Was gerade noch fehlte

Beitrag aus Dezember 2017 (irgendwann muss ich damit anfangen, ein bisschen was aufzuarbeiten)

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Natürlich fehlt noch etwas, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Oder nicht rechnen wollte, jedenfalls nicht jetzt. Tonnen von Funkelstreusel, ein Kerzenschimmermeer und ein ausgewachsener, reißender Sturzbach flüssigen Goldes, was da auf mich einbrach. Machen wir es kurz: Ich habe den weltschönsten Antrag bekommen. Der es geschafft hat, mich erst einmal ganz sprachlos zu machen. Ich erspare euch die Details, die euch wahrscheinlich auch allzu klebrig-süß vorkommen würden. Mindestens mandelkrokantig-honigsüß. Mit Zimtstaub.

Fakt ist allerdings: Ich habe keinen klassischen Verlobungsring bekommen. Ich habe überhaupt keinen Ring bekommen. Das Edelmetall, traditionelles Wahrzeichen eines solchen Unterfangens, formt die Spitze meines Geschenks, das so passend ist, weil es mich in solcher Gänze und Klarheit erfasst und beschreibt. Ja, es schreibt. Es ist der vermutlich erste Verlobungsfüller, dessen Einsatz zukünftig mit bedeutsamen Momenten einher gehen wird. Seine erste Verwendung nach der obligatorischen Schriftprobe (ein großes „Ja“, da ich meine Sprache zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wiedergefunden hatte) war beim Verfassen einer Geburtstagskarte für meinen kleinen Neffen – noch so ein Goldklumpen in meinem Leben, den ich nie wieder missen möchte. Und – fast vergessen! – den Mann an meiner Seite übrigens auch nicht, der mich so gut kennt und mich trotzdem und gerade deshalb will. Komplett mit allem. Niemalsnienichtwieder lasse ich den los. Ein blaues Band, ein Tintenstrich. Bindet, ohne zu fesseln.

Nun waren kaum die Tränen über diesen mehr als bescheidenen Jahresanfang getrocknet, jetzt laufen sie wieder, aber aus völlig anderem Grund. Madames Happy End, endlich? Mitnichten! Es hat gerade erst begonnen …

Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

Ameisengedanken

Derzeit fehlen mir die Worte angesichts all der Geschehnisse in der Welt, all der Eindrücke in den letzten Tagen, auch bei mir im persönlichen Umfeld. Ich bin sehr dünnhäutig, nehme mir vieles zu Herzen – ich sehe das jedoch immer noch positiv, Mitgefühl kann nicht falsch sein. Nie.

Ich habe daher einen Entwurf ausgegraben vom März dieses Jahres. Und auch wenn die Ursache eine andere war: das Gefühl der Ohnmacht ist heute ähnlich wie vor acht Monaten.

Ameisen im Kopf. Es krabbelt überall, schwarze Ameisenströme rinnen durch jede Hirnwindung, rennen an der inneren Schädeldecke entlang. Schwarze Ströme fühle ich fließen aus Mund und Nase, Auge und Ohr. Ich bin angefüllt mit Ameisen.

Taten und Nichttaten, Futur, Perfekt, Imperfekt, das sind Gedankenameisen. Breite, tiefe Ströme mäandern durch meinen ganze Körper, graben sich ein Bett aus Zweifeln und tragen Substanz dabei ab, lassen mich innerlich zerbröckeln. Ist meine Selbstliebe so groß, dass ich daran zerbreche, wenn ich mich zeitweise selbst hasse? Eine seltsame Beziehung, die ich mit mir führe.

Es muss wohl so sein: ich habe noch immer nicht genug Vertrauen. Ich traue mir selbst nicht über den Weg. Hinterfrage alle Entscheidungen, und wenn sie sich noch so gut anfühlen. Halse mir immer mehr auf und habe schon wieder verlernt, den nötigen Abstand zu wahren. Alle Emotionen von außen dringen durch die dünne Membran meiner Haut, ich fühle mich so nackt und schutzlos ihnen gegenüber. Ich konnte das mal. Im Ansatz zumindest. Abschotten. Glaube ich. Und jetzt verstärken sie sich, sobald sie durchgedrungen sind, die fremden Emotionen, mein Kopf potenziert sie und lässt stetig neue Ameisenströme entstehen, wieder brauchen sie mehr Nahrung, wieder fallen sie über die Teile meines Inneren her. Der Strom frisst sich unaufhaltsam durch mich hindurch. Ich stelle mir vor, irgendwann nur noch eine dünne Hülle zu sein, ein Gerüst aus Ameisengedanken und schwarzen mäandernden Strömen, die mir Gestalt geben.

Was hilft gegen diese Ameisenplage? Ich habe die Antwort gefunden: Ein rotes Insektizid, direkt ins Herz injiziert. Mit jedem Schlag verteilt es sich dünnflüssig, vaporisierend in jeder Zelle meines Körpers. Es drängt die Ameisenströme zurück, sie fließen in völliger Panik aus mir heraus, verlassen mich auf einen Schlag. Ein Wahnsinnsmittel, wo kriegt man das her? Es ist –

Ein Lichtblick. Und ein Erklärungsversuch. Ich lasse meine Gedanken ungefiltert in dein Ohr strömen. Jeden Tag. Jede Nacht. Begleitet von Gackern und Scherzen, Tränenströmen und immer mit der Auflage an mich selbst: Alles muss raus, beschönige nichts, rede dich frei. Da klappt das. Da spüre ich Verständnis. Und manchmal ist eine Umarmung tausendmal mehr wert und heilend als alle Worte dieser Welt.

„Wollen wir nachher eine Runde Joggen gehen?“ Mir scheint als könne ich all deine Liebe, deine Besorgnis und dein Verständnis aus diesen paar Worten lesen. Ich brauche Licht und Luft und einen freien Kopf. Warum kannst du mir das geben, was ich mir verweigere? Warum frage ich überhaupt, ich sollte annehmen, einfach annehmen. „Ja“.

Ich stelle mir vor, wie du mir ebenjenes rotes Insektizid direkt ins Herz injizierst mit jeder Berührung und jedem Wort. Es schlägt, endlich, und mit jedem Schlag verteilt sich dünnflüssig, vaporisiert das rote Gift im ganzen Körper. Gift also. Liebe ist Gift. Für so manches und so manchen. Lieben und heilen, lieben und töten, lieben und einen, lieben und entzweien. Lieben und verzeihen? Wenn ich das nur könnte. Verzeihen. Vor allem mir selbst.

März 2015

Erntezeit: Gelassenheit

Die Herbstsonne strahlt. Ich fühle mich dieser Tage herrlich entschleunigt, schon seit einiger Zeit habe ich etwas neues für mich entdeckt, das mir das Leben ganz offensichtlich erleichtert wie noch nie. Das Wundermittel nennt sich Gelassenheit. Diese Erkenntnis fühlt sich ganz ähnlich wie ein reifer Apfel an – ich habe bereits vor zwei Jahren einmal die angenehme Bekanntschaft mit selbigem Obst gemacht – der sich nun anschickt, reif und erntebereit zu sein.

Wie oft hat man es schon gesagt bekommen: Nicht zu viel denken! Nicht alles zerdenken! Ganz ehrlich, als hätte ich es nie ausprobiert! Ein wichtiger Faktor fehlte mir bisher, nämlich Vertrauen. Richtiges, echtes Vertrauen, nicht das mal so Dahergefühlte und dann doch nicht so Gespürte. Vertrauen bildet sich dann, wenn ich selbst mit Vertrauen bedacht werde. In vielen langen Gesprächen entwickelt es sich, je mehr ich bekomme, desto mehr bin ich bereit zu geben. Gebe es ganz von allein. Es ist ein Unterschied, ob man einer Person an einem Abend sein ganzes Leben erzählt oder ob man ihr sein ganzes Leben im Laufe von Monaten, Jahren, vielleicht (und hoffentlich) im Laufe seines restlichen Lebens in kleinen Häppchen serviert und dabei stets vollkommen ehrlich zu sich selbst ist.

Ich habe vor längerem schon gelernt, dass eine Beziehung – nennen wir sie einmal: „gut“ und nicht „funktionierend“, darin steckt mir zu wenig Emotion -, dass eine gute Beziehung nicht davon lebt, sich gegenseitig zu „brauchen“. Ich möchte mit jemandem zusammen sein, den ich mag, den ich schätze. Und nicht absolut dringend und lebensnotwendig brauche. „Ich brauche aber einen Partner!“ – „Ich brauche endlich jemanden, der mich versteht, der mich erdet, der …“ BLAH. Nein. Wenn ich überlege, mit welchen Ansprüchen ich aus meiner langjährigen Beziehung ausgebrochen war und was ich von meinem weiteren Leben erwartet habe, dann eigentlich nur dies: glücklich sein, und zwar ungebunden an einen anderen Menschen. Klar, auf eine gewisse Art und Weise wollte ich einen Partner „brauchen“, braucht man halt, wenn man eine Familie möchte. Allerdings habe ich mir nie „Samenspender gesucht!“ auf die Stirn tätowiert – dieses Projekt, Kind(er) und so, wollte und will ich nämlich auch nicht komplett alleine verfolgen. Was also habe ich gesucht? Einen Partner mit ähnlichen Interessen. Abstriche machen, Kompromisse eingehen und auch mit der einen oder anderen Enttäuschung leben, das konnte ich, war sozusagen geübt darin. Also rein ins Vergnügen.

Jetzt komme ich aber völlig ab von dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Warum ich mich so entspannt fühle, als ob der ganze Druck, den ich mein Leben lang und vor allem noch im Sommer verspürt habe, plötzlich von mir genommen wurde. Als ob sich Dinge, über die ich eine gefühlte Ewigkeit gegrübelt habe, urplötzlich ohne mein Zutun von selbst erledigen oder gar eine Form annehmen, die ich im positivsten Sinne nie erahnt habe. Der Grund ist, dass ich verstanden habe: Ich muss nicht mutterseelenallein versuchen, meinen Weg zu gehen und meine Ziele zu erreichen. Ich darf durchaus den Partner mit ins Boot holen, der ja schließlich die gleichen oder ähnliche Wege und Ziele vor sich hat. Der auch mal das Ruder in die Hand nehmen darf und sich daran beteiligen kann, dass wir zusammen voran kommen. Denn wenn nur einer wie wild auf seiner Seite paddelt, dreht sich das Boot im Kreis, kein Vorankommen, höchstens ein genervter Mitinsasse, dem das Seewasser vom Gesicht tropft.

Gemeinsam also. Und immer im Vertrauen, dass jeder seine Ruderportion beisteuert – man muss das im Übrigen auch nicht nachkontrollieren oder immer wieder darauf hinweisen. Einfach vertrauen genügt. Und das lässt mich zur Zeit eine überaus bequeme Position auf meinem, auf unserem kleinen Boot einnehmen, ein paar Kissen im Rücken, eine Porzellantasse Kaffee in der Hand, auf dem Gesicht die Sonne, und selbst mit geschlossenen Augen spüre ich, dass das eine höchst komfortable Art ist, gelassen und doch zielgerichet in die Zukunft zu schippern.

Heute glaube ich, die beste Reise, die ich je unternommen habe, war die zu mir selbst. Mein großes Ziel, und mein neuer Ausgangspunkt. Für einen Neustart in ein neues, noch größeres Abenteuer. Natürlich mit JB – bei dem weder Abstriche noch Kompromisse nötig sind. Aber das hab ich ja vorher nicht wissen können.

Ent¦sorgung

Als wenn man etwas losgeworden ist, das einem schon lange in den Füßen herumstand.
Als wenn man altes Gerümpel, an dem man täglich sichärgernd vorbeigelaufen ist, endlich entsorgt hat.
Als wenn man Sachen, die man schon lange nicht mehr braucht, endlich abgeben konnte.
Der freigewordene Platz fühlt sich noch ungewohnt an, war er doch so lange belagert. Sauber ist er nun. Und frei. Ein so lange herbeigewünschter Zustand. Und dennoch, ein wenig Leere ist spürbar. Aber mit Sicherheit findet sich etwas Schönes, Gutes, das man mit dem freien Platz anfangen kann. Einstweilen die Leere – den freien Raum genießen. Und durchatmen. Es ist geschafft. Ent¦sorgt. Sorgenbefreit. Ich freue mich darüber. Sehr.

Ex¦tern¦herz

Und so sitze ich auf deiner Bettkante, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln. Die Leere in mir lässt nichts spüren. Lässt deine Wärme nicht in mich hinein, ein hölzernes, eckiges Behältnis voller Leere. Ich habe mein Herz verlegt. Irgendwo da draußen streunt es umher wie ein ausgesetzter Hund. Ich suche nicht, ich habe es selbst weggeschickt. Manchmal muss man sich auch solcher Dinge entledigen, die eigentlich gut sind. Das gesunde Maß ward überschritten, es gibt von allem ein „zu viel“, auch vom Herzen. Wenn allzuviel Herzblut fließt, wird es empfindlich schwach und angreifbar. Es musste einfach mal raus..

Ich habe es beurlaubt, damit es sich erholen kann. Ertrug den Schmerz darin nicht mehr, denn es war kein sinnvoller Schmerz, es war unnötiger Stress und unsinnige Aufregung. Nichtigkeiten, im großen Kontext gesehen, fremdverschuldet von unwichtigen Menschen, doch herzinnerlich mit großem Druck potenziert, wieder und wieder. Und nun steht das Herzkästchen leer, die Läden sind geschlossen. Die Vertretung, Rationalität, hat alle Hände voll zu tun, denn Frau Contenance meldete sich zu Beginn der Woche ebenfalls krank und überließ der wilden Contraire das weite Feld, frei von jeglicher Selbstbeherrschung. So ist das mit verlegten Dingen: im einen Moment werfen wir sie achtlos beiseite, im nächsten benötigen wir sie wieder und stehen dann betrtoffen und mit leeren Händen da.

Ich blicke von außen auf mich herab, wie ich auf deiner Bettkante sitze, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln, während extern mein beurlaubtes Herz überquillt vor Heimweh. Leihst du mir deines, solange meins sich erholt?, möchte ich dich fragen. Und kann es nicht. Mein Herz hat seine Sprache in die Auszeit mitgenommen, sein gutes Recht. Und mir fehlen sie nun beide, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie gesund wieder nach Hause kommen.