als ich das Stück wiedergehört habe. Eigentlich kann und will ich kaum viele Worte verlieren über Roberto Benignis Werk aus dem Jahr 1997 –  eine anrührende Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Guido und seiner „Principessa“, Dora, während der Faschismus in Italien auf seinen Höhepunkt zusteuert.

Daher gibt es an dieser Stelle dieses wunder-wunderbare Stück aus dem Film, „Buon Giorno Principessa“.

Den ganzen Soundtrack von Nicola Piovani zu „La vita è bella“ mit einigen Sequenzen aus dem Film gibt es hier. … Genug der Worte, irgendwie stellen sie mich heute so gar nicht zufrieden. Lieber anhören und fühlen. Und natürlich bei Gelegenheit den Film anschauen.

Chromatische Kreissägen

Kürzlich hat mir jemand eine besondere Freude gemacht und mir das Clawfinger-Album Deaf Dumb Blind geschenkt. Einfach war es nicht, wie ich erfahren habe, da das Album nicht mehr produziert wird und außer auf eBay nirgends mehr erhältlich ist. Also: doppelt gefreut, ausgepackt, eingelegt und mit kreischenden Gitarren spontane 18 Jahre in meine eigene Vergangenheit gereist. Steigt auf, ich nehme euch mit, und zwar zu einem sonnigen Apriltag des Jahres 1994:

Es ist der erste Tag nach den Osterferien. Auf dem Schulhof tauscht man sich aus, was man so erlebt hat. That strange girl nähert sich mit hängendem Kopf und platzt in unsere Konversation: „Kurt Cobain’s dead“, schnieft sie. „5. April. Kopfschuss.“ Wie wenig mich das gerade interessiert! „Mein Großvater ist gestorben. 29. März, Herzinfarkt. Was interessiert mich der Cobain?“ Das Ereignis hat meine kindliche Welt aus den Fugen geraten lassen. Ich war verwirrt. Fühlte mich alleingelassen und unverstanden, für meine Familie kam das nämlich ebenso überraschend. Das Ableben unseres Mittelpunktes versetzte uns alle in eine Schockstarre. Ich hatte zum Glück eine beste Freundin, die mich in der Folgezeit öfter mit zum neusten Objekt der Begierde nahm: einem Kerl samt Freundeskreis, die sich selbst „Metaller“ nannten. Und so kam ich in Berührung mit – nein, nicht mit Jungs, das sollte leider noch Jahre dauern – nein, mit Metal-Musik.

Selbst noch in der Findungsphase schmissen diese halblanghaarigen Buben also mit Bandnamen um sich, tauschten CDs und bemalten ihre Army-Rucksäcke mit schwarzem Edding. Meine Freundin, die mich wohl eher aus Unsicherheit als aus reinster Nächstenliebe überall mit hin schleppte, und ich begannen also gleichfalls unsere Transformation vom braven Cordblusenmädchen zur Metal-Göre: Schwarz, schwarz und nochmal schwarz, zerrissene Jeans, Zottelpulli und Palischal waren ein Muss. Wundersamerweise kam ich an ein paar Springerstiefel (die ich bis heute stolz hege und pflege). Meine Eltern müssen sich auch gedacht haben, das Kind spinnt. Aber sie waren mit sich selbst beschäftigt und ich war brav genug, um äußerlich nur minimal zu transformieren und die standesgemäßen Metaller-Accessoirs erst anzulegen, wenn ich außer Sichtweite war. Mein Innenleben ging damals sowieso niemanden was an.

Die Nächte schlug ich mir mit MTV und VIVA um die Ohren, und auf den Ohren hatte ich kassettenweise Metal – damals waren mir Differenzierungen ziemlich egal, Hauptsache  es war laut und gitarrenlastig. Und tötete Schmerz und blöde Gedanken. Bei Schulparties standen meine Freundin und ich im zwielichten Halbdunkel, leisteten uns zusammen eine Cola, lästerten über Raver und Girlies und warteten auf die Metalwelle. Dann gab es kein Halten mehr. Headbangen, Haare schütteln, bis die Nackenmuskulatur versagte. Geile Zeiten. Einsame Zeiten.

Und so sog ich alles auf, was ich in die Hände bekam: Clawfinger, Body Count, Chili Peppers, Rage against the Machine, Soundgarden, dann Pearl Jam, Type O Negative, Sepultura … tja, und dann eben auch Nirvana, Hole, Stone Temple Pilots – die Liste ist unendlich. Je lauter, je böser, je lieber. Irgendwie schaffte es die Musik, meine Aggressionen übers Ohr aufzulösen und mich ein liebes braves Mädchen bleiben zu lassen – äußerlich.

Hier also Clawfinger The Truth, Inspiration für die heutige Überschrift. Stellt euch das mal in eurem Kopf unterm Weihnachtsbaum vor, während alle anderen Stille Nacht singen. Das war mein Heiligabend 1994.

„Das größte Problem …

… in unserer Beziehung wird sein, Liebe und Toleranz zu konsolidieren.“

Diesen Satz hörte ich am Wochenende beim Italiener. Unfreiwillig und völlig aus Versehen, als ich nach einem langen Tag einfach nur in Ruhe zu Abend essen wollte. Ein kleines nettes italienisches Restaurant, formvollendete Bedienung, genau das richtige nach so einem Tag. Da war also dieses Pärchen, das mir schräg gegenüber saß. Ich konnte ihm, Mitte vierzig wohl, sehr groß und mit spärlichem Haarwuchs, dafür mit sehr ausdrucksstarker Mimik, direkt ins Gesicht sehen. Selbiges schob er, deutlich forte, seiner Partnerin, zierlich, blond und ziemlich pianissimo, immer weiter über den Tisch entgegen. Na prima. Gerade Feierabend, und die müssen ihre Beziehungsprobleme im ganzen Restaurant ausrollen. Bei der Lautstärke dieses Konzerts von Vorwürfen war ein Ignorieren kaum möglich, und so erfuhr ich von einem staccato vorgetragenen „Minimalkompromiss“, und dass „Wegwerfen keine Option“ sei (es handelte sich hierbei wohl um ihrer Meinung zufolge weniger formschöne Wohnungseinrichtung). Das wiederkehrend bemühte Bild eines Wasserflecks im Waschbecken nervte zunehmend, weil ich über meinen Spaghetti mit Pesto an den desolaten Zustand meines eigenen Waschbeckens denken musste. Wasserflecken als Beziehungskiller? Was kommt als nächstes?

Der zweite Satz begann espressivo: „Du musst… nein, DU MUSST dich dieser Beziehungskultur anpassen!“ Jetzt erst fiel mir ihr leichter osteuropäischer Akzent auf. Soso. SIE MUSS also. Ihre Argumentation konnte ich aufgrund der zarten Stimme nicht mit verfolgen, dafür sprach er doppelt so laut. Um seine augenscheinliche Überlegenheit zu unterstreichen. Es schien ihm ernst zu sein, denn er machte ein sehr … wichtiges Gesicht. Adagio grave. Das war überaus interessant anzuschauen, wie er immer weiter über den Tisch und ihr ins Ohr kroch, offensichtlich um in ihrem Kopf etwas aufzuräumen, Möbel zu rücken, ihr verbal mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Aber senza sordino. Auf die deutsche Beziehungskultur eichen. Kein Rallentando in Sicht, im Gegenteil.

Hier stand also eine Beziehung auf dem Prüfstand, gefährdet aufgrund unterschiedlicher Auffassungen von Beziehungskultur, nicht konsolidierter Eckpfeiler des Zusammenlebens und eines Wasserflecks. Was muss Menschen in früheren Beziehungen widerfahren sein, dass sie sich a) so verzweifelt an ihre Überlegenheit klammern um den Partner kleinzumachen, niederzureden und ihre Forderungen auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen sowie b) sich kleinlaut zurücknehmen und um des lieben Friedens willen mitspielen bis zum nächsten großen Knall … Meines Erachtens lief dieses Pärchen im Allegretto capriccioso auf den Abgrund zu.

Das Grande Finale habe ich nicht mehr mitbekommen. Freiwillig. Auf den sonst obligaten Espresso habe ich verzichtet, sonst wäre er vielleicht versehentlich mitsamt vorgewärmter Tasse forte fortissimo auf dem Nachbartisch gelandet. Auf DIE Diskussion hätte ich mich nicht einlassen wollen…

The Man Comes Around

Wer braucht eigentlich den November? Der goldene Herbst ist vorbei, die Adventszeit lässt auf sich warten, und rundherum ist es nebliggrau, kalt, es regnet – Willkommen, novemberlich-depressive Stimmung. Braucht keiner. Sagt man so. Aber es würde zugegebenermaßen etwas fehlen, wenn man das Jahr so im Gesamten betrachtet. Ein kuscheliger Sonntag zu Hause in leichter oder auch etwas schwerere Melancholie zugebracht, scheint manchmal den Horizont zu öffnen und macht – zumindest mich – empfänglich vor allem für Musik, die gerade so eine Stimmung einfängt. Ich suche derzeit kein Gegenprogramm zu meinen momentan vorherschenden Empfindungen. Ja, ich möchte sogar zeitweise vollkommen darin untertauchen. Zelebrieren. Alles, einfach alles davon erfassen, weil ich hoffe, dass ich auf diese Weise verstehen kann, was da mit mir passiert. Ob das hilft? Ich weiß es nicht.

Meine Sonntagsgedanken widme ich daher heute dem großen Johnny Cash, den ich für sein Alterswerk sehr verehre.  Country-Geschrammel liegt mir eigentlich nicht, ehrlich. Deshalb habe ich Cash bewusst gemieden. Bis ich One und The Mercy Seat kennenlernte, vor etwas mehr als zehn Jahren bei einer Freundin auf einer selbst zusammengestellten CD. Sieben Jahre später, unvergessen, kaufte ich sie mir endlich, American Recordings III: Solitary Man, und damit einen ganzen Sack weiterer Goldstücke. Seitdem habe ich Cash beim Autofahren dabei, so laut es geht, so oft mir danach ist. Wundervoll. Melancholisch. Tröstlich. Ich liebe es.

Nun war ich also auf der Suche nach einem bestimmten Song (nicht von Cash), den ich zur Zeit auch oft höre, weil er sich prima eignet, um seine Aggressionen rauszuschreien und dabei an bestimmte Personen zu denken, denen man mal mit ganz deutlichen Worten sagen möchte, was man von ihnen hält. Leider werden sie’s wohl nie von mir persönlich erfahren. Jedenfalls fand ich dabei dieses wunderbare Lied vom Man in Black, das mich beim ersten Hören schon tief bewegte und im Prinzip das ausdrückt, was ich da gerade spürte: nicht Aggression, nicht der Wunsch jemanden anzuschreien, sondern schlichtweg Verletztsein.

Hurt (American IV: The Man Comes Around)

Es klingt unglaublich, aber es tröstet mich irgendwie. Man nimmt ihm diese Emotionen ohne jeden Zweifel ab. Es fühlt sich so wahr an, so richtig – und gut. Schmerzlich, aber gut. Vielleicht bin ich nun mal mit einer gewissen Grund-Melancholie ausgestattet, die genährt werden will. Cash kann es. Danke dafür.

Mit Sicherheit gibt es bald noch mehr von Johnny Cash zu lesen und zu hören. Ich habe mir nach American Recordings III noch IV und V zugelegt und bin gerade am Durchhören. Mein verfrühtes Geburtstagsgeschenk an mich selbst.

Mme C.
(sonntagsentspannt)

Neulich in der Mittagspause

Der Gedanke, dass das selbstgemachte Apfelmus vor mir auf dem Tisch das mit Abstand Geilste ist, was mir seit Wochen passiert, stimmt mich zunehmend nachdenklich. Zunehmend, tatsächlich in doppeldeutiger Hinsicht, leider. Bis ich an folgende Begebenheit beim Zahnarzt meines Vertrauens denken muss:

Eine Mutter dreier Kinder, geschätzte 15 und 6 Jahre und ein ganz frisches, an der Rezeption zur Sprechstundenhilfe:

–„Eigentlich wollte ich die beiden ausstehenden Behandlungen gern in einem Termin machen, geht das?“
– „Hm. Das dauert dann aber ungefähr zwei Stunden. Einmal Wurzelziehen und einmal ne neue Füllung, gell?“
– „Ja.“
Kurze Pause.
– „Kann ich den Termin auch alleine wahrnehmen? leise:  Ohne die Kinder?“
Die leicht konsternierte Antwort:
– „Ja … selbstverständlich.“
– „Gut. Danke. Ich brauch nämlich mal eine Auszeit. Zeit … nur für mich.“

Klar, Wellness für Mutti auf dem Behandlungsstuhl, exklusiv mit Wurzelbehandlung und Erneuern einer Füllung im Backenzahn. Oh Welt. Das ist traurig. Und schmerzhaft.

Dann halte ich doch lieber Apfelmus für das mit Abstand Geilste, was mir seit Wochen passiert ist.