Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

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Fiktion: Gelegenheiten

Und auf einmal ist er da. Dieser Moment, den du dir seit langem schon immer wieder vorgestellt hast, der sich aber bisher nie ereignete. Die Zeit vergeht, und langsam hast du vergessen, was du damals dachtest, wie es sich anfühlte, was du alles noch hättest sagen wollen. Denkst kaum mehr daran. Und dann ist er da. Der Moment. Du erkennst ihn und trittst ihm gegenüber, noch bevor du dir Zeit gelassen hast, darüber nachzudenken, ob das wirklich eine so gute Idee ist.

Dieser Moment, er hat auf sich warten lassen. Aber im Nachhinein betrachtet war es gut so. Viele Gedanken sind in der Zwischenzeit zerflossen, du hast aufgehört, dir nächtens Dialoge auszumalen, wenn du nicht schlafen konntest, und deine Schlagfertigkeit zu erproben. Mittlerweile weißt du, sollte er denn jemals kommen, dieser Moment – dahin wäre deine Schlagfertigkeit, dahin alles, was du noch hättest sagen wollen, damals. Also aufhören, darüber nachzudenken.

Nun ist er also da, du ergreifst die Gelegenheit und es entwickelt sich tatsächlich ein nettes Gespräch. Den halben Abend lang erzählst du und sprühst vor Begeisterung, und gefällst dir selber richtig gut heute Abend. Der Druck ist raus, es sprudelt aus dir heraus, meine Güte – hättest du geglaubt, dass sich das so gut anfühlt, nach all der Zeit voller Grübeln und zwanghaftem Nichtmehrdrandenkenwollen? Du hast aber auch viel zu berichten, lässt keins der besten Details aus, schwingst en passant und ganz unauffällig das Chirurgenbesteck, das du gegen gedankliche Mistgabeln und stumpfe Sensen ausgetauscht hast und spürst: es schneidet, fein, dennoch spürbar. Schließlich bist du die Contenance in Person, du schwingst keine Mistgabeln und Sensen. Nicht mehr.

Herrlich, dieser Abend, diese Gelegenheit! Es könnte noch Stunden so gehen, der Moment noch verweilen, aber mittlerweile gibt es Wichtigeres, und das ruft nun. Und du löst dich ohne Bedauern aus dem Gespräch, gerade rechtzeitig, denn bisher war es ein gutes Gespräch, ein, zwei Gläser Wein dazu, die Zunge wohlig gelöst, und doch unter Kontrolle. Na denn, machs mal gut, man sieht sich! rufst du fröhlich. Der Wein jedoch tut seinen Dienst und reißt deinen Gegenüber beim Verabschieden dann doch noch zu einer Frage hin, die du im ersten Augenblick nicht einzuordnen weißt. Am liebsten würdest du schallend lachen, allein die Contenance (und Höflichkeit) hält dich zurück. Auch ein kumpelhafter Nasenstöber wäre unangebracht, du lächelst einfach weiter und sagst: „Zerbrich dir mal nicht meinen Kopf, mein Lieber.“ Oder so ähnlich. Zumindest bröckelt jetzt die Contenance deines Gegenübers.

Küsschen links, Küsschen rechts, so rettest du die Situation. Ach ja, bis bald mal wieder, und Gottseidank, keine Sekunde zu früh verabschiedet. Sonst hätte der Moment  dich tatsächlich auch noch dazu hingerissen, ihm Dinge an den Kopf zu werfen, die du bedauert hättest. Und der andere noch viel mehr. Kleine Chirurgenbesteckschnitte sind okay, ein wenig Bohren mit dem Uhrmacherfeinstwerkzeug. Man muss ja nicht immer gleich das ganze Herz zerpflügen, so groß die Verletzung damals vielleicht war. Und wenn er nicht verblutet ist, dann trefft ihr euch vielleicht mal wieder.

„Spieglein, Spieglein … oh. Kaputt.“

Der Spiegelbildeffekt: Menschen halten anderen genau das vor, was sie an sich selbst am meisten stört. Mir ist in der letzten Zeit recht Unangenehmes begegnet – unangenehm, das ist meine eigene, contrairsche Definition der momentanen Situation, jeder andere mag damit weniger Probleme haben und besser damit umgehen können als ich. Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich einen Spiegel um den Hals hängen, in den meine Mitmenschen hineinblicken und sich ob des Gesehenen empören. Da ist die junge Dame, die mich anherrscht, ich bräuchte sie wohl kaum derart anzuherrschen, obwohl ich die Stimme nicht einmal erhoben habe. Da ist eine andere, nun ja, Dame, die mir zu verstehen gibt: Sollte ich weiterhin in diesem Ton mit meinem Umfeld sprechen, hätte ich bald kein Umfeld mehr, das sich gerne mit mir abgibt. Da ist zum dritten, wer hätte es geahnt, noch eine weibliche Person, die mir Veräumnis und möglicherweise ein freches Mundwerk bescheinigt – mit einem ebensolchen Ton am Leibe und ganz offensichtlich Watte in den Ohren, die den Informationsfluss deutlich hindert und mindert. Spiegel¦bild¦defekt?

Überhaupt lerne ich langsam verstehen, weshalb ein Sündebock für alles, was nicht rund läuft, eine formidable Sache ist, solange man es nicht selbst ist. Glücklicherweise ist mein näheres Umfeld (oh ja, das gibt es noch) bereit, sich fast täglich meine derzeitigen Sorgen anzuhören und mir den Rücken zu stärken. Oder so ähnlich. Zumindest weiß ich, dass sie es wollen, auch wenn es als wohlgemeinte Ratschläge verpackt ist. Das Nicht-mit-sich-machen-lassen ist so eine Sache, genau so wie das Mal-auf-den-Tisch-hauen. Nie praktiziert, bin ich darin natürlich etwas ungeübter als andere und lasse mich dann gerne verunsichern, wenn wieder einmal mein Ton kritisiert wird, den ich an mir haben soll. Dann blicke ich verstohlen an mir herab und suche ihn, diesen Ton, der andere so stört, der an mir hängt wie die berühmte Bahn Toilettenpapier, die ich versehentlich irgendwo abgekriegt haben muss. Ich stelle mir vor, mein Ton ist eine blecherne Fahrradtröte, mit einem roten Gummiball, die mir irgendwo unerreichbar an der Kleidung angenäht wurde, und die jedes Mal ertönt – „Möööp!“ – wenn ich mich irgendwie bewege und an etwas stoße. „Möööp, möööp!“ – „Verzeihung! Mein Ton schon wieder! Wenn ich den zu fassen kriege …“

Ich vermute, dieser Spiegel, den ich da um den Hals hängen habe, wirft nicht nur Licht und Abbild zurück, sondern potenziert auch die Laustärke, mit der man ihn anspricht. Sprechen, auch so eine Definitionssache. Die Kommunikationswege haben sich in unserer Zeit vervielfältigt, und nie fiel es so leicht, einen anderen Menschen offen zu beleidigen, als über die sogenannten modernen Medien – altbekanntes Problem. Ein Zerrbild unserer Wirklichkeit, ein stummes Sich-Anschreien, bei dem man tatsächlich nicht mehr als das Klackern der Tasten vernimmt – und da bescheinigt man mir wiederum einen Ton, den ich doch gar nicht von mir gegeben habe? Die Enter-Taste vielleicht ein wenig zu heftig betätigt, das könnte es gewesen sein. Seither schweigen die Tastentöne konsequent.

Das berühmte dicke Fell, ich habe es noch nirgends auffinden können, vermute aber, dass es einen hohen Preis hat. Möchte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Nicht, solange es Menschen gibt, die mir gerne zuhören und mich trösten können. Ja, Trost und Zuspruch sind, wenn auch zeitverzögert, mein dickes Fell, mein geteiltes und daher halbes Leid. Leider leidet mein Herz darunter, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Ein Gefühl, als hänge einem ein Schaufelradbagger am Herzgewebe und grübe sich immer tiefer hinein. Konsequenzen sind, im Kopf zumindest, bereits abgesteckt, es gilt noch eine kleine Weile durchzuhalten, bis diverse Dinge erledigt sind und sich nachher wieder alle auf die breiten Schultern klopfen, die ja ach-so-viel getragen haben. Was ich in meinem Herzen trage, das trage ich nicht nach außen.

Und so spiele ich eben den Spiegel, sündenbocke ein wenig vor mich hin. Wenn die Contenance fast bis zum Zerreißen gespannt ist, hilft mir Freundlichkeit durch den Tag. „Verlogenheit“ bezeichnen die Spiegelnutzer das hinter vorgehaltener Hand. Aber auch nur, weil sie’s ärgert. Und weil ihre eigene Freundlichkeit womöglich gelogen ist – der Spiegelbildeffekt, vermutlich wieder. In meinem Kopf zitiere ich die bösen Stiefmütter und Stiefschwestern dieser Welt: „Spieglein, Spieglein der ollen Contraire, warum ist die so, wie ich gern wär‘?“ Welch schöne Mär. Madame strafft ihre Schultern und legt ein Lächeln auf. Aus dem Spiegelmeer lächelt es zurück.

[…]

Ex¦tern¦herz

Und so sitze ich auf deiner Bettkante, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln. Die Leere in mir lässt nichts spüren. Lässt deine Wärme nicht in mich hinein, ein hölzernes, eckiges Behältnis voller Leere. Ich habe mein Herz verlegt. Irgendwo da draußen streunt es umher wie ein ausgesetzter Hund. Ich suche nicht, ich habe es selbst weggeschickt. Manchmal muss man sich auch solcher Dinge entledigen, die eigentlich gut sind. Das gesunde Maß ward überschritten, es gibt von allem ein „zu viel“, auch vom Herzen. Wenn allzuviel Herzblut fließt, wird es empfindlich schwach und angreifbar. Es musste einfach mal raus..

Ich habe es beurlaubt, damit es sich erholen kann. Ertrug den Schmerz darin nicht mehr, denn es war kein sinnvoller Schmerz, es war unnötiger Stress und unsinnige Aufregung. Nichtigkeiten, im großen Kontext gesehen, fremdverschuldet von unwichtigen Menschen, doch herzinnerlich mit großem Druck potenziert, wieder und wieder. Und nun steht das Herzkästchen leer, die Läden sind geschlossen. Die Vertretung, Rationalität, hat alle Hände voll zu tun, denn Frau Contenance meldete sich zu Beginn der Woche ebenfalls krank und überließ der wilden Contraire das weite Feld, frei von jeglicher Selbstbeherrschung. So ist das mit verlegten Dingen: im einen Moment werfen wir sie achtlos beiseite, im nächsten benötigen wir sie wieder und stehen dann betrtoffen und mit leeren Händen da.

Ich blicke von außen auf mich herab, wie ich auf deiner Bettkante sitze, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln, während extern mein beurlaubtes Herz überquillt vor Heimweh. Leihst du mir deines, solange meins sich erholt?, möchte ich dich fragen. Und kann es nicht. Mein Herz hat seine Sprache in die Auszeit mitgenommen, sein gutes Recht. Und mir fehlen sie nun beide, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie gesund wieder nach Hause kommen.

Los¦lass¦moment

Dieses Lied. Es lief fast das ganze Jahr über im Radio, und ich mochte es. Es war lebhaft. Es war laut. Es schien perfekt in diese Zeit zu passen, klang mir nach Freiheit, und frei war ich, wie noch nie. Ich konnte es bald mitsingen, war oft froh, dabei immer im schallgeschützten Innenraum meines Autos zu sitzen. Wann immer es lief, drang sein Beat in meinen Kopf und durch meinen Körper, riss mich mit wie eine Welle. Es würde sich die Gelegenheit bieten, diese eine im Jahr, bei der ich mich gehen lassen und darauf abtanzen würde. Wie sehr ich das wollte! Es wäre völlig egal, jeder würde das tun in diesem Moment. Ich würde ihn ganz genau zu meinem Moment machen, und ich würde ihn feiern.

Und dann kam die Gelegenheit. Während wir da standen, mitten in der lauten Menge. Während wir uns unterhielten, in die Augen des anderen hineinlauschten, während alles andere wie abgedunkelt und gedämpft um uns herum erschien, als ragten unsere Körper weit über eine laute, wogende Masse hinaus, nach oben, ins Licht. Da spielten sie es, dieses Lied, das ich zum Inbegriff meiner Freiheit gemacht hatte. Ich hielt kurz inne. Es gab nicht einmal den Anflug von Bedauern, sich eben nicht, wie so lange geplant, gehen zu lassen und abzutanzen. Ich wollte es nicht. Denn jetzt war nur eines wirklich wichtig. Die Eingebung, dass dieser Moment für mich, für uns eine Bedeutung haben sollte, war goldrichtig. Verharren in deiner Gegenwart, anstatt sich von der Welle erfassen zu lassen. Ich habe damit meine Freiheit nicht verloren, im Gegenteil. Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Moment ganz genau zu unserem zu machen und ihn zu feiern. Jeden Tag. Jeden Augen¦blick.

 

Contenance, Maman !

Vor einer Woche.
Fassungslos blicke ich meine Mutter an. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Ich lächle unsicher.

Im Büro.
Fassungslos blicke ich auf meinen Monitor. Ich lächle unsicher. Habe ich gerade wirklich meinen Kolleginnen erzählt, was meine Mutter gesagt hat?

Gestern Abend.
Fassungslos blicke ich auf meine Fußspitzen. Hat JB gerade wirklich gesagt, meine Mutter hätte absolut recht mit dem, was sie sagte? Ich muss lächeln, ein wenig unsicher.

Also tausche ich meine Fassungslosigkeit gegen den Inbegriff der Contenance, lächle mich unsicher im Spiegel an und sage, nun deutlich gefasster: „Na, wenn ihr alle meint…“

 

„Rattenscharf“, so lautete Mamans Urteil, als ich die neue schicke Brille beim Optiker aufprobierte. Nicht gerade dezent. Aber völlig gefasst.

Ich verschone euch lieber damit, was meine Mutter kürzlich zum Thema One Night Stands sagte …

Wunder gibt es immer wieder …

… sei es, dass mich die Telekom nach jahrelang anhaltenden Ärgernissen dieser Tage so positiv überrascht hat, dass ich zweifelnd zum Kalender griff, um auszuschließen, dass es sich um einen Aprilscherz handelt. Oder sei’s, dass Madame endlich den Mut aufgebracht hat, sich wieder in ihrem Vorgärtchen blicken zu lassen. Zeit ist leider immer noch der entscheidende Faktor dafür, dass es hier sehr vereinsamt und verwildert ist. Mein heißgeliebter Job hat mich die letzten Monate sehr gefordert, ich habe Dummheiten begangen wie am Feiertag ein paar Stündchen arbeiten, im Urlaub nur schnell noch dies und das erledigen … Es pressierte schließlich, ein wichtiger Auftrag hing von der pünktlichen Abgabe ab und ich mache ja nichts lieber, als meinem Chef den Hintern zu retten…

Freitag, 17 Uhr 05: Madame schickt die letzten bearbeiteten Dateien weg.
Montag, 08 Uhr 15: Aus dem Postfach grinst mir eine Benachrichtigung entgegen, die mich wiederum dazu brachte, das Datum anhand des Kalenders zu prüfen. „Äh, das waren doch die Dateien, die wir gar nicht mehr brauchen, weil der Auftrag nicht zustande kommt?“ Vor meinem geistigen Auge rieselten die am Schreibtisch verbrachten Stunden zu einem Häuflein Staub zusammen. Die enttäuschten Gesichter von Familie und Freunden, wenn ich mal wieder nicht dabei sein konnte. James, der mich in der letzten Zeit zum Aston Martin tragen musste, weil ich zuvor schon längst mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war.

Nun denn, was soll’s, sowas passiert, sowas wird immer wieder passieren. A propos wiederkehrender Mist: Da glaubt Madame, sie habe endlich so etwas wie Frieden gefunden, ein Plätzchen zum Sein und Träumen, ein bisschen ausspannen noch, bevor das Leben in all seiner Schnelligkeit und Launenhaftigkeit wieder voll zuschlägt – und schon hagelt es Kritik von mehreren Seiten. Am Ende des Tages fragte ich mich: Bin ich wirklich ein so schrecklicher Mensch? Bin ich wirklich blind, falle ich tatsächlich in alte Muster zurück, obwohl es mir doch so gut geht und ich endlich, endlich in der Lage bin, mein Leben zu genießen? Anscheinend schon. Anscheinend bin ich nie und niemandem gut genug, am wenigsten mir selbst. Und leider, auch wenn sich Madame Contenance den stimmigen und durchaus zutreffenden Teil der Kritik zu Herzen genommen hat, leider ist da noch die kleine rebellische Contraire, die am liebsten genau jetzt ihre Koffer packen und der ganzen Bagage den Rücken kehren möchte, auf dass sie sehen mögen, was sie angerichtet haben. Mach ich natürlich nicht. Aber den Kritikern zukünftig die Füße küssen, den Nörglern eine Puderzuckeranwendung verabreichen, ich weiß nicht, ob ich das kann.

Ist es Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, andere so sein zu lassen, wie sie sind? Ist es verwerflich, sich in jemanden hineinversetzen zu können und zu sagen: Ich verstehe dich? Ist es einfach nur idiotisch, jemandem in einer schwierigen Situation Zeit zu gewähren? Mein Verstand sagt mir: du funktionierst nicht richtig, du bist nicht auf dem Weg, auf dem andere dich gern sähen. Mein Gefühl sagt: es ist nicht gerecht.

We’ll love you just the way you are if you’re perfect …

 

Scio nescio

Ich weiß, ich weiß nichts, kann nichts wissen – wer kann schon in die Zukunft schauen? – und doch weiß ich so viel, meine viel zu wissen, ohne zu wissen woher. Kann Zukunft sichtbar(er) werden? Zukunft kann vorstellbar(er) werden, bis hin zum trügerischen Empfinden, man wisse, obwohl man nichts weiß, nur empfindet. Überhaupt, Zukunft wird einem auch von so vielen Außenstehenden eingeredet. Was man muss. Was man unbedingt muss. Was man unbedingt niemals muss. Müssen sollte. Und die guten Ratschläge! Mein inneres Rebellenkind würde sich im Normalfall dagegen auflehnen, ob gerechtfertigt oder nicht, Hauptsache, das Contrairsche behält die Oberhand, viel zu lange war dies nämlich verschüttet. Aber muss man aus Prinzip immer verneinen und dagegen sein, wenn man eigenständige Entscheidungen treffen will? Ist es manchmal nicht auch ganz schön, wenn man ohnehin schon weiß, was man will, und sich über fremde Ansichten und Prognosen rückversichert, dass diese Ahnung ja nun gar nicht so falsch sein kann, die man mit sich rumträgt. Sie kultiviert, Tag für Tag, und so liebend gerne mit in die Zukunft nähme, eine Wahrheit daraus machte. Eine neue Art der Contenance; nicht mehr ein Aufbegehrenwollen-und-doch-nicht-Können, nicht mehr dieses Gefühl der Machtlosigkeit, verborgen hinter einem Vorhang aus Höflichkeit und Selbstbeherrschung. Eher ein Abwartendschauen, das Herz, nie zu kurz, aber dennoch sicher an der Leine halten, bis die Ahnung zur Gewissheit wird. Und die Zwischenzeit genießen, sogar die guten Ratschläge, fremden Ansichten und Prognosen – sie tun nicht mehr weh, noch reizen sie zum Widerwortegeben. Contraire nicht mehr als absoluter Gegenpart, sondern als emotionale Stütze bei der Willensfindung. Contenance nicht mehr als verhüllende Decke, sondern als doppelter Boden, sollte die kleine wilde Maid beim Saltoschlagen doch einmal von ihrem Hochseil abrutschen. Vielleicht haben die beiden schon immer zusammen gehört, nur jetzt kommen sie endlich auch mal gut miteinander aus.

Absprung

Dies wird das Ende sein. Dies endgültig das Ende einer lebens¦wichtigen Endphase, die ihren Anfang bereits nahm, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, als das zu beendende Begonnene gerade noch im Beginn begriffen war.  Dieser ganze Prozess, dieses Beginnen eines zum Enden verurteilten Lebens über das Amlebenerhalten eines trügerischen Lebenstraums bis hin zum Beenden einer Beziehung und dem Beginn einer ganz neuen Zeit wird von Moment zu Moment wertvoller und sinniger für mich. Mir kommt es geradezu so vor, als sei dieser von mir gewählte Weg, über den ich in der Vergangenheit haderte, auf dem ich stolperte und fiel und mir die Knie blutig stürzte – als sei dieser Weg der einzig richtige gewesen, der mich jetzt, da er endet, in eine völlig neue Welt entlässt.

Ich glaubte den Ausgang schon gefunden zu haben, aber ich hatte mich geirrt. Noch brauchte es Zeit, bis wichtige Dinge so weit gereift waren, dass ich deren Früchte erkennen und kosten durfte. Hätte ich geduldiger sein müssen? Den Weg zum Ende hin bewusster gehen und nicht so voranpreschen sollen? Erspart hätte es mir neuerliche Kniewunden, doch ist Schmerz nicht umso süßer, je näher das Ziel rückt? Dafür ließ ich die Erkenntnis reifen, brach mein Herz herunter bis auf den kleinsten Bestandteil und analysierte, ließ es in neuer Form wiedererstehen – intuitiv, mag man das wohlwollend nennen, denn geplant war keine dieser Aktionen. Naiv, chaotisch, mit saumäßigem Glück, mögen weniger wohlwollende Zungen sprechen.

Nun, am Ende des Weges, blicke ich ein letztes Mal zurück. Nein, ich habe oft genug zurück geblickt, jetzt schaue ich nach vorn: Eine Blumenwiese voll rotem Herzblumenklatschmohn tut sich vor mir auf. Soll ich hineintauchen in dieses neue Leben? Was genau ist es, das mich so sicher macht, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, da doch mein bisheriger Weg von Zweifeln und Fehlurteilen geprägt war? Ich weiß es nicht, absolut nicht. Ich weiß nur, dass die Intuition zum allerersten Mal beide Daumen reckt und mir auffordernd zuzwinkert. Ich befrage die Vernunft, aber die steht schon in Siegerpose da und wartet nur noch auf den Absprung. Die Moral lehnt sich mit zufriedenem Lächeln zurück und nimmt die Contenance ein wenig an die Leine. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Fantasie Anlauf nehmen, sie schwingt einen großen Sack voller Traumbilder, die ich doch eingemottet und entsorgt glaubte, aber nein, sie lässt sie wiedererstehen, schöner, strahlender als je zuvor. Gleich hat sie mich erreicht, gleich wird sie mich mit meinen unverwirklichten und verloren geglaubten Träumen und Sehnsüchten pudern und mich hinab-, hinausstoßen auf die zukunftsversprechende Herzblumenwiese.

Letzte Worte, bevor Altes endet und Neues beginnt? Danke für alles bisher Erlebte. Für alle Tränen, Wunden, Narben und verlorene Nerven. Was hab ich nur für ein unverschämtes Glück.

Glasmosaik

Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Nicht leicht. Mit der Angst, die selben Fehler dabei zu wiederholen.

Ein Rückblick: Da habe ich an meinem Lebensmosaik herumgebastelt, Glasstein für Glasstein gesammelt, angelegt und, wenn für gut befunden, angeklebt. Gesammelt, geklebt, gesammelt. Irgendwann muss ich den Überblick verloren haben. Irgendwann bemerkte ich Risse in der Struktur. Haben das andere auch bemerkt? Vor mir vielleicht sogar? Sicher, hin und wieder gab es Hinweise, ich solle mir das große Ganze doch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Von oben, von der Seite, vielleicht. Ich tat das ab, sammelte weiter, klebte fleißig und wartete. Worauf wartete ich? Ich glaube, ich wartete auf dieses Gefühl des Erfülltseins, des Zufriedenseins mit dem, was ich geschaffen hatte. Nicht, dass ich dauerhaft unzufrieden gewesen wäre. Ich habe Stück für Stück erarbeitet, manchmal größere Stücke auf einmal, manchmal schillernde, neue Flächen hinzugefügt. Ich habe Gestaltungsvorschläge bereitwillig angenommen und kaum mehr realisiert, wie wenig ich selbst noch bestimmte, welche Steine, Fragmente ich anklebte und wie. Selten, nie eigentlich, habe ich ein Stück wieder weggenommen, weil es nicht passte. Irgendwie passte immer alles, mir passte alles, ich passte mich an.

Eines Tages passierte etwas Unerwartetes. Etwas ließ mich zusammenzucken. Ein Donnerschlag? Ein Erdbeben? Ich weiß es nicht mehr, und niemand sonst bemerkte etwas. Ich zuckte also zusammen, mein Glasmosaik entglitt meinen Händen und – fiel. Unendlich langsam. Die Zeit schien stillzustehen, während alles andere um mich herum in gewohnter Geschwindigkeit weiterlebte. An mir vorbei, die ich meinem Glasmosaik beim Fallen zusah und damit in der Zeitlosigkeit gefangen war. Bald stürzte ich ich hinterher, fiel parallel dazu, schob mich darunter, um den Fall zu stoppen, aber nichts schien den Lauf der Dinge aufhalten zu können. Da war sie. Die Möglichkeit. Eine Chance, mir mein Werk aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Von oben. Von der Seite. Sogar von unten, so unendlich langsam glitt mir das Glasmosaik aus den Händen. Ich wusste, es würde irgendwann aufprallen, und ich wusste auch, dass ich allein den Zeitpunkt bestimmen musste, wann es so weit war. Vor mir lagen Jahre des freien Falls.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als das Glasmosaik auf dem harten Boden der Realität auftraf. Krachend, ein lautes Splittern von Glas und das Aufbrechen von verhärtetem Kleber, die Glassplitter kratzten schreiend über den Asphalt. Ich lauschte ohne mir die Ohren zu bedecken. Und ich sah. Chaos um mich herum. Schock. Starre. Und gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit. Der Fall war abgeschlossen, endlich, und früher als erhofft – ich hätte kein weiteres Jahr im freien Fall ertragen. Ich gab mir keine Zeit zu verharren, schob die Glassplitter zusammen und wieder auseinander. Wühlte, sortierte aus, legte weg, legte die verbliebenen Strukturen frei. Ein gesplittertes, verbogenes Stück Leben. Wie nun weiter? Sollte ich wieder anfangen zu basteln und zu kleben, was noch klebbar war? Unbrauchbares wegwerfen, neue Fragmente zusammensammeln? Ich wartete. Still. Zweifelte. Doch niemals an der Richtigkeit des Aufpralls.

Heute schaue ich auf mein gefallenes und in den wenigen vergangenen Monaten schon wieder recht ansehnlich hergerichtetes Mosaik. Es fehlt. An allen Ecken und Enden. Aber es ist in Ordnung, es wird sich wieder füllen. Ich habe brauchbare Teile umsortiert, an andere Stellen angeklebt. Ich habe Teile, die mir nicht mehr gefielen, weggelassen. Die zersplitterten Steine habe ich zur Seite geräumt. Schneide mich manchmal noch daran, wenn ich unachtsam bin, und schiebe sie doch immer wieder mit der bloßen Hand von mir weg. Mache ich das richtig? Ich nehme mir ab und zu die Zeit und sehe mir mein fragmentiertes Glasmosaik aus einem anderen Blickwinkel an. Von oben. Von der Seite. Und ich suche Rat und frage nach Meinungen. In solchen Momenten fühle ich mich stark und schwach zugleich. Ich spüre, dass ich noch Zeit brauche. Ich spüre, dass ich hin und wieder die alte Contenance vermisse und versuche mich zu erinnern an ihre guten Seiten. Die Zeit dafür ist gekommen. Morgen ist es so weit. Morgen nehme ich den Handbesen, fege die letzten Glassplitter zusammen und entsorge sie. Für immer.

Zeit, sich Zeit zu nehmen. Ein Leben zusammenflicken, ein Herz wieder kitten. Und hoffen, die selben Fehler dabei nicht zu wiederholen.