Realitäts¦ver¦lust

Heimat, im physischen Sinne, ist ein überholtes Konzept. Das Herz sucht sich seinen Platz, ihm sind Distanzen und Umstände völlig egal. Mir wären Distanzen und Umstände gerne genau so egal, aber die Realität mit all ihren Einwohnern hat eine ganz andere, eine eigene Meinung. Aber, muss meine Realität zwingend die gleiche sein? Wenn Meinungen verschieden sein können, dann auch Realitäten. Eure Tatsachen gegen meine, euer Leben und meins. Und überhaupt, wer bestimmt, dass man sich auf eine Realität, diese eine Tatsache, dieses Leben festlegen muss? Ein überholtes Konzept, Heimat, wenn die Realitäten in ihr sich aneinander reiben. Eure Tatsachen, euer Leben. Aber ohne mich. Lust am Verlust.

Was, wenn die See die ganze Zeit das war, was ich unter Heimat verstand? Was, wenn meine Heimat gar keine war, weil sie mich immer wieder geschüttelt, gezogen und wieder verlassen hat? Was, wenn ich die ganze Zeit gar nicht nach ihr, sondern nach einer anderen Freiheit gesucht habe? Das erklärt, weshalb mir fester Boden unter den Füßen stets brüchiger, unsicherer schien als das Meer selbst, wenn nicht einmal eine Sandburg darauf lange hielt. Es ist Zeit für den Kurswechsel. Sandige Gestade, unbesetzter Leuchtturm, euch lasse ich im Rücken und setze die Segel, auf dass der Wind mich hinaustrage, so richtig weit fort. Denn er bläst stark, von Land. Ich habe es erst jetzt zu deuten verstanden. Die Sirenengesänge waren nur ein fernes Echo, die scharfen Klippen ließen sie abprallen und verschleierten ihre Herkunft.

Auf See schlägt man keine Wurzeln. Irgendwo da draußen ruft ein anderer Hafen. Neues Land zeichnet sich ab auf dem Herzradar. Dafür nehme ich Verlust in Kauf und schlage meinen persönlichen Gewinn daraus. Mein Leben, meine Realität.

Analysen¦konsequenz

Oder: To¦Do is To¦Be is To¦Do is To¦Be …

Ich habe keine Ahnung. Wirklich, ich weiß nicht, was heute anders ist als Freitag vor einer Woche. Es liegen lediglich sieben Tage dazwischen, sagt der Kalender. Ganze, große, weite Welten, sagt mein Gefühl. Also das im Bauch. Und das im Kopf nickt bestätigend. Starten wir sie, eine:

Analyse

Nach einer dunklen, viel zu früh herbeizitierten und daher sehr langen Nacht glitzerten noch die Hoffnungstautropfen, die ich beim Schlafengehen beiseite gelegt hatte, um mich dumpfen und ziellosen Gedanken hinzugeben. Vielleicht war’s die Sonne, die mich auf meinem nachfolgenden Streifzug – ich ganz allein mit meiner Seele an der Hand – so hell begleitete. Wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen, sie erzählte mir so einiges, als wir durchs Land streiften, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Währenddessen habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, ich ließ die Zeit einfach Zeit sein, ohne Druck und ohne die Vorgabe, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Jene Stunden, die wir glücklich und frei verbringen, was dagegen ist sinnvoller? Und so war ich in guter Stimmung und erfüllte meiner kleinen Seele an meiner Hand den einen oder anderen Wunsch, wenn sie plötzlich stehen blieb und sich die Nase an den Schaufenstern voller Süßigkeiten plattdrückte. Ich hakte gar nicht nach, ob „sinnvoll“, „nahrhaft“ oder gar „gesund“. Es machte mir einfach Spaß, die Kleine glücklich zu sehen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen und zuweilen völlig selbstvergessen. Kaum mehr etwas zu ahnen von der nicht einmal 24 Stunden zurückliegenden Quälerei mitten im Nichts.

Und siehe da: Als wir uns fröhlich kichernd und gegenseitig neckend auf den Heimweg machten, hatte noch niemand vergeblich angerufen, niemand vor verschlossener Türe gewartet. Nur die beiden Mademoiselles gebarten sich, als kehrten wir erst nach mehrwöchiger Weltreise wieder heim. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Und ein bisschen hatten sie es auch im Gespür mit der Welt¦en¦reise…

Oder sind vielleicht doch Frau Knoblochs Blautadelchen schuld am plötzlichen Sinnes¦wandel, die beim Lesen Sinne wandeln ließen über das Meer? Womöglich ist es überhaupt nicht schlimm, da draußen zu sein, wenn man die rechte Ausrüstung mit sich führt. Es gilt noch immer auszuloten. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen und kann unmöglich einfach so übersprungen werden. Man sollte auch keinen Kuchen anschneiden, ohne vorher den Teig für einige Zeit dem Ofen anvertraut zu haben und, auch wichtig, ihn auskühlen zu lassen, sonst ist das Ergebnis mit Sicherheit nicht das gewünschte. Die Verdächtigen – die Hoffnungstautropfenschenkerin, die Sonne und die Blautadelchenverfasserin – mögen daher meinen breitgestreuten Dank annehmen. Erkenntnisse ziehe ich ebenso aus dem Seelenspaziergang. Aber nicht nur Erkenntnisse, es darf daraufhin gerne eine Anpassung erfolgen, um sich nicht wieder zu diesen viel zu langen, dunklen Nächten hinreißen zu lassen. Et voilà, eine mögliche:

Konsequenz

Eine To¦Do-Listenrevolution steht an. Ja, ich bin ein Listenmensch, ich kann nicht ohne sie, weil ich sonst alles vergesse. Vom Einkaufszettel über die täglichen Arbeitsnotizen bis zur generellen (also die mit den utopischen Vorhaben, beispielsweise endlich die Garage aufzuräumen) und der wöchentlichen To-Do-Liste mit kleinen und größeren Haushaltsaufgaben. Letztere hat meist einen triftigen Grund, dieses Mal sind Gäste geladen, und das Häuschen soll daher etwas „Repräsentatives“ ausstrahlen. Sagt man doch so. Mit zwei Mademoiselles leidet leider die Sauberkeit zuweilen aufgrund von Katzenhaaren allüberall. Ein junger Neffe, im vollerblühten Erkundungs-, Krabbel- und Hinfallmodus, soll nach seinem Besuch nicht unbedingt aussehen wie ein haariges Äffchen oder Gefahr laufen, anstatt einer der beiden Mademoiselles aufgrund akuter Verwechslungsgefahr in meinem Haushalt zu verbleiben, wenn seine Eltern den Heimweg antreten. Kurz gefasst, es muss etwas getan werden, und das liste ich mir gerne auf, um jede Aktivität, und sei sie noch so gering, von der Liste zu streichen. Das befriedigt ungemein. Unbefriedigend dagegen ist das rasche Anwachsen solcher Listen. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich sehr viele von ihnen. Ein Hilferuf in Richtung des Herrn Papa soll zumindest vorerst Abhilfe schaffen, ein Sammelkästchen wird benötigt, das der Herr Papa anzufertigen imstande ist. Kaufen kann ja jeder. Aber auch gebündelt und hübsch aufbewahrt bleiben To-Do-Listen immer noch eines: meist lästige Pflichten. Und hier greift der Sinneswandel und wandelt Sinnen in reale Verhaltensanpassung:

Ich nehme mir vor, pro von mir angelegter Pflichtenliste einen Punkt auf einer „Schöne-Dinge-Liste“ zu ergänzen. Dinge, die ich gerne mache, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, die mir einfach Freude machen und in denen kein tieferer Sinn liegt. Meistens. Manchmal schon. Ein Beispiel setze ich darunter. Auch das bereitet mir Freude, sich die Zeit nehmen und einfach mal ein Bildchen schießen, das zum Thema passt. Diesen Punkt sollte ich vielleicht auch gleich ergänzen auf meiner Liste. Solange es nicht zum Zwang wird.

To Dos und To Loves

Man sieht es schon an der Schrift, was mir mehr liegt … Grüße an dieser Stelle an Gérard Otremba von Sounds&Books! Dessen Empfehlungen, die ich gerne mal wieder in Ruhe nachlesen möchte, kann ich meist uneingeschränkt weiterempfehlen.

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

Zwonullsechzehn

Ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr wünsche ich allen, die bei mir lesen, ab und an vorbei schauen und mit denen ich auf anderem Wege in Kontakt stehe! Ich hoffe, ihr habt 2016 gut angefangen und lasst euch nicht von überehrgeizigen Vorsätzen vom Leben abhalten!

Es ist kein Kreis, das Leben, es ist für mich eher eine Gerade, Zielgerade, wenn man will. Etappen, Strecken werden bewältigt, Täler durchschritten und Höhen überflogen. Absturz nie ausgeschlossen. So manches Wunder begegnet einem auf diesem Weg. Und dennoch hält man gerne am Jahresende inne und denkt über Vergangenes nach, fühlt vor ins neue Jahr, wie es werden könnte, sortiert seine Wünsche. Ich natürlich auch.

2015 war, im Vergleich zu den Jahren meines alten Lebens, also vor dem großen Knall, zwar einigermaßen ruhig und wenig ereignisreich, aber es war irgendwie auch zäh. Es wollte nicht so recht, auch die Gesundheit ließ mich zur Jahresmitte desöfteren hängen, und lang ersehnte Pläne und Wünsche lagen und liegen zum Teil noch immer auf der langen Bank. Ein zähes Jahr, ein wenig trotzig und rotzig, mit durchaus schönen Seiten und der immer noch sehr präsenten goldglücklichen Grundstimmung, wenn ich einfach still bin und in mich hinein höre. Veränderungen passieren immer wieder, die eigenen spürt man mal mehr, mal weniger, meist aber spüre ich sie an anderen Menschen. Wenn sie anders mit mir umgehen als bisher. Und meistens, leider, akzeptiere ich das nicht einfach, sondern gebe mir immer noch viel zu oft die Schuld daran, wenn alltägliche Beziehungen und Freundschaften irgendwie nicht mehr so rund laufen wollen. Es ist jedoch wie bei Waagschalen. Wenn die eine Seite abnimmt, nimmt die andere zu. Vielleicht besitze ich tatsächlich so etwas wie ein festes Kontingent an Freundschaft, Liebe, Hingabe und so weiter, das ich verteilen kann, aber mehr als das zu geben erscheint mir manchmal unmöglich. Sind das meine persönlichen Grenzen?

Ich habe ja nun wieder eine Zweitfamilie. Die ist nahezu unüberschaubar groß, aber mehr und mehr fühle ich mich so richtig hinein, fühle mich wohl und akzeptiert. 20 Monate hat nun das gedauert, was ich in den 12 vorhergehenden Jahren nicht annähernd erreichen konnte. Ein großes Plus auf dem Glückskonto. Mit der Zeit schubbert sich der tuberkulöse Scheidungsfleck auf meiner Seele ab an den vielen freundlichen Worten, an netten Gesten, viel Reden und manchmal einfach Schweigen. Wahrscheinlich weicht er irgendwann schneller auf als ein eingetrockneter Soßenfleck in der Waschlauge. Ähnliches Seelenbalsam sind die Tage, Abende, Nächte mit Menschen, die ich mittlerweile gerne als gute Freunde bezeichnen möchte. JBs beste Freunde aus Kinder- und Jugendttagen, wo gibt es das eigentlich noch? Ich selber sehe mich eher als Freundschaftsnomade, meine alten Freunde aus der Schule sind in vielen Ecken verstreut, man sieht sich nicht besonders oft übers Jahr. Ein paar wenige, wirklich wichtige Menschen. Ein erweiterter Freundeskreis, Bekannte. Umso mehr genieße ich es, wenn alte Geschichten erzählt werden – oh ja, wir sind mittlerweile tatsächlich in dieser Altersklasse angekommen – ohne mich ausgegrenzt zu fühlen. Ja, auch da fühle ich mich wohl. Und ich erwische mich ganz oft dabei, dass ich denke: Hab ich das wirklich gerade gesagt? Vom Herzen direkt aus dem Mund, ohne nachzudenken. Ich darf sein, wie ich bin, und genau das führt zu Akzeptanz und, ja, Freundschaft.

Seltsam, wie sehr ich mich früher immer bemüht habe, akzeptiert zu sein. Richtig anstrengend war das. Und jetzt ist es auf einmal so leicht. Interessant wird das erst, wenn ich durch Zufall alte Freunde, Bekannte aus der Schulzeit etwa, wiedertreffe. Das wurde mir im vergangenen Jahr einige Male zuteil, und ich bin sehr dankbar für solche Begegnungen, habe daraus viel Freude und Kraft geschöpft. Leider verspüre ich das Gegenteil bei solchen Beziehungen nun umso mehr, die mich bisher sehr viel Anstrengung gekostet haben. Leider, oder glücklicherweise? Ich fühle mich in Aufbruchstimmung. Umbruch. Abbruch, vielleicht sogar. Immer öfter denke ich über Dinge nach, die mich heute nicht mehr so glücklich machen, die mir mehr abverlangen als gut tun. Wenn ich wieder einmal mit dem Zahnstocher an der meterdicken Eisschicht kratze und mich wundere, warum ich einfach nicht durchkomme. Wenn ich mich um konstruktive Vorschläge bemühe und immer öfter ignoriert werde. Wenn eine innere Stimme mir sagt, dass mir manche Menschen einfach nicht mehr wohlgesonnen sind, aus welchen Gründen auch immer. Wenn ich friere, wenn jemand bestimmtes den Raum betritt. Alles Anzeichen dafür, dass es womöglich Zeit ist, den Kurs zu wechseln. Dass es womöglich Zeit ist, sich nicht mehr an anderen aufzureiben, die es nicht zu schätzen wissen. Mich nicht zu schätzen wissen. Ich bin nicht dafür gemacht, jemand anderes Stiefelknecht zu sein, gleichzeitig würde ich auch niemand anderen dazu mißbrauchen wollen. Leben und leben lassen, gehen und gehen lassen. Geben und geben lassen, nicht wahr, Frau Knobloch?

Mittlerweile weiß ich, was das Gefühl zu bedeuten hat, wenn das Herz wie von einem Riesenkrater in zwei Hälften geteilt zu sein scheint. Was zu tun ist. Es stehen Änderungen bevor. Und 2016 ist eins der besten Jahre dafür.

Madame und der vierbeinige Mond

Nicht, dass ich mich wieder, wie so oft, in meinem Schmerz ergangen habe, wie die kleine Konversation zwischen mir und mir selbst vermuten lassen könnte. So viel ist da gar nicht mehr. Die Retrospektive habe ich zum größten Teil abschaffen können, auch das Zu-weit-in-die-Zukunft-blicken-wollen. Anterospektive, lehrt mich ein Internetartikel, heißt der Begriff. Natürlich nicht ohne ein wenig Weitblick zu behalten – wobei, den überlasse ich derzeit JB. Eine Frage des Vertrauens, eine neue Lektion in Sachen Liebe und so. Und der Restschmerz verblasst dann auch ganz schnell.

Introspektiv allerdings bin ich nach wie vor tätig – und mit Erreichen kleinerer und größerer Meilensteine, die ich auf meinem Weg durch das Leben quasi en passant erreiche, ist immer mal wieder Zeit, sich das aktuelle Entwicklungsstadium zu vergegenwärtigen. Wo stehe ich jetzt?

Nach einem fulminanten Jahresstart – anders kann ich es nicht bezeichnen – ereilte mich im Hochsommer sowohl ein fieser Infekt (40 °C Außentemperatur, 40 °C Madametemperatur) als auch ein kleines, ebenso fieses Tief, gegraben und geflutet von vielen netten und weniger nett gemeinten Ratschlägen von außen, woher sonst. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich so viel darauf gebe und mir mein Leben dadurch mies machen lasse. Wieder stelle ich fest, dass sich jeder seine eigene Welt so schön oder schlecht redet, wie er will. Anderen Menschen wird darin die passende Rolle auf den Leib geschrie¦b¦en, um so lauter, je deutlicher der Nebendarsteller Protest anmeldet, weil er lieber etwas anderes spielen möchte. Beispielsweise die Hauptrolle in seinem eigenen Lebensfilm (wie vermessen!). Es wird gebogen und manipuliert, dass das Nervenkonstrukt ächzt. Vielleicht hatte es der Infekt deshalb so leicht, sich hinter die fleddrigen Kulissen zu mogeln. Aber ich will nicht hadern. Immerhin hat mir diese kleine Auszeit von insgesamt fünf Wochen (zwei Wochen darniederliegend, zwei Wochen Urlaub, eine weitere halbe Woche halbdarniederliegend) auch diverse selbsternannte Lebensregisseure vom Leib gehalten.

Hatte ich mich davor noch über das mir aufgeschwatzte Drehbuch geärgert, mir an dessen Szenen und Regieanweisungen Herz und Kopf zerbrochen und von selbstgefälligen Hauptdarstellern erzählen lassen, was genau ich beim Schau¦spielen falsch machte und wie ich gefälligst zu agieren habe, lasse ich mich mittlerweile auf keine Diskussionen in puncto Schauspielkönnen mehr ein. Ich bin es nämlich leid, Kameraeinstellungen korrigieren zu wollen, wenn ich der Meinung bin, dass die Perspektive da eventuell etwas verschoben sein könnte. Ich bin es leid, Handlungsabläufe erklären zu müssen, nur um ein Fetzelchen Verständnis für meine Situation zu erheischen. Lohnt sich nicht, ist alles bereits festgeschrieben im unabänderlichen Drehbuch aus der Feder jener Lebensregisseure, die keine weitere Revision desselben gestatten.

Künftige Regieanweisungen? Ich freu mich schon drauf:

– „!!!“
– „Der Mond hat vier Beine, sagst du? In Ordnung, der Mond hat vier Beine. Nein, wenn du dir da sicher bist, hat der Mond eben vier Beine. Doch, tatsächlich. Ein vierbeiniger Mond. Der Mond hat vier Beine? Der Mond hat vier Beine! Absolut.“
– „???“

Man glaubt es kaum, aber seit dieser Erkenntnis, dass es völlig egal ist, was man ebensolchen Personen entgegensetzt, dass man sich am besten keine weiteren Gedanken darüber macht und damit Hauptdarsteller seines eigenen Lebens bleibt, geht es mir erheblich besser. Der Infekt abgeklungen, das kleine Tief durchwandert, Madame schwimmt wieder obenauf und genießt das Leben wie selten. Das alles beflügelt mich so sehr, dass ich zwei neue Projekte begonnen habe, langgehegten Ideen für Haus und Hof Taten folgen lasse und mich vor allem weder mit Zukunft noch Vergangenheit streite. Erstere kommt sowieso. Letztere war schon da und ist bereits abgereist. Ich spüre die Bretter, die die Welt bedeuten, unter meinen Füßen vibrieren und genieße es, der gefeierte Star in meinem eigenen kleinen Theater zu sein. Und es ist mir ganz schön scheißegal, ob der Mond nun vier Beine hat oder acht oder gar keine. Ihm wahrscheinlich auch.

Klatschmohnfelder

Das Leben, dieses Leben, das wir allzugerne in all seinen Facetten beleuchten wollen, anstatt es zu leben, es lieber zerdenken und analysieren, lehrt auf ungewöhnlichen Pfaden selbst die Lernunwilligen und selbsternannten Unbelehrbaren. Wenn es an der Zeit ist, gibt es die entsprechenden und unübersehbaren Hinweise – wenn wir alles andere vorher schon übersehen und ignoriert haben, denn nur die Holzhammermethode scheint die einzig verlässliche zu sein.

Ja, dieses Leben, dieses liebe nette, das oft so freundlich daher kommt, hat so manche Klatsche in petto, wenn wir seine kleinen Botschaften zwischen den Zeilen überlesen – was leider viel zu häufig vorkommt, sind wir doch damit beschäftigt, nur das zu interpretieren, was uns lautstark ins Auge sticht, anstatt einmal dazwischenzufühlen, was es uns sagen will  mit all seinen großen und kleinen Nettigkeiten.

Je mehr wir uns daran festhalten, daran herumzerren, um es in eine Form zu zwingen, die uns zusagt, desto mehr scheint es sich zu sträuben, biestiges Leben, aber wir fühlen nun mal nicht hinein, wir blicken nur darauf und wollen dies und jenes, diese Ecke, jene Kante geglättet und transformiert haben, natürliche Läufe einebnen und begradigen, anstatt entspannt zu verfolgen, wie es sich von selbst entwickelt, pulsiert und immer neue schöne Dinge hervorbringt – das könnte ja gefährlich sein, wenn man nicht kontrollieren kann, wo es uns denn genau hinbringt, das pulsierende Leben, das da frech und unkontrolliert durch einen durch mäandert und einem die Eingeweide durcheinander bringt.

Und plötzlich klatscht es, haut das Leben einem eine runter, voll vor den Bug und auf die Zwölf, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten, man taumelt nur noch durch den Tag, an dem man sich nirgends festhalten kann, es rückt sich selbst aus der Mitte und schaut dabei zu, wie man zuschaut, am Rande steht und zuschauen muss, wie es sich davon macht. Wenn man dann endlich begreift, dass all das Schauen und Denken und Analysieren damit sinnlos wird, dann hat man vielleicht Glück und entdeckt eine neue Dimension, entdeckt, dass man auch fühlen kann, wenn Auge, Ohr und Verstand versagt haben beim Begreifenwollen. Greift man dann blindtaub mit dem Herzen nach dem Leben, möglicherweise braucht es dazu noch etwas Übung, denn wer packt schon gewöhnlich mit dem Herzen zu, ohne vorher zu sehen, nach was man da packt, dann ergeben sich vielleicht sogar ganz neue Dinge, formen sich nie gedachte Landschaften in einem drin.

Nun streif mal mit dem Herzen über deine innere Landschaft, was fühlst du da? Da sind Krater, wo du nie welche vermutet hast, und Berge, Berge, Täler, Flüsse – reiche Ströme ungeahnter Kraft. Und natürlich Klatschmohnfelder. Da sind auch Menschen, die diese Landschaft besiedeln, den Boden bestellen und säen, versorgen und ernten, Gaben, die so erfüllend und schön sind wie ein Lächeln. Und da sind andere, die deine Herzensacker brandroden und das Erdreich vergiften mit Worten und Taten. Warum hast du das nicht längst erkannt, dass sie deinen Boden und das Klima kaputt machen? Weil du es nicht glauben konntest? Wolltest?

Du musst handeln. Du musst ihnen das Land wieder wegnehmen, das du ihnen einmal geschenkt hast. Wie soll das gehen? Ich weiß es nicht, aber es muss geschehen, bevor sie alles in dir zunichte machen, das darfst du nicht zulassen. Du musst ihnen die geschundenen Felder unter den Füßen wegziehen, auch wenn sie dann hinfallen und sich womöglich weh tun. Du stellst dir entvölkerte Landstriche vor, in deren Verwüstung nie wieder etwas wachsen wird. Aber bestimmt erholt sich die Natur, ganz bestimmt wirst du bald wieder neue Bewohner zulassen können, die hoffentlich pfleglicher mit ihrem geschenkten Herzboden umgehen und ihn wieder zum Erblühen bringen. Du musst darauf vertrauen. Das Leben weiß schon, was es tut, und es klatschmohnt, so oder so, nicht ohne Grund.

Wenn, dann heftig

Nun ist es passiert. Wovor man mich vor nicht allzu langer Zeit warnte – Frau Knobloch tat’s, und ahnte – und doch warf ich meine gesamte Kondition hinein in den Strudel von Taten, Drang und Arbeitskraft, allein um Dinge zu bewegen, gut zu machen, der Gemeinschaft zu dienen. Erwartet habe ich nichts, bekommen habe ich unverdienterweise all den Tadel, der an anderen abperlt wie Regen an der imprägnierten Speckschwarte. Nur leider fällt dieser Tadelregen bei mir stets auf allzu fruchtbaren Boden und treibt die furchtbarsten Blüten. Die Folge: Nicht einmal mehr Zeit und Muße, all die wundervollen Beiträge hier zu lesen und zu kommentieren, geschweigedenn wieder das Schönschreiben zu üben. Zwischen dem Alltag und der Nacht versuchte ich mich zu erholen, was leider gründlich daneben ging, bis nun also eines der letzten verbliebenen Nervenfädchen riss. Und schmiss. Und zwar das mir so teure Smartphone, meine Standleitung in die Welt, mein Wecker und Wachhalter, Terminverwalter, WordPresserleichterer, Herzensneffenbilderspeicher und so manches mehr. Exitus. Finito.

Und mit einem Mal ebbt das Rauschen in meinem Kopf ab. Ich existiere virtuell nicht mehr, bin gleichzeitig nicht mehr nervbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, kann/muss nicht mehr umgehend reagieren. Und lebe trotzdem noch. Ich habe keine To-Do-Listen mehr vor Augen, keine Termine und keine unbeantworteten Nachrichten. Wie sich das auf die Dauer mit dem Alltag vereinbaren lässt, wird sich zeigen. Nur – jetzt im Moment ist es, als hätte ich diese meine grüne Wiese wiedergefunden, auf der ich doch so gern flanierte, sorglos und – glücklich. Wenn das so ist … dann lasse ich mir am besten mit der Reparatur dieses, wie ich glaubte, lebenserhaltenden Geräts noch eine Weile Zeit. Oder länger. Meine Liebsten wissen, wie sie mich erreichten, und, oh Wunder, Kommunikation kann man auch mündlich betreiben! So viel persönlicher und direkter, es ist mir fast schon ein Fest. Und was ich ebenfalls feststellen konnte: die Welt dreht sich weiter, ohne dass Madame „existiert“. Auf den Tadel kann ich ohnehin sehr gut verzichten, möge sich einstweilen ein anderer Sündenbock finden, Madame macht jetzt erst einmal Urlaub.

Und langsam, langsam lebe ich wieder. Was ist wohl befriedigender, sich jeden Abend vor dem Schlafengehen den kleinen Herzensneffen auf dem kleinen Display zu betrachten, oder mit verknutschter Wange, dem Halstuch voll Sabber und anderer babytypischer Erzeugnisse und dem Herzen voller Kinderlachen nach Hause zu kommen? Dem Herzliebsten in die Augen zu sehen oder sich elektronisch-summende Herzküsschen hin und her zu schicken? „Was meinst du? Stehen wir das noch eine Weile durch, ohne Handy?“ – „Klar. Ziehen wir halt zusammen, wollten wir doch eh…“ Nein, das war ein ganz und gar fiktiver Dialog, aber es muss ja nicht heißen, dass Unausgesprochenes weniger wahr und bedeutsam ist.

Es wird Zeit, sich neue Herausforderungen zu suchen. Die erste lautet: zur Ruhe kommen. Sich frei machen von all dem Ballast, den ich noch immer mit mir herumschleppe.  Und sich dann wieder in den Trubel stürzen. Aber in den richtige Trubel dieses Mal. Nicht wieder dieses Sackgassentadelding, sondern etwas mit Zukunft. Kann man ja auch mal verlangen: Leistung gegen Entlohnung. Und die hätte ich endlich mal gerne. Aber ich sehe schon: ich werde sie mir am besten selbst auszahlen.

Zeichen der Zeit

Gestern ereignete er sich, der Moment, den ich schon lange gefürchtet hatte. Als sei ich derzeit nicht schon gebeutelt genug mit einem überlaufenden Hormonhaushalt (mein kleiner Neffe rührt gewaltig darin herum), einer Nacht in der Notaufnahme und der darauffolgenden fünftägigen Zwangspause, und dann ist da noch ein bevorstehendes Ereignis namens Weihnachten, entdeckte ich es: das graue Haar. Vorwitzig schoss es aus dem Scheitel, gerade an einer Stelle, die ich nicht übersehen konnte. Und das auch noch im Spiegel auf der Firmentoilette. Ich konnte mich nicht einmal zurückziehen und still darüber weinen. Ich musste mit einem Höchstaufgebot an Contenance an meinen Arbeitsplatz zurückkehren.

In einer ruhigen Minute sprach ich mein Leben darauf an: „Warum?“ Es sah mich an, wissend, und schwieg. Ich blickte zurück, musterte es eine Weile und verbesserte mich: „Warum jetzt?“ Es lächelte. Schwieg immer noch. Es wusste ganz genau, weshalb ich so sehr mit diesem Anzeichen des Alters haderte. Wir schwiegen uns also an, schauten uns in die Augen, ich zog in Gedanken durch die Jahre, eines nach dem anderen. Eine ganze Weile verging, in der ich es nachwachsen zu spüren glaubte, dieses graue Haar, das ich natürlich ausgerissen, es ungläubig beäugt und gegen das Licht gehalten hatte, in der Hoffnung, es sei eine optische Täuschung. Es war nicht zu leugnen.

Die Jahre zerfielen vor meinen Augen zu Staub, grau war er, was sonst. Ich durchwanderte die Zeiten, rückwärts. „Ich sehe nichts“, holte mich JBs Stimme schließlich aus meiner Zeitreise zurück, den Blick auf meinen Scheitel gerichtet. „Da ist nichts. Du hast wunderschönes Haar.“ Ich wusste, zumindest der erste Teil musste eine charmante Lüge sein.

Ich schloss die Augen und saß wieder meinem Leben gegenüber. Es hatte sich in der Zwischenzeit eine Tasse Kaffee gemacht und schob mir den Teller mit den Plätzchen zu. Ich betrachtete es noch einmal. Von vorn. Bis hin zu diesem Moment. Da wusste ich auf einmal, wie die Frage lauten musste. „Warum erst jetzt?“ Und mein Leben, es grinste über beide Ohren, verschluckte sich dabei fast am Kaffee und meinte: „Genau so.“

 

Begegnung

Hallo. Wie geht es dir? Ich weiß, es ist noch nicht so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Trotzdem. Wir haben früher so viel Zeit miteinander verbracht. Vielleicht, das gebe ich zu, war meine Frage mehr Reflex als wirkliches Interesse, entschuldige bitte. Die Zeiten ändern sich, das weiß ich, und du weißt es auch. Es hat sich für uns beide einiges verändert. Nein, es ist okay für mich. Mir geht es gut damit, dir offensichtlich auch. Ja, natürlich sehen wir uns weiterhin, uns verbindet einfach zu viel, wir gehören doch zusammen. Aber du weißt auch, ich brauche meinen Freiraum, ich kann mich nicht 24 Stunden am Tag nur mit dir beschäftigen.

Du gehörst zu mir. Ganz ohne dich sein, das wollte ich nicht. Es mag seine Vorteile haben, das sehe ich ein. Mir wäre es halt lieb, wenn wir uns ein wenig besser absprechen könnten. Ich will damit nicht sagen, dass du mir unwillkommen bist, aber es ist nun mal so: Ich habe ein neues Leben begonnen, ich habe vieles hinter mir gelassen. Du bist, außer ein paar anderen Kleinigkeiten, das Einzige, was ich mitgenommen habe. Ich habe dich geschultert, als ich auszog, um das Leben zu lernen, und du warst mir stets der treuste Begleiter. Jetzt aber gibt es noch andere Dinge, die mir wichtig sind. Ich musste mir leider eingestehen, dass manches davon mit dir einfach nicht vereinbar ist.

Jeder sollte doch frei bestimmen können, was er gerade tun möchte, nicht wahr? Ich weiß, du bist immer auf Abruf bereit. Aber versuch doch mal, dich nicht immer so zu konzentrieren, dich in Momenten zu ballen, gerade dann, wenn es mir besonders ungelegen kommt. Wäre es nicht schön, wenn du auch etwas freier wärst? Können wir möglicherweise ein paar Situationen absprechen, in denen du mich einfach in Ruhe lässt und dir einen schönen Tag machst, damit ich auch einen schönen Tag haben kann? Versteh mich richtig, natürlich schätze ich dich, du hast mich mit Sicherheit schon vor so einigem bewahrt und veranlasst, dass ich nachdenke, gründlich abwäge und am Ende bestimmt die richtige Entscheidung treffe. Aber manchmal sind auch Bauchentscheidungen nicht verkehrt.

Eine Sache liegt mir besonders am Herzen: Können wir vereinbaren, dass du dich raushältst, wenn mich JB im Aston Martin abholt? Ich möchte ihm so gern mein Vertrauen schenken, ich möchte ich sein dürfen und entspannt erwarten, was noch so alles passiert. Aber das kann ich schlecht, wenn du immer dazwischen quasselst.  Ich bitte dich, bleib fort, wenn er da ist, es tut nicht gut. Bleib einfach fort, wenn du mich mit jemandem glücklich siehst. Es ist alles gut dann. So hart es für dich klingt, du würdest es mit deiner Anwesenheit nur kaputt machen. Wir wissen beide, wovon ich spreche. Du willst nur mein bestes. Das ist das beste. Bleib einfach fort.

Wir zwei, ja, wir waren immer unzertrennlich. Und wenn ich demnächst ganz allein verreise, da nehme ich dich mit, ich verspreche es dir. Ich gehe mit dir Hand in Hand – gleichberechtigt nebeneinander her, ich mag dich nicht mehr auf den Schultern und im Nacken tragen, dazu bist du, bin ich nun wirklich zu alt –  und ich vertraue deinen Einwänden, weil ich weiß, dass das mich wieder gut und sicher nach Hause bringen wird. Da vertraue ich auf dich. Aber du darfst nicht wieder übermächtig werden und mir die Beine lähmen. Du musst mir die Luft zum Atmen lassen, musst mich leben und laufen lassen. Auch mal einfach so drauflos. Du wirst sehen, das wird uns gut tun. Wir sind aneinander geschweißt, dazu bestimmt, vom Anfang bis zum Ende miteinander zu leben. Das Stichwort aber ist: Leben. Nicht kriechen. Nicht zittern. Nicht vegetieren.