Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

Wenn, dann heftig

Nun ist es passiert. Wovor man mich vor nicht allzu langer Zeit warnte – Frau Knobloch tat’s, und ahnte – und doch warf ich meine gesamte Kondition hinein in den Strudel von Taten, Drang und Arbeitskraft, allein um Dinge zu bewegen, gut zu machen, der Gemeinschaft zu dienen. Erwartet habe ich nichts, bekommen habe ich unverdienterweise all den Tadel, der an anderen abperlt wie Regen an der imprägnierten Speckschwarte. Nur leider fällt dieser Tadelregen bei mir stets auf allzu fruchtbaren Boden und treibt die furchtbarsten Blüten. Die Folge: Nicht einmal mehr Zeit und Muße, all die wundervollen Beiträge hier zu lesen und zu kommentieren, geschweigedenn wieder das Schönschreiben zu üben. Zwischen dem Alltag und der Nacht versuchte ich mich zu erholen, was leider gründlich daneben ging, bis nun also eines der letzten verbliebenen Nervenfädchen riss. Und schmiss. Und zwar das mir so teure Smartphone, meine Standleitung in die Welt, mein Wecker und Wachhalter, Terminverwalter, WordPresserleichterer, Herzensneffenbilderspeicher und so manches mehr. Exitus. Finito.

Und mit einem Mal ebbt das Rauschen in meinem Kopf ab. Ich existiere virtuell nicht mehr, bin gleichzeitig nicht mehr nervbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, kann/muss nicht mehr umgehend reagieren. Und lebe trotzdem noch. Ich habe keine To-Do-Listen mehr vor Augen, keine Termine und keine unbeantworteten Nachrichten. Wie sich das auf die Dauer mit dem Alltag vereinbaren lässt, wird sich zeigen. Nur – jetzt im Moment ist es, als hätte ich diese meine grüne Wiese wiedergefunden, auf der ich doch so gern flanierte, sorglos und – glücklich. Wenn das so ist … dann lasse ich mir am besten mit der Reparatur dieses, wie ich glaubte, lebenserhaltenden Geräts noch eine Weile Zeit. Oder länger. Meine Liebsten wissen, wie sie mich erreichten, und, oh Wunder, Kommunikation kann man auch mündlich betreiben! So viel persönlicher und direkter, es ist mir fast schon ein Fest. Und was ich ebenfalls feststellen konnte: die Welt dreht sich weiter, ohne dass Madame „existiert“. Auf den Tadel kann ich ohnehin sehr gut verzichten, möge sich einstweilen ein anderer Sündenbock finden, Madame macht jetzt erst einmal Urlaub.

Und langsam, langsam lebe ich wieder. Was ist wohl befriedigender, sich jeden Abend vor dem Schlafengehen den kleinen Herzensneffen auf dem kleinen Display zu betrachten, oder mit verknutschter Wange, dem Halstuch voll Sabber und anderer babytypischer Erzeugnisse und dem Herzen voller Kinderlachen nach Hause zu kommen? Dem Herzliebsten in die Augen zu sehen oder sich elektronisch-summende Herzküsschen hin und her zu schicken? „Was meinst du? Stehen wir das noch eine Weile durch, ohne Handy?“ – „Klar. Ziehen wir halt zusammen, wollten wir doch eh…“ Nein, das war ein ganz und gar fiktiver Dialog, aber es muss ja nicht heißen, dass Unausgesprochenes weniger wahr und bedeutsam ist.

Es wird Zeit, sich neue Herausforderungen zu suchen. Die erste lautet: zur Ruhe kommen. Sich frei machen von all dem Ballast, den ich noch immer mit mir herumschleppe.  Und sich dann wieder in den Trubel stürzen. Aber in den richtige Trubel dieses Mal. Nicht wieder dieses Sackgassentadelding, sondern etwas mit Zukunft. Kann man ja auch mal verlangen: Leistung gegen Entlohnung. Und die hätte ich endlich mal gerne. Aber ich sehe schon: ich werde sie mir am besten selbst auszahlen.

Ex¦tern¦herz

Und so sitze ich auf deiner Bettkante, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln. Die Leere in mir lässt nichts spüren. Lässt deine Wärme nicht in mich hinein, ein hölzernes, eckiges Behältnis voller Leere. Ich habe mein Herz verlegt. Irgendwo da draußen streunt es umher wie ein ausgesetzter Hund. Ich suche nicht, ich habe es selbst weggeschickt. Manchmal muss man sich auch solcher Dinge entledigen, die eigentlich gut sind. Das gesunde Maß ward überschritten, es gibt von allem ein „zu viel“, auch vom Herzen. Wenn allzuviel Herzblut fließt, wird es empfindlich schwach und angreifbar. Es musste einfach mal raus..

Ich habe es beurlaubt, damit es sich erholen kann. Ertrug den Schmerz darin nicht mehr, denn es war kein sinnvoller Schmerz, es war unnötiger Stress und unsinnige Aufregung. Nichtigkeiten, im großen Kontext gesehen, fremdverschuldet von unwichtigen Menschen, doch herzinnerlich mit großem Druck potenziert, wieder und wieder. Und nun steht das Herzkästchen leer, die Läden sind geschlossen. Die Vertretung, Rationalität, hat alle Hände voll zu tun, denn Frau Contenance meldete sich zu Beginn der Woche ebenfalls krank und überließ der wilden Contraire das weite Feld, frei von jeglicher Selbstbeherrschung. So ist das mit verlegten Dingen: im einen Moment werfen wir sie achtlos beiseite, im nächsten benötigen wir sie wieder und stehen dann betrtoffen und mit leeren Händen da.

Ich blicke von außen auf mich herab, wie ich auf deiner Bettkante sitze, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln, während extern mein beurlaubtes Herz überquillt vor Heimweh. Leihst du mir deines, solange meins sich erholt?, möchte ich dich fragen. Und kann es nicht. Mein Herz hat seine Sprache in die Auszeit mitgenommen, sein gutes Recht. Und mir fehlen sie nun beide, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie gesund wieder nach Hause kommen.

Fastenlasten

Beschlossen ist’s, ich faste dieses Jahr. Nehme den Aschermittwoch zum Anlass und versuche die nächsten 40 Tage eine Sache sein zu lassen, der ich in den letzten Jahren viel zu häufig gefrönt habe, wie ich finde. Frönen, wie ich lerne, leitet sich ab von Fro, „Herr“, wie in Fron und Frondienst. Frönen meint also jemandem oder einer Sache dienen, sich zum Sklaven derselben machen. Das zwar nur nebenbei, unterstreicht es jedoch dies: Will ich nicht.

Dass es hierbei nicht um Genussmittel gleich welcher Art geht oder Dinge, die das Leben schlichtweg versüßen, ist klar. Vom Leben zu viel habe ich noch lange nicht und werde mich hüten, es in einer Weise zu beschneiden, die mich letztlich nicht von meinen Laste¦r¦n befreien, sondern nur mehr beengen würde. Es geht natürlich um Dinge, die mir das Leben erschweren, und eben diese will ich die nächste Zeit einmal gründlich meiden.

Aber wie soll mir das gelingen? Kann ich die Gedanken, die mich unzufrieden stimmen, einfach so wegsperren wie zum Beispiel Schokolade? Die ich ins hinterste Eck des Schränkchens verbanne oder besser: sie vor Beginn der Fastenzeit effizient vernichte und dann keine mehr einkaufe? Aber Gedanken, die man nicht haben will, sind nicht wie Schokolade. So gar nicht. Vielleicht eher wie Alkohol? Das fiele mir nicht schwer, daheim. Aber erfahrungsgemäß lässt er sich in Gesellschaft (und auch noch in einem großen Weinanbaugebiet) kaum vermeiden. „Gehört doch dazu“, höre ich’s schon tönen, bei Geburtstagen das obligatorische Glas Sekt, ein Fläschchen Wein beim Treffen mit Freunden, das Feierabendbier nach einem langen Tag und der korrekte Cocktail am Wochenende. Nimmt man sich da raus für eine Weile, reagiert das Umfeld oft nicht gerade so, dass es unterstützend wäre. Im Gegenteil. Man muss erklären, rechtfertigen – „Wirst du jetzt gläubig, oder was?“ – „Ach komm, eins geht doch“ – „Bist du etwa…??“. Dreifach donnerndes NEIN.

Es erfordert eine Menge Disziplin und starke Nerven, solch Vorhaben unbeirrt durchzuführen. Wie schwierig ist das erst mit jenen Gedanken, die ich fasten will, wenn sie an jeder Ecke feilgeboten werden? Noch dazu bin ich ein fruchtbarer Nährboden für Zweifel aller Art. Es müsste eine Zweifelimpfung geben, kleine Zweifelantikörper, die mein Immunsystem stärken und die Zweifelviren mit ihren aus Selbstbewusstsein geschmiedeten Schilden und Waffen abwehren. Nimm das, du ungebetener Eindringling!

Nicht möglich. Gerade eben wieder erlebt. Die Kollegin, die sonst immer freundlich grüßt und für einen kurzen Plausch in der Tür stehen bleibt, geht heute mit finsterer Miene an meinem Büro vorbei, zwei Mal, schaut nur kurz mit heruntergezogenen Mundwinkeln rein. Und schon läuft die Zweifelgeneriermaschine an: Wahrscheinlich ist sie sauer, weil das ausstehende Dokument noch nicht da ist, weil ich es hätte für sie anfordern müssen, da sie am Montag nicht da war. Möglich, aber es ist ja da, seit eben, der zuständige Kollege war nämlich auch nicht im Hause am Montag. Oder hat sie heute einfach einen schlechten Tag? Wie ich es hasse, mir ständig fremde Befindlichkeiten überstülpen zu müssen. Wann verstehe ich endlich, dass mir fremde Klamotten weder zu Gesicht stehen noch passen und mich einzwängen und behindern?

Vielleicht sollte ich Menschen fasten. Menschen, die mich herunterziehen, ohne dass ich es auf Anhieb bemerke und mich hinterher frage: Warum fühle ich mich gerade so klein? Aber meiden ist wie weglaufen. Weglaufen ist aufschieben. Aufschieben ist anhäufen von Zweifeln und Gedanken. Sollte ich vielleicht hingehen und fragen, was los ist mit meiner Kollegin? Gespräche helfen, weiß ich aus Erfahrung zu berichten, nicht so gut laufende Dinge aus der Welt zu schaffen. Nicht warten, bis jemand kommt. Das tue ich viel zu oft. Sitze aus. Dabei ist es doch zielführender, Klärung zu suchen, als darauf zu warten. Und schon wieder halte ich eine Fahrkarte für das Gedankenkarussell in der Hand.

Ich mache mir jetzt erst mal eine Tasse Tee, um meine Hände und mein Herz daran zu wärmen. Dann gehe ich zur Kollegin. Damit beginne ich meinen ersten Fastentag: ich werde heute nicht auf dieses Gedankenkarussell aufsteigen.

 

Ach so …

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, einen kleinen bescheidenen Wunsch frei hätte …

Mal wieder lesen – Zeit und vor allem Lust zum Lesen. Letztes Jahr habe ich nur ein einziges Buch geschafft, viel zu wenig, sehr untypisch für mich, ich habe doch immer gerne und viel gelesen, was ist eigentlich los mit mir, warum habe ich das so vernachlässigt, und geschrieben habe ich auch schon lange nichts mehr richtiges, kann es sein, dass mir langsam alles entgleitet? Sollte ich mir besser etwas anderes wünschen, noch mehr Zeit womöglich? – Unmöglich machbar, und unbescheiden dazu. Bessere Organisation? Deutlichere Prioritäten? Ich werde noch verrückt, nicht mal einen kleinen bescheidenen Wunsch kann ich formulieren!

Stopp.

Vielleicht habe ich letztes Jahr einfach nur mal gelebt, anstatt ständig meinen Erwartungen an mich selbst gerecht zu werden …

Ja, das klingt ganz gut. Klingt nach Wunscherfüllung.

Denk¦pause

Ist es schon zu viel gedacht, wenn man denkt, man denke zu wenig?

Und zwar denke man womöglich zu wenig an andere, obwohl man ständig an andere denkt, weil man selbst denkt, man denke nicht oft genug an sie – die denken ja bestimmt, man denke nicht an sie -, weil man diesem Denken keinen kommunikativen Ausdruck verleiht. Du denkst nur an dich, denke ich dann. Und die bestimmt auch.

Mal nicht denken. Nicht denken müssen. Weil alles einfach so läuft, wie es läuft, ohne dass man versucht, mit Gedanken eine Sache in eine bestimmte Richtung zu lenken. In eine Richtung zu denken – Szenarien, die so oft beim Versuch, sie weiter und weiter zu denken, in einer Sackgasse landen. In einem dichten dunklen Sack, in dem die ganze Masse von hineingedachten Gedanken bis zur Unkenntlichkeit verwirbelt. Wenn ich da hineinsehe, in gleißend helle und nachtschwarze, ineinander gedrehte und verwirrte Gedankenstränge, wird mir ganz schwindelig.

Aber ich denke ja schon wieder.

Sprach¦los¦worte

Seit Madame gelernt hat, wie man spricht und dass es weitaus zielführender ist, Wünsche durch Kommunikation und nicht durch stumme Blicke und Gedankenbeschwörung zu äußern, was die Erfüllung selbiger in sehr viel nähere Reichweite rückt, plappert sie gerne drauflos, ohne groß den Hirnfilter dazuwischen zu schalten. Das ist herzerleichternd und oft jamesbonderheiternd. Und ehrlich. Einer von vielen glücksfördernden Faktoren.

Und so sprechen sich Tag um Tag eine Menge Soglücklichwienochnies und Sofrohdassdudabists und auch das ein oder andere Habdichlieb. Sie plätschern durch die Nacht, wenn Madame und JB sich aneinander festhalten müssen, um nicht davonzufliegen, weil sie’s einfach noch nicht fassen können, reihen sich buchstäblich wie silbrige Perlen mit einem Pling oder Plong auf der medialen Kommunikationsschnur aneinander. Eingebrannt ins Display, eingestickt mit einem Purpurfaden in das Herzgewebe.

Da sind aber noch andere Worte, solche, die nicht so einfach von den Lippen perlen. Die Worte, die man denkt und die man zurück hält, verschließt und versucht, sie durch die Augen schimmern zu lassen. Vor lauter Bedenken, dass sie irgendwie blöde klingen. Vor lauter Scham, der erste gewesen zu sein, der sie benutzt. Vor lauter Angst, dass sie nicht durchdringen, nicht erwidert werden. Vor lauter Panik, den falschen Zeitpunkt erwischt zu haben. Und dann kommt einer dieser Abende. Einer dieser schönen, entspannten Abende mit Freunden, alles ist gut. Nur der Herznächste, der ist physisch nicht anwesend. Die mediale Kommunikationsschnur aber ist gespannt. „Ich liebe Dich“ plingplongt es auf der anderen Seite. Und schon schießen Madame Bedenken, Scham, Angst und Panik zugleich in Kopf und Magen. „Jetzt ist es gesagt“ schicke ich nach, eine laue Entschuldigung. Kein Antwort-Plingplong. Selber schuld, Madame.

Und selbst wenn er das doof fand! Ich lass‘ mir mein Herz nicht verbieten! Soll er’s doch sagen, wenn er das doof fand! Mir egal, es war immerhin nicht gelogen! Doofmadame. „Je ne regrette rien“ plingplonge ich dann am nächsten Tag. Angriff ist die beste Verteidigung. Das Wiedersehen tags darauf fällt so wie immer aus, und ich vergesse einfach, was passiert ist. Ich kann damit leben, was ist schon Reden, wenn man Fühlen haben kann. Zudem beschäftigt mich auch noch meine immer noch anhaltende Erkältung, und daher bin ich schweigsamer als sonst, sehne mich nach meinem Kissen und der Nachtruhe. Die Augen geschlossen, das Hörvermögen noch aktiviert, aber bereit zum Herunterfahren, treten diese Worte an mein Ohr: „Ich liebe dich natürlich auch. Das wollte ich dir aber persönlich sagen. Ich liebe dich.“ Ploiing, hellwach. Und da wird mir die ganze Tragweite bewusst, als ich überlege, wie ich gerade aussehe: zerzauselt, aus glasigen Fieberaugen in blitzendblaue Lachsonnen starrend, mit rotgeschneuzter Nase und krankverschwitztem Schlafshirt. Wenn das nicht die absolut goldrichtige Situation ist, dann weiß ich auch nicht. Siebenzueins für JB.

Und ich? Schweige. Stillvergnügt. Und ein wenig entsetzt. Mir selbst kommen nämlich keine Worte über die Lippen. So gerne ich möchte, sie kommen einfach nicht, sie trauen sich nicht, immer noch nicht, obwohl doch alles gut ist. In der Hinsicht bin ich sprachlos. Wortleer und gefühlgefüllt.

Lichtbrücken und Dunkelab¦gründe

Und als ich so wanderte, frisch losgelöst von Jahre währendem Ballast, sah ich ein Licht in der Ferne. Ich hob meine Laterne, um zu sehen, wer da ebenfalls wanderte, und du sandtest Lichtsignale zurück. Ich verstand sie, eine ähnliche Frequenz. Wir kommunizierten, meist in der Nacht, denn am Tag überschien die Sonne unser Leuchten. Nicht lange darauf trafen wir uns, am Rande einer kleinen Klippe, nachdem die Lichtkommunikation den Wunsch nach einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht stark werden ließ. Zwischen uns, so stellen wir fest, lag eine Kluft, angefüllt mit unerfüllten Sehnsüchten und Träumen. Wir reichten uns die Hände darüber. Dieses Meer wallte auf, als wir unsere Verletzungen und Enttäuschung dazuwarfen; waberte zwischen uns wie eine Gischtwolke, und wir tauchten ein, nicht wissend, ob wir uns darin verlieren und jemals wieder auftauchen würden. Das war uns erst einmal egal.

Was haben wir geredet. Licht- und luftgetragen, alle denkbaren Dinge in unseren Köpfen zusammengeworfen, immer mehr Licht erzeugt. Der Dunst schien sich zu lichten. Und wir begannen eine Brücke über den Abgrund zu flechten aus Worten, Taten, Lachen und Licht. Unsere Basen nun verbunden, rannten wir ein ums andere Mal ausgelassen über die Klippen, zueinander, und wieder zurück. Wie sie schaukelte, die Hängebrücke. Alles war gut, solange wir nicht hinunter schauten. Fuchs sein fetzte wie noch nie. Dein Blick wanderte, suchte Schwachstellen, fand – suchte weder Lösung noch Konsens, sondern verband die Stellen mit mehrlagiger unangezweifelter Akzeptanz. Ich ging souverän und mit geschlossenen Augen über die Brücke, fühlte mich oft stark, oft schwach, doch dein Arm war immer da, an dem ich mich festhalten konnte. Darin fühlte ich mich geborgen, akzeptiert und unterstützt. Das gleiche hoffte ich zu geben.

Einmal ging ich über die Brücke, und sie schwankte und erzitterte. Ich öffnete die Augen und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich war. Mir wurde schwindelig. Hoch oben, über dem Abgrund, über dem Meer, auf schwankendem Boden, betrachtete ich meine Basis. Eine Basis, die ich mir geschaffen und erkämpft hatte, teuer, schmerzhaft. Da lag sie, in der Ferne, da stand ich, im Freien, freier Fall. Und meine Höhenangst kehrte auf einen Schlag zurück. Zurück zur Basis! schrie meine Panik. Doch zu welcher? Das Hin- und Hergeschaue trug nicht gerade zur Verbesserung bei, also schloss ich irgendwann die Augen und – rannte los. Als ich erwachte, lag ich am Abgrund. Ich war mit ausgebreiteten Pelikanflügeln gegen die Pfeiler meiner Basis geflogen, abgeprallt, gestürzt. Die Brücke hinter mir zerbarst, mit einem einzigen lauten Seufzer. Der Winter kam plötzlich. Viel zu schnell. Aber rate man mal jemandem mit Höhenangst, nicht panisch zu werden, langsam zu machen und die Herzfrequenz niedrig zu halten, wenn man ihm vorher erlaubt hat, überall hinzurennen und den Puls zu pushen, wann immer sich die Möglichkeit dazu ergibt.

Im Wachtraum dringen Worte zu mir. Worte aus meinem Mund, die ich hinüber rufe, und die sich derart grenzdebil anhören, dass ich sie mir am liebsten verbieten möchte. So sinnlos, das alles. Mein Nacken schmerzt. Die Augen brennen. Mein Herz – wo ist das überhaupt? Hatte ich denn eins? Das fragst du dich zurecht. Und das tut weh. Dass es weh tut, lässt mich wissen, dass ich eines habe. Aber vielleicht behalte ich das lieber für mich. Es ist wahrscheinlich einfacher, loszulassen, wenn man sich verraten fühlt. Ob das nun so ist oder nicht. Lieber einen guten Schuss Wut auf die blöde Bitch, die Brücken flicht aus Worten, Licht und Sehnsucht, und sie vorwarnungslos wieder kappt mit ihrer offensichtlich destruktiven Selbstverwirklichungsrumspinnerei, als die Aussage verstehen zu müssen: „Ich habe Höhenangst“.