Risse

Nach dem Telefonat wiegt er sein Handy noch eine Weile in der Hand und blickt in die Ferne. Das Display hat Risse. Ein halbes Jahr alt war es, als er es aus Unachtsamkeit auf den Asphalt fallen ließ. Das passiert eben. Es funktioniert ja noch, und in ein paar Monaten holt er sich ein neues. Über das alte mit dem rissigen Display freut sich bestimmt noch jemand, wenn er es billig verscherbelt. Macht er immer so. Und wenn es keiner haben will, vertickt er es eben im Internet, da kann man immer noch was rausholen. Er hat seine Leute dafür.

Nach dem Gespräch steigt er in sein Auto und fährt nach Hause. Er blickt in die Ferne. Wieder einmal die Kurve gekriegt. Relativ früh hatten sich erste Risse gebildet, aus Unachtsamkeit. Das passiert eben. Aber nichts, was man mit Worten und Beteuerungen nicht wieder kitten könnte. Es funktioniert ja noch. Und so ist er eben. Er hat seine Leute, und die wissen das. Was sollten sie auch ohne ihn machen? Sie brauchen ihn, ganz klar. So ein bisschen Unachtsamkeit und die paar Risse!

Nach seiner Nachricht schaltet er das Handy aus. Er blickt in die Ferne. Endlich hat er sich Luft gemacht. Ob die anderen die Risse nicht bemerkt haben? Ob sie ihnen egal sind? Immer tiefer, immer breiter wurden sie, und niemand hat sich mehr darum gekümmert, wie sonst. Es funktioniert so nicht. Er dachte, er hätte seine Leute dafür. Wie unachtsam sie sind! Risse im eigenen Herz fühlen sich ganz plötzlich viel schlimmer an als anderswo. Der Kitt aus Worten und Beteuerungen bedeckte nur die Oberfläche. Was, wenn es dieses Mal irreparabel ist? Er braucht sie doch, ganz klar. Was sollte er denn ohne sie machen?

Federn und Klinge

Analysen¦konsequenz

Oder: To¦Do is To¦Be is To¦Do is To¦Be …

Ich habe keine Ahnung. Wirklich, ich weiß nicht, was heute anders ist als Freitag vor einer Woche. Es liegen lediglich sieben Tage dazwischen, sagt der Kalender. Ganze, große, weite Welten, sagt mein Gefühl. Also das im Bauch. Und das im Kopf nickt bestätigend. Starten wir sie, eine:

Analyse

Nach einer dunklen, viel zu früh herbeizitierten und daher sehr langen Nacht glitzerten noch die Hoffnungstautropfen, die ich beim Schlafengehen beiseite gelegt hatte, um mich dumpfen und ziellosen Gedanken hinzugeben. Vielleicht war’s die Sonne, die mich auf meinem nachfolgenden Streifzug – ich ganz allein mit meiner Seele an der Hand – so hell begleitete. Wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen, sie erzählte mir so einiges, als wir durchs Land streiften, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Währenddessen habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, ich ließ die Zeit einfach Zeit sein, ohne Druck und ohne die Vorgabe, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Jene Stunden, die wir glücklich und frei verbringen, was dagegen ist sinnvoller? Und so war ich in guter Stimmung und erfüllte meiner kleinen Seele an meiner Hand den einen oder anderen Wunsch, wenn sie plötzlich stehen blieb und sich die Nase an den Schaufenstern voller Süßigkeiten plattdrückte. Ich hakte gar nicht nach, ob „sinnvoll“, „nahrhaft“ oder gar „gesund“. Es machte mir einfach Spaß, die Kleine glücklich zu sehen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen und zuweilen völlig selbstvergessen. Kaum mehr etwas zu ahnen von der nicht einmal 24 Stunden zurückliegenden Quälerei mitten im Nichts.

Und siehe da: Als wir uns fröhlich kichernd und gegenseitig neckend auf den Heimweg machten, hatte noch niemand vergeblich angerufen, niemand vor verschlossener Türe gewartet. Nur die beiden Mademoiselles gebarten sich, als kehrten wir erst nach mehrwöchiger Weltreise wieder heim. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Und ein bisschen hatten sie es auch im Gespür mit der Welt¦en¦reise…

Oder sind vielleicht doch Frau Knoblochs Blautadelchen schuld am plötzlichen Sinnes¦wandel, die beim Lesen Sinne wandeln ließen über das Meer? Womöglich ist es überhaupt nicht schlimm, da draußen zu sein, wenn man die rechte Ausrüstung mit sich führt. Es gilt noch immer auszuloten. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen und kann unmöglich einfach so übersprungen werden. Man sollte auch keinen Kuchen anschneiden, ohne vorher den Teig für einige Zeit dem Ofen anvertraut zu haben und, auch wichtig, ihn auskühlen zu lassen, sonst ist das Ergebnis mit Sicherheit nicht das gewünschte. Die Verdächtigen – die Hoffnungstautropfenschenkerin, die Sonne und die Blautadelchenverfasserin – mögen daher meinen breitgestreuten Dank annehmen. Erkenntnisse ziehe ich ebenso aus dem Seelenspaziergang. Aber nicht nur Erkenntnisse, es darf daraufhin gerne eine Anpassung erfolgen, um sich nicht wieder zu diesen viel zu langen, dunklen Nächten hinreißen zu lassen. Et voilà, eine mögliche:

Konsequenz

Eine To¦Do-Listenrevolution steht an. Ja, ich bin ein Listenmensch, ich kann nicht ohne sie, weil ich sonst alles vergesse. Vom Einkaufszettel über die täglichen Arbeitsnotizen bis zur generellen (also die mit den utopischen Vorhaben, beispielsweise endlich die Garage aufzuräumen) und der wöchentlichen To-Do-Liste mit kleinen und größeren Haushaltsaufgaben. Letztere hat meist einen triftigen Grund, dieses Mal sind Gäste geladen, und das Häuschen soll daher etwas „Repräsentatives“ ausstrahlen. Sagt man doch so. Mit zwei Mademoiselles leidet leider die Sauberkeit zuweilen aufgrund von Katzenhaaren allüberall. Ein junger Neffe, im vollerblühten Erkundungs-, Krabbel- und Hinfallmodus, soll nach seinem Besuch nicht unbedingt aussehen wie ein haariges Äffchen oder Gefahr laufen, anstatt einer der beiden Mademoiselles aufgrund akuter Verwechslungsgefahr in meinem Haushalt zu verbleiben, wenn seine Eltern den Heimweg antreten. Kurz gefasst, es muss etwas getan werden, und das liste ich mir gerne auf, um jede Aktivität, und sei sie noch so gering, von der Liste zu streichen. Das befriedigt ungemein. Unbefriedigend dagegen ist das rasche Anwachsen solcher Listen. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich sehr viele von ihnen. Ein Hilferuf in Richtung des Herrn Papa soll zumindest vorerst Abhilfe schaffen, ein Sammelkästchen wird benötigt, das der Herr Papa anzufertigen imstande ist. Kaufen kann ja jeder. Aber auch gebündelt und hübsch aufbewahrt bleiben To-Do-Listen immer noch eines: meist lästige Pflichten. Und hier greift der Sinneswandel und wandelt Sinnen in reale Verhaltensanpassung:

Ich nehme mir vor, pro von mir angelegter Pflichtenliste einen Punkt auf einer „Schöne-Dinge-Liste“ zu ergänzen. Dinge, die ich gerne mache, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, die mir einfach Freude machen und in denen kein tieferer Sinn liegt. Meistens. Manchmal schon. Ein Beispiel setze ich darunter. Auch das bereitet mir Freude, sich die Zeit nehmen und einfach mal ein Bildchen schießen, das zum Thema passt. Diesen Punkt sollte ich vielleicht auch gleich ergänzen auf meiner Liste. Solange es nicht zum Zwang wird.

To Dos und To Loves

Man sieht es schon an der Schrift, was mir mehr liegt … Grüße an dieser Stelle an Gérard Otremba von Sounds&Books! Dessen Empfehlungen, die ich gerne mal wieder in Ruhe nachlesen möchte, kann ich meist uneingeschränkt weiterempfehlen.

glücklich un¦d¦zufrieden

Chronisch schlecht gelaunt bin ich seit Jahresbeginn. So lange Wochen schon, ich bin das überhaupt nicht mehr gewohnt. Wirklich, in mir schwirrte doch bisher ein stets leicht erhöhter Glückszuckerspiegel und spielte sein Spiel mit meiner Gesichtsmuskulatur – debiles Dauergrinsen, Botoxwirkung auf die Stirnfalten. Und kaum ist hier 2016, schwirrt gar nichts mehr, zumindest nicht im Blut, sondern nur noch im Kopf. Negative Gedanken den ganzen Tag, Schwarzfahren auf dem Kirmeskarussell, nämlich ohne vorher den Fahrschein beim Glücksaufsichtsbeauftragten zu lösen. Das gibt Kopfschmerzen. Mein Körper macht gerade mit mir, was er will. lässt sich hängen und fletscht nur bedrohlich die Zähne, wenn ich mir Dinge vornehme wie Laufen gehen, Frischluft tanken, gesunde Ernährung. Ein Teil von mir weiß diese Zeichen zu deuten, hat eine längere Schulungsphase durchlaufen, wie man mit derartigen Anwandlungen umgehen sollte. Das bisschen Restverstand bäumt sich denn immer mal wieder auf, und zum Glück habe ich damals auch gelernt, mein Mundwerkzeug nicht nur zum Kauen und Schlucken zu gebrauchen, sondern auch zum Kommunizieren. Mit zwei Menschen spreche ich öfter nun über meinen Zustand und ernte – positiv – keine Vorwürfe oder gutgemeinte Rat¦schläge, sondern Verständnis. Auch das war Teil meines vergangenen Seminars, sich beim Hängenlassen auch fallen lassen zu können. Am besten in die Arme solcher Menschen.

Natürlich ist der Ausblick auf meinem Elfenbeintürmchen ganz nett, wenn ich mich vor der Welt verkrieche und daheim vor mich hin lebe, auf Sparflamme, ein Teekännchen im Schlepptau, ein Wärmfläschchen und zwei lebendige Katzenfelle. Bücher, oh ja, ich habe endlich Zeit für meine geliebten und lange vernachlässigten Kinderlein und für neue, irre spannende Zeitvertreibe: Aufgetrennte Kleidungsnähte per Hand zusammennähen, Kalkablagerungen mit Zahnbürste und Essigessenz wegschrubben, im Hobbyschrank die Stoffreste nach Farbe, Webart und Verwendungsmöglichkeit sortieren. Nein, das waren keine Metaphern, das sind Tatsachen, reale, traurige Tatsachen. Aber will ich das wirklich? Mich aus der lebendigen Welt zurückziehen und wieder nur Beobachter sein? Nein, will ich nicht. Nicht noch einmal.

Was will ich dann? Schwierige Frage, formulieren wir sie umgekehrt, wie sich das für wandelnde Widersprüche gehört: Was will ich nicht? Und da schimmert es doch schon durch den Wandvorhang – was mich nicht weiter wunders nimmt, ist es doch immer das gleiche, abgehangene und doch nie bis zum Reifegrad gekommene Thema: Ich will mich nicht mehr erdrücken lassen von Verantwortung, die sich nicht gegen mich selbst richtet, sondern einer fremden Sache zugute kommt. An der ich, und das ist der wunde Punkt, zwar doch ab und an meinen Spaß habe, aber die mir großteils viel Energie raubt. Und so ist es nicht nur mit dieser einen Sache, davon gibt es noch mehr. Energieräuber, Unzufriedenheitsgeneratoren. Gut, eins dieser Dinge ist mein täglich Brot, aber damit habe ich mich arrangiert und sehe nach wie vor die guten Seiten bei aller Schwarzmalerei. Aber zu meiner nicht einmal erforderlichen Verteidigung muss ich erwähnen, ich habe schon ein wenig an den Weichen gedreht (nicht: sie gestellt, das wäre zu viel gesagt), so dass eine Änderung dieser Situation zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Alles andere ist noch nicht zu Ende gedacht. Am besten, sagt mir so ein winziges Gefühl, wäre es doch, nicht immer eine Entschuldigung nach der anderen zu suchen, einen „Notausgang“ aus all diesen Dingen, der propagiert: “ Tja, tut mir leid, ich würde ja gern, aber die Umstände sind nun mal so und so, deswegen kann ich nicht mehr weitermachen.“ Um sich das letzte bisschen Selbstachtung zu bewahren, müsste es anders lauten: „Ich will nicht mehr. Das ist der einzige Grund, und es tut mir überhaupt gar nicht leid!“ Blöde, verantwortungsbewusste Erziehung. Immerhin, die Erkenntnis, wie es besser, richtiger laufen sollte.

Aber jede Erkenntnis muss erst einmal reifen, bis sie in die Tat umgesetzt wird. Das habe ich natürlich auch gelernt. Geduld ist also erforderlich und das berühmte Quäntchen Glück, ein wenig Zufall, ein wenig Schicksal wohl. Und so lange heißt es weitermachen, einen Tag nach dem anderen meistern, um Himmels Willen nicht aufgeben. Ein bisschen sich zwingen, zumindest nach außen normal zu wirken – es gibt Dinge, die will man der Öffentlichkeit nicht auf die Nase binden, selbst wenn es einen potenziellen Notausgang darstellen könnte. Nun ja, die meisten merken es ohnehin nicht. Zwischen all dem Gewimmel in meinem Kopf taucht seit kurzem immer mal wieder ein Begriff auf wie eine kleine Leuchtboje zwischen den hohen Wellen, der sich noch seltsam auf der Zunge anfühlt. Ja, ich habe ihn probeweise schon das eine oder andere Mal ausgesprochen, in die Stille hinein, einem Lieblingsmenschen ins Ohr, aber auch diesen Begriff lasse ich lieber noch ein wenig reifen, bis ich es nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen spüre. Wie ein Bonbon, das man hin und her wälzt. Am Ende wird alles rund, am Ende ist noch jeder Drops gelutscht. Neuer Zucker für die Blutbahn.

 

Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

Einigkeit und Recht und Freiheit? Offene Gedanken zur Wiedervereinigung

25 Jahre Deutsche Einheit, in Frankfurt wird groß gefeiert, man spürte die Ausläufer hektischer Vorbereitungen bis hierher an den Rhein. Wer es damals miterlebt hat, hängt vielleicht dieser Tage seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Wiederum eine gute Gelegenheit, noch einmal auf meinen Lieblings-Comickünstler Flix hinzuweisen. Seinen Band „Da war mal was“ habe ich kürzlich erst erstanden, die einzelnen Geschichten schon zu Entstehungszeiten gelesen, wenn nicht gar verschlungen. Flix verarbeitet in seinem Buch sein eigenen Erinnerungen und die von Freunden und Bekannten an „hier und drüben“ (klick: YouTube-Trailer). Unweigerlich dachte ich beim Lesen natürlich an das, was ich aus dieser Zeit noch vor Augen hatte.

Ich war 9 Jahre alt, als die Mauer fiel. Zu jung, um im Vorfeld viel von „der Wende“ mitzubekommen. Ich erinnere mich schemenhaft, dass mein Vater einige Jahre zuvor öfter geschäftlich nach Ostberlin reisen musste. Damals etwa vier oder fünf Jahre alt, erinnere ich mich an meine Mutter, die mir besorgt und traurig vorkam. Wenn ich fragte: „Wo ist denn der Papa? Wann kommt er wieder?“ antwortete meine Mutter bedeutungsschwanger: „Der Papa ist in der DDR.“ Die DDR, mir kam das damals so unendlich weit weg vor. Der Klang in der Stimme meiner Mutter verhieß nichts Gutes, ich stellte mir vor, die DDR sei in etwa so weit von uns entfernt wie der Mond , und ebenso karg und grau. Manchmal erzählte mein Vater, er habe nicht gewusst, was er abends unternehmen solle. Stattdessen schrieb er lange Briefe an meine Mutter. Das ihm zur Verfügung gestellte Geld habe er auch wieder komplett mitgebracht – wofür hätte er es ausgeben sollen? Einmal brachte er mir dennoch etwas mit, eine Art Wandaufbewahrung in Form eines blauen Hundes mit übergroßen bewimperten Augen und verschiedenen Täschchen an seinem Bauch, worin man Dinge verstauen konnte. Ich nannte ihn Hugo.

Im Herbst 1989 hörten und sahen wir im Fernsehen nichts anderes als Politiker, Menschen auf der Mauer und Ströme von Autos. Ich erinnere mich an Bilder von Autokolonnen, ein Mann in einem beigefarbenen Wagen wurde durch das Autofenster hindurch etwas gefragt. Er trug einen rötlichen Bart. Wahrscheinlich sind meine Erinnerungen an diese Zeit mittlerweile von Geschichtsunterricht und Reportagen, nicht zuletzt aber der eigenen Begeisterung für diese Zeit so verklärt, dass ich jenem Mann in meiner Erinnerung ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen verpasst habe. Die Stimmung jedenfalls war in diesen Tagen eine ganz besondere. Der Nachrichtensprecher rief dazu auf, diesen Menschen, die da über die Grenze zu uns strömten, eine zeitweise Unterkunft zu bieten. Ich war sofort Feuer und Flamme und bat meine Eltern: “ Mama, Papa, bitte, können wir auch so Leute bei uns aufnehmen?“ Ich war fasziniert, ich wollte diese Menschen kennenlernen, und ich wollte helfen. Irgendwie schien mir das ziemlich wichtig zu sein. Meine Eltern reagierten zunächst erstaunt und dann ablehnend. Das habe ich damals nicht verstanden.

Ein Jahr später nahmen meine Eltern mich mit zu einer kleinen Feierstunde in unserem Dorf. Es war Abend, und es dämmerte bereits. Meine Babyschwester war bei den Großeltern, und ich meine, ich habe ein wenig gemault, warum ich da jetzt mitgehen sollte. „Das ist ein ganz wichtiger Moment“, belehrte mich meine Mutter. „Wir feiern heute die Deutsche Einheit. Die DDR gibt es nicht mehr.“ Keine DDR, keine traurige Mama mehr, eigentlich eine gute Sache. Ich würde zu Hause gleich die eine Hälfte des Aufklebers an unserem Klavier abkratzen müssen, darauf stand „Leipzig / DDR“. Ich nahm also teil an der Feierstunde, an die sich das Einlassen einer kleinen Bodenplatte auf dem Dorfplatz anschloss.

25 Jahre später gehe ich wieder an dieser Bodenplatte vorbei, bleibe stehen. „Zur Deutschen Einheit“ steht darauf, „1990“. Ich weiß noch genau, wo ich damals als Kind gestanden hatte und zuschaute, als sie eingelassen wurde. Heute weiß ich mehr, kenne Hintergründe, und kenne Auswirkungen. Ich habe als Jugendliche Schüler unserer Partnerstadt in Sachsen kennengelernt und habe zugehört, wenn sie von „früher“ sprachen. Das war 1996. Innerlich entsetzt war ich über das vorherrschende Selbstbild dieser jungen Menschen, sechzehn-, achtzehnjährig, die sich selbst als „dumme Ossis“ bezeichneten, als „ungebildet“, „Wir können kein Englisch, nur Russisch“. War das unsere deutsche Einheit, die diese Selbstzweifel gesät hatte? Ich fand das alles schrecklich, denn ich fühlte Sympathie für meine Mitschüler. Ich mochte meine Austauschpartnerin, mir gefiel diese eine Woche in der Nähe von Dresden mit einer Familie, die meiner so erstaunlich ähnlich war. Wir verstanden uns.

In der Folgezeit, kurz nach der Wiedervereinigung, gab es immer wieder Fernsehsendungen. Es ging oft um „die Ossis“ und „die Wessis“, in Fernsehspielen wurden die gegenseitigen Aversionen thematisiert. Ich hielt „Ossi“ bislang für eine Abkürzung von Oswald und wusste bis dato nicht, welchen Unterschied es überhaupt zwischen uns gab, oder besser: zwischen „uns“ und zwischen „denen von drüben“. Waren wir nicht alle Deutsche? Menschen? Warum regte uns der Soli auf? Warum hörte man im Urlaub hinter vorgehaltener Hand Äußerungen wie „Das ist bestimmt ne Ossifamilie, guck mal, wie die ihre Teller vollhauen!“ Sie widerte mich an, diese Herablassung, und tut es noch heute.

Während ich Flix‘ Buch durchblättere, denke ich immer wieder an den Fernsehaufruf. „Mama, können wir auch so Leute aufnehmen? Bitte!“ War ich zu jung, um zu verstehen? In der Retrospektive bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die Wiedervereinigung miterleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich so jung war, denn für mich hat es nie diese Grenze zwischen Ost und West gegeben – bewusst wurde sie mir erst bei einem Besuch in Berlin im Jahr 2009, zuvor nie dort gewesen, sofort begeistert. Und erschüttert. Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Kopf die Mauer nie existiert hat.

Diese eine Frage stellt sich mir allerdings wieder: Wie werde ich heute reagieren, wenn ein neuerlicher Aufruf in den Medien erfolgt: „Bitte nehmen auch Sie Flüchtlinge bei sich auf!“

Erntezeit: Gelassenheit

Die Herbstsonne strahlt. Ich fühle mich dieser Tage herrlich entschleunigt, schon seit einiger Zeit habe ich etwas neues für mich entdeckt, das mir das Leben ganz offensichtlich erleichtert wie noch nie. Das Wundermittel nennt sich Gelassenheit. Diese Erkenntnis fühlt sich ganz ähnlich wie ein reifer Apfel an – ich habe bereits vor zwei Jahren einmal die angenehme Bekanntschaft mit selbigem Obst gemacht – der sich nun anschickt, reif und erntebereit zu sein.

Wie oft hat man es schon gesagt bekommen: Nicht zu viel denken! Nicht alles zerdenken! Ganz ehrlich, als hätte ich es nie ausprobiert! Ein wichtiger Faktor fehlte mir bisher, nämlich Vertrauen. Richtiges, echtes Vertrauen, nicht das mal so Dahergefühlte und dann doch nicht so Gespürte. Vertrauen bildet sich dann, wenn ich selbst mit Vertrauen bedacht werde. In vielen langen Gesprächen entwickelt es sich, je mehr ich bekomme, desto mehr bin ich bereit zu geben. Gebe es ganz von allein. Es ist ein Unterschied, ob man einer Person an einem Abend sein ganzes Leben erzählt oder ob man ihr sein ganzes Leben im Laufe von Monaten, Jahren, vielleicht (und hoffentlich) im Laufe seines restlichen Lebens in kleinen Häppchen serviert und dabei stets vollkommen ehrlich zu sich selbst ist.

Ich habe vor längerem schon gelernt, dass eine Beziehung – nennen wir sie einmal: „gut“ und nicht „funktionierend“, darin steckt mir zu wenig Emotion -, dass eine gute Beziehung nicht davon lebt, sich gegenseitig zu „brauchen“. Ich möchte mit jemandem zusammen sein, den ich mag, den ich schätze. Und nicht absolut dringend und lebensnotwendig brauche. „Ich brauche aber einen Partner!“ – „Ich brauche endlich jemanden, der mich versteht, der mich erdet, der …“ BLAH. Nein. Wenn ich überlege, mit welchen Ansprüchen ich aus meiner langjährigen Beziehung ausgebrochen war und was ich von meinem weiteren Leben erwartet habe, dann eigentlich nur dies: glücklich sein, und zwar ungebunden an einen anderen Menschen. Klar, auf eine gewisse Art und Weise wollte ich einen Partner „brauchen“, braucht man halt, wenn man eine Familie möchte. Allerdings habe ich mir nie „Samenspender gesucht!“ auf die Stirn tätowiert – dieses Projekt, Kind(er) und so, wollte und will ich nämlich auch nicht komplett alleine verfolgen. Was also habe ich gesucht? Einen Partner mit ähnlichen Interessen. Abstriche machen, Kompromisse eingehen und auch mit der einen oder anderen Enttäuschung leben, das konnte ich, war sozusagen geübt darin. Also rein ins Vergnügen.

Jetzt komme ich aber völlig ab von dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Warum ich mich so entspannt fühle, als ob der ganze Druck, den ich mein Leben lang und vor allem noch im Sommer verspürt habe, plötzlich von mir genommen wurde. Als ob sich Dinge, über die ich eine gefühlte Ewigkeit gegrübelt habe, urplötzlich ohne mein Zutun von selbst erledigen oder gar eine Form annehmen, die ich im positivsten Sinne nie erahnt habe. Der Grund ist, dass ich verstanden habe: Ich muss nicht mutterseelenallein versuchen, meinen Weg zu gehen und meine Ziele zu erreichen. Ich darf durchaus den Partner mit ins Boot holen, der ja schließlich die gleichen oder ähnliche Wege und Ziele vor sich hat. Der auch mal das Ruder in die Hand nehmen darf und sich daran beteiligen kann, dass wir zusammen voran kommen. Denn wenn nur einer wie wild auf seiner Seite paddelt, dreht sich das Boot im Kreis, kein Vorankommen, höchstens ein genervter Mitinsasse, dem das Seewasser vom Gesicht tropft.

Gemeinsam also. Und immer im Vertrauen, dass jeder seine Ruderportion beisteuert – man muss das im Übrigen auch nicht nachkontrollieren oder immer wieder darauf hinweisen. Einfach vertrauen genügt. Und das lässt mich zur Zeit eine überaus bequeme Position auf meinem, auf unserem kleinen Boot einnehmen, ein paar Kissen im Rücken, eine Porzellantasse Kaffee in der Hand, auf dem Gesicht die Sonne, und selbst mit geschlossenen Augen spüre ich, dass das eine höchst komfortable Art ist, gelassen und doch zielgerichet in die Zukunft zu schippern.

Heute glaube ich, die beste Reise, die ich je unternommen habe, war die zu mir selbst. Mein großes Ziel, und mein neuer Ausgangspunkt. Für einen Neustart in ein neues, noch größeres Abenteuer. Natürlich mit JB – bei dem weder Abstriche noch Kompromisse nötig sind. Aber das hab ich ja vorher nicht wissen können.

Starkschwach

Gestern habe ich eine Trauerkarte geschrieben. Das Bedürfnis, den Menschen, die jemanden verloren haben, mein Mitgefühl auszudrücken, ist oft sehr groß und ich gebe dem einfach nach. „Macht man so“, steht dabei weniger im Vordergrund als „Ich möchte, dass du weißt: ich bin auch sehr traurig über deinen Verlust und in Gedanken bei dir“. Als ich die Karte schrieb, fiel mir auf, dass ich meinen Vorrat an Kondolenzkarten wieder einmal aufstocken müsste.

Hingegen der Stapel mit Glückwunschkarten hatte in der letzten Zeit nicht wesentlich abgenommen. Wie das so ist mit Glückwünschen, meist fällt es einem am selben Tag erst ein, dass ein Wiegenfest oder ähnlich Freudiges ansteht. Dann eben schnell per Kurznachricht gratulieren. Meist fallen meine Sätze dabei unkreativ und mit einem Beigeschmack von Wieschontausendmalgesagt aus. Ich frage mich, weshalb ich beim Kondolieren so viel emotionaler und persönlicher bin als beim Beglückwünschen. Gleichzeitig überlege ich, was wohl eher im Herzen einer Person ankommt, der ich eine Karte schreibe.

Trost ist eine wunderbare Sache, auch wenn ich schon viele sagen gehört habe: Das brauche ich nicht, will ich nicht, kann ich nix mit anfangen. Einer sagte sogar: Damit fühle ich mich schwach. Trauer gibt uns ein Gefühl von Schwäche, ein unendlich tiefes Verletztsein, Insichkehren und Sichselbstumarmenwollen. Und da erscheint mir das Herz tatsächlich empfänglicher für Worte von außen.

Ich persönlich habe große Schwierigkeiten damit, die richtigen Worte zu finden, wenn ich eine trauernde Person auf der Straße treffe. Ein stummer Blick, eine stille Umarmung. Worte wirken für mich nur auf Papier. Was sagt man aber auch zu dem jungen Paar, das seine ungeborenen Zwillinge verloren hat? Ohnehin ein Thema, das man bisher immer noch erfolgreich totzuschweigen beliebt. Was hat man überhaupt davon, Anteilnahme auszudrücken? Ich sage, die Gewissheit, einem trauernden Herzen ein warmes Deckchen aus Trostworten angeboten zu haben, auch wenn es nur ein winzigkleines ist: „Ich bin in Gedanken bei euch“.

Klatschmohnfelder

Das Leben, dieses Leben, das wir allzugerne in all seinen Facetten beleuchten wollen, anstatt es zu leben, es lieber zerdenken und analysieren, lehrt auf ungewöhnlichen Pfaden selbst die Lernunwilligen und selbsternannten Unbelehrbaren. Wenn es an der Zeit ist, gibt es die entsprechenden und unübersehbaren Hinweise – wenn wir alles andere vorher schon übersehen und ignoriert haben, denn nur die Holzhammermethode scheint die einzig verlässliche zu sein.

Ja, dieses Leben, dieses liebe nette, das oft so freundlich daher kommt, hat so manche Klatsche in petto, wenn wir seine kleinen Botschaften zwischen den Zeilen überlesen – was leider viel zu häufig vorkommt, sind wir doch damit beschäftigt, nur das zu interpretieren, was uns lautstark ins Auge sticht, anstatt einmal dazwischenzufühlen, was es uns sagen will  mit all seinen großen und kleinen Nettigkeiten.

Je mehr wir uns daran festhalten, daran herumzerren, um es in eine Form zu zwingen, die uns zusagt, desto mehr scheint es sich zu sträuben, biestiges Leben, aber wir fühlen nun mal nicht hinein, wir blicken nur darauf und wollen dies und jenes, diese Ecke, jene Kante geglättet und transformiert haben, natürliche Läufe einebnen und begradigen, anstatt entspannt zu verfolgen, wie es sich von selbst entwickelt, pulsiert und immer neue schöne Dinge hervorbringt – das könnte ja gefährlich sein, wenn man nicht kontrollieren kann, wo es uns denn genau hinbringt, das pulsierende Leben, das da frech und unkontrolliert durch einen durch mäandert und einem die Eingeweide durcheinander bringt.

Und plötzlich klatscht es, haut das Leben einem eine runter, voll vor den Bug und auf die Zwölf, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten, man taumelt nur noch durch den Tag, an dem man sich nirgends festhalten kann, es rückt sich selbst aus der Mitte und schaut dabei zu, wie man zuschaut, am Rande steht und zuschauen muss, wie es sich davon macht. Wenn man dann endlich begreift, dass all das Schauen und Denken und Analysieren damit sinnlos wird, dann hat man vielleicht Glück und entdeckt eine neue Dimension, entdeckt, dass man auch fühlen kann, wenn Auge, Ohr und Verstand versagt haben beim Begreifenwollen. Greift man dann blindtaub mit dem Herzen nach dem Leben, möglicherweise braucht es dazu noch etwas Übung, denn wer packt schon gewöhnlich mit dem Herzen zu, ohne vorher zu sehen, nach was man da packt, dann ergeben sich vielleicht sogar ganz neue Dinge, formen sich nie gedachte Landschaften in einem drin.

Nun streif mal mit dem Herzen über deine innere Landschaft, was fühlst du da? Da sind Krater, wo du nie welche vermutet hast, und Berge, Berge, Täler, Flüsse – reiche Ströme ungeahnter Kraft. Und natürlich Klatschmohnfelder. Da sind auch Menschen, die diese Landschaft besiedeln, den Boden bestellen und säen, versorgen und ernten, Gaben, die so erfüllend und schön sind wie ein Lächeln. Und da sind andere, die deine Herzensacker brandroden und das Erdreich vergiften mit Worten und Taten. Warum hast du das nicht längst erkannt, dass sie deinen Boden und das Klima kaputt machen? Weil du es nicht glauben konntest? Wolltest?

Du musst handeln. Du musst ihnen das Land wieder wegnehmen, das du ihnen einmal geschenkt hast. Wie soll das gehen? Ich weiß es nicht, aber es muss geschehen, bevor sie alles in dir zunichte machen, das darfst du nicht zulassen. Du musst ihnen die geschundenen Felder unter den Füßen wegziehen, auch wenn sie dann hinfallen und sich womöglich weh tun. Du stellst dir entvölkerte Landstriche vor, in deren Verwüstung nie wieder etwas wachsen wird. Aber bestimmt erholt sich die Natur, ganz bestimmt wirst du bald wieder neue Bewohner zulassen können, die hoffentlich pfleglicher mit ihrem geschenkten Herzboden umgehen und ihn wieder zum Erblühen bringen. Du musst darauf vertrauen. Das Leben weiß schon, was es tut, und es klatschmohnt, so oder so, nicht ohne Grund.