Schluss¦aus, aber wirklich!

Er hatte gestern Geburtstag. Ich habe nicht gratuliert. Nicht per Nachricht, nicht mal auf dieser Plattform, die mich mehr nervt als sie mir nutzt. Endlich mal konsequent sein, denke ich mir. Es ist zwar nicht so, dass wir uns je gestritten hätten. Dass wir uns gegenseitig etwas Schlechtes gewünscht hätten – außer das eine Mal, als ich schon längst JBs Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner Vorstellung sind alle Männer nach ihm völlige Idioten. Diese Vorstellung war es letztlich, die mich vertrieb. Also, konsequent keinen Kontakt mehr halten, auch nicht aus Mitleid. Er ist wieder Single, aber das sollte mich am allerwenigsten interessieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich ihn vermisse. Der Gedanke an ihn ärgert mich vielmehr. Ich denke, schuld sind einfach die vielen alten Dinge, die mir jetzt, bei der Renovierung, wiederbegegnen, die kleinen Erinnerungsstücke, die zu meinem Leben gehören. Und vielleicht ist es auch der Blick in die Zukunft. Der mich ermahnt, dass es endlich, endlich Zeit ist, den Schlussstrich zu ziehen. „Okay“, sage ich zur Zukunft, „du hast ja recht. Gib mal den dicken schwarzen Stift, ich zieh ihn jetzt. Den Schlussstrich. Und hepp!“

Das war leicht, verdächtig leicht. Ich schraube die Kappe wieder auf den Stift. Als ich aufblicke, steht JB vor mir und meint: „Es kann doch auch mal leicht sein im Leben. Es ist nicht alles nur kompliziert.“ Ich stimme dem einfach mal zu. Und während die dicke schwarze Linie trocknet und der Geruch von Schlussaus-und-Ende allmählich verfliegt, beschließe ich, dass ab dem gestrigen Datum einfach alles anders ist. Alles neu. Jetzt aber wirklich: Hallo Zukunft!

Rosenregen

Rosenregen

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Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

Ent¦sorgung

Als wenn man etwas losgeworden ist, das einem schon lange in den Füßen herumstand.
Als wenn man altes Gerümpel, an dem man täglich sichärgernd vorbeigelaufen ist, endlich entsorgt hat.
Als wenn man Sachen, die man schon lange nicht mehr braucht, endlich abgeben konnte.
Der freigewordene Platz fühlt sich noch ungewohnt an, war er doch so lange belagert. Sauber ist er nun. Und frei. Ein so lange herbeigewünschter Zustand. Und dennoch, ein wenig Leere ist spürbar. Aber mit Sicherheit findet sich etwas Schönes, Gutes, das man mit dem freien Platz anfangen kann. Einstweilen die Leere – den freien Raum genießen. Und durchatmen. Es ist geschafft. Ent¦sorgt. Sorgenbefreit. Ich freue mich darüber. Sehr.

Wie schön

Sie ist eigentlich gar noch nicht so alt. Dieses Jahr wird sie 56, am 3. Oktober. Wie schön, oder? An einem Feiertag Geburtstag zu haben. Das finden vor allem die gierigen Anverwandten, die den ganzen Tag nichts vor haben und schon zur Mittagszeit wie die Heuschrecken über Braten, Salat und Eierspätzle herfallen. Spätze und Kartoffeln und Erbsen und Karotten. Es gibt bei jeder Feier das gleiche, die Verwandten freuen sich schon darauf, es gibt also kein Entrinnen aus der Küche an ihrem Geburtstag. Oder am Geburtstag ihrer Söhne oder ihres Ehemannes. Der, ob nun sein oder ihr Geburtstag oder der seiner Kinder, immer in gleicher Pose und teilnahmslos im Nebenraum vor dem PC sitzt. Zu viele Menschen. Seit Jahren zu viele Menschen, auch wenn sie keine Gäste haben. Sie gibt ihr Bestes, immerzu, trotzdem ist ihm kein Lob zu entlocken, wofür auch, Pflicht ist Pflicht, und dass ihm ihr Essen nicht schmeckt – noch nie – ist weder seine noch ihre Schuld. Bier füllt den Magen ebenso gut. Und Starkraucher essen sowieso nicht viel. Immerhin spricht er nach dem Schlaganfall vor anderthalb Jahren nicht mehr viel, und sie arrangiert sich damit, dass er das wenige, was er von sich gibt, ja gar nicht so meinen kann.

Am Vortag werden Kuchen gebacken, eine herrliche Fülle von Sahnequark und frischen Früchten, was das Verwandtenherz begehrt. Kaum ist der Mittagstisch abgeräumt, ein kleines Pläuschchen gehalten, während sie in der Küche steht und spült – nein, helfen braucht man ihr nie, sie macht das am liebsten alleine, dann geht es sogar schneller – bringt sie schon das Kaffeegeschirr und zwei Kannen Kaffee, belädt die Teller mit süßen Köstlichkeiten und freut sich, dass Tante Maria ihren Käsekuchen lobt, derweil sich die Neffen und Nichten im Nebenzimmer unter den Rauchschwaden ihres Onkels lautstark um die Playstation streiten. Die Katze hat ein Nierenleiden und erbricht sich still und vorwarnungslos auf ihre Füße. Nicht schlimm, das passiert fast täglich, lächelt sie und wischt das angedaute Katzenfutter fort. Dann lässt sie ihre Gäste kurz allein, der Hund muss noch mal raus, und ihren jüngeren Sohn, dem die verwöhnte Töle eigentlich gehört, will sie nicht wecken, es war spät gestern, sie blieb so lange wach, bis sie den Schlüssel im Schloss und ihn die Treppen hinaufwanken hörte. Und da war es eigentlich schon fast Zeit zum Aufstehen. Sie wollte nämlich noch Bad und Wohnzimmer gästetauglich herrichten.

Es ist ein trüber Tag, aber sie freut sich immer aufs Gassi gehen, egal bei welchem Wetter. Herbie, so heißt der kleine Mischling, Herbie hört ihr zu, wenn sie ihm ihre Gedanken anvertraut. Sie steckt sich, kaum dass sie nach draußen getreten ist, eine Zigarette an. Zigarettenschmal ist ihre Silhouette, auch wenn der Mantel viel zu groß ist. Zigarettendünn ihre Knochen, die sich am ganzen Körper abzeichnen. Ihr Gesicht gleicht einem Totenkopf, sie war schon immer auffallend schlank. Das einzige, was lebendig an ihr wirkt, sind ihre Augen, wenn sie an die Tasse Kaffee denkt, die sie sich gleich gönnen wird. Kaffee und Zigaretten, ja, eigentlich würde sie für sich ja gar nicht kochen brauchen, aber die Kinder müssen etwas essen und die Schwiegermutter auch. Sie wohnen alle unter einem Dach, wie schön, wenn man Familie hat. Seit dem Schlaganfall ihres Mannes und seiner vehementen Weigerung, die Reha geschweigedenn weitere Ärzte zu besuchen, woraufhin er keine Jobangebote mehr erhielt, arbeitet sie noch mehr. Die Gassipausen am Abend und an den Wochenenden sind dann so etwas wie ihre Insel, auf der sie eine kleine Weile abschalten kann. Sie bückt sich, um Herbies Hinterlassenschaften vorbildlich in einer schwarzen Plastiktüte zu verstauen. Schade, dass Herbie ein wenig zu faul ist, um längere Spaziergänge zu machen und daher immer gerne den Acker direkt gegenüber ihres Hauses benutzt. Sie blickt auf und sieht in ihr hell erleuchtetes Wohnzimmer, glaubt Onkel Franzens kahlen Hinterkopf zu erkennen, stellt sich Tante Marias leicht hysterisches Lachen vor – wenn Franz gerade wieder einen seiner obszönen Witze zum besten gibt – und aus dem Nebenzimmer meint sie lautstarken Kinderstreit dringen zu hören. Gleich wird sie wieder den typischen Geruch ihres Zuhauses in der Nase spüren – eingetrocknetes Katzenfutter, Hundehaare und kalter Zigarettenrauch. Wie schön, wenn man weiß, wo man hingehört.

Für I., in meinem Herzen

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.

Einst war Gestern Heute, das Wiederkehrende, das Nun von Morgen, Jetzt.

Das Heute

Ich sitze hier, vor einem weißen Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir aber tobt und rauscht es. Wohin mit all diesen Emotionen, ein Meer, das hart gegen die Klippen der Realität geschleudert und durcheinander gewirbelt wird?

Das Gestern

Ich habe die Erlaubnis, das Schiff meines Herzenskapitäns allein zu entern, er ist noch nicht zurück – wieder eine dieser Besprechungen, in Hochzeiten seiner vielen Aktivitäten sind das bis zu fünf pro Woche. Aber es dauert nicht lange. Sagte er. Etwa bis neun, halb zehn. Ich lese in den Seekarten, fahre mit dem Finger die Längen- und Breitengrade nach, und erst als ich in den Himmel sehe, weiß ich, warum ich so müde bin: halb elf. Gut, dann beziehe ich schon mal die Koje, denn um 0430 beginnt der morgige Tag. Ein besonderer Abend, ein Experiment: Morgen schiffe ich mich direkt von seinem Ankerplatz aus zur Arbeit ein, lege nicht zu Hause an, sondern direkt im Büro. Ich schlafe ein.

Und werde wach. Halb zwölf. Ich vernehme ein Rauschen. Es schwillt an, stetig. Und da rollt sie heran, diese Welle. Eine Welle, die sich mir seit Jahren immer wieder in die Herzküste frisst, ihr die Substanz abträgt und sie offenwundig und bloß zurück lässt. Die Welle, die nichts bestehen lässt. Nichts außer dem Gefühl von Nichtwertsein. Was ist los? fragt die Küste, Angst in der Stimme, warum bin ich allein? Warum schützt mich niemand? – Alles in Ordnung, antwortet der Kopf. Wichtige Dinge. Oder einfach noch ein wenig gemütlicher Austausch, du weißt doch, wie Kapitänssitzungen sind. Doch die Welle rollt erneut heran, beißend, scharfkantig, der Zweifel reißt mit Macht das aufgebaute Vertrauen Stück für Stück nieder.

Das Wiederkehrende

Nein, nichts ist in Ordnung. Er ist wieder da. Dort, wo er nichts zu suchen hat. Aber ich bin stark jetzt. Denke ich. Verteidige meine Küste – mir reißt niemand mehr etwas aus und lässt mich allein und blutend zurück. Ich bin stark und ich bin bereit zu meutern, nicht genau wissend, gegen was eigentlich – gegen die Welle? Gegen den Kapitän, der mich gerade allein lässt? Gegen den alten Schmerz, den ich doch überwunden glaubte? Oder gegen meinen eigenen Verstand, der zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr durchdringt, zu viel Sand ist aufgewirbelt und versperrt mir die Sicht, blockiert mein Hörvermögen, begräbt mein Herz unter sich, mit jedem neuen Atemzug etwas mehr. Mit Mühe halte ich den Sextant, der über Bord zu gehen droht. Ich beschließe ein für alle Mal, nie wieder im Treibsand zu versinken und stehe auf. Ziehe mich an. Zücke das Funkgerät. Formuliere die Nachricht. Keine Sekunde zu früh, ich spüre die Erschütterung des Fallreeps, als ich den Funkspruch absetzen will, aber nicht kann. Zum Glück. Nicht havariert, dieses Mal.

Was los sei, verwundert, ohne jeden Vorwurf, besorgt das Gesicht des Kapitäns. Derweil zimmere ich meinen Verteidigungswall an der zerfressenen Küste zusammen aus dem Treibholz, das mir vom letzten Schiffbruch noch blieb, krumm und schief und alles andere als haltbar. Will ich das Rettungsboot, das auf mich zusteuert, wirklich abhalten? Wo unter all dem Sand ist das Vertrauen? Ich streite noch mit mir selbst, hämmere die rostigen Nägel ins faulige Holz, ziehe sie an anderer Stelle wieder raus, platziere salzverkrustete Kanonen, finde die Kanonenkugeln nicht – bis man mir sanft den Hammer aus der Hand nimmt und die Wahrheit das Holzkonstrukt still zu Staub zerfallen lässt.

Das Einst

Die Welle kam aus der Vergangenheit, als ich unzählige Nächte damit zubrachte, zweifelnd und allein in der Koje, ängstlich und verstört von den unsteten Bewegungen auf dem schwarzen Wasser, und mich fragte, warum ich so wenig wert sei. Was ich falsch machte, womit ich es verdiente, mein Leben lang darauf zu warten, endlich das Ufer zu erreichen. Und statt dessen nach halbdurchwachter Nacht Branntweinatem mir nur fremde Sorgen, Nöte und Hirngespinste in mein Ohr presste, in denen weder mein Name noch meine Person je eine Rolle spielte. Irgendwann gab es keine Küste mehr, kein Land zum Ankern, wellenzerfressen und aufgelöst, nur noch weites Meer. Ich drohte zu ertrinken. Entschied: Einer muss jetzt untergehen, aber ich will es nicht sein.

Das Nun

Ich werfe meine Geschichte wie Ankertaue blind in die Dunkelheit, und mein Kapitän fängt sie auf. Zum ersten Mal fängt jemand meinen Anker mit weit geöffneten Armen, mit festem Blick, mit offenem Herzen. Wie von tausend Händen gezogen erreicht meine Nussschale das Ufer, die neue Küste heißt Verständnis und kennt offensichtlich keine Grenzen. Die Uhr sagt mittlerweile halb zwei. Die Müdigkeit ist irgendwo da draußen im schwarzen Meer geblieben. Anstatt endlich einzuschlafen, werfen wir uns immer wieder Seile zu, immer dünner, immer feiner, wir fangen gegenseitig unsere Fäden auf, verketten sie und weben weiter an unserem Schirm, der ein Baldachin ist, der uns vor Regen schützt, und ein Leintuch, das uns auffangen soll, wenn wir zu fallen drohen. Die Wellen kräuseln sich sanft, bis sie endlich schweigen. Im Traum wandere ich an einer Küste entlang, Wrackteile und gerissene Taue auf dem nassen Sand. Ich weiß, dass es ein Traum ist, das ist die alte Küste, die nicht mehr existiert. Schmerz, der nicht mehr existieren dürfte.

Das Jetzt

Noch schweigen die ersten Sonnenstrahlen, als der neue Tag für mich beginnt. Wackelige Planken tragen mich ins Badezimmer, die heiße Dusche wäscht den letzten Sand aus den Haaren, spült die Algenschlingen fort. Das Salz auf den Wangen vermischt sich mit Geräuschen aus der Küche. Schiffsfrühstück. Morgens um 5. Nie hat jemand so etwas für mich getan. Meinen Meeressturm besänftigt, mir die Kanonenkugeln entrissen, meinen Anker vertäut und mein Herz in Verwahrung genommen. Und mir anschließend Frühstück gemacht. Morgens um 5.

Das Morgen

Ich sitze hier, vor einem gefüllten Blatt. Starre vor mich hin, still, unbewegt. In mir rauscht es immer noch. Wohin mit all diesen Emotionen, glitzernde Wogen, die sanft an eine intakte Küste gespült und von ihr geküsst werden?

Ein Jahr danach

Ein Jahr danach geht es mir gut. Nein, das ist falsch ausgedrückt. Ein Jahr danach geht es mir so gut, wie ich es nicht zu hoffen wagte. Ich wusste, es würde mir gut gehen – es begann schon unmittelbar, nachdem es passierte, als die vier magischen Worte aus mir herausbrachen, dich und mich zerbrachen, obwohl wir doch schon so lange Zeit zuvor aneinander zerbrochen waren. Ich wusste also, ich würde meine eigenen Ziele jetzt endlich verfolgen und sie sogar erreichen. Aber ich wusste nicht, dass es so schnell gehen kann, sich wieder aufzurichen, nachdem man aus großer Höhe in den Staub gefallen ist. Aber so hoch war die Höhe offensichtlich nicht.

Du fragst, wie es mir geht, nach einem Jahr, versuchst die Finger in eine Wunde zu legen, die es nicht mehr gibt. Du wünschst mir nur das Beste, sagst du, und trittst nach: Hoffentlich lernst du erst einmal ein paar Idioten kennen… Seltsam. Das habe ich dir nie gewünscht. Habe gehofft, du findest jemand, der dich vergessen macht, was du verloren hast. Ich würde dir gern weh tun, einfach deshalb, weil du nicht loslassen und mich in Ruhe lassen kannst. Weil du mich immer noch versuchst, runterzuziehen. Aber was würde das bringen? Deine Scheuklappen sind angewachsen, deine Ohrstöpsel, die ich nächtens so gehasst habe, weil du nicht gehört hast, wie ich im Schlaf geweint habe um uns, sind eins mit dir geworden: Nichts sehen, nichts hören, was man nicht wahrhaben will.

Aber ich habe auch keine Lust mehr, mich damit zu belasten, mit deinen Anbiederungsversuchen, deinen Fehlinterpretationen und deinen kleinen Gemeinheiten, die du  dazwischenstreust. „Ich wünsche dir nur das Beste“ – Ach, behalt‘ es doch und hör auf mich zu nerven. Ich steige nämlich aus diesem Irrenkarussell aus, das du mit jeder Nachricht immer noch eine Runde weiter drehst. Ich gehe lieber geradeaus. Die Erkenntnis, dass ich ohne dich so viel mehr bin, ist bitter, aber nicht zu leugnen. Auch wenn das nicht durch Scheuklappen und Watte hindurchdringt – mir reicht vollkommen, dass ich es weiß.

Fear the Reaper

Sensefrau mit Elefantenfüßen sucht
Opfermann mit zerstörungsbereitem Herzen.

Vielleicht hätte ich mal so eine Kontaktanzeige schalten sollen, um klarzustellen, dass mit mir nicht ausschließlich gut Kirschen essen ist. Brav war offensichtlich gestern. Wenn ich auf die vergangenen zwölf Monate zurück blicke, sehe ich eine Spur der Verwüstung, eine breite Bresche, geschlagen mit mittelscharfer Sense, übersät mit zertrampelten Gefühlen. Zumindest vermitteln mir manche Menschen diesen Eindruck.

Ich habe gehofft, dass ich mein Erlebtes ohne große Auswirkungen auf meine Umwelt verarbeiten kann. Anscheinend funktioniert das aber so nicht. Auge um Auge, Schmerz um Schmerz? Oder man interpretiert mich ständig falsch, vielleicht weil ich leicht zu begeistern (und schwer zu beeindrucken) bin und meine Physiognomie kaum kontrollieren kann, sprich: ich lächle sehr viel und sehr breit und dennoch sphingenhaft. Was mir schon alles in mein Lächeln hineininterpretiert worden ist! „Aber bitte, fass mir ruhig an den Hintern, auch wenn wir uns eben erst kennengelernt haben! Ich steh total auf plumpe Anmache.“ – „Natürlich schlafe ich mit dir, denn eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich mich von dir getrennt habe und wieso es mir damit jetzt um ein Vielfaches besser geht.“ – „Ach was, Kinder! So ein Kinderwunsch, der lässt sich ganz fix wegwünschen, keine Sorge.“

Bin ich wirklich selbst schuld? Setze ich die falschen Signale? Ist es verwerflich, einen Weg einzuschlagen und sich dann umzuentscheiden? Woher soll ich denn wissen, was ich will, wenn ich nicht weiß, was es gibt? Ich sehe die vergangenen zwölf Monate als eine notwendige Zeit der Selbstfindung und des Experimentierens an – die Zeit, die mir in der Jugend vollkommen abging. Das war eben so. Mit mir wurde schließlich auch experimentiert, mein Herz wurde ebenfalls in den Staub getreten, meine Seele verbogen, meine Persönlichkeit niedergesenst. Und das war tatsächlich zum großen Teil meine eigenen Schuld. Wir geben offensichtlich die Erfahrungen weiter, die wir selbst gemacht haben.

Und nun, was bleibt noch zu sagen? „Sorry, ne? Ich habe doch üben müssen. Fühlt euch frei mich dafür zu hassen. Aber kommt bitte klar mit euch selbst.“ Hart, irgendwie. Gar nicht meine Art. Oder vielleicht doch? Ich fühle mich mittlerweile angekommen, so ganz und gar, und das macht mich sehr glücklich. Ich habe wirklich nicht mehr daran geglaubt, dass mir dieses, genau dieses momentane Gefühlsglück einmal zuteil werden würde, dem ich jahrelang nachgelaufen bin. Man darf aufatmen; mein Weg ist bis auf weiteres fokussiert und kanalisiert, ich werde nicht mehr senseschwingend nach allen Seiten laufen und weitere Gefühle zertrampeln. Und wenn doch, dann habe ich zuvor die Sense geschärft, den Schwung geübt und leichte Schuhe angezogen – damit es nicht mehr ganz so weh tut, wenn ich mein Unwesen treibe – buhu! Drückt mir trotzdem lieber die Daumen, dass James mich nie wieder aus seinem Aston Martin aussteigen lässt. Sicher ist sicher.

Happiness, redefined.