Schon Dezember!

Nun ist er da, der letzte Monat des Jahres. Es wird höchste Zeit, wieder etwas zu schreiben. Gedanken habe ich genug, Zeit und die Ruhe dafür nicht ganz so. Aber ich nehme sie mir, zumindest ein bisschen, jetzt.

Nein, tatsächlich bin ich gerade ein wenig vollkommen sprachlos angesichts der vielen guten Dinge, die mir im Moment begegnen. Hatte ich zu Beginn des Jahres noch gehadert mit meiner Gesundheit, meiner schlechten Laune und einigen Menschen in meinem näheren Umfeld, über die ich mich kolossal geärgert habe, so scheint 2016 ziemlich genau in seiner Mitte einen Schnitt gemacht zu haben und überschüttet mich jetzt mit kleinen und größeren Glücksmomenten. Sand und Muschelschalen. Sonnenglitzer auf dem blauen Meer. Zweistreifige Bestätigung einer Gewissheit, die schon so viel tiefer verankert war, dass es das Ding gar nicht gebraucht hätte. Eine fast wahnsinnige Trendwende. Abgesehen vielleicht von den knapp drei Monaten, in denen ich nicht viel mehr als mein Bett und das kleine blaue Eimerchen vor mir sah, ein paar besorgte Anverwandte und durchweg freundliches und einfühlsames Krankenhauspersonal. Aber auch da blitzten immer mal wieder kleine goldene Glückskügelchen hindurch.

Besonders schön war es, kürzlich einen alten Freund wiederzutreffen. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren und sind fast ebenso lange befreundet – wobei diese Freundschaft wie ein zartes Pflänzchen von Jahr zu Jahr erst wachsen musste. Wir pflegen sie mit möglichst jährlichen Treffen, ab und an einem Brief oder einer E-Mail zwischendurch seit meinem Abitur, das ich bei ihm einigermaßen zufriedenstellend abgeschlossen hatte. Aus meinem ehemaligen Lehrer ist im Laufe der Zeit ein guter Freund geworden. Mit einigen durchlaufenen Lebenssituationen, die er aufgrund seines Alters schon längst hinter sich hatte, und mit einer fast zeitgleich gemachten, leider nicht besonders schönen Erfahrung näherten wir uns immer weiter an, so dass ich heute von einem guten freundschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe sprechen kann. Unser Treffen dauerte daher viele Stunden, in denen wir abwechselnd erzählten, von früher, von der Zukunft, so dass ich am Ende beseelt zu Hause ankam, voller Dankbarkeit für diesen schönen Abend. Ich verglich mein Bild von meinem ehemaligen Lehrer mit dem meines heutigen Freundes und befand, dass ich mit der Zeit viele Kapitel über ihn lesen durfte, und dass er als Protagonist dieses „Buches“ mittlerweile ein ganz anderer ist, als im ersten oder zweiten Kapitel noch, im Schulsaal, 9. Klasse, mit der üblichen, nötigen Autorität und den Macken, die man einem Lehrer eben andichtet. Ein bescheidener, hochgebildeter und sensibler Mensch. Ich bedaure Generationen von Schülern und andere Menschen, die dieses Buch wahrscheinlich nie lesen werden.

Und schon geht es auf Weihnachten zu. Der übliche Stress steht vor der Tür, weniger der Geschenke wegen – im Hause Contraire wird es keine geben, nur für die kleinen Mitbewohner, und ansonsten wird Madame wieder ein paar hübsche Dinge zusammenrühren und mit dem Siegel „homemade“ an ihre Lieben verteilen. Dennoch, Termine allüberall. Und trotzdem ist mein Blick eingetaucht in schimmerndes Gold, mit funkelnden Streuseln und Kerzenschein. Es hat eine Menge aufgeholt, dieses Jahr, das so schwach begonnen hat.

Eigentlich ist jetzt alles gut, oder? Oder fehlt noch etwas?

Glückswellen

Glückswellen

„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

Risse

Nach dem Telefonat wiegt er sein Handy noch eine Weile in der Hand und blickt in die Ferne. Das Display hat Risse. Ein halbes Jahr alt war es, als er es aus Unachtsamkeit auf den Asphalt fallen ließ. Das passiert eben. Es funktioniert ja noch, und in ein paar Monaten holt er sich ein neues. Über das alte mit dem rissigen Display freut sich bestimmt noch jemand, wenn er es billig verscherbelt. Macht er immer so. Und wenn es keiner haben will, vertickt er es eben im Internet, da kann man immer noch was rausholen. Er hat seine Leute dafür.

Nach dem Gespräch steigt er in sein Auto und fährt nach Hause. Er blickt in die Ferne. Wieder einmal die Kurve gekriegt. Relativ früh hatten sich erste Risse gebildet, aus Unachtsamkeit. Das passiert eben. Aber nichts, was man mit Worten und Beteuerungen nicht wieder kitten könnte. Es funktioniert ja noch. Und so ist er eben. Er hat seine Leute, und die wissen das. Was sollten sie auch ohne ihn machen? Sie brauchen ihn, ganz klar. So ein bisschen Unachtsamkeit und die paar Risse!

Nach seiner Nachricht schaltet er das Handy aus. Er blickt in die Ferne. Endlich hat er sich Luft gemacht. Ob die anderen die Risse nicht bemerkt haben? Ob sie ihnen egal sind? Immer tiefer, immer breiter wurden sie, und niemand hat sich mehr darum gekümmert, wie sonst. Es funktioniert so nicht. Er dachte, er hätte seine Leute dafür. Wie unachtsam sie sind! Risse im eigenen Herz fühlen sich ganz plötzlich viel schlimmer an als anderswo. Der Kitt aus Worten und Beteuerungen bedeckte nur die Oberfläche. Was, wenn es dieses Mal irreparabel ist? Er braucht sie doch, ganz klar. Was sollte er denn ohne sie machen?

Federn und Klinge

Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

Zwonullsechzehn

Ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr wünsche ich allen, die bei mir lesen, ab und an vorbei schauen und mit denen ich auf anderem Wege in Kontakt stehe! Ich hoffe, ihr habt 2016 gut angefangen und lasst euch nicht von überehrgeizigen Vorsätzen vom Leben abhalten!

Es ist kein Kreis, das Leben, es ist für mich eher eine Gerade, Zielgerade, wenn man will. Etappen, Strecken werden bewältigt, Täler durchschritten und Höhen überflogen. Absturz nie ausgeschlossen. So manches Wunder begegnet einem auf diesem Weg. Und dennoch hält man gerne am Jahresende inne und denkt über Vergangenes nach, fühlt vor ins neue Jahr, wie es werden könnte, sortiert seine Wünsche. Ich natürlich auch.

2015 war, im Vergleich zu den Jahren meines alten Lebens, also vor dem großen Knall, zwar einigermaßen ruhig und wenig ereignisreich, aber es war irgendwie auch zäh. Es wollte nicht so recht, auch die Gesundheit ließ mich zur Jahresmitte desöfteren hängen, und lang ersehnte Pläne und Wünsche lagen und liegen zum Teil noch immer auf der langen Bank. Ein zähes Jahr, ein wenig trotzig und rotzig, mit durchaus schönen Seiten und der immer noch sehr präsenten goldglücklichen Grundstimmung, wenn ich einfach still bin und in mich hinein höre. Veränderungen passieren immer wieder, die eigenen spürt man mal mehr, mal weniger, meist aber spüre ich sie an anderen Menschen. Wenn sie anders mit mir umgehen als bisher. Und meistens, leider, akzeptiere ich das nicht einfach, sondern gebe mir immer noch viel zu oft die Schuld daran, wenn alltägliche Beziehungen und Freundschaften irgendwie nicht mehr so rund laufen wollen. Es ist jedoch wie bei Waagschalen. Wenn die eine Seite abnimmt, nimmt die andere zu. Vielleicht besitze ich tatsächlich so etwas wie ein festes Kontingent an Freundschaft, Liebe, Hingabe und so weiter, das ich verteilen kann, aber mehr als das zu geben erscheint mir manchmal unmöglich. Sind das meine persönlichen Grenzen?

Ich habe ja nun wieder eine Zweitfamilie. Die ist nahezu unüberschaubar groß, aber mehr und mehr fühle ich mich so richtig hinein, fühle mich wohl und akzeptiert. 20 Monate hat nun das gedauert, was ich in den 12 vorhergehenden Jahren nicht annähernd erreichen konnte. Ein großes Plus auf dem Glückskonto. Mit der Zeit schubbert sich der tuberkulöse Scheidungsfleck auf meiner Seele ab an den vielen freundlichen Worten, an netten Gesten, viel Reden und manchmal einfach Schweigen. Wahrscheinlich weicht er irgendwann schneller auf als ein eingetrockneter Soßenfleck in der Waschlauge. Ähnliches Seelenbalsam sind die Tage, Abende, Nächte mit Menschen, die ich mittlerweile gerne als gute Freunde bezeichnen möchte. JBs beste Freunde aus Kinder- und Jugendttagen, wo gibt es das eigentlich noch? Ich selber sehe mich eher als Freundschaftsnomade, meine alten Freunde aus der Schule sind in vielen Ecken verstreut, man sieht sich nicht besonders oft übers Jahr. Ein paar wenige, wirklich wichtige Menschen. Ein erweiterter Freundeskreis, Bekannte. Umso mehr genieße ich es, wenn alte Geschichten erzählt werden – oh ja, wir sind mittlerweile tatsächlich in dieser Altersklasse angekommen – ohne mich ausgegrenzt zu fühlen. Ja, auch da fühle ich mich wohl. Und ich erwische mich ganz oft dabei, dass ich denke: Hab ich das wirklich gerade gesagt? Vom Herzen direkt aus dem Mund, ohne nachzudenken. Ich darf sein, wie ich bin, und genau das führt zu Akzeptanz und, ja, Freundschaft.

Seltsam, wie sehr ich mich früher immer bemüht habe, akzeptiert zu sein. Richtig anstrengend war das. Und jetzt ist es auf einmal so leicht. Interessant wird das erst, wenn ich durch Zufall alte Freunde, Bekannte aus der Schulzeit etwa, wiedertreffe. Das wurde mir im vergangenen Jahr einige Male zuteil, und ich bin sehr dankbar für solche Begegnungen, habe daraus viel Freude und Kraft geschöpft. Leider verspüre ich das Gegenteil bei solchen Beziehungen nun umso mehr, die mich bisher sehr viel Anstrengung gekostet haben. Leider, oder glücklicherweise? Ich fühle mich in Aufbruchstimmung. Umbruch. Abbruch, vielleicht sogar. Immer öfter denke ich über Dinge nach, die mich heute nicht mehr so glücklich machen, die mir mehr abverlangen als gut tun. Wenn ich wieder einmal mit dem Zahnstocher an der meterdicken Eisschicht kratze und mich wundere, warum ich einfach nicht durchkomme. Wenn ich mich um konstruktive Vorschläge bemühe und immer öfter ignoriert werde. Wenn eine innere Stimme mir sagt, dass mir manche Menschen einfach nicht mehr wohlgesonnen sind, aus welchen Gründen auch immer. Wenn ich friere, wenn jemand bestimmtes den Raum betritt. Alles Anzeichen dafür, dass es womöglich Zeit ist, den Kurs zu wechseln. Dass es womöglich Zeit ist, sich nicht mehr an anderen aufzureiben, die es nicht zu schätzen wissen. Mich nicht zu schätzen wissen. Ich bin nicht dafür gemacht, jemand anderes Stiefelknecht zu sein, gleichzeitig würde ich auch niemand anderen dazu mißbrauchen wollen. Leben und leben lassen, gehen und gehen lassen. Geben und geben lassen, nicht wahr, Frau Knobloch?

Mittlerweile weiß ich, was das Gefühl zu bedeuten hat, wenn das Herz wie von einem Riesenkrater in zwei Hälften geteilt zu sein scheint. Was zu tun ist. Es stehen Änderungen bevor. Und 2016 ist eins der besten Jahre dafür.

Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

Einigkeit und Recht und Freiheit? Offene Gedanken zur Wiedervereinigung

25 Jahre Deutsche Einheit, in Frankfurt wird groß gefeiert, man spürte die Ausläufer hektischer Vorbereitungen bis hierher an den Rhein. Wer es damals miterlebt hat, hängt vielleicht dieser Tage seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Wiederum eine gute Gelegenheit, noch einmal auf meinen Lieblings-Comickünstler Flix hinzuweisen. Seinen Band „Da war mal was“ habe ich kürzlich erst erstanden, die einzelnen Geschichten schon zu Entstehungszeiten gelesen, wenn nicht gar verschlungen. Flix verarbeitet in seinem Buch sein eigenen Erinnerungen und die von Freunden und Bekannten an „hier und drüben“ (klick: YouTube-Trailer). Unweigerlich dachte ich beim Lesen natürlich an das, was ich aus dieser Zeit noch vor Augen hatte.

Ich war 9 Jahre alt, als die Mauer fiel. Zu jung, um im Vorfeld viel von „der Wende“ mitzubekommen. Ich erinnere mich schemenhaft, dass mein Vater einige Jahre zuvor öfter geschäftlich nach Ostberlin reisen musste. Damals etwa vier oder fünf Jahre alt, erinnere ich mich an meine Mutter, die mir besorgt und traurig vorkam. Wenn ich fragte: „Wo ist denn der Papa? Wann kommt er wieder?“ antwortete meine Mutter bedeutungsschwanger: „Der Papa ist in der DDR.“ Die DDR, mir kam das damals so unendlich weit weg vor. Der Klang in der Stimme meiner Mutter verhieß nichts Gutes, ich stellte mir vor, die DDR sei in etwa so weit von uns entfernt wie der Mond , und ebenso karg und grau. Manchmal erzählte mein Vater, er habe nicht gewusst, was er abends unternehmen solle. Stattdessen schrieb er lange Briefe an meine Mutter. Das ihm zur Verfügung gestellte Geld habe er auch wieder komplett mitgebracht – wofür hätte er es ausgeben sollen? Einmal brachte er mir dennoch etwas mit, eine Art Wandaufbewahrung in Form eines blauen Hundes mit übergroßen bewimperten Augen und verschiedenen Täschchen an seinem Bauch, worin man Dinge verstauen konnte. Ich nannte ihn Hugo.

Im Herbst 1989 hörten und sahen wir im Fernsehen nichts anderes als Politiker, Menschen auf der Mauer und Ströme von Autos. Ich erinnere mich an Bilder von Autokolonnen, ein Mann in einem beigefarbenen Wagen wurde durch das Autofenster hindurch etwas gefragt. Er trug einen rötlichen Bart. Wahrscheinlich sind meine Erinnerungen an diese Zeit mittlerweile von Geschichtsunterricht und Reportagen, nicht zuletzt aber der eigenen Begeisterung für diese Zeit so verklärt, dass ich jenem Mann in meiner Erinnerung ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen verpasst habe. Die Stimmung jedenfalls war in diesen Tagen eine ganz besondere. Der Nachrichtensprecher rief dazu auf, diesen Menschen, die da über die Grenze zu uns strömten, eine zeitweise Unterkunft zu bieten. Ich war sofort Feuer und Flamme und bat meine Eltern: “ Mama, Papa, bitte, können wir auch so Leute bei uns aufnehmen?“ Ich war fasziniert, ich wollte diese Menschen kennenlernen, und ich wollte helfen. Irgendwie schien mir das ziemlich wichtig zu sein. Meine Eltern reagierten zunächst erstaunt und dann ablehnend. Das habe ich damals nicht verstanden.

Ein Jahr später nahmen meine Eltern mich mit zu einer kleinen Feierstunde in unserem Dorf. Es war Abend, und es dämmerte bereits. Meine Babyschwester war bei den Großeltern, und ich meine, ich habe ein wenig gemault, warum ich da jetzt mitgehen sollte. „Das ist ein ganz wichtiger Moment“, belehrte mich meine Mutter. „Wir feiern heute die Deutsche Einheit. Die DDR gibt es nicht mehr.“ Keine DDR, keine traurige Mama mehr, eigentlich eine gute Sache. Ich würde zu Hause gleich die eine Hälfte des Aufklebers an unserem Klavier abkratzen müssen, darauf stand „Leipzig / DDR“. Ich nahm also teil an der Feierstunde, an die sich das Einlassen einer kleinen Bodenplatte auf dem Dorfplatz anschloss.

25 Jahre später gehe ich wieder an dieser Bodenplatte vorbei, bleibe stehen. „Zur Deutschen Einheit“ steht darauf, „1990“. Ich weiß noch genau, wo ich damals als Kind gestanden hatte und zuschaute, als sie eingelassen wurde. Heute weiß ich mehr, kenne Hintergründe, und kenne Auswirkungen. Ich habe als Jugendliche Schüler unserer Partnerstadt in Sachsen kennengelernt und habe zugehört, wenn sie von „früher“ sprachen. Das war 1996. Innerlich entsetzt war ich über das vorherrschende Selbstbild dieser jungen Menschen, sechzehn-, achtzehnjährig, die sich selbst als „dumme Ossis“ bezeichneten, als „ungebildet“, „Wir können kein Englisch, nur Russisch“. War das unsere deutsche Einheit, die diese Selbstzweifel gesät hatte? Ich fand das alles schrecklich, denn ich fühlte Sympathie für meine Mitschüler. Ich mochte meine Austauschpartnerin, mir gefiel diese eine Woche in der Nähe von Dresden mit einer Familie, die meiner so erstaunlich ähnlich war. Wir verstanden uns.

In der Folgezeit, kurz nach der Wiedervereinigung, gab es immer wieder Fernsehsendungen. Es ging oft um „die Ossis“ und „die Wessis“, in Fernsehspielen wurden die gegenseitigen Aversionen thematisiert. Ich hielt „Ossi“ bislang für eine Abkürzung von Oswald und wusste bis dato nicht, welchen Unterschied es überhaupt zwischen uns gab, oder besser: zwischen „uns“ und zwischen „denen von drüben“. Waren wir nicht alle Deutsche? Menschen? Warum regte uns der Soli auf? Warum hörte man im Urlaub hinter vorgehaltener Hand Äußerungen wie „Das ist bestimmt ne Ossifamilie, guck mal, wie die ihre Teller vollhauen!“ Sie widerte mich an, diese Herablassung, und tut es noch heute.

Während ich Flix‘ Buch durchblättere, denke ich immer wieder an den Fernsehaufruf. „Mama, können wir auch so Leute aufnehmen? Bitte!“ War ich zu jung, um zu verstehen? In der Retrospektive bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die Wiedervereinigung miterleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich so jung war, denn für mich hat es nie diese Grenze zwischen Ost und West gegeben – bewusst wurde sie mir erst bei einem Besuch in Berlin im Jahr 2009, zuvor nie dort gewesen, sofort begeistert. Und erschüttert. Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Kopf die Mauer nie existiert hat.

Diese eine Frage stellt sich mir allerdings wieder: Wie werde ich heute reagieren, wenn ein neuerlicher Aufruf in den Medien erfolgt: „Bitte nehmen auch Sie Flüchtlinge bei sich auf!“

Nach¦trag¦ik

Ursache und Wirkung, manchmal ist es so einfach, dass man es glatt übersieht. Vor einiger Zeit nahm ich die Laufschuhe zu Hilfe, um mich zu befreien von zu viel seelischem Ballast. Laufen und schreiben. Weder das eine noch das andere konnte ich der letzten Zeit verfolgen, heute also schreibe ich, und ab morgen sind auch die Laufschuhe wieder an der Reihe. Was ist eigentlich aus meinen drei herznahen Menschen geworden, fragt man sich vielleicht, deren Schicksale mich an den Rand meines Weltver¦besser¦wisser¦tums brachten? Ich möchte einen Nachtrag wagen, denn nicht immer muss alles, was in manchen Momenten schlimm aussieht, tatsächlich den Bach runter gehen.

Meine liebe Nahestehende hat gekämpft. Hat nicht locker gelassen, hat geredet, sich umfassend informiert und ist nun an einem Punkt angelangt, der nicht mehr „Scheidung“ heißt, sondern „Zusammenbleibenwollen“. Weil sie ihn immer noch liebt. Und er sie. Deshalb kämpfen sie jetzt gemeinsam gegen die Schatten der Vergangenheit. Es sieht gut aus.

Meine liebe gute Freundin hat es angepackt. Ihre neue Wohnung eingerichtet, ganz nach ihren Vorstellungen, den letzten Kontakt zum Ex gekappt und ist trotz Heimweh und schlaflosen Nächten da geblieben, wo sie letztlich gefunden hat, was sie suchte: Unabhängigkeit, Eigenständigkeit. Mittlerweile hat sie die Vorzüge des Singledaseins erkannt. Und auf der Arbeit läuft es jetzt besser, seit sie ein neues Arbeitsgebiet bekommen hat und richtig Spaß daran findet – weg von der Kollegin und damit aus der Schusslinie des Chefs. Der sie nun kleinlaut lobt, anstatt ihre Zweifel lautstark zu schüren.

Und meine Dritte im Bunde, sie hat auch gekämpft und nicht aufgegeben. Mit der richtigen Unterstützung hat sie ihre Krebserkrankung in den Griff bekommen, und das hat sie so sehr bestärkt, dass sie nun auch andere Dinge in Angriff genommen hat, die seit langem im Argen lagen. Bei unserem letzten Treffen war sie quietschvergnügt, fiel mir um den Hals und sprach mir eine Einladung zu ihrer Hochzeit aus – in drei Jahren, wenn alles in trockenen Tüchern sei. Ich habe gerne zugesagt.

Und selbst wenn sich viele Dinge scheinbar von alleine lösen – ich werde nicht aufhören, mich um meine Lieben zu sorgen und für sie da zu sein. Ich bin so. Ich will es so.

Und es wird sich nicht¦s ändern.

10:21 Uhr: „Die Ärzte haben bei Jen einen Tumor festgestellt. Er hat es uns gerade geschrieben. Ich habe alle Termine abgesagt und fahre nachher hin. JB.“

… Es wird sich nicht¦s ändern …

„Spieglein, Spieglein … oh. Kaputt.“

Der Spiegelbildeffekt: Menschen halten anderen genau das vor, was sie an sich selbst am meisten stört. Mir ist in der letzten Zeit recht Unangenehmes begegnet – unangenehm, das ist meine eigene, contrairsche Definition der momentanen Situation, jeder andere mag damit weniger Probleme haben und besser damit umgehen können als ich. Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich einen Spiegel um den Hals hängen, in den meine Mitmenschen hineinblicken und sich ob des Gesehenen empören. Da ist die junge Dame, die mich anherrscht, ich bräuchte sie wohl kaum derart anzuherrschen, obwohl ich die Stimme nicht einmal erhoben habe. Da ist eine andere, nun ja, Dame, die mir zu verstehen gibt: Sollte ich weiterhin in diesem Ton mit meinem Umfeld sprechen, hätte ich bald kein Umfeld mehr, das sich gerne mit mir abgibt. Da ist zum dritten, wer hätte es geahnt, noch eine weibliche Person, die mir Veräumnis und möglicherweise ein freches Mundwerk bescheinigt – mit einem ebensolchen Ton am Leibe und ganz offensichtlich Watte in den Ohren, die den Informationsfluss deutlich hindert und mindert. Spiegel¦bild¦defekt?

Überhaupt lerne ich langsam verstehen, weshalb ein Sündebock für alles, was nicht rund läuft, eine formidable Sache ist, solange man es nicht selbst ist. Glücklicherweise ist mein näheres Umfeld (oh ja, das gibt es noch) bereit, sich fast täglich meine derzeitigen Sorgen anzuhören und mir den Rücken zu stärken. Oder so ähnlich. Zumindest weiß ich, dass sie es wollen, auch wenn es als wohlgemeinte Ratschläge verpackt ist. Das Nicht-mit-sich-machen-lassen ist so eine Sache, genau so wie das Mal-auf-den-Tisch-hauen. Nie praktiziert, bin ich darin natürlich etwas ungeübter als andere und lasse mich dann gerne verunsichern, wenn wieder einmal mein Ton kritisiert wird, den ich an mir haben soll. Dann blicke ich verstohlen an mir herab und suche ihn, diesen Ton, der andere so stört, der an mir hängt wie die berühmte Bahn Toilettenpapier, die ich versehentlich irgendwo abgekriegt haben muss. Ich stelle mir vor, mein Ton ist eine blecherne Fahrradtröte, mit einem roten Gummiball, die mir irgendwo unerreichbar an der Kleidung angenäht wurde, und die jedes Mal ertönt – „Möööp!“ – wenn ich mich irgendwie bewege und an etwas stoße. „Möööp, möööp!“ – „Verzeihung! Mein Ton schon wieder! Wenn ich den zu fassen kriege …“

Ich vermute, dieser Spiegel, den ich da um den Hals hängen habe, wirft nicht nur Licht und Abbild zurück, sondern potenziert auch die Laustärke, mit der man ihn anspricht. Sprechen, auch so eine Definitionssache. Die Kommunikationswege haben sich in unserer Zeit vervielfältigt, und nie fiel es so leicht, einen anderen Menschen offen zu beleidigen, als über die sogenannten modernen Medien – altbekanntes Problem. Ein Zerrbild unserer Wirklichkeit, ein stummes Sich-Anschreien, bei dem man tatsächlich nicht mehr als das Klackern der Tasten vernimmt – und da bescheinigt man mir wiederum einen Ton, den ich doch gar nicht von mir gegeben habe? Die Enter-Taste vielleicht ein wenig zu heftig betätigt, das könnte es gewesen sein. Seither schweigen die Tastentöne konsequent.

Das berühmte dicke Fell, ich habe es noch nirgends auffinden können, vermute aber, dass es einen hohen Preis hat. Möchte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Nicht, solange es Menschen gibt, die mir gerne zuhören und mich trösten können. Ja, Trost und Zuspruch sind, wenn auch zeitverzögert, mein dickes Fell, mein geteiltes und daher halbes Leid. Leider leidet mein Herz darunter, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Ein Gefühl, als hänge einem ein Schaufelradbagger am Herzgewebe und grübe sich immer tiefer hinein. Konsequenzen sind, im Kopf zumindest, bereits abgesteckt, es gilt noch eine kleine Weile durchzuhalten, bis diverse Dinge erledigt sind und sich nachher wieder alle auf die breiten Schultern klopfen, die ja ach-so-viel getragen haben. Was ich in meinem Herzen trage, das trage ich nicht nach außen.

Und so spiele ich eben den Spiegel, sündenbocke ein wenig vor mich hin. Wenn die Contenance fast bis zum Zerreißen gespannt ist, hilft mir Freundlichkeit durch den Tag. „Verlogenheit“ bezeichnen die Spiegelnutzer das hinter vorgehaltener Hand. Aber auch nur, weil sie’s ärgert. Und weil ihre eigene Freundlichkeit womöglich gelogen ist – der Spiegelbildeffekt, vermutlich wieder. In meinem Kopf zitiere ich die bösen Stiefmütter und Stiefschwestern dieser Welt: „Spieglein, Spieglein der ollen Contraire, warum ist die so, wie ich gern wär‘?“ Welch schöne Mär. Madame strafft ihre Schultern und legt ein Lächeln auf. Aus dem Spiegelmeer lächelt es zurück.

[…]

Weltver¦besser¦wisser

(von der Seele ab¦geschrieben)

Vor einiger Zeit habe ich gelernt, dass man sich nicht die Emotionen anderer Menschen überstülpen (lassen) muss. Man kann zuhören, ohne dass man sich am Ende schlechter fühlt als derjenige, der sein Herz ausschüttet. Ich sehe es aber so, dass dazu ein gewisses Maß an Stärke vorhanden sein muss. Ich kann von Glück sprechen, dass ich mich im Moment tatsächlich stark fühle. Und wenn das mal nicht der Fall ist, habe ich ein gutes Mittel, das mir hilft, den Kopf freizuhalten: Reden. Und Laufen. Es fallen zwischen JB und mir oft so viele Worte, dass wir nicht zum Schlafen kommen, weil alles erzählt sein will. Und falls Reden einmal nicht hilft, dann eben Laufen. In der Frühlingssonne, bis einem die Puste ausgeht. Und dann ist die Welt wieder schön.

Weniger schön ist die Welt momentan für andere Menschen. Wenn eine sehr nahestehende Person mir sagt, sie brauche Rat, wie ist das denn mit Trennung und Haus und … dann denke ich: Prima. Scheidungsexpertin, die ich bin, da habe ich es echt weit gebracht. Aber bei nahestehenden Menschen geht es nicht rein um Fakten, Zahlen, Vorgehensweisen. Ich spüre, wie es ihr im Herzen brennt, wie enttäuscht sie ist, und dass sie eigentlich gar keine Trennung will. Aber das Maß ist fast voll. Und ich verstehe beide Seiten. Nicht Betrug, nicht körperliche Gewalt, sondern eine Krankheit, die schleichend Besitz ergriffen hat von ihrem Mann, aus der er sich nicht allein befreien kann. Ratschläge, und seien sie noch so gut, sind und bleiben Schläge, vor denen er sich zurückzieht. Es tut so weh.

Einer anderen lieben Person, mit der ich schon so vieles geteilt habe, geht es auch nicht gut. Nach dem Jobwechsel und der Trennung von einem Partner, der ihr nicht gut tat, wird sie zum ersten Mal auf eigenen Füßen stehen. Aber die Zweifel sind übermächtig. Das allein genügt eigentlich schon, um einen aus der Bahn zu werfen. Die vielen Gedanken, wie es weitergehen wird, was die Zukunft bringt – und dazu noch eine Situation, die sich nun schon zum zweiten Mal wiederholt. Vor einem Jahr hat sie die Firma gewechselt, weil ihr Chef immer zudringlicher wurde und Gerüchte streute, dass zwischen ihnen etwas liefe. Natürlich ein gefundenes Fressen für die Kolleginnen. Und nun, im neuen Betrieb, hat sie genau so einen Chef, der versucht, sie und ihre direkte Kollegin gegeneinander auszuspielen – und immer zudringlicher wird. Sie weiß nicht weiter, und ich spüre in mir, wie sehr sie der Zweifel an sich selbst und an der Welt schmerzt.

Ich versuche also, das bisschen Zeit, das neben Job, Zuhause und JB bleibt, mit diesen beiden Menschen zu verbringen, die ich einfach nur in den Arm nehmen und trösten möchte. Ich kann nichts ändern, nichts gut machen. Aber vielleicht hilft es einfach, da zu sein, zu reden. Und zu laufen. Den Schmerz runterlaufen, ihn nach draußen reden. Alles andere erledigt die Zeit.

Ein dritter, unglaublich lieber Mensch schleppt sich seit einiger Zeit durchs Leben, die familiäre Situation ist kompliziert, ihre Arbeit im Hospiz fordert sie oft mehr, als sie zugeben will. Aber sie ist immer fröhlich, wenn wir uns treffen. Sie ist etwas jünger als ich, hat schon zwei tolle Kinder im Teeniealter, hat viele Hobbies und einige Tiere, die sie versorgt. Gestern war sie plötzlich in meinen Gedanken. Für mich ist das oft ein Zeichen, das man nicht ignorieren darf. Ich textete: „Hallo, wie geht es dir?“ und sie fragte zurück: „Warum??“ Alles in Ordnung? Was ist denn los?

Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wegreden. Nicht weg- und runterlaufen. Jetzt bin ich am Ende mit meinen fragwürdigen Ratschlägen, an die ich mich selbst kaum halte, am Ende mit dem offenen Ohr, und die Laufschuhe in der Ecke kommen mir vor wie Materie gewordener Spott. Es gibt Sätze, die einen betäuben und kampfunfähig machen. „Ich habe Krebs. Ich habe  gerade erfahren, dass die Chemo nicht angeschlagen hat. Ich darf erst eine weitere machen, wenn ich psychologischen Beistand habe. In 8 bis 12 Monaten bekäme ich einen Platz. Und bis dahin bin ich tot.“ Seitdem rauscht es in meinen Ohren und ich spüre – nicht einmal mehr Schmerz. Die Welt ist hässlich. Und stärker als ich.