Vorhang auf

Ich hab’s einfach mit Metaphern. Nicht nur hier. Gelegentlich brachte ich in der Vergangenheit, wenn ich beschreiben sollte, wie ich mich fühle und was mich hemmt, den Vergleich mit dem Blick durch einen Vorhang an. Ich fühlte mich lange Zeit, als stünde ich vor dem geöffneten Fenster, doch zwischen mir und dem Leben da draußen trennt mich ein Vorhang. Er ist quasi durchsichtig, also ich sehe, was das Leben da vor mir tut, aber irgendwie ist es mir nicht möglich, wirklich daran teilzuhaben. Meine Sicht ist eingeschränkt, vernebelt. Es gab Tage, da stand zwischen mir und dem offenen Fenster ein Vorhang aus schwerem, undurchdringlichem Leinenstoff. So sehr ich mich bemühte, ich fand die Technik nicht, ihn beiseite zu schieben und da rauszublicken, rauszugehen in das Leben, dessen wundersame Melodie durch den dicken Stoff an mein Ohr drang. Ich sah oft nur Schemen, Menschen kamen und gingen, mir war oft, als hätte ich einen Ballen Organzastoff in meinem Hirn, der meine Gedanken dämpft. Dumpf, dumpf klopfte das Leben an, aber ich habe es nicht einlassen können. War ja schon besetzt, das Hirn, mit dem Organzastoffballen in zartrosaweiß. Das Herz umso leerer, so ohne Leben. Und diese Leere drückte und biss mich fast täglich. Dass mir wirklich was fehlte, das hat das watteähnlich verpackte Gehirn dann doch begriffen. Dass es die Dinge sind, die ich da draußen, hinter dem Vorhang hervor, erspähte, und dass ich diese Dinge in mein Herz lassen musste, damit es aufhört zu lechzen und zu beißen wie ein halb verhungerter Straßenköter.

Schnitt.

Gestern auf dem Weihnachtsmarkt stand plötzlich eine kleine Frau mitten in unserer Runde, älter als ich, mit einer Ausstrahlung, die einen umhaut. Die blauen Augen blitzen und funkelten, als sie sprach, mit bewundernswerter Eloquenz, augenscheinlich gewohnt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es gibt Menschen, denen glaubt man schon einmal begegnet zu sein, auch wenn es absolut nicht sein kann. Die zarten behandschuhten Hände strichen hin und wieder die dunklen Locken aus der Stirn, und jede Bewegung strahlte etwas aus, das sie nahezu greifbar umgab: Ruhe. Zufriedenheit. Stärke. Sie war plötzlich da, und plötzlich hingen wir alle an ihren Lippen. Glücklicher Single sei sie, den bereits leicht angetrunkenen Avancen der männlichen Rundenteilnehmer mit schelmischem Lächeln entschlüpfend. Das waren geübte Zungenschläge, eine so präsente Persönlichkeit zieht Herzen an. Motten, Licht, all diese Metaphern passten hervorragend.

Kameraschwenk.

Beinah dankte ich der körpergroßen Frau hinter mir, die mich anranzte, sie stehe nicht auf Körperkontakt, ob’s mir wohl genehm wäre, einen Schritt nach vorn zu tun und ihr den nötigen Freiraum zu gewähren. Auf dem Weihnachtsmarkt. Nach Feierabend. In der Landeshauptstadt. Wo man mit Müh und Not durch die wogende Menge kommt, wenn man acht volle Glüchweintassen vor sich herträgt und lautstark „Achtung!“ brüllt. Aber bitte, gerne doch! Das Feuerwerk war entfacht. Die kleine Singledame erklärte mir, wieso es zielführender sei, dem schnaubenden Stier Platz zu machen, auf dass er sich austobe und schließlich gegen die nächste Wand prallen möge, sie sei sich zu schade, sich über den Haufen rennen zu lassen. Sie – wir, korrigierte sie sich, ihre Augen ruhten in meinen – wir, die wir Kleidergröße 36 tragen, könnten einem verhärmten Nilpferd problemlos den geforderten Raum geben.  Ich hingegen war nicht ganz einverstanden damit, dass sie sich trotz aller metaphorischer Auseinandersetzung mit diesem kleinen Zusammenstoß so echauffierte und ihre Worte absichtlich auch in die Richtung des verhärmten Nilpferds gleiten ließ. „Also mich erreichte die Unfreundlichkeit nur bis hieher“, und hielt mir die flache Hand im Abstand von etwa 15 Zentimetern auf Herzhöhe. „Und dann prallte sie einfach ab“, und dabei drehte ich die Handfläche nach außen, eine abwehrende Geste.

Schnitt.

Ich fand irgendwann heraus, wie sich dieser blindmachende Vorhang zur Seite schieben lässt. Der Vorhang ist nichts anderes als Angst. Angst vor Verletzung und Bloßstellung. Das innere Kind hat sich darin eingewickelt und den Schiebemechanismus verbogen. Nachdem ich das repariert hatte, war es nicht mehr schwer, den dünnen Stoff zur Seite gleiten zu lassen. Der Organzanebel in meinem Hirn entwirrte sich und glitt ebenfalls davon. Und jetzt sehe ich nach draußen, gehe sogar raus und fülle mein Herz mit all den schönen Lebensdingen, die da lauern. Noch immer blicke in hin und wieder durch Vorhänge, manchmal ziehe ich sie zu. Doch jetzt weiß ich, wie ich sie wieder aufbekomme, wenn die Phase, blind sein zu wollen, vorbei ist.

Schnitt.

„Starke Frauen sind oft einsam“, raunte mir ein männliches Glühweinrundenmitglied zu. „Frag sie. Sie ist einsam hinter dieser starken, eloquenten Fassade.“ – „Nein“, entgegnete ich bestimmt. „Sie hält sie so tapfer aufrecht. Außer dir hat das niemand bemerkt. Wieso sollte ich ihr das jetzt nehmen wollen?“ Wir scherzten also noch eine ganze Weile weiter und man sah förmlich die Funken aus ihren Augen fliegen, während unsere Herzen an ihren Lippen klebten. Langsam löste sich die illustre Runde auf, und wir verabschiedeten uns von der kleinen blitzfunkenäugigen Singledame. Sie ziehe jetzt noch ein wenig um die Häuser, Anschluss fände sie ja doch ziemlich schnell, was ihr wiederum unzählige Herzpunkte einbrachte. Wir umarmten uns, es war logisch. Da schob sie ihren Vorhang zur Seite, gerade so viel, dass ich sie flüstern hören konnte: „Ist doch besser, als daheim allein auf der Couch zu sitzen und sich eine Tüte Chips reinzustopfen.“ In ihren Worten lag Angst. Ebendiese Angst vor Verletzung und Entblößung, vor emotionaler Abhängigkeit und Verlust. Ich drückte sie noch mal an mich.

Abspann.

Werbeanzeigen

Namenloses

November, du bist so freundlich gerade. Noch. Du hast tatsächlich Sonne, und meine Stimmung ist erstaunlich gut! Sehr wahrscheinlich ziehst du das jetzt deine vollen 30 Tage am Stück durch, gerade weil ich dir dieses Jahr ein Schnippchen schlagen wollte und ganze 13 Tage vor dir in den Süden flüchten werde. Aber es ist okay. Für alle anderen, die keinen Urlaub haben und oftmals ähnlich genervt von dir und deinem Grau, deiner Melancholie sind.

Was ist anders? Wie soll ich’s benennen? Diesen Goldpunkt da in mir drin. Das Mehrlächeln, die beachtlichen Prozentpunkte, um die das Stimmungsbarometer ganz novemberuntypisch gestiegen ist. Findet da gerade eine Kontinentalverschiebung auf meiner inneren Landkarte statt, mit einhergehendem Klimawandel? Ich verweigere mich ein wenig dem Gedanken, dass das ausschließlich mit einem anderen Menschen zu tun haben könnte, der mir sehr nahe gekommen ist in letzter Zeit, und den ich für mich selbst den fantanstischen Kerl mit Cashmereanteil getauft habe.

Eine Frage der Terminologie

Wie nennt man Menschen, die einem sehr nahe kommen, mit denen man am liebsten unbegrenzt Zeit verbringen möchte? Als ich noch klein war, war das der Nachbarsjunge. Wir bauten Sandburgen, immer größer, immer höher,  und gossen sie mit Wasser aus der Gießkanne wieder kaputt. Wir klauten Papas Nägel und den Hammer und bastelten ein Flugzeug aus Holzlatten und Seil, groß genug für uns beide, und flogen nach Amerika. Die beste Freundin und ihre Puppen waren toll, aber meine Sandkastenliebe war viel toller. Es brach mein kleines Kinderherz, als er zur Schule ging und ich nicht mehr seine Freundin war.

Das Namenlose kam und ging, bescherte mir Kumpels, gute Freunde, Herzschmerz, Träume, die im Nachhinein glücklicherweise unerfüllt blieben, den ersten Freund – fester Freund, wie man in der Familie sagt, und damit die unvermeidliche, dröhnend mitschwingende Konnotation, mein Gott, war mir das peinlich – den erste Liebeskummer, der eine gefühlte Ewigkeit anhielt. Mit steigendem Alter, und wenn die Beziehung schon ein gewisses Verfallsdatum überschritten hat, fühlt sich die Bezeichnung „der Freund von“ für Eltern anscheinend unpassend an, man wird also vorgestellt als Lebenspartner und später dann, wenn man wider besseres Wissen auf den Hafen der Ehe zugesteuert ist, endlich, endlich als Mann. Ehemann. Schwager. Schwiegersohn. Schwachmat.

Endlich begriffen

Und wenn man das alles hinter sich hat? Redet man am liebsten nicht mehr davon. Wünscht sich, nie einen Namen für das gefunden zu haben, was man sich jetzt wieder schmerzlich abgestreift hat, wie einen zu eng gewordenen Panzer. Und dann steht man eben wieder nackt und bloß vor dem Leben und fragt sich: Was kommt jetzt? Es kommt nämlich immer wieder was, was benannt werden muss. Und sei es die Erkenntnis, dass sich bloß keiner mehr wagen soll, sich Lebenspartner schimpfen zu lassen. Lebenspartner bin ich mir selbst, muss ja schließlich mit mir auskommen, ich lass mich nun mal nicht von mir abstreifen – weil ich eins bin. Weil ich ganz bin. Da braucht es keine bessere (oder schlechtere) Hälfte. Kein Deckelchen, kein fehlendes Puzzleteil.

Und trotzdem. Wenn man ganz ist, möchte man teilen. Die Ganzheit. Das wunderbare Gefühl, mit sich zufrieden und im Reinen zu sein. Mit jemandem, mit dem man gern zusammen ist – nicht, weil man sich braucht. Nicht, weil man sich ergänzen müsste. Einfach, weil man irre Spaß zusammen hat und alles, was doof ist, lauthals weglacht. Zwei ganze Menschen, alleine ganz, zusammen eben ganz-ganz. Und wie stellt man diesen Menschen vor? Ich denke, ich bevorzuge die Aussage „Das ist mein fantastischer Kerl. Mit Cashmereanteil.“

Credits
Ein grand merci heute an Candy Bukowski und ihren Beitrag, der mir ein willkommener Inspirationsfunke war.

Lebensrucksack

Sieh sie dir an, wie sie auf dem Schulhof rumstehen. Die Kids mit ihren Schultaschen, die Älteren, die aufgesetzt lässig ihren Rucksack von einer Schulter baumeln lassen. Mein inneres Auge betrachtet sich heute die Menschheit und die Behältnisse, in denen sie ihre jeweiligen Sorgen mit sich trägt. Jeder hat sie, jeder trägt an ihnen, und das auf so vielfältige Weise.

Last und Überlast

Da ist zum Beispiel der ganz Korrekte, der Streber. Er trägt seinen kompakt gepackten eckigen Sorgenbehälter auf dem Rücken, ein Vorbild an Ergonomie. Breite Riemen auf beiden Schultern, damit das Gewicht gleichmäßig verteilt ist und nicht einschneidet. Ja, derart gut ausgerüstet und vorbereitet kann man bequem durchs Leben wandern. Andere tun sich da schwerer. Da läuft gerade einer durchs Bild, mit einem riesigen, aufgetürmten Rucksack, an dem er sich fast kaputt schleppt. So viele Sorgen hat er eingepackt für seine Reise, er scheint sich nicht entscheiden zu können, was davon mitzunehmen wichtig ist. Oder hat er für andere mit eingepackt? Ich würde ihm wohl raten wollen, den ganzen Sack auf den Teppich zu leeren und nur das Wesentliche mitzunehmen, das Unvermeidbare. Aber er würde mich nur müde anlächeln. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache.

Ein junger Mensch geht vorbei, er trägt sein halbgefülltes Rucksäckchen lässig an nur einem Riemen an der rechten Schulter. Er stört sich gar nicht daran, dass sein Sorgenbehälter hinter ihm her schlackert, man könnte meinen, er trägt sehr leicht daran. Er verharrt kurz an der Haltestelle, den Rucksack locker zwischen die Füße gestellt. Im nächsten Augenblick müsste der Bus kommen, und mir scheint fast, der junge Mensch möchte seinen Rucksack versehentlich vergessen, wenn er in den Bus steigt, so vernachlässigt kommt mir das Behältnis vor.  Aber nein. Er schultert den Rucksack wieder, denn trotz aller Lässigkeit erkenne ich, dass er Verantwortung trägt. Und weiter geht seine Reise.

Von Päckchen und Tüten

Manche sehe ich, die tragen ihre Taschen auf den Armen. Eine Frau umklammert ihr Bündel, sieht gehetzt von links nach rechts, am liebsten würde sie es unter ihren weiten Klamotten verstecken. Hoffentlich sieht ihr niemand hinein. Eine andere geht gemessenen Schrittes, wiegt ihr Päckchen auf den Armen und lächelt es an. Wie glücklich sie aussieht. Sie und ihr Päckchen, eine verschmolzene Einheit, untrennbar akzeptiert, gehegt, gepflegt. Da stellt sich ihr eine andere Person in den Weg, hält ihren Korb mit weit ausgestreckten Armen von sich. Sieh hinein! ruft sie der Frau mit dem Herzenspäckchen entgegen. Sieh hinein und nimm den Korb! Nimm ihn von mir weg! Doch niemand erbarmt sich, jeder trägt seinen eigenen Rucksack, wohin denn noch mit einem fremden Korb? Der mit dem riesengroßen Reisesack schaut neugierig dem Korb hinterher, er würde ja mal reinschauen und vielleicht das eine oder andere herausnehmen, um es in seinen übervollen Sorgensack zu stopfen. Ein bisschen Platz ist immer.

Was kommt denn da? Eine Louis-Vuitton-Tasche schiebt sich vor mein geistiges Auge. Die war bestimmt teuer. Wer sich die für seine Sorgen leisten kann, hat teuer bezahlt, scheint mir. Beneidenswerte Luxusprobleme? Sie geht ganz nah an mir vorbei und ich erspähe darin eine mitgenommene schmutzige Plastiktüte vom Discounter. Ein sanfter Hauch von Trauer und Leid entströmt. Nein, tauschen möchte ich nicht. Um die Ecke biegen zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer mit einem unglaublichen Leibesumfang, daneben geht sein fast magersüchtig anmutender Begleiter. Beide tragen Tüten im Arm, greifen ständig hinein und futtern und kauen und schlucken, ohne Unterlass. Der eine kippt etwas Flüssigkeit aus einer braunen Flasche hinterher. Und ihre Tüten werden niemals leer, so sehr sie sich bemühen, ihren Inhalt in sich hineinzufressen, ihn auf diese Weise eliminieren zu wollen. Bei dem einen schlägt es sich direkt nieder, der andere scheint ein Magengeschwür zu haben, oder eine Art Unverträglichkeit, so dass ihn das, was er in sich hineinstopft, seinerseits von innen her aufzehrt.

Meine Tasche

Ich verlasse meinen Platz in dem kleinen Café vor der Schule und nehme meine Umhängetasche. Ich trage sie an meiner rechten Seite, die Hand immer wie zum Schutz darauf gelegt. Manchmal, wenn sie mir zu schwer erscheint, wechsle ich die Schulter, das geht auch, aber es fühlt sich eigenartig fremd an. Meine Schulter weiß sie schon zu tragen. Manchmal spüre ich sie gar nicht, dann sehe ich hinunter, sie ist da, unter meiner Hand, und es ist alles gut. Wie ich wohl auf andere wirke? Ob sie mich auch mit einem riesigen Lebensrucksack laufen sehen? Oder mit einem Päckchen auf dem Arm, versteckt oder offen getragen? Es ist mir gleich; ich trage meine Umhängetasche an meiner rechten Seite, meine vergewissernde Hand ruht auf ihr, und es ist gut so.

Credits
Das Thema Lebensrucksack wurde mir als inspirierender Funke in mein Hirn gestreut von einer lieben Freundin, der ich hiermit danken möchte, dass sie meine Umhängetasche öfter mal sichtet und ich dafür ihre babysitten darf. Grand merci, ma chère!

Fallobst

Wenn ich jetzt bloß Worte fände, um zu beschreiben, wie es mir gerade geht … die letzten Tage und Wochen waren quietschbunt und glücklich. Was ich alles erlebt habe! Was so ein neues Leben und ein paar neue Klamotten bewirken können… Da gab es Begegnungen mit Menschen, die mich schon sehr lange begleiten, die ich aber ein wenig aus den Augen verloren hatte. Man kennts ja, es gibt Kleidungsstücke, die gammeln schon jahrelang im Schrank herum, weil man keine passende Gelegenheit hat, sie auszuführen. Man räumt sie von einem Eck ins andere, bringt es nicht übers Herz sie auszusortieren – sie waren mal teuer und sind doch eigentlich noch gut. Und plötzlich, wenn man mal komplett aufgeräumt hat, plötzlich passen sie so gut wie nie zuvor zu einem sich bietenden Anlass. Und man fragt sich: Haben die sich schon immer so wundervoll angefühlt? So prima gepasst? Mensch, warum hab ich das nicht früher mal ausgegraben! Alte Bekannte in neuem Licht, schöne Sache. Die Kombinationsmöglichkeiten sind überwältigend.

Klingt erst mal gut. Dinge mal mit anderen Augen sehen halte ich für sehr wertvoll. Im Zweifelsfall reifen daraus Erkenntnisse. Am Sonntag fiel mir eine solche Erkenntnis wie ein reifer Apfel in den Schoß, ganz unvermittelt, ich war mir nicht mal bewusst, dass ich unter einem Apfelbaum saß. „Huch, danke!“ rief ich aus. Was war das für ein Geschenk? Ich sah mich um: Da stehe ich, frei. Da ist meine Familie. Da sind auch fremde Menschen, die auf einmal so gar nicht mehr bedrohlich wirken. Die auf mich zugehen, und auf die ich zugehe. Freiwillig. Souverän. Und sonst ist da nichts. Nichts, was hinter mir steht. Nichts, was auf meinen Schultern lastet. Der Apfel, den ich in meinen Händen halte, kann nichts anderes sein als meine emotionale Unabhängigkeit. Und die Erkenntnis, dass ich genau das immer angestrebt habe. Genau da wollte ich hin. Ich bin am Ziel.

… Die Sache mit Fallobst ist leider auch die: Es hält sich nicht lange. Manchmal ist es schon ein bisschen angeditscht, und die Stelle beginnt dann schnell zu faulen. Es genügt also nicht, die Erkenntnis in Händen zu halten und sie in einer Obstschale abzulegen. Gestern nämlich hatte ich Besuch, der Wäscheberg lugte zum Fenster hinein und suchte das Gespräch. Es war okay, wirklich, aber hinterher fühlte ich mich … benutzt. Missbraucht. Manipuliert, wie sich etwas später herausstellte. Ich hab mich so über mich selbst geärgert! „Wieso denn jetzt das?“ frage ich mich, „ich hab doch hier meinen Apfel!“ – „Naja“, meint die Birne, die mir in diesem Moment auf selbige fällt: „Wie weit kommt man wohl mit fauligem Obst?“ Hm. Was mach ich jetzt mit dem runden Erkenntnisträger? Ich könnte ihn aufessen, seine Bedeutung verinnerlichen. Ich könnte Kompott draus machen, hält sich aber auch nicht ewig. Es muss noch einen anderen Weg geben, diese Erkenntnis haltbar zu machen, und Früchte tragend … Die Birne lächelt. Ich hole ein Schippchen und die Gartenhandschuhe.

Wertgeschätztes Grün

Es ist mal wieder Zeit für Profanes. Dachte ich mir, als ich neulich zum Blumenladen fuhr und einen hübschen Strauß kaufte, cremefarbene Rosen und rote Beeren, Schleife, schönes Papier. Als Geschenk für eine liebe Freundin, die am Wochenende eine kleine Feier gab. Als ich wieder ins Auto einstieg, verspürte ich einen kleinen Stich. Nicht von den Rosen, die waren entdornt und gut eingepackt. Nein, es war die leise Stimme in meinem Kopf, die mich schalt: „Da kaufst du für teuer Geld ein paar abgeschnittene und zusammengebundene Pflanzenteile, und in einer Woche schmeißt sie das verwelkte Gemüse weg! Was hat sie denn davon? Du bist ja ne schöne Freundin, machst dir nicht mal Gedanken um ein richtiges Geschenk…“ Diese Stimme war nicht meine innere Stimme. Das war eine fremde, die mich bis vor kurzem noch begleitete, und von der ich mich jetzt endgültg freigemacht habe. Dennoch hallt sie manchmal noch nach, in meinem Kopf, und sticht, in meinem Bauch.

Warum kaufe ich Blumen anstelle eines „wertigeren“ Geschenks? Dekoartikel für die neue Wohnung, vielleicht. Pralinen, da hat man wenigstens noch was von! Einen Gutschein, verbring doch wenigstens mal Zeit mit deiner Freundin! Ich persönlich hasse Dekoartikel, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe – hab gerade einen ganzen Sack davon entsorgt. Meine Freundin ist schwanger, bringt schon genug auf die Waage und hätte sich herzlich für eine Schachtel Pralinen „bedankt“ – ihr Mann nimmt übrigens aus Sympathie ebenfalls zu, also auch kein geeigneter Abnehmer (ha!). Und Zeit … die beiden haben drei Kinder, das vierte ist unterwegs, die neue Wohnung gerade eingerichtet, es gibt genug zu tun. Vielleicht können wir uns ja im Jahre 2023 auf nen Kaffee…? Und überhaupt, was brauche ich Gegenargumente, wenn ich gerne Blumen verschenke? Ich bekomme auch gern Blumen, und zwar abgeschnittene und zusammengebundene Pflanzenteile, die nach einer Woche verwelkt sind und die ich dann wegschmeiße! Ich erfreue mich daran, gerade an der Tatsache, dass ich in einer Woche etwas anderes auf den Tisch stellen kann – oder freue mich noch mal extra, wenn sie nach einer Woche immer noch gut aussehen und lasse sie noch stehen. Ich mag Blumen, ich liebe Rosen, und finde das echt gut, eine kleine oder größere Aufmerksamkeit als Zeichen der Wertschätzung, das mir nicht das Haus vollmüllt. Topfpflanzen mag ich aus dem Grund weit weniger. Da ist es doch schlimmer, wenn die verwelken, weil ich vergaß sie zu gießen. Oder noch schlimmer, wenn sie sich weigern elegant und stillschweigend einzugehen und es immer mehr werden. Bestenfalls kümmern sich meine beiden Mademoiselles schon drum, fressen sie ab oder stoßen sie vom Fensterbrett, weil die da nun mal nicht hingehören.

Ich habe den Strauß Rosen mit einem Lächeln überreicht, ein Geschenk von Herzen für die liebe Freundin, und ich hab mich gut dabei gefühlt. Sie hat sich gefreut.

P.S.: Tja, Stimme aus meinem Kopf, respektive Bauch, hättste mal lieber ein paar wertschätzende Schnittblumen dann und wann mitgebracht…

Premieren, Pannen, Pustekuchen: Die Bilanz der letzten 7 Wochen

  • Wäscheberg entsorgt – check
  • Freunde, Bekannte und Verwandte geschockt – check
  • Emotionsterror überstanden – check
  • Hart geblieben – check
  • 8GB Handymusik durchgehört – check
  • Die Bedeutung von prä-, peri- und postmenstruellem Syndrom in allen Einzelheiten erfahren – check
  • Mückenstichallergie entwickelt – check
  • Drei Tage krank geschrieben gewesen – check
  • Mich sieben Wochen lang mindestens einmal am Tag wie 15 gefühlt – check
  • Zugenommen – fuck
  • Ein Kleid genäht – check
  • Einen dämlichen Fehler ein zweites Mal begangen – check
  • Meine Meinung über Männer im allgemeinen geändert – check
  • Meine Meinung über Männer im besonderen gefestigt – check
  • Meinen Bankberater geschockt – check
  • Mädchensachen gemacht (und toll gefunden) – check
  • Sieben Wochen ohne Fernseher und Radio überlebt – check
  • Freiheit genossen – check, double-check

Was noch aussteht:

  • Weitere Schränke ausmisten, putzen und ausräumen
  • Wieder zurückkehren zur gesunden Ernährung
  • Bestimmten Leuten endlich mal und explizit die Meinung sagen
  • Ein Bett kaufen
  • Eine Singleparty besuchen

Be pineapple!

Es ist hart, so hart zu sein, wie es die momentane Situation erfordert. Eben noch verzweifelt vor einem Riesenberg Wäsche, dann plötzlich befreit und erleichtert, aber mit allen Konsequenzen.  Die aussortierten Teile haben zwar begriffen, warum sie aussortiert wurden und dass es kein Zurück mehr in meinen Kleiderschrank gibt (in dem davon abgesehen sowieso kein Platz ist, bevor ich nicht den nächstgrößeren Schrank bezogen habe). Aber sie quäken noch und stinken ganz fürchterlich. Je länger sie verharren, desto schlimmer wird es. Sie müssten mal raus an die frische Luft – ist ja nicht so, dass sie unbrauchbar wären, sie passen mir nur einfach nicht mehr. Ich mag sie nicht mehr haben.

Und jetzt stellen sie auch noch Ansprüche. Entschädigung ob des verlorenen Platzes im Kleiderschrank. Völlig überzogen, meint die Waschfrau. „Bleiben Sie hart! Sie haben so gut gearbeitet“, ermutigt sie mich. Die nächsten Schritte stehen schon fest, erst mal zurück und aufräumen, putzen, alles wieder herrichten, was in der letzten Zeit verfallen und vergammelt ist. Herzpflege betreiben, Zukunft erfühlen, Freiheit genießen. Und eben viel arbeiten. Gestern, als Worte nicht mehr halfen,  habe ich die letztens beschriebenen härteren Bandagen rausgekramt und den aussortierten Stinkeberg mal sanft angestupst, damit er sich mal bewegt. Am besten weit weg. Sollte das nicht helfen, müsste ich mal mit der Mistgabel ran, aber auch da hab ich einen erfahrenen Mistgabelfachmann an der Seite, der weiß, wie sie effektiv zu führen ist. Am Blutvergießen liegt mir nichts, das befleckt nur die eigene Seele. Aber ich lass mir auch nicht mehr das Herz aus dem Leib und die restlichen Klamotten, die mir geblieben sind, vollends runter reißen. Irgendwo gibt’s Grenzen der Gutmütigkeit. Peinlich vor allem, wenn man im Nachhinein hört, dass der Klamottengestank anderen schon unangenehm aufgefallen ist. Hat sich bloß keiner getraut mal was zu sagen.

Dazwischen immer wieder mal Lichtblicke. Heute Abend gilt’s, mal wieder Mädchen zu sein und vor allem kulinarisch die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Es lebe die Ananas!

Ganz zufällig …

… stieß ich eben bei der Recherche (fachfremd *hüstel*) auf ein paar Erasmus-Zitate, die mir heute mehr denn je aus der Seele sprechen. Heute heißt: Nach diesem Wochenende. Ich war hobbymäßig mit ein paar guten Freunden unterwegs und habe auf der Fahrt dorthin meine andere Hälfte, sprich Mme Contenance, am ersten Rastplatz ausgesetzt. War das herrlich! So befreit war ich seit … äh … ich glaube, noch nie. Und so spricht er mir aus der Seele, Erasmus Desiderius von Rotterdam, wenn er sagt:

Egoismus ist eine Tugend der Selbständigkeit.

Nicht schlecht. Da fühle ich mich gleich besser. Das nächste berührt mich besonders, denn so ganz ohne diese miesepetrige Contenance fühlte ich endlich mal, was es heißt, eins zu sein, und nicht so zerrissen wie üblich:

Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist,
das zu sein, was er ist.

Es ist unglaublich befreiend, mit anderen Gleichgesinnten einfach herzlich und laut zu lachen, ohne dass sich jemand beschwert, das sei zu laut oder nicht angebracht. Dieses Hochgefühl trage ich heute bei mir, und hoffentlich auch noch den Rest der Woche. Zum Abschluss noch dieses, was mir mit einem Augenzwinkern doch am besten gefällt und keiner Erläuterung bedarf:

Maxime peccantes qui nihil peccare conantur
– Wer nicht zu sündigen wagt, begeht die grösste Sünde.

Ablenkung

SO lange nichts geschrieben! Und auch jetzt: Kaum Zeit, kein Raum für Gedanken. Zumindest nicht für solche, die ich hier aufschreiben will. Das Gedankenkarussell dreht sich Tag und Nacht, es kommt mir fast so vor, als hätte ich mich an diesen Zustand gewöhnt. Ich hadere nicht, ich nehme es halt hin – aber ich tu auch nichts dafür oder dagegen. Um es im Waschfrauenmetaphorik auszudrücken: Fast alles ist gewaschen und gestapelt und aussortiert. Zwei Stapel Wäsche liegen vor mir, der eine soll wieder in den Schrank, der andere in die Altkleidersammlung. Aber ich habe noch nicht entschieden, welcher der beiden ich abgebe, aufgebe.

Dazwischen: Ablenkung, viel Arbeit, viel Arbeit durch die Ablenkung. Da war einmal der Urlaub. Schön, beeindruckend, volle Tage, Fußschmerzen. Und der Beginn einer schönen Freundschaft. Es fühlt sich gut an, das Ganze, auch wenn ich jetzt noch mit Nachwirkungen wie Schlafmangel und schmerzender Ferse zu kämpfen habe (und einem ständig piepsenden Handy). Man ist halt keine 20 mehr. Und dann die neuen Mitbewohner. Meine beiden Katzenmädchen – man mag gerne behaupten, das sei ein Schnellschuss gewesen, so kurz nach Erdbeernäschens Ableben. War es auch. Hätte ich die alleinige Entscheidungsmacht über mein Leben (so wie es eigentlich sein sollte, der eine Wäschestapel eben), dann hätte ich nun keine zwei Katzenmädchen. Dann hätte ich morgens keinen mehr als zuverlässigen Wecker, der mich zu früh aus den Federn holt, kein Katzenstreu im Hausgang verteilt, keine im Spiel zerkratzen Hände und keinen mit Katzenfutter gefüllten Schrank und ein leeres Portemonnaie. Dann hätte ich aber auch keine Ablenkung in Form von Schmuseattaken, keine zwei Damen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die sich auf meiner Bettdecke balgen oder sich im Schlaf ganz lieb umarmen. Ich hätte auf meinem Smartphone nur irgendwelche langweiligen Landschaftsbilder und keine Zeugen der Verwüstung meiner Pflanzenkulturen oder Bilder von schlafenden, schnaubenden, schnarchenden Katzennasen. Mir würde echt was fehlen.

Hoffentlich denke ich genau an diesen Satz, wenn ich gleich nach Hause komme und zerfetzte Teppiche und ausgegrabene Efeututen vorfinde.

Abstinent

Ich habe mich in letzter Zeit ein wenig in Abstinenz geübt. Vor allem nichts geschrieben hier, aber auch versucht, mal einen Monat oder sogar länger nichts beim in Misskredit geratenen Online-Versandhandel zu bestellen. Auch bei der Ernährung achte ich zur Zeit darauf, mir nur  – naja, hauptsächlich – Gutes zu tun und auf eher nicht so Gutes zu verzichten (außer Schokolade, DAS würde ich keine Woche überstehen!).

Positive Effekte? Schon! Ich bin immer noch brav dabei, mit meiner Waschfrau zu arbeiten, bin gelobt worden und habe neue Erkenntnisse über mich gewonnen. Feine Sache. Meine Arbeit und die sonstigen Aufgaben erledige ich ebenfalls brav und finde sogar Zeit wieder zu lesen – gut, Zeit zum Lesen ist immer, nur der Kopf fehlt oft. Den habe ich also auch. Mir scheint, mit mehr Kopf ist es auch möglich, die schönen Dinge im Leben (die es ja durchaus gibt, auch wenn man über Schlaglöcher fährt und sich über die Menschheit insgesamt aufregt) zu sehen und zu spüren. Gleich zu drei Gelegenheiten wurde mir bewusst, dass ich ja nicht am Faden hänge und mich fremdsteuern lasse, nein! Sondern, dass ich selbst etwas bewegen kann, und sei es nur durch eine Kleinigkeit; ein Brief, der beim Empfänger nicht nur physisch, sondern auch im Herzen angekommen ist; einen kleinen Funken Inspiration pflanzen und sehen, dass er prachtvoll erblüht; ein Ohr leihen und eine Freundin dafür bekommen. Schöne Dinge, die mich an mich selbst glauben lassen.

Und derart motiviert reifen Pläne in mir, weiterzugehen, nicht nur den Kleiderschrank auszumisten, sondern auch die Küche, den ungeliebten Wohnzimmerschrank, umsortieren, ganze Räume umorganisieren und zum Teil renovieren – das zwar nicht allein in meinem Kopf, aber ich denke, sobald ich anpacke, meinen Lebensraum zu verändern, zu verbessern, verbessere ich meine Gesamtsituation. Das mal als Plan der nächsten Wochen.

Abschließend möchte ich noch auf Lesestoff hinweisen. Diese Dame hier bloggt noch nicht so lange, scheint aber ein angeborenes Talent dafür zu haben, gut zu unterhalten. Ich lese regelmäßig gerne ihre kleinen und wirklich amüsant beschriebenen Alltäglichkeiten, meine sogar, zwischen witzigen Formulierungen auch etwas Melancholie zu entdecken und freue mich einfach, dass jemand hierher gefunden hat und mit so viel Spaß an der Sache schreibt. In jedem Fall eine Inspiration, das Leben nicht immer so verbissen zu sehen. Vielleicht versuche ich mich demnächst auch mal an einer amüsanten Geschichte – ich schicke meine Schwermütigkeit einfach mal in den Urlaub und probiere ein wenig herum. Möglicherweise wird’s ja was!