Was gerade noch fehlte

Beitrag aus Dezember 2017 (irgendwann muss ich damit anfangen, ein bisschen was aufzuarbeiten)

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Natürlich fehlt noch etwas, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Oder nicht rechnen wollte, jedenfalls nicht jetzt. Tonnen von Funkelstreusel, ein Kerzenschimmermeer und ein ausgewachsener, reißender Sturzbach flüssigen Goldes, was da auf mich einbrach. Machen wir es kurz: Ich habe den weltschönsten Antrag bekommen. Der es geschafft hat, mich erst einmal ganz sprachlos zu machen. Ich erspare euch die Details, die euch wahrscheinlich auch allzu klebrig-süß vorkommen würden. Mindestens mandelkrokantig-honigsüß. Mit Zimtstaub.

Fakt ist allerdings: Ich habe keinen klassischen Verlobungsring bekommen. Ich habe überhaupt keinen Ring bekommen. Das Edelmetall, traditionelles Wahrzeichen eines solchen Unterfangens, formt die Spitze meines Geschenks, das so passend ist, weil es mich in solcher Gänze und Klarheit erfasst und beschreibt. Ja, es schreibt. Es ist der vermutlich erste Verlobungsfüller, dessen Einsatz zukünftig mit bedeutsamen Momenten einher gehen wird. Seine erste Verwendung nach der obligatorischen Schriftprobe (ein großes „Ja“, da ich meine Sprache zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wiedergefunden hatte) war beim Verfassen einer Geburtstagskarte für meinen kleinen Neffen – noch so ein Goldklumpen in meinem Leben, den ich nie wieder missen möchte. Und – fast vergessen! – den Mann an meiner Seite übrigens auch nicht, der mich so gut kennt und mich trotzdem und gerade deshalb will. Komplett mit allem. Niemalsnienichtwieder lasse ich den los. Ein blaues Band, ein Tintenstrich. Bindet, ohne zu fesseln.

Nun waren kaum die Tränen über diesen mehr als bescheidenen Jahresanfang getrocknet, jetzt laufen sie wieder, aber aus völlig anderem Grund. Madames Happy End, endlich? Mitnichten! Es hat gerade erst begonnen …

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Schon Dezember!

Nun ist er da, der letzte Monat des Jahres. Es wird höchste Zeit, wieder etwas zu schreiben. Gedanken habe ich genug, Zeit und die Ruhe dafür nicht ganz so. Aber ich nehme sie mir, zumindest ein bisschen, jetzt.

Nein, tatsächlich bin ich gerade ein wenig vollkommen sprachlos angesichts der vielen guten Dinge, die mir im Moment begegnen. Hatte ich zu Beginn des Jahres noch gehadert mit meiner Gesundheit, meiner schlechten Laune und einigen Menschen in meinem näheren Umfeld, über die ich mich kolossal geärgert habe, so scheint 2016 ziemlich genau in seiner Mitte einen Schnitt gemacht zu haben und überschüttet mich jetzt mit kleinen und größeren Glücksmomenten. Sand und Muschelschalen. Sonnenglitzer auf dem blauen Meer. Zweistreifige Bestätigung einer Gewissheit, die schon so viel tiefer verankert war, dass es das Ding gar nicht gebraucht hätte. Eine fast wahnsinnige Trendwende. Abgesehen vielleicht von den knapp drei Monaten, in denen ich nicht viel mehr als mein Bett und das kleine blaue Eimerchen vor mir sah, ein paar besorgte Anverwandte und durchweg freundliches und einfühlsames Krankenhauspersonal. Aber auch da blitzten immer mal wieder kleine goldene Glückskügelchen hindurch.

Besonders schön war es, kürzlich einen alten Freund wiederzutreffen. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren und sind fast ebenso lange befreundet – wobei diese Freundschaft wie ein zartes Pflänzchen von Jahr zu Jahr erst wachsen musste. Wir pflegen sie mit möglichst jährlichen Treffen, ab und an einem Brief oder einer E-Mail zwischendurch seit meinem Abitur, das ich bei ihm einigermaßen zufriedenstellend abgeschlossen hatte. Aus meinem ehemaligen Lehrer ist im Laufe der Zeit ein guter Freund geworden. Mit einigen durchlaufenen Lebenssituationen, die er aufgrund seines Alters schon längst hinter sich hatte, und mit einer fast zeitgleich gemachten, leider nicht besonders schönen Erfahrung näherten wir uns immer weiter an, so dass ich heute von einem guten freundschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe sprechen kann. Unser Treffen dauerte daher viele Stunden, in denen wir abwechselnd erzählten, von früher, von der Zukunft, so dass ich am Ende beseelt zu Hause ankam, voller Dankbarkeit für diesen schönen Abend. Ich verglich mein Bild von meinem ehemaligen Lehrer mit dem meines heutigen Freundes und befand, dass ich mit der Zeit viele Kapitel über ihn lesen durfte, und dass er als Protagonist dieses „Buches“ mittlerweile ein ganz anderer ist, als im ersten oder zweiten Kapitel noch, im Schulsaal, 9. Klasse, mit der üblichen, nötigen Autorität und den Macken, die man einem Lehrer eben andichtet. Ein bescheidener, hochgebildeter und sensibler Mensch. Ich bedaure Generationen von Schülern und andere Menschen, die dieses Buch wahrscheinlich nie lesen werden.

Und schon geht es auf Weihnachten zu. Der übliche Stress steht vor der Tür, weniger der Geschenke wegen – im Hause Contraire wird es keine geben, nur für die kleinen Mitbewohner, und ansonsten wird Madame wieder ein paar hübsche Dinge zusammenrühren und mit dem Siegel „homemade“ an ihre Lieben verteilen. Dennoch, Termine allüberall. Und trotzdem ist mein Blick eingetaucht in schimmerndes Gold, mit funkelnden Streuseln und Kerzenschein. Es hat eine Menge aufgeholt, dieses Jahr, das so schwach begonnen hat.

Eigentlich ist jetzt alles gut, oder? Oder fehlt noch etwas?

Glückswellen

Glückswellen

Plage noire

Das Meer macht alle Dinge so gleich. So weich. So herrlich schön.
Am schwarzen Strand.

Ein Ort, der um diese Zeit noch ruhig ist. Fast still. Nur Meeresrauschen. Und auch das ist sanft, als ob die Bucht und ihre Felsen jedes Geräusch abfangen, schlucken, dämpfen. Ein Friedhof für alles, was einmal lebte. Glatt geschliffen, sanft und schön. Der schwarze Sand ist durchsetzt mit den fein gemahlenen Überresten einstiger Meeresbewohner. Ein Mosaik früheren Lebens, ein schwarzbuntes Bild aus Lavastein und Vergänglichkeit.

Ich könnte stundenlang hier sitzen, den Blick fern auf die schroffen Felsen, umringt von hohen, wellenförmigen Gesteinsablagerungen. Eine drohende Festung, ein sicherer Ort. Sonnenwarm.

Ich senke den Blick. Die Füße im Wasser, der verwunschene Sand rieselt durch meine Hände. Schwarzbunt und voller Kostbarkeiten. Schön. So herrlich schön. Hier, am schwarzen Strand.

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P.S.: Ich habe den Text ein wenig editiert. Im Anbetracht kürzlicher Geschehnisse kam es mir im Nachhinein sehr unangebracht vor, das Thema Tod zu idealisieren. So war es auch nicht gemeint.

Schulmedizin

Ich habe es ja verstanden. Zu viel Meckern macht krank. Oder umgekehrt. Nur, beides bringt so gut wie nichts, außer maximal einer Auszeit, und da ist es fraglich, wie erstrebenswert sie wirklich ist. Ich habe mich über mich selbst gewundert, als ich da so saß, wieder einmal wochenends, wieder einmal Klinikum. Ich wusste, was auf mich zu kommen würde. Und trotzdem war ich – ruhig, ja. Was hätte ich auch machen sollen, in solchen Momenten nützt weder hadern noch meckern, man muss sich auf Gedeih und Verderb fremden Menschen ausliefern, denen man aufgrund der Profession und dem weißen Kittel eben Vertrauen entgegenzubringen hat. Madame und ihre allererste OP. Ich schicke gleich vorweg, es war nichts Wildes, nichts Lebensbedrohliches, maximal war es akut und etwas unangenehm. Gut, dass es gleich am selben Tag erledigt werden konnte, eine längere Wartezeit hätte mir wahrscheinlich doch die mir nur zu gut bekannte Panik beschert. So durfte ich direkt bleiben, hatte sogar ein Zimmer für mich und diese nette kleine blaue Beruhigungspille, die alles andere als matschig im Kopf macht, wie ich eigentlich dachte.

Die Narkoseärztin hatte hübsche grüne Augen, das Schmerzmittel ließ mir orangefarbene Streifen quer über den Rücken laufen und das Narkosemittel war hammergut. Aufgewacht bin ich wenig später zwischen den Zweigen eines Apfelbaums mit schönen runden Pink-Lady-Äpfeln. Ich habe keine Ahnung, wie ich ausgesehen haben mag, als man mich wieder auf die Station rollte, aber ich dachte daran, wie toll ich es als Kind gefunden hatte, ein Bett mit Rollen zu besitzen, mit dem man, auf unzählige Kissen gebettet, in die Schule hätte fahren können. Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett lässt grüßen. Kurz nach einer OP so gut drauf zu sein kam mir selbst ein wenig pervers vor. Vor allem, wenn der Liebste am Bett sitzt und mit dem Kreislauf zu kämpfen hat, während ich fröhlich am Tropf hänge und von meinem Apfelbaumabenteuer erzähle. Aber keine Sorge, spätestens zurück in den einsamen vier Wänden, verlassen vom Pflegepersonal, da kehrt der Blues zurück.

Wie konnte es soweit kommen? „Pech“, ist die lapidare Aussage des Assistenzarztes, und dieses Mal ist es endlich eins dieser seltenen, durchaus ansehnlichen Exemplare. Aber ich weiß es besser, natürlich, unbelehrbar, wie ich bin. Immer dieses Verbiegen, das muss doch auf die Dauer schlecht für den Körper sein. „Für irgendwas muss es dennoch gut sein“, klingt es wohlbekannt aus der Plan-B-Schmiede. Vierzehn Tage Zwangsurlaub sind schon mal ganz in Ordnung, und halbliegenderweise kann ich sogar bloggen, und auch meine Katzen freut es ungemein, dass ich nicht den ganzen Tag wie sonst im Haus herumlaufe, ohne die Beine stillhalten zu können.

Und wie ich so entspannt versuche, den Tag herumzubringen, offenbart sich einmal wieder eine dieser kleinen, spitzen Ungeheuerlichkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs. Sofort ist mein Puls auf hundertachzig. Aber anstatt ihn wieder herunterzubringen, statt den sonst indizierten Achnichtsoschlimms und Daskannjamalvorkommens pocht die Enttäuschung einen Tick zu laut gegen die Herzwand und mäandert sich ungehindert durch den Körper ins Gehirn, wo der Entschluss so schnell heranreift wie kürzlich diese andere Sache, die operativ entfernt werden musste. Operativ entfernen. Genau das ist es. Es gibt Dinge, die sich einfach nicht mit Nachsicht und Geduld kurieren lassen. Versucht man es, kommen sie doch immer wieder, und mehr Nachsicht und Geduld sind gefordert, ein jedes Mal. Und dabei macht man sich lächerlich. Die immer mit ihrer Geduld! Mit der kann man echt machen, was man will. Ich fühle mich plötzlich wie eine kleine unverbesserliche Esoterikerin zwischen hunderten von Schulmedizinern, die sich nicht scheuen, ihr Skalpell kühl und berechnend einzusetzen, ihr Beruhigungsmittel und andere Gifte zu injizieren, wenn es gerade zupaß kommt. Und ich, mittendrin, jongliere noch immer mit Globuli und Kräutertee.

Nichts da, dieses Mal greife ich auch mal zur Knochensäge. Akribisch bereite ich den Eingriff vor, notiere mir die notwendigen Schnitte, lege Tupfer und sogar ein Pflaster bereit und greife zum Telefonhörer. Natürlich ist die Performance noch holprig und nicht so elegant, wie meine Notizen das vorsehen, aber das Wichtigste ist, dass der entscheidende Schnitt richtig platziert ist. Und das ist er. Mein Patient versteht sofort und versucht auch nicht, mich daran zu hindern, die Amputation zu Ende zu bringen. Immerhin liegt hier genug Eigenverschulden vor, auch eine Entschuldigung erweist sich als kontraindiziert.

Anstatt nun überglücklich zu sein, dass ich diese Operation erfolgreich durchgeführt habe, wandert nun der Phantomschmerz paukend und trompetend durch mich hindurch. War das richtig? Soll ich meine Glaubwürdigkeit riskieren und es doch schnell wieder annähen? War ich zu rigoros? Dann betrachte ich meine eigene Operationsnarbe und frage mich ernsthaft, ob ich das so oder so ähnlich noch einmal durchleben möchte. Nein, sicher nicht. Ich war auch nicht zu rigoros, ich war so freundlich und habe noch den Verband ordnungsgemäß angebracht, anstatt den Patienten verbluten zu lassen. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Leere. Bedauern. Aber damit muss ich jetzt leben. Es wird besser werden, je öfter ich es übe. Daran muss ich glauben, wenn ich zukünftig öfter andere dran glauben lasse.

Schnitte

Analysen¦konsequenz

Oder: To¦Do is To¦Be is To¦Do is To¦Be …

Ich habe keine Ahnung. Wirklich, ich weiß nicht, was heute anders ist als Freitag vor einer Woche. Es liegen lediglich sieben Tage dazwischen, sagt der Kalender. Ganze, große, weite Welten, sagt mein Gefühl. Also das im Bauch. Und das im Kopf nickt bestätigend. Starten wir sie, eine:

Analyse

Nach einer dunklen, viel zu früh herbeizitierten und daher sehr langen Nacht glitzerten noch die Hoffnungstautropfen, die ich beim Schlafengehen beiseite gelegt hatte, um mich dumpfen und ziellosen Gedanken hinzugeben. Vielleicht war’s die Sonne, die mich auf meinem nachfolgenden Streifzug – ich ganz allein mit meiner Seele an der Hand – so hell begleitete. Wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen, sie erzählte mir so einiges, als wir durchs Land streiften, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Währenddessen habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, ich ließ die Zeit einfach Zeit sein, ohne Druck und ohne die Vorgabe, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Jene Stunden, die wir glücklich und frei verbringen, was dagegen ist sinnvoller? Und so war ich in guter Stimmung und erfüllte meiner kleinen Seele an meiner Hand den einen oder anderen Wunsch, wenn sie plötzlich stehen blieb und sich die Nase an den Schaufenstern voller Süßigkeiten plattdrückte. Ich hakte gar nicht nach, ob „sinnvoll“, „nahrhaft“ oder gar „gesund“. Es machte mir einfach Spaß, die Kleine glücklich zu sehen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen und zuweilen völlig selbstvergessen. Kaum mehr etwas zu ahnen von der nicht einmal 24 Stunden zurückliegenden Quälerei mitten im Nichts.

Und siehe da: Als wir uns fröhlich kichernd und gegenseitig neckend auf den Heimweg machten, hatte noch niemand vergeblich angerufen, niemand vor verschlossener Türe gewartet. Nur die beiden Mademoiselles gebarten sich, als kehrten wir erst nach mehrwöchiger Weltreise wieder heim. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Und ein bisschen hatten sie es auch im Gespür mit der Welt¦en¦reise…

Oder sind vielleicht doch Frau Knoblochs Blautadelchen schuld am plötzlichen Sinnes¦wandel, die beim Lesen Sinne wandeln ließen über das Meer? Womöglich ist es überhaupt nicht schlimm, da draußen zu sein, wenn man die rechte Ausrüstung mit sich führt. Es gilt noch immer auszuloten. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen und kann unmöglich einfach so übersprungen werden. Man sollte auch keinen Kuchen anschneiden, ohne vorher den Teig für einige Zeit dem Ofen anvertraut zu haben und, auch wichtig, ihn auskühlen zu lassen, sonst ist das Ergebnis mit Sicherheit nicht das gewünschte. Die Verdächtigen – die Hoffnungstautropfenschenkerin, die Sonne und die Blautadelchenverfasserin – mögen daher meinen breitgestreuten Dank annehmen. Erkenntnisse ziehe ich ebenso aus dem Seelenspaziergang. Aber nicht nur Erkenntnisse, es darf daraufhin gerne eine Anpassung erfolgen, um sich nicht wieder zu diesen viel zu langen, dunklen Nächten hinreißen zu lassen. Et voilà, eine mögliche:

Konsequenz

Eine To¦Do-Listenrevolution steht an. Ja, ich bin ein Listenmensch, ich kann nicht ohne sie, weil ich sonst alles vergesse. Vom Einkaufszettel über die täglichen Arbeitsnotizen bis zur generellen (also die mit den utopischen Vorhaben, beispielsweise endlich die Garage aufzuräumen) und der wöchentlichen To-Do-Liste mit kleinen und größeren Haushaltsaufgaben. Letztere hat meist einen triftigen Grund, dieses Mal sind Gäste geladen, und das Häuschen soll daher etwas „Repräsentatives“ ausstrahlen. Sagt man doch so. Mit zwei Mademoiselles leidet leider die Sauberkeit zuweilen aufgrund von Katzenhaaren allüberall. Ein junger Neffe, im vollerblühten Erkundungs-, Krabbel- und Hinfallmodus, soll nach seinem Besuch nicht unbedingt aussehen wie ein haariges Äffchen oder Gefahr laufen, anstatt einer der beiden Mademoiselles aufgrund akuter Verwechslungsgefahr in meinem Haushalt zu verbleiben, wenn seine Eltern den Heimweg antreten. Kurz gefasst, es muss etwas getan werden, und das liste ich mir gerne auf, um jede Aktivität, und sei sie noch so gering, von der Liste zu streichen. Das befriedigt ungemein. Unbefriedigend dagegen ist das rasche Anwachsen solcher Listen. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich sehr viele von ihnen. Ein Hilferuf in Richtung des Herrn Papa soll zumindest vorerst Abhilfe schaffen, ein Sammelkästchen wird benötigt, das der Herr Papa anzufertigen imstande ist. Kaufen kann ja jeder. Aber auch gebündelt und hübsch aufbewahrt bleiben To-Do-Listen immer noch eines: meist lästige Pflichten. Und hier greift der Sinneswandel und wandelt Sinnen in reale Verhaltensanpassung:

Ich nehme mir vor, pro von mir angelegter Pflichtenliste einen Punkt auf einer „Schöne-Dinge-Liste“ zu ergänzen. Dinge, die ich gerne mache, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, die mir einfach Freude machen und in denen kein tieferer Sinn liegt. Meistens. Manchmal schon. Ein Beispiel setze ich darunter. Auch das bereitet mir Freude, sich die Zeit nehmen und einfach mal ein Bildchen schießen, das zum Thema passt. Diesen Punkt sollte ich vielleicht auch gleich ergänzen auf meiner Liste. Solange es nicht zum Zwang wird.

To Dos und To Loves

Man sieht es schon an der Schrift, was mir mehr liegt … Grüße an dieser Stelle an Gérard Otremba von Sounds&Books! Dessen Empfehlungen, die ich gerne mal wieder in Ruhe nachlesen möchte, kann ich meist uneingeschränkt weiterempfehlen.

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

Einigkeit und Recht und Freiheit? Offene Gedanken zur Wiedervereinigung

25 Jahre Deutsche Einheit, in Frankfurt wird groß gefeiert, man spürte die Ausläufer hektischer Vorbereitungen bis hierher an den Rhein. Wer es damals miterlebt hat, hängt vielleicht dieser Tage seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Wiederum eine gute Gelegenheit, noch einmal auf meinen Lieblings-Comickünstler Flix hinzuweisen. Seinen Band „Da war mal was“ habe ich kürzlich erst erstanden, die einzelnen Geschichten schon zu Entstehungszeiten gelesen, wenn nicht gar verschlungen. Flix verarbeitet in seinem Buch sein eigenen Erinnerungen und die von Freunden und Bekannten an „hier und drüben“ (klick: YouTube-Trailer). Unweigerlich dachte ich beim Lesen natürlich an das, was ich aus dieser Zeit noch vor Augen hatte.

Ich war 9 Jahre alt, als die Mauer fiel. Zu jung, um im Vorfeld viel von „der Wende“ mitzubekommen. Ich erinnere mich schemenhaft, dass mein Vater einige Jahre zuvor öfter geschäftlich nach Ostberlin reisen musste. Damals etwa vier oder fünf Jahre alt, erinnere ich mich an meine Mutter, die mir besorgt und traurig vorkam. Wenn ich fragte: „Wo ist denn der Papa? Wann kommt er wieder?“ antwortete meine Mutter bedeutungsschwanger: „Der Papa ist in der DDR.“ Die DDR, mir kam das damals so unendlich weit weg vor. Der Klang in der Stimme meiner Mutter verhieß nichts Gutes, ich stellte mir vor, die DDR sei in etwa so weit von uns entfernt wie der Mond , und ebenso karg und grau. Manchmal erzählte mein Vater, er habe nicht gewusst, was er abends unternehmen solle. Stattdessen schrieb er lange Briefe an meine Mutter. Das ihm zur Verfügung gestellte Geld habe er auch wieder komplett mitgebracht – wofür hätte er es ausgeben sollen? Einmal brachte er mir dennoch etwas mit, eine Art Wandaufbewahrung in Form eines blauen Hundes mit übergroßen bewimperten Augen und verschiedenen Täschchen an seinem Bauch, worin man Dinge verstauen konnte. Ich nannte ihn Hugo.

Im Herbst 1989 hörten und sahen wir im Fernsehen nichts anderes als Politiker, Menschen auf der Mauer und Ströme von Autos. Ich erinnere mich an Bilder von Autokolonnen, ein Mann in einem beigefarbenen Wagen wurde durch das Autofenster hindurch etwas gefragt. Er trug einen rötlichen Bart. Wahrscheinlich sind meine Erinnerungen an diese Zeit mittlerweile von Geschichtsunterricht und Reportagen, nicht zuletzt aber der eigenen Begeisterung für diese Zeit so verklärt, dass ich jenem Mann in meiner Erinnerung ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen verpasst habe. Die Stimmung jedenfalls war in diesen Tagen eine ganz besondere. Der Nachrichtensprecher rief dazu auf, diesen Menschen, die da über die Grenze zu uns strömten, eine zeitweise Unterkunft zu bieten. Ich war sofort Feuer und Flamme und bat meine Eltern: “ Mama, Papa, bitte, können wir auch so Leute bei uns aufnehmen?“ Ich war fasziniert, ich wollte diese Menschen kennenlernen, und ich wollte helfen. Irgendwie schien mir das ziemlich wichtig zu sein. Meine Eltern reagierten zunächst erstaunt und dann ablehnend. Das habe ich damals nicht verstanden.

Ein Jahr später nahmen meine Eltern mich mit zu einer kleinen Feierstunde in unserem Dorf. Es war Abend, und es dämmerte bereits. Meine Babyschwester war bei den Großeltern, und ich meine, ich habe ein wenig gemault, warum ich da jetzt mitgehen sollte. „Das ist ein ganz wichtiger Moment“, belehrte mich meine Mutter. „Wir feiern heute die Deutsche Einheit. Die DDR gibt es nicht mehr.“ Keine DDR, keine traurige Mama mehr, eigentlich eine gute Sache. Ich würde zu Hause gleich die eine Hälfte des Aufklebers an unserem Klavier abkratzen müssen, darauf stand „Leipzig / DDR“. Ich nahm also teil an der Feierstunde, an die sich das Einlassen einer kleinen Bodenplatte auf dem Dorfplatz anschloss.

25 Jahre später gehe ich wieder an dieser Bodenplatte vorbei, bleibe stehen. „Zur Deutschen Einheit“ steht darauf, „1990“. Ich weiß noch genau, wo ich damals als Kind gestanden hatte und zuschaute, als sie eingelassen wurde. Heute weiß ich mehr, kenne Hintergründe, und kenne Auswirkungen. Ich habe als Jugendliche Schüler unserer Partnerstadt in Sachsen kennengelernt und habe zugehört, wenn sie von „früher“ sprachen. Das war 1996. Innerlich entsetzt war ich über das vorherrschende Selbstbild dieser jungen Menschen, sechzehn-, achtzehnjährig, die sich selbst als „dumme Ossis“ bezeichneten, als „ungebildet“, „Wir können kein Englisch, nur Russisch“. War das unsere deutsche Einheit, die diese Selbstzweifel gesät hatte? Ich fand das alles schrecklich, denn ich fühlte Sympathie für meine Mitschüler. Ich mochte meine Austauschpartnerin, mir gefiel diese eine Woche in der Nähe von Dresden mit einer Familie, die meiner so erstaunlich ähnlich war. Wir verstanden uns.

In der Folgezeit, kurz nach der Wiedervereinigung, gab es immer wieder Fernsehsendungen. Es ging oft um „die Ossis“ und „die Wessis“, in Fernsehspielen wurden die gegenseitigen Aversionen thematisiert. Ich hielt „Ossi“ bislang für eine Abkürzung von Oswald und wusste bis dato nicht, welchen Unterschied es überhaupt zwischen uns gab, oder besser: zwischen „uns“ und zwischen „denen von drüben“. Waren wir nicht alle Deutsche? Menschen? Warum regte uns der Soli auf? Warum hörte man im Urlaub hinter vorgehaltener Hand Äußerungen wie „Das ist bestimmt ne Ossifamilie, guck mal, wie die ihre Teller vollhauen!“ Sie widerte mich an, diese Herablassung, und tut es noch heute.

Während ich Flix‘ Buch durchblättere, denke ich immer wieder an den Fernsehaufruf. „Mama, können wir auch so Leute aufnehmen? Bitte!“ War ich zu jung, um zu verstehen? In der Retrospektive bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die Wiedervereinigung miterleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich so jung war, denn für mich hat es nie diese Grenze zwischen Ost und West gegeben – bewusst wurde sie mir erst bei einem Besuch in Berlin im Jahr 2009, zuvor nie dort gewesen, sofort begeistert. Und erschüttert. Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Kopf die Mauer nie existiert hat.

Diese eine Frage stellt sich mir allerdings wieder: Wie werde ich heute reagieren, wenn ein neuerlicher Aufruf in den Medien erfolgt: „Bitte nehmen auch Sie Flüchtlinge bei sich auf!“

Madame und der vierbeinige Mond

Nicht, dass ich mich wieder, wie so oft, in meinem Schmerz ergangen habe, wie die kleine Konversation zwischen mir und mir selbst vermuten lassen könnte. So viel ist da gar nicht mehr. Die Retrospektive habe ich zum größten Teil abschaffen können, auch das Zu-weit-in-die-Zukunft-blicken-wollen. Anterospektive, lehrt mich ein Internetartikel, heißt der Begriff. Natürlich nicht ohne ein wenig Weitblick zu behalten – wobei, den überlasse ich derzeit JB. Eine Frage des Vertrauens, eine neue Lektion in Sachen Liebe und so. Und der Restschmerz verblasst dann auch ganz schnell.

Introspektiv allerdings bin ich nach wie vor tätig – und mit Erreichen kleinerer und größerer Meilensteine, die ich auf meinem Weg durch das Leben quasi en passant erreiche, ist immer mal wieder Zeit, sich das aktuelle Entwicklungsstadium zu vergegenwärtigen. Wo stehe ich jetzt?

Nach einem fulminanten Jahresstart – anders kann ich es nicht bezeichnen – ereilte mich im Hochsommer sowohl ein fieser Infekt (40 °C Außentemperatur, 40 °C Madametemperatur) als auch ein kleines, ebenso fieses Tief, gegraben und geflutet von vielen netten und weniger nett gemeinten Ratschlägen von außen, woher sonst. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich so viel darauf gebe und mir mein Leben dadurch mies machen lasse. Wieder stelle ich fest, dass sich jeder seine eigene Welt so schön oder schlecht redet, wie er will. Anderen Menschen wird darin die passende Rolle auf den Leib geschrie¦b¦en, um so lauter, je deutlicher der Nebendarsteller Protest anmeldet, weil er lieber etwas anderes spielen möchte. Beispielsweise die Hauptrolle in seinem eigenen Lebensfilm (wie vermessen!). Es wird gebogen und manipuliert, dass das Nervenkonstrukt ächzt. Vielleicht hatte es der Infekt deshalb so leicht, sich hinter die fleddrigen Kulissen zu mogeln. Aber ich will nicht hadern. Immerhin hat mir diese kleine Auszeit von insgesamt fünf Wochen (zwei Wochen darniederliegend, zwei Wochen Urlaub, eine weitere halbe Woche halbdarniederliegend) auch diverse selbsternannte Lebensregisseure vom Leib gehalten.

Hatte ich mich davor noch über das mir aufgeschwatzte Drehbuch geärgert, mir an dessen Szenen und Regieanweisungen Herz und Kopf zerbrochen und von selbstgefälligen Hauptdarstellern erzählen lassen, was genau ich beim Schau¦spielen falsch machte und wie ich gefälligst zu agieren habe, lasse ich mich mittlerweile auf keine Diskussionen in puncto Schauspielkönnen mehr ein. Ich bin es nämlich leid, Kameraeinstellungen korrigieren zu wollen, wenn ich der Meinung bin, dass die Perspektive da eventuell etwas verschoben sein könnte. Ich bin es leid, Handlungsabläufe erklären zu müssen, nur um ein Fetzelchen Verständnis für meine Situation zu erheischen. Lohnt sich nicht, ist alles bereits festgeschrieben im unabänderlichen Drehbuch aus der Feder jener Lebensregisseure, die keine weitere Revision desselben gestatten.

Künftige Regieanweisungen? Ich freu mich schon drauf:

– „!!!“
– „Der Mond hat vier Beine, sagst du? In Ordnung, der Mond hat vier Beine. Nein, wenn du dir da sicher bist, hat der Mond eben vier Beine. Doch, tatsächlich. Ein vierbeiniger Mond. Der Mond hat vier Beine? Der Mond hat vier Beine! Absolut.“
– „???“

Man glaubt es kaum, aber seit dieser Erkenntnis, dass es völlig egal ist, was man ebensolchen Personen entgegensetzt, dass man sich am besten keine weiteren Gedanken darüber macht und damit Hauptdarsteller seines eigenen Lebens bleibt, geht es mir erheblich besser. Der Infekt abgeklungen, das kleine Tief durchwandert, Madame schwimmt wieder obenauf und genießt das Leben wie selten. Das alles beflügelt mich so sehr, dass ich zwei neue Projekte begonnen habe, langgehegten Ideen für Haus und Hof Taten folgen lasse und mich vor allem weder mit Zukunft noch Vergangenheit streite. Erstere kommt sowieso. Letztere war schon da und ist bereits abgereist. Ich spüre die Bretter, die die Welt bedeuten, unter meinen Füßen vibrieren und genieße es, der gefeierte Star in meinem eigenen kleinen Theater zu sein. Und es ist mir ganz schön scheißegal, ob der Mond nun vier Beine hat oder acht oder gar keine. Ihm wahrscheinlich auch.