Ablenkung

SO lange nichts geschrieben! Und auch jetzt: Kaum Zeit, kein Raum für Gedanken. Zumindest nicht für solche, die ich hier aufschreiben will. Das Gedankenkarussell dreht sich Tag und Nacht, es kommt mir fast so vor, als hätte ich mich an diesen Zustand gewöhnt. Ich hadere nicht, ich nehme es halt hin – aber ich tu auch nichts dafür oder dagegen. Um es im Waschfrauenmetaphorik auszudrücken: Fast alles ist gewaschen und gestapelt und aussortiert. Zwei Stapel Wäsche liegen vor mir, der eine soll wieder in den Schrank, der andere in die Altkleidersammlung. Aber ich habe noch nicht entschieden, welcher der beiden ich abgebe, aufgebe.

Dazwischen: Ablenkung, viel Arbeit, viel Arbeit durch die Ablenkung. Da war einmal der Urlaub. Schön, beeindruckend, volle Tage, Fußschmerzen. Und der Beginn einer schönen Freundschaft. Es fühlt sich gut an, das Ganze, auch wenn ich jetzt noch mit Nachwirkungen wie Schlafmangel und schmerzender Ferse zu kämpfen habe (und einem ständig piepsenden Handy). Man ist halt keine 20 mehr. Und dann die neuen Mitbewohner. Meine beiden Katzenmädchen – man mag gerne behaupten, das sei ein Schnellschuss gewesen, so kurz nach Erdbeernäschens Ableben. War es auch. Hätte ich die alleinige Entscheidungsmacht über mein Leben (so wie es eigentlich sein sollte, der eine Wäschestapel eben), dann hätte ich nun keine zwei Katzenmädchen. Dann hätte ich morgens keinen mehr als zuverlässigen Wecker, der mich zu früh aus den Federn holt, kein Katzenstreu im Hausgang verteilt, keine im Spiel zerkratzen Hände und keinen mit Katzenfutter gefüllten Schrank und ein leeres Portemonnaie. Dann hätte ich aber auch keine Ablenkung in Form von Schmuseattaken, keine zwei Damen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die sich auf meiner Bettdecke balgen oder sich im Schlaf ganz lieb umarmen. Ich hätte auf meinem Smartphone nur irgendwelche langweiligen Landschaftsbilder und keine Zeugen der Verwüstung meiner Pflanzenkulturen oder Bilder von schlafenden, schnaubenden, schnarchenden Katzennasen. Mir würde echt was fehlen.

Hoffentlich denke ich genau an diesen Satz, wenn ich gleich nach Hause komme und zerfetzte Teppiche und ausgegrabene Efeututen vorfinde.

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Tut weh

„Hast du geweint?“ Nicken.
– „Er fehlt dir auch, was?“ – „Ja. Und ich hab ein richtig schlechtes Gewissen.“

Damit ist das ausgesprochen, was mich gestern beschäftigte. Ich habe den Abend mit Taschentüchern auf der Couch verbracht, hab in mein Glas Wein geweint, den lieblichen Bacchus mit etwas Salz angereichert. Edelpralinen und ein Päckchen Fleur de Sel habe ich mal an Weihnachten verschenkt und dazugedichtet „Süße und Salz: das Leben“. Aber ich schweife ab.

Es war nicht das schlechte Gewissen, zwischen den Tränen lächeln zu müssen, kichern, lachen sogar, wenn ich an das vergangene Jahr mit Schnuddel dachte. Es ist der Gedanke, dass die Trauer für den Kleinen so stark ist und mich – uns so heftig übermannte, im Vergleich zum Verlust geliebter Menschen so anders und erstaunlich schmerzhaft. Ich erkläre mir das auf zweierlei Art:

¦¦Schnuddels Tod ging nur uns etwas an. Keine Gedanken an „Wie sag ich’s den anderen?“ oder „Was ist zu tun und zu organisieren?“ Zeit für reine Trauer.
¦¦Tiere sind reine Geschöpfe. Sie tun nichts, was uns absichtlich verletzt, sie begehen keine Fehler. Unsere Erinnerungen sind durchweg positiv, ungetrübt. Und ohne jeden Vorwurf. Zeit für reine Trauer.

Vor einiger Zeit hätte ich das alles noch als albern abgetan. Aber so geht es mir nun mal, und ich halte es für einen Schritt in die richtige Richtung, Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren. Mal die Waschfrau fragen, aber ich denke, es ist ein gutes Zeichen.

Schnuddel_1

2010 – 2013

Entgegen eines anderen Vorsatzes poste ich heute doch ein privates Foto. Die nächste Zeit werde ich immer mal wieder vor der Tür stehen und Ausschau nach dir halten. Dein Körbchen hab ich weggeräumt, ich denke du hast nichts dagegen, sollte irgendwann ein anderes Kätzchen seinen Platz darin finden. Und danke, dass du mich gestern gleich im Traum besuchen kamst, jetzt weiß ich, dass es dir gut geht.

So mancher Vorsatz …

… wird ja nicht unbedingt vorsätzlich gebrochen. Vielmehr führen oft äußere Umstände dazu, geplante Vorhaben, Dinge, die man sich vorgenommen hat, nicht in die Tat umsetzen zu können. Gestern noch gelobte ich, zukünftig weniger Melancholie auf diesen Seiten zuzulassen und vielmehr die Dinge in einer anderen, positiveren Sichtweise anzugehen. Etwas fröhlicher wollte ich wirken, unterhaltsam, amüsant – primär um auszutesten, ob ich das überhaupt kann, ob ich das überhaupt bin.

Und so fiel mir heute wieder eine Episode aus meinem Adoptiv-Katzenmama-Dasein ein. Monsieur Erdbeernase haart nämlich stark. Richtig dicke weiße Haare hängen regelmäßig nach seinen Knuddelattacken auf Pullover und Hose, gerne auch auf der Couch und dem Flurteppich. Monsieur liebt Kuscheln dem Anschein nach noch mehr als seine Leckerli – die er auch nur selten bekommt, und nur auf ultrastarkes Betteln hin, bis ich mich kaum mehr halten kann und seinem Schnattern und Brabbeln nachgebe.

Gut, den vollgehaarten Pulli kann ich ausziehen, die Hose (bevorzugt jene, an denen weiße Katzenhaare besonders gut haften bleiben) bearbeite ich mit der Kleiderbürste oder, zur allerhöchsten Not, mit Klebeband. Nun stieg ich aber gestern erfrischt aus der Dusche und freute mich schon auf meine reichhaltige Bodylotion, während Monsieur von und zu Schokopunkt im Nebenraum zu ruhen pflegte – schnarchend und seufzend vor Behaglichkeit, ich hätte ihn küssen mögen. Just als ich fertig war und die reichhaltige Bodylotion noch ein wenig einwirken lassen wollte, entstieg mein Gummifüßchen seinem Schlafplatz, zwängte sich durch die angelehnte Badezimmertür und steuerte, liebesbedürftig wie stets, geradewegs auf meine duftenden und sehr klebrigen Beine zu. Ich muss nicht erwähnen, welch albernen Tanz ich im Badezimmer aufführte, um dem katzeneingenen Um-die-Beine-Streifen meines kleinen Freundes zu entgehen. Ich muss auch nicht erwähnen, dass ich nach misslungenem Versuch und unter heftigen Lachkrämpfen abFuß bis in Katzenhöhe so aussah, als hätte man mich dreizehn lange Jahre in einer Höhle ohne Damenrasierer eingesperrt. Kurz überlegte ich, die Kaltwachsstreifen zu zücken, entschied mich dann aber zu einer erneuten Dusche – cremt euch mal von Kopf bis Fuß mit reichhaltiger Bodylotion ein und erliegt dann NICHT dem charmantesten Schmusekater der Welt, haarig hin oder her.

Und was soll ich sagen? Ich bin froh, dass ich mit ihm noch eine Runde auf dem Badezimmerteppich gekuschelt habe, und damit eine weitere Dusche in Kauf nehmen musste. Diese kleine Kreatur, die als einzige in der letzten Zeit in der Lage war, die berühmten drei Worte aus mir herauszulocken, mein Schnuddelkater, mein Baby, ist gestern Abend von einem Auto erfasst worden und war sofort tot. Ich wusste bis gestern nicht so wirklich, wie sehr das weh tut. Keine Katzenhaare mehr, keine Kleiderbürste vonnöten.

Er ruht jetzt unter einem schattigen Baum, ganz nah an meinem Grundstück. Ich habe ihm ein Kerzchen angezündet und seine obligatorischen sieben Leckerli hingelegt. Ich bin unglaublich traurig und vermisse ihn. Hoffentlich geht es ihm gut, dort, wo er jetzt ist.

Und so muss man manchen Vorsatz eben brechen. Und einen Nachsatz hinterherschicken:

Ich werde dich immer lieben, Erdbeernäschen, Gummifüßchen, Schokopünktchen.

Valentinsmiez

Monsieur Erdbeernase und ich hatten Gelegenheit unsere Beziehung in den letzten Wochen zu intensivieren. Mittlerweile schaut der junge Herr zu regelmäßigen Zeiten vorbei (pünktlich zum Mittag) und liegt meist schon auf der Lauer, sobald meine Haustür sich öffnet. Nachdem ich die alten Vorhänge im Wohnzimmer gegen neue, schicke und vor allem noch durchsichtigere Rollos ausgetauscht habe, bevorzugt er es zudem, das Fenster als Ein- und Ausgang zu benutzen. Da verstehen wir uns ohne Worte.

Der Charmeur mit dem Schokopunkt auf der Nase – er ist mittlerweile im Besitz einer eigenen Kuscheldecke, die seiner Fellfarbe schmeichelt und meine Couch vor versehentlichen Kratzern und langen weißen Katzenhaaren schützt – ist wieder zu Besuch. Heute ist er besonders anhänglich. Wir kuscheln und kuscheln, er gibt wohlige Laute von sich und ich bin ganz fasziniert: mit Vorliebe rollt er sich von einer Seite auf die andere, bleibt auf dem Rücken liegen und streckt seine Gummipfötchen von sich, immer abwechselnd. Zum Knutschen, wirklich. Mein Herz läuft über vor Zuneigung zu diesem Fellknäuel. Ich nehme sein Köpfchen in meine Hände, schaue ihm in die grünen Augen. Ich möchte sein rosa Erdbeernäschen küssen – nein, ganz so weit geht die Tierliebe bei mir nicht. Oder doch?

Gut, ich sehe ihm also in die Augen und da strömt es plötzlich aus mir heraus: „Ich hab dich sooo lieb, du Kleiner. Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich machst?“ Boaaah nein! Wie in einem dieser wirklich schlechten Filme! Zwar hat das niemand gehört, aber irgendwie ist es mir jetzt doch peinlich. Liegt das am valentinskommerziellen-süßklebrigen Gesülze aus dem Radio? Monsieur hat anscheinend auch die Nase voll, rollt von der Decke und möchte nach draußen gelassen werden. Na prima.

Ich sinniere noch ein Weilchen über die Tatsache, dass ich gerade einer Katze – die nicht mal mir gehört – meine Zuneigung gestanden habe. Gibt es da etwas aufzuarbeiten? Beziehungsmuster zu überdenken? Mir Gedanken über gewisse tickende biologische Uhren zu machen, die den Wunsch in mir wecken, irgendwas Kleines, Niedliches im Arm zu halten, mit Fell oder ohne? Ist Monsieur wirklich das, was ich immer wollte? Ein kleiner, dicker, über und über behaarter Kindskopf, der mir überall hin nachläuft, offensichtlich klammert, bei mir pennt und kuschelt und anschließend gruß- und danklos wieder durchs Fenster verschwindet? Was kann ich von so einem schon erwarten ….

Tumult entsteht vor meinem Fenster. Erdbeernäschen tigert sehr nervös auf und ab, späht durch Rollo und Scheibe, seine Augen suchen mich. Den Grund für seine Aufregung habe ich schnell ausgemacht: er trägt eine dicke Maus zwischen seinen Fängen. Und die will er mir stolz überreichen. Hilfe. Das geht nun aber schnell. Ich muss mich erst sammeln, was  mache ich denn jetzt? Offensichtlich dauert es Monsieur zu lange, bis endlich das Fenster aufgeht, er verzieht sich in eine Ecke des verschneiten Gartens und verspeist seine Beute, ohne sie wie geplant mit mir zu teilen. Dem Himmel sei Dank. Dennoch weiß ich dieses Zeichen zu deuten und nehme mir vor, meinen Herzenskater nachher gebührend zu loben und mit einem Leckerli zu belohnen. Er hat es nämlich gewagt, es mir gleichzutun und die nächste Ebene unserer Beziehung zu beschreiten, indem er mir seine Zuneigung mittels einer gefrorenen Maus mit tiefen Bissspuren und bemerkenswert langem Schwanz offenbart. Und ich, die Leihkatzenmama, ich bin wahnsinnig stolz auf meinen kleinen verwegenen Jäger.

Ein denkwürdiger Valentinstag, möchte ich meinen.

Klippen umschifft

Naja, eigentlich waren es mehr Klippchen. Nichts Weltbewegendes. Steuerunterlagen. Kontenwechsel. Die üblichen Ärgernisse mit Bank, Telekom, Post. Übrigens habe ich Post von der Telekom bekommen, richtige echte Papierpost! Ich weiß jetzt auch, warum ich seit Jahren nichts von denen gehört habe (per Post, ansonsten wird jeden Monat nur fleißig abgebucht). Die haben immer noch meine alte Adresse und ignorieren nach wie vor konsequent meine Namensänderung. Was soll ich denn noch machen? Zurückschreiben, wie toll ich das finde, dass ich Post bekomme, obwohl ich eigentlich gar nicht existiere, zumindest nicht unter dem Namen und der Adresse? Vor lauter Freude rosarote Zuckerherzchen werfen, auf denen „I ♥ Telekom“ eingraviert ist? Meine Verzweiflung ist grenzenlos, aber ich bleibe mal optimistisch.

Die etwas größere Klippe, die es noch zu umschiffen gilt, ist die drohende Adventszeit. Überall bunte Lichter, Weihnachtsmärkte, mit Menschen vollgestopfte Einkaufsstraßen – und kein Land in Sicht. Weihnachtsfeiern ohne Ende, hier noch mal schnell treffen vorm Jahreswechsel, da noch mal fix ‘nen Termin vereinbaren – als ob man im Neuen Jahr dazu keine Zeit mehr hätte. Kann man nur hoffen, dass wirklich die Welt untergeht, das wär mal was Neues. Und Weihnachten selbst, ich will noch gar nicht daran denken. Jedes Jahr dieselbe Rennerei. Und jedes Jahr nehme ich mir vor, über die Feiertage wegzufahren, egal wo hin, Hauptsache keine Verwandten und kein Gänsebraten. Kannste aber auch nicht bringen, mahnt mich eine innere Stimme. Oh, halt die Klappe …

Anderes Thema: Ich habe meinen Traummann gefunden. Tatsächlich. Ich hab schon nicht mehr dran geglaubt. Er lief mir kürzlich über den Weg. Sah mich aus großen grünen Augen an und zog bei mir ein. Seitdem leben wir in einer herrlichen Symbiose aus kuscheln, kommunizieren und noch mal kuscheln. Mein Traummann liegt mir zu Füßen, im wahrsten Sinne des Wortes, manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht über ihn stolpere. Er bringt mich täglich zum lächeln und fordert dabei nichts, nicht mal Verpflegungskosten habe ich mit ihm! Dabei darf ich ihn mit all meiner Liebe überschütten, die er dankbar annimmt. Man schraubt seine Ansprüche ja gern etwas zurück, wenn man älter wird. Ich kann es akzeptieren, dass ich wohl nicht die Einzige für ihn bin. Aber es macht mir auch nichts aus, wenn er draußen herumstromert, die Nacht über wegbleibt und sein Mittagessen offensichtlich woanders einnimmt. Immerhin ist er kastriert und stubenrein, kratzt und beißt nicht, und das Beste: Wenn ich mal keine Zeit oder keine Lust habe, bleibt er einfach draußen.

Ich liebe Dich, Erdbeernäschen, Schokopünktchen, Gummifüßchen!

Mme C.
(srsly)