Absprung

Dies wird das Ende sein. Dies endgültig das Ende einer lebens¦wichtigen Endphase, die ihren Anfang bereits nahm, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, als das zu beendende Begonnene gerade noch im Beginn begriffen war.  Dieser ganze Prozess, dieses Beginnen eines zum Enden verurteilten Lebens über das Amlebenerhalten eines trügerischen Lebenstraums bis hin zum Beenden einer Beziehung und dem Beginn einer ganz neuen Zeit wird von Moment zu Moment wertvoller und sinniger für mich. Mir kommt es geradezu so vor, als sei dieser von mir gewählte Weg, über den ich in der Vergangenheit haderte, auf dem ich stolperte und fiel und mir die Knie blutig stürzte – als sei dieser Weg der einzig richtige gewesen, der mich jetzt, da er endet, in eine völlig neue Welt entlässt.

Ich glaubte den Ausgang schon gefunden zu haben, aber ich hatte mich geirrt. Noch brauchte es Zeit, bis wichtige Dinge so weit gereift waren, dass ich deren Früchte erkennen und kosten durfte. Hätte ich geduldiger sein müssen? Den Weg zum Ende hin bewusster gehen und nicht so voranpreschen sollen? Erspart hätte es mir neuerliche Kniewunden, doch ist Schmerz nicht umso süßer, je näher das Ziel rückt? Dafür ließ ich die Erkenntnis reifen, brach mein Herz herunter bis auf den kleinsten Bestandteil und analysierte, ließ es in neuer Form wiedererstehen – intuitiv, mag man das wohlwollend nennen, denn geplant war keine dieser Aktionen. Naiv, chaotisch, mit saumäßigem Glück, mögen weniger wohlwollende Zungen sprechen.

Nun, am Ende des Weges, blicke ich ein letztes Mal zurück. Nein, ich habe oft genug zurück geblickt, jetzt schaue ich nach vorn: Eine Blumenwiese voll rotem Herzblumenklatschmohn tut sich vor mir auf. Soll ich hineintauchen in dieses neue Leben? Was genau ist es, das mich so sicher macht, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, da doch mein bisheriger Weg von Zweifeln und Fehlurteilen geprägt war? Ich weiß es nicht, absolut nicht. Ich weiß nur, dass die Intuition zum allerersten Mal beide Daumen reckt und mir auffordernd zuzwinkert. Ich befrage die Vernunft, aber die steht schon in Siegerpose da und wartet nur noch auf den Absprung. Die Moral lehnt sich mit zufriedenem Lächeln zurück und nimmt die Contenance ein wenig an die Leine. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fantasie Anlauf nehmen, sie schwingt einen großen Sack voller Traumbilder, die ich doch eingemottet und entsorgt glaubte, aber nein, sie lässt sie wiedererstehen, schöner, strahlender als je zuvor. Gleich hat sie mich erreicht, gleich wird sie mich mit meinen unverwirklichten und verloren geglaubten Träumen und Sehnsüchten pudern und mich hinab-, hinausstoßen auf die zukunftsversprechende Herzblumenwiese.

Letzte Worte, bevor Altes endet und Neues beginnt? Danke für alles bisher Erlebte. Für alle Tränen, Wunden, Narben und verlorene Nerven. Was hab ich nur für ein unverschämtes Glück.

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Wortstrom: Anfangs¦ende

Jedes Mal ein letztes Mal. Ein Anfang ohne Ende.

„Wie geht’s? Wollen wir reden?“ – „Na gut“
Und alles, was ich höre, ist: „Ich“. Ich, ich ich.

Du fragst nicht. Du redest. Schaffst absurde Welten mit deinen Worten. Und willst die Wirklichkeit mit deinem Schweigen töten.

„Warum bist du so angepisst?“ – „Na hör mal…“
Und alles, was du sagst, ist: „Weil.“ Weil, weil, weil.

Du hörst nicht zu. Du rechtfertigst dich. In Dauerschleife. Und du erkennst es nicht. Dass die Dämonen, die mich quälen, nur ein einziger sind.

„Mir fällt das hier nicht leicht.“ – „Dito.“
Und alles, was du denkst, ist: „Hätte“. Hätte, hätte, hätte.

Hättest du mal gefragt. Mal zugehört. Nicht totgeschwiegen. Nicht „hätte ich“ oder „hätten wir“. Du.

„Was ist damit?“ – „Nein.“
Und alles, was ich je sagen wollen sollte, ist: „Nein.“ Nein, nein, nein.

Es reicht. Hier endet es. Nicht „ich“, nicht „weil“, nicht „hätte“ und schon gar nicht wir. Sondern „nein“. Zum Ersten und zum Letzten.

→ Esc

Kaffeepäuschen

So vergehen die Tage, der Frühling, heißt es, soll Einzug erhalten. Diesen Winter hätten wir uns gespart. Aber ich bleibe achtsam, er mag noch irgendwo lauern und auf ein Comeback warten. In meiner Abwesenheit kümmerte sich die werte Frau Knobloch um mein Gärtchen, und damit spiegelt sich eine reale Begebenheit vortrefflich wieder, wie die Wolken in einer Wasserpfütze: Denn soeben erwischte ich noch eine andere Dame mit festem Platz in meinem Herzen, meine liebe Frau Mama, wie sie versuchte, klammheimlich durch den töchterlichen Garten zu huschen und nach den nach Wasser dürstenden Pflanzen zu sehen. Ha, erwischt! Beide! Ihr müsst jetzt einen Kaffee mit mir trinken, das ist MmeMmes Gesetz. Kopfkino, ich liebe es.

Und während wir in unserer Dreierrunde am kleinen Kaffeetischchen sitzen, aus den ebenso imaginären wie herzrührend-hübschen Sammeltässchen schlürfen und stumm das Sahnekännchen und die dazu passende Zuckerdose mit Rosendekor bewundern, reflektiere ich die letzte Zeit, in der ich dieser imaginären Welt ferngeblieben bin und mich der realen verstärkt gewidmet habe. Ja, doch, es hat schon was für sich, dieses echte Leben, da draußen, mit echten Menschen, vor denen ich nun sehr viel weniger Angst habe, als zu Beginn meiner neuen Daseinsform.

Je weniger ich mich ausschließlich nur mit mir beschäftige, desto mehr fallen mir Menschen ins Auge, Typen, Charaktere. Von Austernmenschen halte ich mich fern, bisher erfolgreich. Ich bin es leid, an ihrer harten Schale zu scheitern. Ich lasse sie in Ruhe. Sollen sie sich öffnen, wenn sie wollen und wemauchimmer gegenüber – ich öffne meine Hände wie zum Beweis: Da, kein Brecheisen, keine Öffnungsabsichten, kein Interesse. Keine Panik. Manchmal muss man etwas aufgeben, um es zu erreichen. Nein, ich habe mich nicht aufgegeben, auch nicht gehen lassen. Allerdings, losgelassen habe ich mich. Losgelassen, um zu sehen, wie weit es mich trägt, das Leben, wie weit ich schweben kann, den Boden unter den Füßen im Blick, das Herz zielgerichtet auf die Zukunft.

Der Nebel lichtet sich. Auf meinem Weg begegne ich ihnen; Menschen, die mich bisher begleitet haben, Menschen, die mich begleiten wollen. Und Menschen, die einfach mal kurz Hallo sagen und dann wieder verschwinden. Konstanten und Variablen. So langsam wächst mein Verständnis für diese Dinge. Und zwar insofern, als dass ich erkenne, dass ich nicht verstehen muss. Dass ich nichts kontrollieren muss, dass ich geschehen lassen darf, was geschieht, und dass ich nicht Schuld daran bin, wenn der Weg sich gabelt; wenn der Weg für andere zu Ende ist oder in eine andere Richtung führt. Warum denn immer dieser Rechtfertigungsdrang? Abschalten. Wege winden sich, Wege kreuzen sich, manche wieder und wieder, manche nie. Wie und wann, das wird man nicht herausfinden, wenn man sie nicht beschreitet.

In meinem Herzkörbchen habe ich sie alle gesammelt. Alle, die mit mir gingen, lange Strecken, kurze Stücke. Und ich sammle weiter und verspüre Freude. So mancher entschlüpfte schon durch die großzügigen Herzkörbchenmaschen, freiwillig und unfreiwillig. Das tut mir leid. Dass ich manchmal unachtsam war. Dass ich auch manches Mal Ballast abwerfen musste, um weiterzukommen. Doch die Zukunft erwartet mich. Die Zukunft. Konstant variabel.

„Vorzüglicher Kaffee“, bemerkt Frau Mama dazwischen, sie rührt mit einem winzigen Silberlöffelchen drei Körnchen Rohrzucker in ihr goldberandetes scheußlich-schönes Sammeltässchen. Die Herzdame Käthe – ja, so vertraut sind wir bereits – nickt und liebäugelt mit ein paar weiteren Tröpfchen Sahne aus dem rosendekorierten Sahnekännchen auf dem Puppenstubenkaffeetischchen. Bestimmt formuliert sie gerade einen passenden Kommentar zu meinen gerade gehörten Ausführungen. Dabei weiß ich nicht mal, ob sie wirklich Kaffee mag.

Wortstrom: Sinkende Steine

Hochwasserzeit

Mein Tränensee ist angefüllt

Schwarz

Die sonst so glatte, schimmernde Fläche kräuselt sich.

Steinernes Halbrund spannt still sich über den Erdsee

Von rauher Höhlendecke

Hängen bündelweise schwere Steine

Geschnürt in faserige Seile, aus Emotion und Vergangenheit.

Es ist an der Zeit.

Seil um Seil trug Last genug

Zerzeitet, bricht und reißt nun endlich.

Die Last fällt tief, taucht ein in schwarze Tränenflut

Kreise durchziehen nun die schimmernde Fläche.

Stein um Stein sinkt auf den Grund

Läßt den Tränenseespiegel stetig steigen

Unaufhaltsam, bis heiß es aus den Augen rinnt.

Bald ist es gut. Bald fortgespült und ausgeschwemmt.

Die Last ruht.

Steine

Auf dem Herzensgrund, wo auf ewig sie verharren.

Glasmosaik

Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Nicht leicht. Mit der Angst, die selben Fehler dabei zu wiederholen.

Ein Rückblick: Da habe ich an meinem Lebensmosaik herumgebastelt, Glasstein für Glasstein gesammelt, angelegt und, wenn für gut befunden, angeklebt. Gesammelt, geklebt, gesammelt. Irgendwann muss ich den Überblick verloren haben. Irgendwann bemerkte ich Risse in der Struktur. Haben das andere auch bemerkt? Vor mir vielleicht sogar? Sicher, hin und wieder gab es Hinweise, ich solle mir das große Ganze doch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von oben, von der Seite, vielleicht. Ich tat das ab, sammelte weiter, klebte fleißig und wartete. Worauf wartete ich? Ich glaube, ich wartete auf dieses Gefühl des Erfülltseins, des Zufriedenseins mit dem, was ich geschaffen hatte. Nicht, dass ich dauerhaft unzufrieden gewesen wäre. Ich habe Stück für Stück erarbeitet, manchmal größere Stücke auf einmal, manchmal schillernde, neue Flächen hinzugefügt. Ich habe Gestaltungsvorschläge bereitwillig angenommen und kaum mehr realisiert, wie wenig ich selbst noch bestimmte, welche Steine, Fragmente ich anklebte und wie. Selten, nie eigentlich, habe ich ein Stück wieder weggenommen, weil es nicht passte. Irgendwie passte immer alles, mir passte alles, ich passte mich an.

Eines Tages passierte etwas Unerwartetes. Etwas ließ mich zusammenzucken. Ein Donnerschlag? Ein Erdbeben? Ich weiß es nicht mehr, und niemand sonst bemerkte etwas. Ich zuckte also zusammen, mein Glasmosaik entglitt meinen Händen und – fiel. Unendlich langsam. Die Zeit schien stillzustehen, während alles andere um mich herum in gewohnter Geschwindigkeit weiterlebte. An mir vorbei, die ich meinem Glasmosaik beim Fallen zusah und damit in der Zeitlosigkeit gefangen war. Bald stürzte ich ich hinterher, fiel parallel dazu, schob mich darunter, um den Fall zu stoppen, aber nichts schien den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Da war sie. Die Möglichkeit. Eine Chance, mir mein Werk aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Von oben. Von der Seite. Sogar von unten, so unendlich langsam glitt mir das Glasmosaik aus den Händen. Ich wusste, es würde irgendwann aufprallen, und ich wusste auch, dass ich allein den Zeitpunkt bestimmen musste, wann es so weit war. Vor mir lagen Jahre des freien Falls.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als das Glasmosaik auf dem harten Boden der Realität auftraf. Krachend, ein lautes Splittern von Glas und das Aufbrechen von verhärtetem Kleber, die Glassplitter kratzten schreiend über den Asphalt. Ich lauschte ohne mir die Ohren zu bedecken. Und ich sah. Chaos um mich herum. Schock. Starre. Und gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit. Der Fall war abgeschlossen, endlich, und früher als erhofft – ich hätte kein weiteres Jahr im freien Fall ertragen. Ich gab mir keine Zeit zu verharren, schob die Glassplitter zusammen und wieder auseinander. Wühlte, sortierte aus, legte weg, legte die verbliebenen Strukturen frei. Ein gesplittertes, verbogenes Stück Leben. Wie nun weiter? Sollte ich wieder anfangen zu basteln und zu kleben, was noch klebbar war? Unbrauchbares wegwerfen, neue Fragmente zusammensammeln? Ich wartete. Still. Zweifelte. Doch niemals an der Richtigkeit des Aufpralls.

Heute schaue ich auf mein gefallenes und in den wenigen vergangenen Monaten schon wieder recht ansehnlich hergerichtetes Mosaik. Es fehlt. An allen Ecken und Enden. Aber es ist in Ordnung, es wird sich wieder füllen. Ich habe brauchbare Teile umsortiert, an andere Stellen angeklebt. Ich habe Teile, die mir nicht mehr gefielen, weggelassen. Die zersplitterten Steine habe ich zur Seite geräumt. Schneide mich manchmal noch daran, wenn ich unachtsam bin, und schiebe sie doch immer wieder mit der bloßen Hand von mir weg. Mache ich das richtig? Ich nehme mir ab und zu die Zeit und sehe mir mein fragmentiertes Glasmosaik aus einem anderen Blickwinkel an. Von oben. Von der Seite. Und ich suche Rat und frage nach Meinungen. In solchen Momenten fühle ich mich stark und schwach zugleich. Ich spüre, dass ich noch Zeit brauche. Ich spüre, dass ich hin und wieder die alte Contenance vermisse und versuche mich zu erinnern an ihre guten Seiten. Die Zeit dafür ist gekommen. Morgen ist es so weit. Morgen nehme ich den Handbesen, fege die letzten Glassplitter zusammen und entsorge sie. Für immer.

Zeit, sich Zeit zu nehmen. Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Und hoffen, die selben Fehler dabei nicht zu wiederholen.

Nachtrag

zur Inspiration¦s¦funken¦fänger¦in, die:

Im Hafen

Muschelherz
am Strand versandet
Verstand veralgt – verankert.

Nach Bugschlag, Mastbruch, Segelriss
vertäut. Gesichert. Unbereut.

So überfiel es mich einst, es muss 2009 gewesen sein, und funkte mir vorhin das Bild vom versandetenVerstand dazwischen. Heute würde ich lediglich ein Fragezeichen am Ende hinzufügen. Unbereut hingegen nun das Kappen der Taue und das Verlassen des un¦sicheren Hafens.
Addio Austerntum.

Neue Ufer? Horizont! Ale! Single Malt!

Aye.

Ein Brief

Liebe Waschfrau,

ja, ich weiß, unsere Treffen sind schon lange vorbei. Ich habe mein Seminar erfolgreich abgeschlossen, das haben wir beide so gesehen, uns gegenseitig verbal auf die Schulter geklopft, und ich bin pfeifend aus Ihren Räumlichkeiten gehüpft, Ihr Lächeln als mein virtuelles Diplom in der Tasche. Es gibt auch keine akute Gefährdung meiner erwobenen Erkenntnisse – mir geht es gut mit der erfolgten Wäschebergentsorgung. Alles weitere, was erforderlich ist, läuft. Manchmal stockend, aber ich kriege es hin, zu handeln und mich zu wehren, wenn jemand gar zu frech wird.

Manchmal aber wünsche ich mir Ihr kompetentes Ohr zurück. Ein paar Anstöße, wenn ich mal wieder nicht so recht weiß, ob ich das alles richtig handhabe. Natürlich kann ich mittlerweile ein Wäscheschildchen lesen und für mich interpretieren. Ich habe alles, was ich brauche, zur Hand: Waschmittel für Helles und Dunkles, Weichspüler, sparsam zu dosieren, ich habe sogar Fleckensalz, Waschmaschinenenkalker und einen prima Wäscheständer. Es läuft, und zwar recht rund, so pro Waschgang, darf ich behaupten.

Warum also? Was ist mein Problem? Ich scheine nicht loslassen zu können. Das würde man, wollte man es objektiv beurteilen, so beschreiben. Ich hänge offensichtlich noch am Ex-Wäscheberg, den ich eigenhändig entsorgt habe, und kann nicht loslassen. Warum sonst warte ich auf E-Mails, Anrufe und gar Spontanbesuche, die ich schon am Klingeln erkenne? Der Plan war ein ganz anderer. ich wollte nichts mehr hören und sehen. Nichts von ihm, auch nicht von all dem, was noch dran hängt. Aber das ist mir nicht gegönnt. Mein Ex-Wäscheberg sucht meine Nähe, wohlwissend, dass es natürlich aus und vorbei mit uns ist, allerdings auch ohne Ambitionen, an diesem Zustand etwas zu ändern. Nun bin ich aber noch immer seine Vertraute. Wir besprechen Dinge, da könnte man glatt glauben, wir seien die besten Freunde. Wir tauschen Waschtipps aus, er erzählt mir von seinem neuen Kleiderschrank, den er bald bezieht, und tatsächlich sprechen wir über Dates und Flirt(miss)erfolge. Grotesk, echt.

Soll ich mal in mich hineinhorchen, liebe Waschfrau? Was sagt mein Innerstes? Das sagt nichts, es schreit: Lass mich doch endlich in Ruhe! Hass mich doch, bittebitte, wenigstens ein kleines bisschen! Dafür, dass ich dich ausgesetzt habe! Und stell mich nicht weiterhin auf einen Sockel und versuche nicht gleichzeitig mich kleinzumachen mit deinen wohlgemeinten Ratschlägen! Aua! Ja, so in etwa klingt das in meinem Innersten. Wie kann ich mit einer Sache abschließen, die noch ständig um mich herumschwirrt? Ich hatte so schön ausgemistet. Aufgeräumt. Renoviert gar, alles gut, alles neu. Und da hängt er an mir, dieser impertinente Wäscheberg. Wie diese langen weißen Katzenhaare, kennen Sie das? Keine Kleiderbürste, kein Wäschetrockner dieser Welt kriegt die vollends weg. Widerhakige, kleine Biester.

Ich habe mein Umfeld damit schon genervt. Die sagen mir alle, ich soll das endlich sein lassen, mich nur noch um mich kümmern und Abstand halten und den auch einfordern. Und doch nehme ich immer wieder den Hörer ab, lese die Nachrichten, bleibe freundlich. Ich versuchte sogar mal die andere Taktik, verletzend sein, vor den Kopf stoßen. Das klappte, aber nicht mit dem gewünschten Ergebnis. Diese Katzenhaare, zu hartnäckig. Was nun, wenn ich jemand anderes, neues in mein Leben lasse, der gegen Katzenhaare allergisch ist? Eine Zeit lang mag man das noch tolerieren, aber irgendwann … „Entweder die Haare oder ich“, mir klingt das quasi schon im Ohr, und diese Entscheidung … ist eigentlich eine ganz leichte. Eigentlich. Vielleicht sollte ich meinem Gewissen mal in den Allerwertesten treten, dass es mir – zu Unrecht – vorgaukelt, ich hätte immer noch  was gutzumachen. Man stelle sich mal vor, der Ex-Wäscheberg fände in absehbarer Zeit eine neue Bleibe, einen neuen Schrank und eine neue Waschmaschine, die sich mit gewünschter Hingabe um ihn kümmert. Bliebe ich da nicht endlich links liegen? Die Ex- und die Neuwaschmaschinen sind nämlich zumeist völlig inkompatibel und kaum im selben Raum zu halten, weiß Fräulein Erfahrung, zum heutigen Zeitpunkt um einige Falten und graue Haare reicher. Fragte dann noch jemand nach mir?

Ja, liebe Waschfrau, so geht es mir zur Zeit. Im Grunde gut, die üblichen Zweifel, nichts, was mich allerdings verzweifeln ließe. Eine Antwort werde ich nicht bekommen, denke ich mal. Eigentlich schreibe ich Ihnen auch nur, um mich abzulenken. Von anderen Briefen, die geschrieben gehören, zu denen ich mich aber auch nicht überwinden kann. Verdrängen und vermeiden, aber das gehört auch der Vergangenheit an. Wir beide wissen, nicht wahr, wie befreiend ein Brief sein kann. Und deshalb gehe ich das jetzt an. Jawoll. Und wenn ich damit fertig bin, dann folgen vielleicht noch weitere Briefe. Um Dinge endlich abzuschließen, Dinge endlich anzusprechen. Sich von den Worten befreien, die einem schon die ganzen Zeit Herz und Hirn blockieren. Rausschreiben. Freischreiben. Deshalb.

Liebe Waschfrau: danke. Für alles. Vielleicht sogar fürs Lesen, man weiß ja nie, ob und wo man sich ein zweites Mal im Leben begegnet.

Wortstrom: Herz¦los¦welt, Basiskonfiguration

Aufraffen.

Immer wieder aufraffen. Immer weitermachen, nie zurückschauen. Vergangenheit macht schwach. Voran, voranschreiten musst du, Schritt um Schritt, auch wenn es langsam geht, einen Fuß vor den anderen, nicht stehenbleiben. Denn dann stehst du. Stehst.

Und raffen.

Immer weiter raffen, mit vollen Händen raffen. Sammeln, anhäufen, was immer glücklich macht. Was immer dir vorgaukelt, dein Glück zu sein: Raff es auf, lass nichts liegen, was zurückbleibt, geht dir verloren. Auf immer. Das wird dir fehlen. Ewig.

Waffen.

Bau dir ein Schutzschild. Verteidige dich mit Waffengewalt. Lass nichts durchgehen, sondern schieß zurück. Geschütze prallen an deinem Schutzwall ab. Lass nichts durchdringen, es bringt dich sonst um. Dein Schutz, dein strahlendes Lächeln, damit blende deine Gegner. Und dann schlag zurück.

Affen.

Sei dir sicher, jeder macht dir etwas vor. Vertrau keinem, lass dich nie fallen, sei nicht schwach. All die Affen wollen dich nur äffen. Vertrauen macht schwach. Und du willst nicht schwach sein. Nie.

Erschaffen.

Glückwunsch, deine neue Welt ist jetzt perfekt, in der es immer weiter geht, es keinen Stillstand gibt, all deine Sinne unterhält, du dir Glück erkaufst und nie mehr Schmerzen fühlst, dich kein Mensch mehr aufwühlt, und du allein regierst, du kleiner Herr über deine Gefühlswelt. Klingt gut, wie wir’s grad eben konfiguriert haben? Dann unterschreib schnell hier und hier – das ist ein Gratiskuli -, und gib dein Herz bei dem Mitarbeiter an der Kasse ab. Wir kümmern uns um die Entsorgung.

Zitat

Wenn ich mich heute einmal selbst zitieren dürfte: Folgender Beitrag stammt aus dem letzten Jahr, zum Jahresende verfasst, aber nie veröffentlicht. Zum Glück. Ich finde, im Vergleich zu dem, was ich heute so schreibe, zeigt das eine sehr positive Entwicklung in meinem Denken und Fühlen.

– Partielle Lobotomie zum Jahreswechsel gefällig, die Dame?
– Oh gern! Können Sie mir bitte einen Teil des Erinnerungsvermögens abnehmen, und dazu auch das komplette Schmerzempfinden?
– Das komplette? Madame, Sie werden nicht mehr als eine Maschine ohne Herz und Seele sein ohne Ihr Schmerzempfinden…
– Bestens. Ich wollte schon immer so sein wie alle anderen um mich herum…

Wie froh ich bin, dass Madame Contraire doch nicht, wie einst gewünscht, herz- und schmerzlos wurde! Nur um das Drumherum zu ertragen, das sie diesen Wunsch hegen ließ. Stattdessen hat sie ein bisschen ihr Drumherum und ganz viel ihr  Innendrin verändert. Jetzt muss ich sagen, herz- und schmerzvoll lebt es sich so viel besser! Intensiver! Ich bin jedes Mal so dankbar, wenn ich jetzt mein Herz sprechen lassen darf, in Worten, in Taten – es erfüllt mich mehr, so viel mehr, als mich anzupassen und nicht mal bemerkt zu werden. Wer Herz gibt, kann Schmerz bekommen. Kann aber auch Herz zurück bekommen, und – ganz ehrlich – kommt das nicht weitaus häufiger vor? Oder es fühlt sich einfach doppelt so gut an, oder der Schmerz nur halb so schlimm. Es lohnt sich, will ich damit sagen, mit seinem Innendrin und Drumherum aufzuräumen. Da kommen Schätze zum Vorschein, die man lang vergessen glaubte. Und neue werden einem zuteil. Das Herz, eine übervolle Schatzkiste. Man muss es nur öffnen wollen und sich daraus bedienen.

Schmerzgeschenk

Was passiert eigentlich mit zugefügten Schmerzen? Die gehen weg, sagt man. Die heilen aus. Aber wo gehen die hin? Die verreisen doch nicht einfach. Sie verschwinden, manche schneller, manche unendlich langsam. Narben zeugen meist von ihrer verblassenden Existenz. Und irgendwo ist dieses Schmerzauffanglager, eine Unterabteilung der Seelenmüllhalde. Was geschieht dort mit dem Schmerz, dem vergangenen, vergessenen? Er wird sortiert, recycelt. Aus manchem werden Bausteine gepresst, mit der das Bauwerk namens Lebenserfahrung unterfüttert wird. Guter, stabiler Schmerz, der sich zwischen Erkenntnis und Erfahrung mauern lässt. Mancher wird plattgewalzt und auf die Krater gelegt, die er hinterlassen hat. Unnötiger Schmerz. Ein Abschluss meist selbstverschuldeter Dinge. Die Schmerzplatte ist so robust und fest, dass man bedenkenlos über das darüber gewachsene Gras laufen kann. Ob man Erkenntnisse darauf bauen sollte … ich weiß nicht, auf ein hohles Fundament? Es kann funktionieren. Aber auch einstürzen.

Schmerzreste gibt es auch, die beim Pressen und Walzen und Behauen entstehen. Die sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Manche Querschläger schießen hin und wieder direkt ins Herz während des Umformens, auch wenn der Schmerz schon uralt und längst vergessen scheint. So mancher Partikel gelangt auf diese Weise in den Kopf und nistet sich dort ein. Man kann von Glück sprechen, wenn er sich nicht entzündet und schließlich wahnsinnig macht. Besser, wenn man nicht allzu eifrig ans Werk geht, ruhig und mit Bedacht arbeitet und am besten noch Schutzkleidung trägt bei der Schmerzverarbeitung.

Die unbrauchbaren Reste – was macht man damit? Manche lösen sich auf, in Whisky, in Ablenkung, manche lassen sich letztendlich weglachen, wegtrösten, sanft wegkuscheln. Manchmal, ganz selten, werden Schmerzreste in unauffällige kleine Kistchen verpackt – wohin auch damit? – und man neigt dazu, diese Kistchen irgendwo da draußen abzustellen. Mitzubringen, als Gastgeschenk sozusagen. Soll sich doch ein anderer drum kümmern. Soll sich doch jemand anders mal genau so verletzt fühlen. Die Kistchen explodieren, wenn man versucht sie zu öffnen, und so verteilen sich die Schmerzpartikel granatensplitterartig und ohne Rücksicht. Deckung, dieser Angriff bedeutet meist unerbittlichen Herzkrieg. Man kann nur hoffen, dass die auf Schmerz gebaute Erkenntnis rechtzeitig davon abhält, diese kleinen Schmerzbomben unter die Leute zu bringen.

Habe ich auch schon Schmerzkistchen verschenkt? Habe ich auf diese Weise versucht, diese pochenden Splitter loszuwerden, anstatt zu versuchen, sie wegzulachen, wegtrösten zu lassen? Schmerzgranaten, wo Herzgeschenke angebracht gewesen wären? Ich hoffe so sehr, dass ich trotz aller Auf- und Umarbeitung nie vergesse, wie sich so was anfühlt.