Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!

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Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

Unterschiede

WordPress denkt sich, quid pro quo, Madame, wenn du mich hängen lässt, lass ich dich auch hängen. Vielleicht habe ich es durch meine längere (und dabei, objektiv betrachtet, gar nicht so lange) Abwesenheit verärgert, derweil mein WordPress-Reader überquillt vor kreativen Gedanken und literarisch hochwertigen Produkten.

Nun weigert sich WordPress heute, mir das Rebloggen eines herzerfrischenden Artikels zu ermöglichen. Schreib gefälligst selbst etwas! Nun gut. Dann eben anders, denn die folgenden Gedanken, die sich das Fräulein Cassiopeii über gewisse Unterschiede bei den wunderbarsten Menschen dieser Welt gemacht hat, möchte ich nicht vorenthalten. Auch wenn WordPress das offensichtlich anders sieht.

„Wie unterschiedlich wir Menschen sind, stelle ich immer wieder in meiner Umgebung fest, oder aber auch an unseren Kindern. Oder die der Anderen…also die Kinder der Anderen. Oder aber wie unterschiedlich Kinder unterschiedlichen Alters auf die gleichen Situationen reagieren, oder aber unterschiedliche Probleme bei gleicher Thematik haben. Ich erkläre das mal an einem Beispiel […]“

 

Atemnotauslösendefamosumarmerin

Großartige, rebloggenswerte Gedanken zu einer, ja, ich würde sagen, lebens-wichtigen Sache, nach der viele von uns streben, die in einem einzigen Moment mehr ausdrückt als alle Worte in jeder Sprache dieser Welt, und die von manchen leider erst dann geschätzt und vermisst wird, wenn sie nicht mehr verfügbar ist. Großartig.

Die sich gerne den Atem rauben lassende
Mme C.

… und hier noch zwei nette Artikel zum Thema:

10 Reasons Why We Need at Least 8 Hugs a Day
“We need four hugs a day for survival. We need eight hugs a day for maintenance. We need twelve hugs a day for growth.”

Personal Growth – Have you hugged anyone lately?
„And when a two-year-old cries, to comfort him, you do not philosophize but hold him on your lap.“

Momo

Quid sit futurum cras fuge quaerere – schon im Lateinunterricht versuchte ich mir das zu Herzen zu nehmen. Selten schien das geklappt zu haben. Nun hat thesmellofgreen ein wunderbares Zitat gepostet, das mich sofort daran erinnerte, und das mir heute nur zu gut in den Kopf passt: ein Schritt nach dem anderen, und nicht zu viel zerdenken. Danke dafür.

angeF(l)ixT

Manchmal kann ich mir selbst nicht mehr zuhören, wenn ich von meinem Leben erzähle. Man fragt mich halt, oder man fragt nicht, ich gebe auch ungefragt Antwort, erhalte Bestätigung, aber die meiste Zeit werde ich angeschaut, als käme ich aus dem Urlaub in einem weit entfernten Sonnensystem und hätte seltsame Bräuche und Sitten mitgebracht. Das liegt vielleicht auch daran, dass mein näheres Umfeld fast ausschließlich aus Pärchen besteht, die verständlicherweise lieber gar nienicht damit konfrontiert werden wollen, was da mit mir passiert ist.

Heldentage

Alles neu - So sieht es auch gerade in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Alles neu – So schaut’s in Mme Contraires Wohnzimmer aus

Um so schöner, wenn man sich irgendwo aufhält, wo man sich auf seltsam-vertraute Weise verstanden fühlt. Seit wie vielen Jahren ich Flix nun lese, weiß ich gar nicht mehr. Es begann mit seinen Seitenwechsel-Comics bei SpOn (vom Studenten zum Zeichendozenten), bis ich seine Homepage entdeckte. Fast jeden Tag gab (und gibt es noch) einen neuen Comic, die Heldentage 2.13, in denen er über Erlebtes und Gemachtes reflektiert. Dabei gefällt mir sehr, wie viel Gedanke und Emotion in diesen Bildchen stecken. Manchmal muss man unheimlich grinsen, wenn man sich ertappt dabei fühlt, schrecklich Profanes und Albernes vollstens nachempfinden zu können, was man sich selber vielleicht gar nicht eingestehen mag. Oder man kriegt Gänsehaut, die einer (selbst hineininterpretierten?) Tiefgründigkeit geschuldet ist. Ich kam kürzlich mal wieder an die ersten Heldentage, in denen Flix seine Trennung verarbeitet, und dachte mir: Ja, genau so fühle ich mich gerade. Vielleicht bin ich doch kein Alien und es gibt noch mehr von meiner Sorte… Ich wünsche viel Spaß beim Durchklicken, um zwischen Lobgesängen auf Nutella und Kaffee dann und wann in den Spiegel zu schauen!

Schöne Töchter

Mitten ins Herz

Nicht nur seine Heldentage machen Flix lesenswert. Ich warte immer in regelrecht freudiger Erwartung darauf, dass es einen neuen „Schöne Töchter„-Comic gibt. Sie handeln durchweg von, tja, schönen Töchtern eben, Mädchen, Frauen und ihrer Gefühlswelt. Oder was sie in der Gefühlswelt anderer verursachen. Wtf?? Wie kann ein Kerl sich bitteschön in die weibliche Psyche hineinversetzen? Das kann ja nur lächerlich werden! Ganz falsch. Das Gefühl beim Lesen stimmt einfach, zusätzliches Highlight ist die oftmals geniale Anordnung, Ausrichtung – Komposition. Ich erkläre mir die vielen vor allem weiblichen Fans anhand eigener Erfahrungen: Ich muss jeden Tag stark sein und kämpfen. Das muss jeder. Meine Interessen vertreten und tough sein, mich nicht in die Schublade „blödes Weibchen“ stecken lassen, und vor allem will ich eines: ernst genommen werden. Wenn ich dann vor dem Bildschirm sitze und Flix‘ Hommage an die Weiblichkeit lese, die uns zu jeder Zeit in einem positiven Licht erscheinen lassen, erlaube ich mir, Stärke und Schutzpanzer an der Garderobe abzugeben und einfach Mädchen zu sein: *seufz*. Die Folge 19 ist mein persönlicher Favorit, er traf mich mitten ins Herz.

Don Quijote

DQ CoverUnd wenn man das noch toppen will: Flix hat sich nach seiner Adaption von Goethes Faust, in der er den Titelhelden seinem Gretchen mit Migrationshintergrund im heutigen Berlin begegnen lässt, Cervantes‘ Don Quijote vorgenommen und – meiner Meinung nach – meisterhaft verarbeitet. Dabei fiel selbst mir (normalerweise Nicht-Comicleser) eine veränderte Strichführung verglichen mit vorhergehenden Werken auf. Es fühlte sich insgesamt ernster an beim Lesen, das Gesamtbild ist in Teilen sicherlich noch komisch, aber auch düster, schwer – bedeutsam. Seine Interpretation des Ritters von der Traurigen Gestalt ging mir unheimlich nah, vor allem die letzten Seiten des Buches waren ein unglaublich intensives – ein durchaus bekanntes Erlebnis. Auf seiner Homepage kann man sich auch durch die einzelnen Folgen klicken, die er vor Erscheinen des Buches seinen Lesern vorab täglich zur Verfügung stellte. Schön übrigens die Aufmachung in Anlehnung an diese abgenutzten, zerlesenen Reclam-Heftchen, die so manchem aus der Schulzeit in Erinnerung geblieben sein dürften.

Flix himself

Ich hatte letztes Jahr im September das Glück, einer Comiclesungen beizuwohnen. Auch das: ein tolles Erlebnis, ich kanns echt nur empfehlen. Anschließend wurde signiert, und so durfte ich ein paar persönliche Worte mit Flix wechseln, was meinen positiven Eindruck, den ich aus seinen Werken meinte herauslesen zu können, zusätzlich verstärkte.  Ob ich viel Intelligentes von mir gegeben habe, bezweifle ich, mir ging immer nur im Kopf rum: „Das isser! Das is der Flix! Den du nahezu jeden Tag liest! Don Quijote … ! Das isser! …“ Und dann steht da ein ganz normaler, einfach sympathischer Mensch vor dir, unterhält sich locker und zeichnet dir was in dein Buch, das du die ganze Zeit über an dich geklammert hast … Es war ein echt schöner Abend.

Ich könnte noch ewig so weiter lobhudeln. Gerne hätte ich auch noch die Reihe „Da war mal was“ erwähnt, persönliche Geschichten und Erlebnisse unterschiedlichster Menschen zum Thema Mauer, die einem immer wieder Gänsehaut auflegen. Aber es soll nun wirklich genug sein. Ich wollte euch einfach teilhaben lassen an ein paar schönen Dingen, die mir Freude machen und mich zum lächeln bringen. Die Bücher eignen sich übrigens hervorragend als Geschenk – ich habe mittlerweile mehr davon weitergegeben als selbst im Schrank daheim stehen, einfach weil man damit immer noch ein extra Lächeln mitverschenkt. Dankesehr, Flix!

Fallobst

Wenn ich jetzt bloß Worte fände, um zu beschreiben, wie es mir gerade geht … die letzten Tage und Wochen waren quietschbunt und glücklich. Was ich alles erlebt habe! Was so ein neues Leben und ein paar neue Klamotten bewirken können… Da gab es Begegnungen mit Menschen, die mich schon sehr lange begleiten, die ich aber ein wenig aus den Augen verloren hatte. Man kennts ja, es gibt Kleidungsstücke, die gammeln schon jahrelang im Schrank herum, weil man keine passende Gelegenheit hat, sie auszuführen. Man räumt sie von einem Eck ins andere, bringt es nicht übers Herz sie auszusortieren – sie waren mal teuer und sind doch eigentlich noch gut. Und plötzlich, wenn man mal komplett aufgeräumt hat, plötzlich passen sie so gut wie nie zuvor zu einem sich bietenden Anlass. Und man fragt sich: Haben die sich schon immer so wundervoll angefühlt? So prima gepasst? Mensch, warum hab ich das nicht früher mal ausgegraben! Alte Bekannte in neuem Licht, schöne Sache. Die Kombinationsmöglichkeiten sind überwältigend.

Klingt erst mal gut. Dinge mal mit anderen Augen sehen halte ich für sehr wertvoll. Im Zweifelsfall reifen daraus Erkenntnisse. Am Sonntag fiel mir eine solche Erkenntnis wie ein reifer Apfel in den Schoß, ganz unvermittelt, ich war mir nicht mal bewusst, dass ich unter einem Apfelbaum saß. „Huch, danke!“ rief ich aus. Was war das für ein Geschenk? Ich sah mich um: Da stehe ich, frei. Da ist meine Familie. Da sind auch fremde Menschen, die auf einmal so gar nicht mehr bedrohlich wirken. Die auf mich zugehen, und auf die ich zugehe. Freiwillig. Souverän. Und sonst ist da nichts. Nichts, was hinter mir steht. Nichts, was auf meinen Schultern lastet. Der Apfel, den ich in meinen Händen halte, kann nichts anderes sein als meine emotionale Unabhängigkeit. Und die Erkenntnis, dass ich genau das immer angestrebt habe. Genau da wollte ich hin. Ich bin am Ziel.

… Die Sache mit Fallobst ist leider auch die: Es hält sich nicht lange. Manchmal ist es schon ein bisschen angeditscht, und die Stelle beginnt dann schnell zu faulen. Es genügt also nicht, die Erkenntnis in Händen zu halten und sie in einer Obstschale abzulegen. Gestern nämlich hatte ich Besuch, der Wäscheberg lugte zum Fenster hinein und suchte das Gespräch. Es war okay, wirklich, aber hinterher fühlte ich mich … benutzt. Missbraucht. Manipuliert, wie sich etwas später herausstellte. Ich hab mich so über mich selbst geärgert! „Wieso denn jetzt das?“ frage ich mich, „ich hab doch hier meinen Apfel!“ – „Naja“, meint die Birne, die mir in diesem Moment auf selbige fällt: „Wie weit kommt man wohl mit fauligem Obst?“ Hm. Was mach ich jetzt mit dem runden Erkenntnisträger? Ich könnte ihn aufessen, seine Bedeutung verinnerlichen. Ich könnte Kompott draus machen, hält sich aber auch nicht ewig. Es muss noch einen anderen Weg geben, diese Erkenntnis haltbar zu machen, und Früchte tragend … Die Birne lächelt. Ich hole ein Schippchen und die Gartenhandschuhe.

Brennweitenregulierung

Mein Leben also, mein neues Leben, wäre nicht mein (momentanes) Leben, wenn es nicht wieder einen ganzen Strauß neuer Erfahrungen und Erkenntnisse gäbe. Was mir so zwischen Schlaf und Wach in den Sinn kommt, sollte hier wie üblich Erwähnung finden. Vor nicht allzu langem geisterte einmal wieder die Begriffe Selbstwert, Selbstachtung durch meinen Kopf. In letzter Zeit fragte ich mich wieder vermehrt, ob das alles wirklich in Ordnung ist, was ich so tue. Und mir blitzte folgender Gedanke, ich war gerade dabei, meine Küche zu schrubben, vor dem geistigen Auge auf:

Selbstachtung kann doch nun nicht deshalb verloren gehen, weil man Ablehnung erfährt. Erstere verliert man, wenn man sein eigenes Tun und Handeln nicht gutheißen kann – das meist einem bestimmten Bedürfnis oder einer Absicht entspringt. Letztere ist eine Reaktion von anderen, die man seltenst beeinflussen kann. Genau so wenig, wie man Gefühle machen kann. Gefühle sind einfach da. Oder eben nicht. Die lassen sich nämlich so wenig erklären wie machen wie beeinflussen wie verändern. Der Gefühl-Habende oder -Nichthabende ist der einzige, dem man zugestehen mag, sie zu empfinden. Oder nicht zu empfinden.

So. Während ich noch damit hadere, dass ich – nach Schrankausmisten und Entsorgen und Großreinemachen – in den hintersten Ecken eine kleine Schachtel entdeckt habe mit der Aufschrift „Meine Bedürfnisse“ in verschnörkelter Kinderschrift, und nun nicht weiß, ob ich einen Blick hinein riskieren soll, hämmert die Waschfrau schon wieder an meine Tür und ruft: „Tun Sie’s!“ Ich habe den Blick riskiert. Es wuselt lebhaft in der Schachtel. Es wuselt wunderbar und wild und weich und wahnsinnig.

Die Schachtel hat, außer einem leicht gelupften Deckel, ein Guckloch an der Seite. Das erinnert mich an diese Guckkästen, die man in der Schule immer mal wieder bastelt. Man schneidet vorne und hinten ein Loch in eine Schuhschachtel, hinten klebt man bunte Transparentfolie drauf, und darin, in dieser kleinen Kammer lässt man seine eigene Fantasiewelt erstehen. Ein Dschungel. Ein Theater. Wellen und Meer. Eine Wüste. Ein fremder Planet. Und obwohl man lange an dieser kleinen Spielzeugwelt gebastelt hat, ist der Moment, wenn man zum ersten Mal bei geschlossenem Deckel durch das Guckloch schaut, ein ganz besonderer. Meine kleine Welt, in ganz anderem Licht. Fremd und wunderlich, und trotzdem von mir ganz allein erschaffen. So geht’s mir gerade, als ich nicht mehr oben in die Schachtel schaue, sondern – Perspektivenwechsel – durch das winzige Guckloch. Ich erahne mehr, als dass ich sehe. Und da kommt die Erkenntnis, auf leisen Sohlen wie in buntes Transparentpapier gehüllt: Ich darf schauen. Ich darf auch verändern. Ich darf wiederherstellen und ich darf mich vor allem an meinem kleinen Werk erfreuen.

Und genau da packe ich an. Ich fokussiere meine Bedürfnisse, ja, das ist es! Darauf, was ich wirklich will. Nicht, was mir geboten wird. Und dabei nutze und genieße ich jeden Moment – das nenne ich Selbst¦achtung.

Ganz zufällig …

… stieß ich eben bei der Recherche (fachfremd *hüstel*) auf ein paar Erasmus-Zitate, die mir heute mehr denn je aus der Seele sprechen. Heute heißt: Nach diesem Wochenende. Ich war hobbymäßig mit ein paar guten Freunden unterwegs und habe auf der Fahrt dorthin meine andere Hälfte, sprich Mme Contenance, am ersten Rastplatz ausgesetzt. War das herrlich! So befreit war ich seit … äh … ich glaube, noch nie. Und so spricht er mir aus der Seele, Erasmus Desiderius von Rotterdam, wenn er sagt:

Egoismus ist eine Tugend der Selbständigkeit.

Nicht schlecht. Da fühle ich mich gleich besser. Das nächste berührt mich besonders, denn so ganz ohne diese miesepetrige Contenance fühlte ich endlich mal, was es heißt, eins zu sein, und nicht so zerrissen wie üblich:

Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist,
das zu sein, was er ist.

Es ist unglaublich befreiend, mit anderen Gleichgesinnten einfach herzlich und laut zu lachen, ohne dass sich jemand beschwert, das sei zu laut oder nicht angebracht. Dieses Hochgefühl trage ich heute bei mir, und hoffentlich auch noch den Rest der Woche. Zum Abschluss noch dieses, was mir mit einem Augenzwinkern doch am besten gefällt und keiner Erläuterung bedarf:

Maxime peccantes qui nihil peccare conantur
– Wer nicht zu sündigen wagt, begeht die grösste Sünde.