Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

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Madame und der vierbeinige Mond

Nicht, dass ich mich wieder, wie so oft, in meinem Schmerz ergangen habe, wie die kleine Konversation zwischen mir und mir selbst vermuten lassen könnte. So viel ist da gar nicht mehr. Die Retrospektive habe ich zum größten Teil abschaffen können, auch das Zu-weit-in-die-Zukunft-blicken-wollen. Anterospektive, lehrt mich ein Internetartikel, heißt der Begriff. Natürlich nicht ohne ein wenig Weitblick zu behalten – wobei, den überlasse ich derzeit JB. Eine Frage des Vertrauens, eine neue Lektion in Sachen Liebe und so. Und der Restschmerz verblasst dann auch ganz schnell.

Introspektiv allerdings bin ich nach wie vor tätig – und mit Erreichen kleinerer und größerer Meilensteine, die ich auf meinem Weg durch das Leben quasi en passant erreiche, ist immer mal wieder Zeit, sich das aktuelle Entwicklungsstadium zu vergegenwärtigen. Wo stehe ich jetzt?

Nach einem fulminanten Jahresstart – anders kann ich es nicht bezeichnen – ereilte mich im Hochsommer sowohl ein fieser Infekt (40 °C Außentemperatur, 40 °C Madametemperatur) als auch ein kleines, ebenso fieses Tief, gegraben und geflutet von vielen netten und weniger nett gemeinten Ratschlägen von außen, woher sonst. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich so viel darauf gebe und mir mein Leben dadurch mies machen lasse. Wieder stelle ich fest, dass sich jeder seine eigene Welt so schön oder schlecht redet, wie er will. Anderen Menschen wird darin die passende Rolle auf den Leib geschrie¦b¦en, um so lauter, je deutlicher der Nebendarsteller Protest anmeldet, weil er lieber etwas anderes spielen möchte. Beispielsweise die Hauptrolle in seinem eigenen Lebensfilm (wie vermessen!). Es wird gebogen und manipuliert, dass das Nervenkonstrukt ächzt. Vielleicht hatte es der Infekt deshalb so leicht, sich hinter die fleddrigen Kulissen zu mogeln. Aber ich will nicht hadern. Immerhin hat mir diese kleine Auszeit von insgesamt fünf Wochen (zwei Wochen darniederliegend, zwei Wochen Urlaub, eine weitere halbe Woche halbdarniederliegend) auch diverse selbsternannte Lebensregisseure vom Leib gehalten.

Hatte ich mich davor noch über das mir aufgeschwatzte Drehbuch geärgert, mir an dessen Szenen und Regieanweisungen Herz und Kopf zerbrochen und von selbstgefälligen Hauptdarstellern erzählen lassen, was genau ich beim Schau¦spielen falsch machte und wie ich gefälligst zu agieren habe, lasse ich mich mittlerweile auf keine Diskussionen in puncto Schauspielkönnen mehr ein. Ich bin es nämlich leid, Kameraeinstellungen korrigieren zu wollen, wenn ich der Meinung bin, dass die Perspektive da eventuell etwas verschoben sein könnte. Ich bin es leid, Handlungsabläufe erklären zu müssen, nur um ein Fetzelchen Verständnis für meine Situation zu erheischen. Lohnt sich nicht, ist alles bereits festgeschrieben im unabänderlichen Drehbuch aus der Feder jener Lebensregisseure, die keine weitere Revision desselben gestatten.

Künftige Regieanweisungen? Ich freu mich schon drauf:

– „!!!“
– „Der Mond hat vier Beine, sagst du? In Ordnung, der Mond hat vier Beine. Nein, wenn du dir da sicher bist, hat der Mond eben vier Beine. Doch, tatsächlich. Ein vierbeiniger Mond. Der Mond hat vier Beine? Der Mond hat vier Beine! Absolut.“
– „???“

Man glaubt es kaum, aber seit dieser Erkenntnis, dass es völlig egal ist, was man ebensolchen Personen entgegensetzt, dass man sich am besten keine weiteren Gedanken darüber macht und damit Hauptdarsteller seines eigenen Lebens bleibt, geht es mir erheblich besser. Der Infekt abgeklungen, das kleine Tief durchwandert, Madame schwimmt wieder obenauf und genießt das Leben wie selten. Das alles beflügelt mich so sehr, dass ich zwei neue Projekte begonnen habe, langgehegten Ideen für Haus und Hof Taten folgen lasse und mich vor allem weder mit Zukunft noch Vergangenheit streite. Erstere kommt sowieso. Letztere war schon da und ist bereits abgereist. Ich spüre die Bretter, die die Welt bedeuten, unter meinen Füßen vibrieren und genieße es, der gefeierte Star in meinem eigenen kleinen Theater zu sein. Und es ist mir ganz schön scheißegal, ob der Mond nun vier Beine hat oder acht oder gar keine. Ihm wahrscheinlich auch.

„Spieglein, Spieglein … oh. Kaputt.“

Der Spiegelbildeffekt: Menschen halten anderen genau das vor, was sie an sich selbst am meisten stört. Mir ist in der letzten Zeit recht Unangenehmes begegnet – unangenehm, das ist meine eigene, contrairsche Definition der momentanen Situation, jeder andere mag damit weniger Probleme haben und besser damit umgehen können als ich. Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich einen Spiegel um den Hals hängen, in den meine Mitmenschen hineinblicken und sich ob des Gesehenen empören. Da ist die junge Dame, die mich anherrscht, ich bräuchte sie wohl kaum derart anzuherrschen, obwohl ich die Stimme nicht einmal erhoben habe. Da ist eine andere, nun ja, Dame, die mir zu verstehen gibt: Sollte ich weiterhin in diesem Ton mit meinem Umfeld sprechen, hätte ich bald kein Umfeld mehr, das sich gerne mit mir abgibt. Da ist zum dritten, wer hätte es geahnt, noch eine weibliche Person, die mir Veräumnis und möglicherweise ein freches Mundwerk bescheinigt – mit einem ebensolchen Ton am Leibe und ganz offensichtlich Watte in den Ohren, die den Informationsfluss deutlich hindert und mindert. Spiegel¦bild¦defekt?

Überhaupt lerne ich langsam verstehen, weshalb ein Sündebock für alles, was nicht rund läuft, eine formidable Sache ist, solange man es nicht selbst ist. Glücklicherweise ist mein näheres Umfeld (oh ja, das gibt es noch) bereit, sich fast täglich meine derzeitigen Sorgen anzuhören und mir den Rücken zu stärken. Oder so ähnlich. Zumindest weiß ich, dass sie es wollen, auch wenn es als wohlgemeinte Ratschläge verpackt ist. Das Nicht-mit-sich-machen-lassen ist so eine Sache, genau so wie das Mal-auf-den-Tisch-hauen. Nie praktiziert, bin ich darin natürlich etwas ungeübter als andere und lasse mich dann gerne verunsichern, wenn wieder einmal mein Ton kritisiert wird, den ich an mir haben soll. Dann blicke ich verstohlen an mir herab und suche ihn, diesen Ton, der andere so stört, der an mir hängt wie die berühmte Bahn Toilettenpapier, die ich versehentlich irgendwo abgekriegt haben muss. Ich stelle mir vor, mein Ton ist eine blecherne Fahrradtröte, mit einem roten Gummiball, die mir irgendwo unerreichbar an der Kleidung angenäht wurde, und die jedes Mal ertönt – „Möööp!“ – wenn ich mich irgendwie bewege und an etwas stoße. „Möööp, möööp!“ – „Verzeihung! Mein Ton schon wieder! Wenn ich den zu fassen kriege …“

Ich vermute, dieser Spiegel, den ich da um den Hals hängen habe, wirft nicht nur Licht und Abbild zurück, sondern potenziert auch die Laustärke, mit der man ihn anspricht. Sprechen, auch so eine Definitionssache. Die Kommunikationswege haben sich in unserer Zeit vervielfältigt, und nie fiel es so leicht, einen anderen Menschen offen zu beleidigen, als über die sogenannten modernen Medien – altbekanntes Problem. Ein Zerrbild unserer Wirklichkeit, ein stummes Sich-Anschreien, bei dem man tatsächlich nicht mehr als das Klackern der Tasten vernimmt – und da bescheinigt man mir wiederum einen Ton, den ich doch gar nicht von mir gegeben habe? Die Enter-Taste vielleicht ein wenig zu heftig betätigt, das könnte es gewesen sein. Seither schweigen die Tastentöne konsequent.

Das berühmte dicke Fell, ich habe es noch nirgends auffinden können, vermute aber, dass es einen hohen Preis hat. Möchte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Nicht, solange es Menschen gibt, die mir gerne zuhören und mich trösten können. Ja, Trost und Zuspruch sind, wenn auch zeitverzögert, mein dickes Fell, mein geteiltes und daher halbes Leid. Leider leidet mein Herz darunter, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Ein Gefühl, als hänge einem ein Schaufelradbagger am Herzgewebe und grübe sich immer tiefer hinein. Konsequenzen sind, im Kopf zumindest, bereits abgesteckt, es gilt noch eine kleine Weile durchzuhalten, bis diverse Dinge erledigt sind und sich nachher wieder alle auf die breiten Schultern klopfen, die ja ach-so-viel getragen haben. Was ich in meinem Herzen trage, das trage ich nicht nach außen.

Und so spiele ich eben den Spiegel, sündenbocke ein wenig vor mich hin. Wenn die Contenance fast bis zum Zerreißen gespannt ist, hilft mir Freundlichkeit durch den Tag. „Verlogenheit“ bezeichnen die Spiegelnutzer das hinter vorgehaltener Hand. Aber auch nur, weil sie’s ärgert. Und weil ihre eigene Freundlichkeit womöglich gelogen ist – der Spiegelbildeffekt, vermutlich wieder. In meinem Kopf zitiere ich die bösen Stiefmütter und Stiefschwestern dieser Welt: „Spieglein, Spieglein der ollen Contraire, warum ist die so, wie ich gern wär‘?“ Welch schöne Mär. Madame strafft ihre Schultern und legt ein Lächeln auf. Aus dem Spiegelmeer lächelt es zurück.

[…]

Ex¦tern¦herz

Und so sitze ich auf deiner Bettkante, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln. Die Leere in mir lässt nichts spüren. Lässt deine Wärme nicht in mich hinein, ein hölzernes, eckiges Behältnis voller Leere. Ich habe mein Herz verlegt. Irgendwo da draußen streunt es umher wie ein ausgesetzter Hund. Ich suche nicht, ich habe es selbst weggeschickt. Manchmal muss man sich auch solcher Dinge entledigen, die eigentlich gut sind. Das gesunde Maß ward überschritten, es gibt von allem ein „zu viel“, auch vom Herzen. Wenn allzuviel Herzblut fließt, wird es empfindlich schwach und angreifbar. Es musste einfach mal raus..

Ich habe es beurlaubt, damit es sich erholen kann. Ertrug den Schmerz darin nicht mehr, denn es war kein sinnvoller Schmerz, es war unnötiger Stress und unsinnige Aufregung. Nichtigkeiten, im großen Kontext gesehen, fremdverschuldet von unwichtigen Menschen, doch herzinnerlich mit großem Druck potenziert, wieder und wieder. Und nun steht das Herzkästchen leer, die Läden sind geschlossen. Die Vertretung, Rationalität, hat alle Hände voll zu tun, denn Frau Contenance meldete sich zu Beginn der Woche ebenfalls krank und überließ der wilden Contraire das weite Feld, frei von jeglicher Selbstbeherrschung. So ist das mit verlegten Dingen: im einen Moment werfen wir sie achtlos beiseite, im nächsten benötigen wir sie wieder und stehen dann betrtoffen und mit leeren Händen da.

Ich blicke von außen auf mich herab, wie ich auf deiner Bettkante sitze, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln, während extern mein beurlaubtes Herz überquillt vor Heimweh. Leihst du mir deines, solange meins sich erholt?, möchte ich dich fragen. Und kann es nicht. Mein Herz hat seine Sprache in die Auszeit mitgenommen, sein gutes Recht. Und mir fehlen sie nun beide, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie gesund wieder nach Hause kommen.

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary I

Depend on yourself!

The f-word. One of the least distinguished expressions but seemingly fitting in this context: Women, depend the f* on yourselves. Aber der Reihe nach:

Du kommst nach Hause, hast es dir schön warm gemacht. Endlich rechtfertigen die Temperaturen das flackernde Feuer im Ofen, und deine Katzen liegen schon, alle viere von sich gestreckt, davor und warten nur noch auf ihre Streicheleinheiten. Du lächelst. Die letzte Zeit hat Wundersames hervorgebacht. Endlich spürst du das, wonach du ein gefühltes Leben lang gesucht hast: Zufriedenheit. Du siehst dich um in deinen vier Wänden, lächelst noch immer, und da fällt ganz spontan der Entschluss: Heute.

Die Außentreppe ist bereits freigeräumt, alle Türen stehen sperrangelweit offen, und der Möbelroller ist platziert. Du schiebst die schwere Ledercouch quer durchs Wohnzimmer, am Arbeitszimmer vorbei durch die Küche und in den Flur. Bleibst an diesem vom ständigen Hin- und Herrücken ramponierten Schuhschrank hängen. Schiebst ihn in das angrenzende Zimmer und die Couch vorbei bis zur Haustür. Sie geht nicht um die Ecke. Einen kurzen Moment überlegst du, deinen Vater anzurufen, auch wenn die halbe Nachbarschaft schon neugierig in deine offene Haustür blickt und mit Sicherheit ein netter, starker Mensch bereit wäre, dir aus deiner misslichen Lage zu helfen. Auch Papa würde alles für seine Prinzessin tun, aber gerade das willst du nicht, nicht heute. Du stellst also die Dreisitzercouch aufrecht auf die schmale Seite. Sie dürfte gerade so durch die Tür passen – wenn der eine Fuß nicht an der Wand hängenbleibt. Nicht schlimm. Nur ein kleiner Kratzer. Du hast noch Farbe im Keller. Und es ist deine Wand. Mit der Farbe, die du ausgesucht hast. Die Couch lässt sich drehen, sie passt exakt durch die Türöffnung, und du lässt sie wieder ab. Schief hängt sie auf der marmornen Treppe. Mittlerweile blicken die Nachbarn unverwandt und ganz ohne Vorhang auf das, was sich da in deiner Haustür abspielt. Der Bus kommt gleich, die Bushaltestelle gegenüber steht voll mit starrenden Menschen. Strange little lady…

Aber das spornt dich noch mehr an. Du ziehst die schwere Couch Zentimeter für Zentimeter die Stufen herab, vergewisserst dich, dass sie nirgends hängenbleibt, kippst die Couch etwas auf die Seite, damit der hintere Fuß über die Türschwelle gleitet, ohne Spuren zu hinterlassen. Und selbst wenn, es ist deine Türschwelle. Teuer bezahlt, vom Schreiner gefertigt und eingebaut, weil’s dem feinen Herrn nicht gut genug sein konnte – aber du hattest ja Geld, also beauftragt man den Fachbetrieb. Der Urlaub in diesem Jahr fiel aus, ihn störte das weniger. Aber nun steht die Couch auf den letzten Stufen, einmal, zwei Mal noch ziehen, und sie steht im Hof. Es nieselt. Du platzierst den Möbelroller, den du griffbereit auf die Treppe gestellt hast, wieder unter der Couch und schiebst sie in die Garage. Die mittlerweile leer ist. Du hast in den letzten Monaten die Hinterlassenschaften deines Ex-Messies zum Müll und auf die Deponie gebracht, so viel, dass die Leute im Dorf schon Gerüchte in die Welt setzten, dein Haus sei – endlich! – wieder frei und zu verkaufen. Wie soll eine kleine Frau auch in der Lage sein, ein Haus alleine zu halten, ich bitte Sie!

Als du den Schuhschrank wieder in Position bringen willst, verzieht sich der Rahmen noch ein bisschen mehr, die Schubladen hängen noch weiter durch und lassen sich nicht mehr schließen. Er hatte ihn damals gekauft, „weil DEINE VERDAMMTEN SCHUHE hier überall rumstehen!“ Du hast nichts gesagt, fandest das Design einigermaßen schrecklich, aber zweckmäßig. Kurzerhand holst du den Kreuzschlitzschraubendreher aus deinem Werkzeugkoffer – ja, du hast so etwas, und den besten Daddy der Welt – und schraubst die Schubladen heraus. Wenig später liegen deine Schuhe auf dem Boden, so viele sind es gar nicht, und die Motorradstiefel kannst du eigentlich getrost in der Garage aufbewahren – die Saison ist vorbei und du brauchst sie ohnehin nur alle Schaltjahre einmal. Und diese Pumps, die er dir mal gekauft hatte – „Irgendwie ziemlich nuttig, aber geil“ – die brauchst du jetzt auch nicht mehr. Die verbleibenden Paare finden ihren Platz im anderen, noch intakten Schuhschrank, dort, wo seine früher standen.

Dein Wohnzimmer sieht jetzt viel größer aus. Du brauchst eigentlich auch nur eine Zweisitzercouch. Und den Lesesessel natürlich. Du blickst an dir herab. Deine schwarze Hose ist staubig. Dein Nagellack zerkratzt. Dein Herz hämmert in deiner Brust, aber weniger vor Anstrengung, als vor Freude. Proud as f*. Independent, finally. Und ein klein wenig ärgerst du dich über dich selbst, jetzt, als du mit schmutzigen Fingern auf der Tastatur herum hämmerst, auf der Suche nach einer hübschen kleinen Kommode, dass der Gedanke an ihn dich immer noch zu schlechten Erinnerungen hinreißt. Das wird das nächste sein, was bei dir rausfliegt. Diese Erinnerungen. Fabelhafte Unterstützung für dieses Unterfangen kommt in Form einer Textnachricht.

„Business parters‘ cancelled dinner tonight. Would you like me to come over?“ Einmal noch, bitte! Dann sage ich es nicht wieder: „F* yes!“

 

P.S.: Der SpankyinLondonverteilbericht folgt auch noch. Die Zeitverflugsgeschwindigkeit läuft wieder auf höchster Stufe.

P.P.S.: Happy Blogiläum! Ich habe es auch dieses Jahr wieder verpasst, pünktlich zum Blog-Geburtstag einen Eintrag zu schreiben, in dem ich mich bei euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren bedanken wollte.

Sprach¦los¦worte

Seit Madame gelernt hat, wie man spricht und dass es weitaus zielführender ist, Wünsche durch Kommunikation und nicht durch stumme Blicke und Gedankenbeschwörung zu äußern, was die Erfüllung selbiger in sehr viel nähere Reichweite rückt, plappert sie gerne drauflos, ohne groß den Hirnfilter dazuwischen zu schalten. Das ist herzerleichternd und oft jamesbonderheiternd. Und ehrlich. Einer von vielen glücksfördernden Faktoren.

Und so sprechen sich Tag um Tag eine Menge Soglücklichwienochnies und Sofrohdassdudabists und auch das ein oder andere Habdichlieb. Sie plätschern durch die Nacht, wenn Madame und JB sich aneinander festhalten müssen, um nicht davonzufliegen, weil sie’s einfach noch nicht fassen können, reihen sich buchstäblich wie silbrige Perlen mit einem Pling oder Plong auf der medialen Kommunikationsschnur aneinander. Eingebrannt ins Display, eingestickt mit einem Purpurfaden in das Herzgewebe.

Da sind aber noch andere Worte, solche, die nicht so einfach von den Lippen perlen. Die Worte, die man denkt und die man zurück hält, verschließt und versucht, sie durch die Augen schimmern zu lassen. Vor lauter Bedenken, dass sie irgendwie blöde klingen. Vor lauter Scham, der erste gewesen zu sein, der sie benutzt. Vor lauter Angst, dass sie nicht durchdringen, nicht erwidert werden. Vor lauter Panik, den falschen Zeitpunkt erwischt zu haben. Und dann kommt einer dieser Abende. Einer dieser schönen, entspannten Abende mit Freunden, alles ist gut. Nur der Herznächste, der ist physisch nicht anwesend. Die mediale Kommunikationsschnur aber ist gespannt. „Ich liebe Dich“ plingplongt es auf der anderen Seite. Und schon schießen Madame Bedenken, Scham, Angst und Panik zugleich in Kopf und Magen. „Jetzt ist es gesagt“ schicke ich nach, eine laue Entschuldigung. Kein Antwort-Plingplong. Selber schuld, Madame.

Und selbst wenn er das doof fand! Ich lass‘ mir mein Herz nicht verbieten! Soll er’s doch sagen, wenn er das doof fand! Mir egal, es war immerhin nicht gelogen! Doofmadame. „Je ne regrette rien“ plingplonge ich dann am nächsten Tag. Angriff ist die beste Verteidigung. Das Wiedersehen tags darauf fällt so wie immer aus, und ich vergesse einfach, was passiert ist. Ich kann damit leben, was ist schon Reden, wenn man Fühlen haben kann. Zudem beschäftigt mich auch noch meine immer noch anhaltende Erkältung, und daher bin ich schweigsamer als sonst, sehne mich nach meinem Kissen und der Nachtruhe. Die Augen geschlossen, das Hörvermögen noch aktiviert, aber bereit zum Herunterfahren, treten diese Worte an mein Ohr: „Ich liebe dich natürlich auch. Das wollte ich dir aber persönlich sagen. Ich liebe dich.“ Ploiing, hellwach. Und da wird mir die ganze Tragweite bewusst, als ich überlege, wie ich gerade aussehe: zerzauselt, aus glasigen Fieberaugen in blitzendblaue Lachsonnen starrend, mit rotgeschneuzter Nase und krankverschwitztem Schlafshirt. Wenn das nicht die absolut goldrichtige Situation ist, dann weiß ich auch nicht. Siebenzueins für JB.

Und ich? Schweige. Stillvergnügt. Und ein wenig entsetzt. Mir selbst kommen nämlich keine Worte über die Lippen. So gerne ich möchte, sie kommen einfach nicht, sie trauen sich nicht, immer noch nicht, obwohl doch alles gut ist. In der Hinsicht bin ich sprachlos. Wortleer und gefühlgefüllt.

Siebenmeilensteine

Ich will. Schreiben. Ich will endlich schreiben. Aber es passiert nichts in meinem Kopf. Manchmal überfallen mich Gedanken, aus denen sich was bauen ließe – was genau dabei herauskommt, das weiß ich anfangs nie, aber einmal angefangen zu formulieren, wächst ein Textchen, ein Gedichtchen meist schon ganz von selbst. Aber auch das will mir nicht gelingen.“Zu glücklich“, klagte ich dieser Tage. Und, ehrlich gesagt, auch ein wenig überdrüssig, immer wieder über mich und mein Leben zu referieren. Seien es die ach-so-neuen Erkenntnisse, dass es mir jetzt abermillionenmal besser geht als noch vor 14 Monaten (14,5 Monaten, will man genau sein) oder diese verflixt-klebrigen Scheißherzchen allüberall, die sich an jeden Gedanken heften, der sich in meinem Kopf entspinnt. Kürzlich las ich, dass der Körper sich nach 12 bis 24 Monaten an diesen Rauschzustand biochemischen Ursprungs gewöhnt hat. Es besteht also noch Hoffnung.

Derweil ich auf der Oxytocinwelle schwimme, fallen mir leider nur die neusten Entwicklungen in meinem nicht-mehr-ganz-so-neuen Leben ein, über die ich berichten könnte: Ich habe Sperrmüll angemeldet. Oh ja, ein nicht zu unterschätzender Schritt! Aber auch nur, weil es tatsächlich dringlich und notwendig wird; der zukünftig vom gesammelten Sperrmüll befreite Platz muss mit Feuerholz für den Winter bestückt werden, und das muss ich zeitnah ordern, sonst geht es mir wie im vergangenen Winter, dass ich nichts mehr bekommen habe und vor der Wahl stand, von überall her Restholz zusammenzukratzen oder mir den hübschen Hintern abzufrieren. Und da ich ja Verantwortung für zwei Katzen habe, die nichts in der Welt mehr lieben, als sich fett und faul vor dem Ofen auszustrecken, entschied ich mich fürs Holzbetteln.

Mittlerweile funktioniert unsere Mensch-Katze-Beziehung sehr viel besser als noch zu Beginn unseres mehr oder minder fremdarrangierten Zusammenlebens. Seit meine Scheidungskinder Freigang haben, habe ich weniger Mord- und Tierheimabschiebegedanken, weniger (und doch noch beachtlich viele) Katzenhaare (überall. Wirklich. Überall.) und bessere Nerven. Katzpfotige, schnurrnasige Meilensteine. Bliebe tatsächlich nur noch, an mir selbst zu arbeiten, nachdem Haushalt und Heimtierpflege offensichtlich in besseren Bahnen laufen.

Mein Schneckenhaus war mir ein begehrter Rückzugsort in allen Lebenslagen. Brach ein Stürmchen los, zog ich ruckzuck die Fühler ein und wartete, bis es vorüberzog. Fremde Menschen, neue Herausforderungen? Hach nein, daheim im Häuschen ist noch so viel zu tun! Aber ich arbeite daran. Zwinge mich nach draußen. Buche einen Flug und ein Hotelzimmer und hoffe, dass ich nicht aufgefressen werde, wenn ich ohne Schneckenhaus, aber mit ganz viel Lust und Vorfreude im Gepäck demnächst ganz allein verreise. Nix besonderes? Für mich schon. Es bedeutet für mich einen gewaltigen Schritt nach vorne und eine ganze Fülle an neuen Erfahrungen: nicht nur die Reise selbst, alleinst und höchstselbst geplant, und die große Stadt; vorallem sind es die voraussichtlichen Begegnungen, fernab vom PC, über den es so viel leichter ist zu kommunizieren, wenn man sich nicht dabei in die Augen sieht … Herz¦mit¦teilen ist offensichtlich ungemein einfacher als Augen¦blicke¦teilen. Was muss ein Mensch manchmal so alt werden, um Dinge zu tun, die für andere völlig selbstvertändlich sind…

Ha, und da hat sie’s schon wieder getan, die Madame! Über ihr ach-so-tolles-neues Leben referiert. Langweilig! Und deshalb, ich habe es mayumi versprochen, hier die Auflistung der häufigsten Suchanfragen, die bisher hierher geführt haben:

    • Platz eins belegt, wer hätte es gedacht: mme contraire – Fühlst du dich angesprochen? Ich weiß, wer du bist. In echt.
    • was tun gegen katzenexkrement auf fußnoden? – Herrlich. Egal ob Fußnoden, -boden oder -hoden, ich gebe hier den ultimativen Geheimtipp: aufwischen.
    • pubertierende schwärmt für erwachsene – Möglicherweise kokettiert die pubertierende Menschheit mit einem höheren Entwicklungsstadium, nur eine Vermutung.
    • bella blond im möbelmarkt – Na danke.
    • pulververschwörung – Guy Fawkes lässt grüßen
    • liebesverlust geschmolzene herzen – Geht es bei mir wirklich so schwülstig zu? I am deeply sorry!
    • müde glanzlose augen – Oft ein Zeichen von Überlastung. Kenne ich. Kannte ich.
    • wortbasteleien – Gibt es bei mir auch.
    • vom braven mädchen zum metaller – Hell yeah. Grüße an Frau Knobloch an dieser Stelle.
    • ektorp sitzkissen verliert federn – Bitte wenden Sie sich an Frau Blond ein paar Punkte weiter oben … Schweinerei, das.
    • gehen, bleiben Lope de Vega – Stimmt, darüber habe ich auch mal was geschrieben.
    • oh contrair – Ja, fast.
    • fräulein contraire – Ach, dankeschön, ich erröte …
    • will contenance werden – Ich auch, mein(e) Liebe/r. Ich auch.
    • 11 Stunden nach einem Waidwundschuss – …ist die Jägerin wieder auf der Pirsch. Was dachtest du denn?
    • was ist drin im lebensrucksack – Über¦lebens¦ge¦wichtiges?
    • geschrammel cash – Still a burning thing

Warum tun wir das? Ich könnte mich genau so gut über solche Suchanfragen (auch wenn diese hier weit weniger spektakulär sind) still und heimlich beömmeln, ohne euch damit zu belästigen. Aber statt dessen breite ich sie vor euch aus und kommentiere sie auch noch. Vielleicht, weil ich momentan nicht viel Kreatives zu sagen habe. Aber, wie schon gesagt: es besteht Hoffnung. In 12 bis 24 Monaten.

Betrachtung der Differenz zwischen Präparations- und Verzehrtemperatur im kausalen Zusammenhang mit strapazierten Nervenenden

denn: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Das sollte man sich eigentlich immer vor Augen halten, wenn es zu vermeintlich überhitzten, zwischenmenschlichen Situationen kommt. Auch sollte man dabei ins Auge fassen, sich nicht nur auf eine kritikformulierende (Hitze-)Quelle zu verlassen, wenn schon mehrere Personen zitiert und damit involviert werden, sondern sich die Mühe machen, betreffenden Beiköchen seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Letztendlich, man kann es sich denken, wurde im Fall Mme C., ihr Egoismus und dessen negativer Effekt auf ihr gesamtes Sozialleben einmal wieder viel zu heiß gekocht, und am Ende wartete ein nur mehr lauwarmes und obendrein fades Gericht auf mich. Eine Arbeitswoche voller Grübelei und Selbstzweifel, und das auf beiden Seiten – wenigstens widerfuhr mir hier ein wenig gefühlte Gerechtigkeit – quasi für die Katz‘.

Was also tun bei bis fast an den Verbrennungspunkt erhitzten Themen, bevor sie auf dem Teller vor einem landen und man sich die Gosch’n vor lauter Hast dran verbrennt? Mme Contraires Konterrezept:

1. Stehen lassen. Ein wenig ignorieren, was gesagt wurde, ein wenig so tun, als hätte man verstanden und die Sache wäre längst gegessen. Dabei steht der dampfende Teller noch am Fenster, die Umgebungstemperatur tut ihr Übriges, und in der Zwischenzeit kann man sich mit harmloserem Geplänkel und neuen Plänen beschäftigen. Und seinen Selbstwert wieder ein wenig wachsen lassen. Ablenkung ist manchmal eine hervorragende Zutat.

2. Pusten. Also den Mund gebrauchen und reden. Nicht gerade mit dem Koch oder der Köchin, der/die ist zu beschäftigt mit Anheizen und verfrühtem Anrichten. Ich wählte drei nahestehende Menschen, die nicht auf der Gästeliste des Festmahls standen. Zwar wurde mit (tatsächlich gutem) Rat aufgewartet, den aber benötigte ich nicht, denn allein der beim Reden erzeugte Luftstrom machte mir a) natürlich Luft und trug b) dazu bei, dem erhitzten Gericht noch ein wenig mehr an Temperatur zu nehmen.

3. Umrühren. Wenn alle Gäste schon am Tisch versammelt sind, beherzt zum Besteck greifen. Die Bereitschaft, die Brocken zu schlucken, kann man nicht deutlicher demonstrieren. In meinem Fall legte die Köchin noch einen kleinen überhitzten Gruß aus der Küchen obenauf, der sich aber schnell der nun verzehrfertigen Speise durch ostentativ entspanntes Umrühren derselben auf dem Teller anpasste und damit sang- und klanglos in der Masse verschwand.

4. Zuprosten. Ein wenig Friede, Freude, Eierkuchen und ein wohlgenutzter Moment, die Lage – auch wenn die Teller bereits abgeräumt sind – noch einmal aus anderer Perspektive subtil thematisieren zu lassen und das Ganze schließlich in einem geselligen Glas Whisky-Cola vollends zu ertränken.

Besser konnte meines Erachtens der Abend gar nicht laufen. Der abschließende Dessertwein in Form von extrem gut kaschierten Lob für die Sache, die zunächst so negativ hochkochte, ging mir runter wie kaltgepresstes olio d’oliva extra vergine. Ganz am Ende, vielleicht war es tatsächlich ein Bedürfnis, mir das mitzuteilen, stand die abschließende Aussage, der Herd habe derzeit halt hin und wieder ein paar technische Probleme aufgrund von Stromschwankungen. (Was mich nicht wunder nimmt; so ein kleiner Braten im Rohr verursacht wohl tatsächlich, dass die Herdplatten weiter oben hin und wieder durchbrennen.) Seither schwelgen wieder alle in Harmonie. Und ich habe beschlossen, dass ich weder daran noch an mir etwas ändern werde.

Wohl bekomm’s!

Wunder gibt es immer wieder …

… sei es, dass mich die Telekom nach jahrelang anhaltenden Ärgernissen dieser Tage so positiv überrascht hat, dass ich zweifelnd zum Kalender griff, um auszuschließen, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Oder sei’s, dass Madame endlich den Mut aufgebracht hat, sich wieder in ihrem Vorgärtchen blicken zu lassen. Zeit ist leider immer noch der entscheidende Faktor dafür, dass es hier sehr vereinsamt und verwildert ist. Mein heißgeliebter Job hat mich die letzten Monate sehr gefordert, ich habe Dummheiten begangen wie am Feiertag ein paar Stündchen arbeiten, im Urlaub nur schnell noch dies und das erledigen … Es pressierte schließlich, ein wichtiger Auftrag hing von der pünktlichen Abgabe ab und ich mache ja nichts lieber, als meinem Chef den Hintern zu retten…

Freitag, 17 Uhr 05: Madame schickt die letzten bearbeiteten Dateien weg.
Montag, 08 Uhr 15: Aus dem Postfach grinst mir eine Benachrichtigung entgegen, die mich wiederum dazu brachte, das Datum anhand des Kalenders zu prüfen. „Äh, das waren doch die Dateien, die wir gar nicht mehr brauchen, weil der Auftrag nicht zustande kommt?“ Vor meinem geistigen Auge rieselten die am Schreibtisch verbrachten Stunden zu einem Häuflein Staub zusammen. Die enttäuschten Gesichter von Familie und Freunden, wenn ich mal wieder nicht dabei sein konnte. James, der mich in der letzten Zeit zum Aston Martin tragen musste, weil ich zuvor schon längst mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war.

Nun denn, was soll’s, sowas passiert, sowas wird immer wieder passieren. A propos wiederkehrender Mist: Da glaubt Madame, sie habe endlich so etwas wie Frieden gefunden, ein Plätzchen zum Sein und Träumen, ein bisschen ausspannen noch, bevor das Leben in all seiner Schnelligkeit und Launenhaftigkeit wieder voll zuschlägt – und schon hagelt es Kritik von mehreren Seiten. Am Ende des Tages fragte ich mich: Bin ich wirklich ein so schrecklicher Mensch? Bin ich wirklich blind, falle ich tatsächlich in alte Muster zurück, obwohl es mir doch so gut geht und ich endlich, endlich in der Lage bin, mein Leben zu genießen? Anscheinend schon. Anscheinend bin ich nie und niemandem gut genug, am wenigsten mir selbst. Und leider, auch wenn sich Madame Contenance den stimmigen und durchaus zutreffenden Teil der Kritik zu Herzen genommen hat, leider ist da noch die kleine rebellische Contraire, die am liebsten genau jetzt ihre Koffer packen und der ganzen Bagage den Rücken kehren möchte, auf dass sie sehen mögen, was sie angerichtet haben. Mach ich natürlich nicht. Aber den Kritikern zukünftig die Füße küssen, den Nörglern eine Puderzuckeranwendung verabreichen, ich weiß nicht, ob ich das kann.

Ist es Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, andere so sein zu lassen, wie sie sind? Ist es verwerflich, sich in jemanden hineinversetzen zu können und zu sagen: Ich verstehe dich? Ist es einfach nur idiotisch, jemandem in einer schwierigen Situation Zeit zu gewähren? Mein Verstand sagt mir: du funktionierst nicht richtig, du bist nicht auf dem Weg, auf dem andere dich gern sähen. Mein Gefühl sagt: es ist nicht gerecht.

We’ll love you just the way you are if you’re perfect …

 

Lebens¦zeich¦n¦en

Du liebe Güte, wie sieht es hier nur aus? Verspinnwebte Ecken, eingestaubtes Wortmaterial, die Schmiede voll mit Fragmenten und Gedankenfetzen – doch kein neues Werk in Sicht, keine Pläne, keine Skizzen. Wie lange war ich weg? Dem Gartenzweg hat’s die Mütze vom Kopf geweht, nachdem meine beiden Famoskommentatoren meine About-Seite erneut und scheißherzchenstapfend vandalisiert haben – zurecht, meine Lieben, doch musste der Kuhfladenangriff auf die geschlossenen Läden wirklich sein? Jetzt sitze ich hier und kratze wort¦wörtlich die Scheiße aus den filigranen Holzlamellen.

Real kratze ich auch gerade das letzte bisschen Scheiße aus meinem Leben. Leider habe ich dazu nur ein dünnes Nädelchen namens Zeit und ein Miniskalpellchen Motivation zur Verfügung. Mehr wird mir momentan von dieser Institution namens Arbeit nicht zugestanden, und darüber hinaus ist es weitaus verlockender, jedes kleine Fetzelchen Freizeit auf der rosa Wolke zu verbringen. Man möge Nachsicht üben, nur fliegen ist schöner.

Ich habe ernsthaft überlegt, ob es nicht an der Zeit ist, dieses Blog zu schließen. Es ist vor über einem Jahr entstanden als eine Art Selbsttherapie, während der ich nach mir selbst gesucht habe. Ein Hilfeschrei an mich selbst, ein Ventil für all die abgelebten und ungel¦i¦ebten Gefühle. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt. So, und nun kann ich sagen, ich bin zufrieden mit der Entwicklung. Ich musste lernen, erst mal eins zu werden. Auf dem Weg dahin bin ich oftmals ganz schön daneben getreten. Und ich habe verletzt und verstört. Das hat mir gezeigt wie verletzt und verstört ich selbst gewesen bin. Es tut mir wahnsinnig leid, das ist nicht gut zu machen, aber anscheinend war auch das notwendig. Und es ist notwendig, dass zumindest ich mir selbst das verzeihe. Shit happens. Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer derjenigen, die mich in der Vergangenheit verletzt haben, so viele Gedanken machen. Absolution.

Jetzt seid ihr allesamt gefragt: Soll es weitergehen mit Mme Contraire? Auch wenn es in nächster Zeit hier weniger oft und dafür Scheißherzchen regnen wird? Ich kann selbst noch nicht abschätzen, wie sehr es mich in meiner Schreiberei beeinträchtigen wird, dass ich der Melancholie zwangsweise erst einmal abgeschworen habe – die wird nämlich unglaubwürdig, wenn man den ganzen Tag mit einem überbreiten Grinsen herumläuft. Ich werde zunächst einmal ein wenig entstauben hier, mit dem haarfeinen Pinsel, der mir zur Verfügung steht. Die abgelegten Worte sortieren, kategorisieren, eventuell probeweise zusammensetzen. Vor allem die Späne unter der Werkbank beseitigen. Die Skizzen werden sich im Laufe der Zeit selbst niederzeichnen, Pläne reifen, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Dann ist noch Gartenarbeit angesagt. Spuren beseitigen, neue Blümchen pflanzen und einen Elektrozaun installieren, damit es anspruchsvoll bleibt für meine Famoszaungäste. Es wird eine Weile dauern, bis der Alltag wieder einkehrt – hoffentlich dauert es ein Leben lang -, und die nächsten Monate bleiben sowieso spannend: Ich arbeite an einem Wiegebettchen, mit Kissen aus süßen Worten, einem Himmel aus Freudentränen und einem Grundgerüst aus weitvorfälliger Liebe gewoben. Man wird nur einmal zum ersten Mal Tante.

(Von Cash zu Cave. Ich halte das für konsequent.)