Ameisengedanken

Derzeit fehlen mir die Worte angesichts all der Geschehnisse in der Welt, all der Eindrücke in den letzten Tagen, auch bei mir im persönlichen Umfeld. Ich bin sehr dünnhäutig, nehme mir vieles zu Herzen – ich sehe das jedoch immer noch positiv, Mitgefühl kann nicht falsch sein. Nie.

Ich habe daher einen Entwurf ausgegraben vom März dieses Jahres. Und auch wenn die Ursache eine andere war: das Gefühl der Ohnmacht ist heute ähnlich wie vor acht Monaten.

Ameisen im Kopf. Es krabbelt überall, schwarze Ameisenströme rinnen durch jede Hirnwindung, rennen an der inneren Schädeldecke entlang. Schwarze Ströme fühle ich fließen aus Mund und Nase, Auge und Ohr. Ich bin angefüllt mit Ameisen.

Taten und Nichttaten, Futur, Perfekt, Imperfekt, das sind Gedankenameisen. Breite, tiefe Ströme mäandern durch meinen ganze Körper, graben sich ein Bett aus Zweifeln und tragen Substanz dabei ab, lassen mich innerlich zerbröckeln. Ist meine Selbstliebe so groß, dass ich daran zerbreche, wenn ich mich zeitweise selbst hasse? Eine seltsame Beziehung, die ich mit mir führe.

Es muss wohl so sein: ich habe noch immer nicht genug Vertrauen. Ich traue mir selbst nicht über den Weg. Hinterfrage alle Entscheidungen, und wenn sie sich noch so gut anfühlen. Halse mir immer mehr auf und habe schon wieder verlernt, den nötigen Abstand zu wahren. Alle Emotionen von außen dringen durch die dünne Membran meiner Haut, ich fühle mich so nackt und schutzlos ihnen gegenüber. Ich konnte das mal. Im Ansatz zumindest. Abschotten. Glaube ich. Und jetzt verstärken sie sich, sobald sie durchgedrungen sind, die fremden Emotionen, mein Kopf potenziert sie und lässt stetig neue Ameisenströme entstehen, wieder brauchen sie mehr Nahrung, wieder fallen sie über die Teile meines Inneren her. Der Strom frisst sich unaufhaltsam durch mich hindurch. Ich stelle mir vor, irgendwann nur noch eine dünne Hülle zu sein, ein Gerüst aus Ameisengedanken und schwarzen mäandernden Strömen, die mir Gestalt geben.

Was hilft gegen diese Ameisenplage? Ich habe die Antwort gefunden: Ein rotes Insektizid, direkt ins Herz injiziert. Mit jedem Schlag verteilt es sich dünnflüssig, vaporisierend in jeder Zelle meines Körpers. Es drängt die Ameisenströme zurück, sie fließen in völliger Panik aus mir heraus, verlassen mich auf einen Schlag. Ein Wahnsinnsmittel, wo kriegt man das her? Es ist –

Ein Lichtblick. Und ein Erklärungsversuch. Ich lasse meine Gedanken ungefiltert in dein Ohr strömen. Jeden Tag. Jede Nacht. Begleitet von Gackern und Scherzen, Tränenströmen und immer mit der Auflage an mich selbst: Alles muss raus, beschönige nichts, rede dich frei. Da klappt das. Da spüre ich Verständnis. Und manchmal ist eine Umarmung tausendmal mehr wert und heilend als alle Worte dieser Welt.

„Wollen wir nachher eine Runde Joggen gehen?“ Mir scheint als könne ich all deine Liebe, deine Besorgnis und dein Verständnis aus diesen paar Worten lesen. Ich brauche Licht und Luft und einen freien Kopf. Warum kannst du mir das geben, was ich mir verweigere? Warum frage ich überhaupt, ich sollte annehmen, einfach annehmen. „Ja“.

Ich stelle mir vor, wie du mir ebenjenes rotes Insektizid direkt ins Herz injizierst mit jeder Berührung und jedem Wort. Es schlägt, endlich, und mit jedem Schlag verteilt sich dünnflüssig, vaporisiert das rote Gift im ganzen Körper. Gift also. Liebe ist Gift. Für so manches und so manchen. Lieben und heilen, lieben und töten, lieben und einen, lieben und entzweien. Lieben und verzeihen? Wenn ich das nur könnte. Verzeihen. Vor allem mir selbst.

März 2015

10 Wörter – Verlegenheits¦ratespiel

10 Wörter, die herausfordern: Raumzeit¦Erdbeergelee¦Veilchen¦Musenlaune¦Ausstellungskadaver¦
Literaturschleuder¦
Furie¦Gurkenhobel¦Cremetörtchen¦Schlürfen

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Willkommen, meine Damen und Herren, zu unserer heutigen Ausgabe von Jeopardy! Unser Sendungskonzept hat sich einer kleinen Veränderung unterzogen. Ab jetzt haben unsere Zuschauer die Möglichkeit, selbstkreierte Ratebegriffe und die entsprechenden Definitionen einzusenden. Unsere heutigen zehn Begriffe stammen daher aus der Sammlung von Frau Mia aus dem Westend, die Definitionen hierzu lieferte Frau Contraire aus Kleinkäffleinshausen. Vielen Dank an dieser Stelle! Und hier ist sie, unsere Ratewand:

Unschickliches 200 – Phänomen, das vor allem in Verbindung mit Heißgetränken oder Alkoholika zu beobachten ist
– Was ist … ?

Abstraktes 600 – Schweben an herzerfülltem Ort, Inspirationsfunken sammelnd und zu Papier bringend, die Leichtigkeit einer glücksfördernden Tätigkeit
– Was ist …?

Allegorisches 800 – Ein brennendes Pferd im Inneren, erweckt durch Koffeinentzug, allumfassender Inkompetenz und Manipulationsüberschuss
– Was ist eine …?

Allegorisches 1000 – Der Grund, weshalb der eigentliche Brotwerwerb wieder einmal auf die nächste Stunde verschoben werden muss
– Was ist …?

Mehrdeutiges 500 – aufgrund allzu großer Ambiguität und überbordender Fantasie nicht ohne das Abgleiten in Schlüpfrigkeiten zu definierender Begriff
– Was ist ein …?

Mehrdeutiges 800 – Glückliches Gewächs, dessen Farbe und Duft kindliche Sehnsüchte erwachen lassen, parallel als Begriff für faziale Schmuckumrandungen verwendet
– Was sind …?

Schimpfwörtliches 800 – Ein selbst G**gle nur bedingt bekannter Begriff, der unter Umständen Erinnerungen an die Begegnung vor einigen Jahren mit Gunther von Hagens hervorrufen kann
– Was ist ein …?

Schimpfwörtliches 1000 – Despektierliche Bezeichnung für glückliche Menschen, die genug „Abstraktes 1000“ und Inspirationsfunken zur Verfügung haben
– Was ist eine …?

Leckeres 500 – Rottransparent und lebenssüß materialisierter Sommer
– Was ist …?

Leckeres 600 – Wie „Mehrdeutiges 500“, jedoch positiv(er) besetzt
– Was ist ein …?

 

Hätten Sie’s gewusst, meine Damen und Herren? Ich hoffe, unsere heutige Raterunde hat Ihnen genau so viel Spaß gemacht wir mir! Bis nächste Woche

***

Die Sendung wurde nach dieser Neuerung übrigens abgesetzt.

 

 

 

Fiktion: Gelegenheiten

Und auf einmal ist er da. Dieser Moment, den du dir seit langem schon immer wieder vorgestellt hast, der sich aber bisher nie ereignete. Die Zeit vergeht, und langsam hast du vergessen, was du damals dachtest, wie es sich anfühlte, was du alles noch hättest sagen wollen. Denkst kaum mehr daran. Und dann ist er da. Der Moment. Du erkennst ihn und trittst ihm gegenüber, noch bevor du dir Zeit gelassen hast, darüber nachzudenken, ob das wirklich eine so gute Idee ist.

Dieser Moment, er hat auf sich warten lassen. Aber im Nachhinein betrachtet war es gut so. Viele Gedanken sind in der Zwischenzeit zerflossen, du hast aufgehört, dir nächtens Dialoge auszumalen, wenn du nicht schlafen konntest, und deine Schlagfertigkeit zu erproben. Mittlerweile weißt du, sollte er denn jemals kommen, dieser Moment – dahin wäre deine Schlagfertigkeit, dahin alles, was du noch hättest sagen wollen, damals. Also aufhören, darüber nachzudenken.

Nun ist er also da, du ergreifst die Gelegenheit und es entwickelt sich tatsächlich ein nettes Gespräch. Den halben Abend lang erzählst du und sprühst vor Begeisterung, und gefällst dir selber richtig gut heute Abend. Der Druck ist raus, es sprudelt aus dir heraus, meine Güte – hättest du geglaubt, dass sich das so gut anfühlt, nach all der Zeit voller Grübeln und zwanghaftem Nichtmehrdrandenkenwollen? Du hast aber auch viel zu berichten, lässt keins der besten Details aus, schwingst en passant und ganz unauffällig das Chirurgenbesteck, das du gegen gedankliche Mistgabeln und stumpfe Sensen ausgetauscht hast und spürst: es schneidet, fein, dennoch spürbar. Schließlich bist du die Contenance in Person, du schwingst keine Mistgabeln und Sensen. Nicht mehr.

Herrlich, dieser Abend, diese Gelegenheit! Es könnte noch Stunden so gehen, der Moment noch verweilen, aber mittlerweile gibt es Wichtigeres, und das ruft nun. Und du löst dich ohne Bedauern aus dem Gespräch, gerade rechtzeitig, denn bisher war es ein gutes Gespräch, ein, zwei Gläser Wein dazu, die Zunge wohlig gelöst, und doch unter Kontrolle. Na denn, machs mal gut, man sieht sich! rufst du fröhlich. Der Wein jedoch tut seinen Dienst und reißt deinen Gegenüber beim Verabschieden dann doch noch zu einer Frage hin, die du im ersten Augenblick nicht einzuordnen weißt. Am liebsten würdest du schallend lachen, allein die Contenance (und Höflichkeit) hält dich zurück. Auch ein kumpelhafter Nasenstöber wäre unangebracht, du lächelst einfach weiter und sagst: „Zerbrich dir mal nicht meinen Kopf, mein Lieber.“ Oder so ähnlich. Zumindest bröckelt jetzt die Contenance deines Gegenübers.

Küsschen links, Küsschen rechts, so rettest du die Situation. Ach ja, bis bald mal wieder, und Gottseidank, keine Sekunde zu früh verabschiedet. Sonst hätte der Moment  dich tatsächlich auch noch dazu hingerissen, ihm Dinge an den Kopf zu werfen, die du bedauert hättest. Und der andere noch viel mehr. Kleine Chirurgenbesteckschnitte sind okay, ein wenig Bohren mit dem Uhrmacherfeinstwerkzeug. Man muss ja nicht immer gleich das ganze Herz zerpflügen, so groß die Verletzung damals vielleicht war. Und wenn er nicht verblutet ist, dann trefft ihr euch vielleicht mal wieder.

Wortstrom: Daliesque

Endlich gehe ich einen Schritt der Zukunft entgegen – nun weicht sie vor mir zurück. Verrückte Welt. Frau Zuviel streitet sich seit jeher mit Herrn Zuwenig, und im unpassendsten Moment ist immer einer der beiden zugegen, der nicht in die Szenerie gehört. Zweifel gedieh schon immer prächtig auf meiner Herzwiese, wie Schlingpflanzen, wurzellos, doch großflächig. Wo sind sie geblieben, die Herzblumen? Ganz da hinten am Horizont erblicke ich noch welche, gehe schrittchenweise auf sie zu – schon schießt ein meterhoher Pfeiler unmittelbar vor mir aus dem Boden und begräbt mich in seinem Schatten. Da stehe ich, mit steifem Nacken, das Auge aufgerichtet, hilflos geblendet mit rudernden Armen. Ein weiteres Hindernis, an dessen hölzernen Füßen die Zeit zwar nagt wie ein Biber, aber nicht schnell genug. Lieber heute als morgen sähe ich seinen Fall, denn an meinen Holzbeinen nagt die Zeit bereits ebenso langsam wie stetig. Herrgott, wo ist das Meer, wenn man es braucht! Dass sowas stets zur Ebbezeit passieren muss, wenn alle Elefanten das Land verlassen haben.

Ich schließe die Tür hinter mir, kehre ein wenig Sand von den roten Stufen. Mir ist nach weiß, ich hülle die steinernen Wände in Leinen und die Bettstatt in silberne Kissen, drapiere den Baldachin, den wir einst gewoben aus unseren Schiffstauen, und einsame mich mit offenen Augen durch die textile Erinnerung. Teeblüten kontrastieren zur seidigen Kühle meines Lagers, ich nehme eine große Tasse aufgebrühter Gemeinsamkeiten und setze mich hinein. Am Boden finde ich glänzende Münzen und lasse die kleinen und großen Wünsche über meine Fingerknöchel wandern, lege sie wieder an ihren Platz. Ich wünsche mir weiße Lilien herbei, ihr Flüstern erfüllt fast augenblicklich den Linnenraum, hüllt mich in knisternde Vergessenheit. Nichts ist so strahlend und weiß wie das Rauschen des Meeres, das ich herbeiträume. Im Sternennachthemd, mit wachen Traumaugen, aus denen das lilienblättrig verhüllte Warten rinnt, Vergebung formend.

2. Einladung 2015 – 10 Wörter: Am Fahrbahnrand

Eine neue Herausforderung von der lieben Frau Ahnungslos, und endlich kann ich mich aufraffen, wieder mitzumachen. Die 10 Wörter stammen dieses Mal von Arabella:

1. Kalender
2. Rückfahrkarte
3. Schnittlauch
4. Chromosomen
5. Schneckengift
6. Radkappe
7. Gefahr
8. Zärtlichkeit
9. Elend
10.Gewinn

Es zählte nicht. Nichts zählte, keines seiner Argumente. Weshalb er nicht zurück wollte. Er habe seinen Kalender verloren, den papiernen, den er jahraus, jahrein in seiner Tasche trug, da habe er die Rückfahrkarte hineingesteckt, und die sei nun auch weg. Aber er hatte immer noch seine Kreditkarte, und sein Bankkonto würde auch eine neuerliche Abbuchung der Deutschen Bahn verkraften. Es wäre zu offensichtlich, dass er einfach nicht zurück wollte. Gerade fühlte er sich wie eine abgesprungene Radkappe, die am Straßenrand in der Abendsonne lag, zwischen all dem Fahrbahndreck, den die Fahrzeuge täglich von der Straße fegten. Zwischen Löwenzahn, der durch die Asphaltdecke brach, in steter Gefahr, der nächste LKW könnte ihn erwischen und ihn in tausend Teile bersten lassen. Und sie, die sich hineinsteigern konnte in die Tatsache, dass der Schnittlauch im Garten von Schnecken befallen war, gerade ihr Biogarten, und ausgerechnet an ihrem Bioschnittlauch! Er wollte nicht einmal diskutieren, aber irgendwie war ihm doch das Wort „Schneckengift“ entschlüpft, und er wusste, er hatte dieses immer wiederkehrende Elend einer Grundsatzdiskussion selbst gewählt. Ob es am generellen Unterschied der Chromosomen von Männern und Frauen lag, oder ob sie einfach nicht merkte, wie er darunter litt, dass sie ihrem Bioschnittlauch mit der Zeit mehr Zärtlichkeit entgegenbrachte als ihm – er konnte es nicht sagen.

Der Zug rollte an. Er atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann stieg er ein. Er wollte keine liegengebliebene Radkappe sein. Er wollte auch wieder vorwärts rollen. Er würde sich nicht in Konkurrenz zu einem Kräutergarten setzen lassen. Wie auch immer die nächste Begegnung ausfiel, er würde einen Gewinn daraus machen: Entweder verschwand der Schnittlauch vom Tapet, oder er.

 

Anmerkung:
Allzu leicht kam mir dieses Mal keine Geschichte in den Sinn, das liegt wohl am Rost, der sich in den letzten Wochen, Monaten auf meiner Schreibfeder mangels Einsatz abgesetzt hat. Knappe 20 Minuten, kein Feinschliff.

Wortstrom: Ph¦r¦asenverschiebung

Regen im Kopf

Alles, was sich regt,
sind die Wellen auf dem Herzsee,
wenn tausende kleine Tränentropfensteine
in seine Oberfläche fallen.

Rauschen im Kopf

Alles, was rauscht,
ist die Zeit, der Treibsand im Glas,
so stark, dass das Dagegenlaufen
sturmzeitlupenlangsam scheint.

Schreien im Kopf

Alles, was schreit,
sind stumme Münder,
so rot und geschunden,
Stummmünderschreie vom und ins Dunkel.

Schweigen im Kopf

Alles, was schweigt,
muss doch schreien, rauschen, sich regen,
den Wellen, der Zeit und den Stummmündern entgegen.
Doch schweigt’s. Es. Schweigt.

Die lieben Kleinen

Eigentlich sind Katzen einzig das, was wir aus ihnen machen. Sicher, sie mögen ihren eigenen Kopf haben. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Gutes Futter, ein Muss für ein gesundes Erscheinungsbild. Ausgeglichenheit schätzen wir natürlich mehr als Nervosität oder tiefe Kratzer und Schäden von scharfer Kralle an unserem Mobiliar. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Manche präferieren je nach persönlichem Gusto eher zurückhaltende Zeitgenossen, andere ergötzen sich an Lebhaftigkeit und Charakterstärke. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Wir investieren in unser Haustier, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihr Leben verlängern. Fachmännisch befasst sich der Tierarzt unseres Vertrauens mit der Gesundheit unserer  Ersatzkinder, während wir nägelkauend im Wartezimmer sitzen und uns die Impfung mehr körperliche Schmerzen zufügt als unseren Kleinen. Wir brauchen viel Zeit und Hingabe, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, sonst fordern sie dies ein, quälen uns mit Blicken, liegen uns in den Ohren. Schlimmstenfalls wenden sie sich enttäuscht von uns ab, werden apathisch, resignieren.

Man sagt ja: Artgerechte Haltung. Irgendwann lassen wir nach qualvollem Abwägen des Für und Wider unsere Lieblinge schweren Herzens nach draußen, die Bedenken stehen uns zu Beginn auf die Stirn geschrieben, wenn wir anfangs ständig nach ihnen sehen, sie unter Beobachtung stellen, wenn sie ihr neues Revier erkunden und weiter, immer weiter sich vom heimischen Grundstück entfernen. Hinaus in die weite Welt. Wir blicken ihnen heimlich nach, wenn sie in Nachbars Garten spielen. Freuen uns diebisch über Komplimente von außen über Aussehen und Verhalten, nehmen später, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Haustierexperten avanciert zu sein, so manche Kritik nicht mehr so ernst und sehen bald über kleine und größere Missgeschicke großzügig hinweg. Und so wachsen und gedeihen sie, mit Fell und Fängen, werden dick und füllen unsere Herzen. Wir lieben sie, diese kleinen Kreaturen.

Kleine Kreaturen, die wir lieben, ein paar Buchstaben, wenige Wörter. Zuweilen wachsen und gedeihen sie, füllen Zeile um Zeile, gar Seiten, ganze Bücher. Über größere und kleinere Missgeschicke sehen wir bald großzügig hinweg, wenn wir der Meinung sind, langsam zum Schreibexperten avanciert zu sein, und nehmen so manche Kritik längst nicht mehr so ernst. Freuen uns dennoch diebisch über Komplimente von außen über Form und Inhalt. Hinaus in die weite Welt. Anfangs blicken wir ihnen heimlich nach, als sie noch neu auf der Spielwiese sind. Stellen sie unter Beobachtung, wenn sie anfangen, ihr neues Revier zu erkunden und sich weiter, immer weiter vom heimischen Hafen entfernen. Was standen uns die Bedenken auf die Stirn geschrieben, sie nach draußen zu lassen, schweren Herzens entschieden wir uns irgendwann nach qualvollem Abwägen des Für und Wider dazu. Man könnte sagen: um der artgerechten Haltung willen.

Resignation, Apathie zuweilen sind nicht selten, wenden wir uns enttäuscht von ihnen ab, wenn wir nicht mehr genügend Zeit und Hingabe haben, um ihnen die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, denn sie fordern dies ständig ein, quälen uns beim bloßen Anblick und liegen uns im Magen. Fachmännische Hilfe kann möglicherweise Gesundung herbeiführen, und während sich der Experte unseres Vertrauens mit unseren Kindern befasst, sitzen wir nägelkauend in der Warteschleife, und jeder Schnitt und jede Änderung fügt uns mehr körperliche Schmerzen zu, als mit bloßem Verstand zu begreifen ist. Wir investieren in unsere Lieblinge, emotional allemal, finanziell, wollen wir ihnen zum Erfolg verhelfen. Präferieren je nach persönlichem Stil  Zeitgenössisches, zurückhaltende bis sachliche Beschreibungen, oder verschreiben uns unserer lebhaften Fantasie oder dem starken Ausdruck. Dichten ihnen Persönlichkeit an. Und sauber sollen sie sein, unsere Pfleglinge. Ausgeglichenheit schätzen die meisten mehr als nervöse Zeilensprünge und tiefe Kratzer und Schäden von stumpfer Feder an unserem Ästhetikbegriff. Hirnschmalz und Ausdauer, ein Muss für ein augenschmeichelndes Erscheinungsbild. Aber ist es nicht allein unsere Entscheidung, sie zu umsorgen, sie zu verwöhnen und ihnen die Pflege angedeihen zu lassen, die wir – und nur wir – für gut und richtig erachten? Sicher, sie mögen ihre eigene Dynamik haben. Aber eigentlich sind Texte einzig das, was wir aus ihnen machen.

 

Abschiedsmond

„Aber … was habe ich denn falsch gemacht?“ Er schaute sie aus großen flehenden Augen an. Sie konnte seinen Blick nicht lange erwidern und senkte den Kopf. „Es liegt nicht an dir. Glaub mir. Ich … Es ist meine Schuld.“ Er vergub sein Gesicht an ihrem Hals, im Meer ihres langen weichen Haares und klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender. Seine Schultern zuckten.

Sie hasste diese Momente. Viel zu oft hatte sie schon Abschied genommen, jedes Mal war es notwendig und nicht abzuwenden. Sie dachte über all die zurückliegenden Abschiede nach, und keiner unterschied sich groß von diesem hier. Manchmal weinten sie eben. Manchmal wurden sie zornig, und wieder andere saßen einfach nur stumm da und ließen es über sich ergehen. Sie schwieg und ertrug noch eine Weile den Druck auf ihrer Schulter, die verzweifelte Umarmung. Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus. Es war noch Zeit, aber nicht mehr viel.

„Und es gibt wirklich keine Chance, dass wir … ?“ – „Nein, und es tut mir unglaublich leid. Aber es muss sein.“ Wie oft hatte sie diesen Satz schon sagen müssen. Jedes Mal, so schien es, klang er ein wenig mehr nach Tonbandaufnahme, stetig, leiernd, abgedroschen. Aber was sonst sollte sie in einem Moment wie diesem sagen? Er tat ihr wirklich leid. Viele taten das nicht. Manche hatten es geradezu verdient, das spürte sie meist schon früh. Er hier aber hatte nichts von all dem verdient, wusste sie, und sie bedauerte jetzt, dass sie ihm begegnet war. Dass er ihr begegnet war. Falsche Zeit, falscher Ort. Aber nicht mehr zu ändern.

Sie versuche sich aus seiner Umklammerung zu lösen. „Hör mal, ich muss jetzt …“ Ihre Stimme versagte. Sie fühlte sich plötzlich unsagbar schwach. Ihr Blick glitt wieder nach draußen. Was, wenn sie dieses Mal anders handelte? Was würde geschehen? Er war so liebenswert und so verletzlich, jetzt gerade. Und war doch so stark gewesen, hatte sie auf Händen getragen. Wäre er auch stark genug, „es“ zu ertragen, sie zu ertragen? Musste das dieses Mal überhaupt so enden wie all die anderen Male? Sie spürte den Zweifel an ihr nagen. Konnte er es auch spüren?

Er löste sich schließlich von ihr, eine Träne fiel von seinen Wangen auf ihr schwarzes Haar, glitzerte noch kurz im fahlen Licht, bevor sie sich auflöste. Die letzten Schleierwolken verzogen sich und gaben zögerlich den Blick auf den vollen Mond am Himmel frei. Sein bläuliches Licht erfüllte mit einem Mal den Raum. Sie atmete tief ein. „Ich werde sanft sein“, versprach sie, und strich ein letztes Mal liebevoll mit spitzen Krallen über seine tränennasse Wange, als ihr Rücken aufbrach und schwarzes Fell zum Vorschein kam…

 

… Über und über mit seinem Blut verschmiert sprang sie in die dunkle Nacht hinaus. Sie hatte sich dieses Mal sehr beeilt. Ihm die Klauen ohne Zögern durch den Brustkorb geschlagen, das Herz gepackt und zerfetzt.  Sie hatte ihm für den Bruchteil eines Moments noch einmal in die schreckgeweiteten Augen gesehen, er hatte seinen Mund schmerzverzerrt zum stummen Schrei geöffnet, bevor sie ihm in die Kehle biss. Morgen würde man nur ein zur Unkenntlichkeit zerfetztes Bündel Mensch vorfinden, Wände, Teppich, Vorhänge blutgetränkt. Niemand würde etwas bemerkt haben. Keine Schreie, keine Einbruchspuren, nur ein geöffnetes Fenster. Bis dahin war sie längst über alle Berge, in einer anderen Stadt, in einer anderen Gestalt, bereits nach der nächsten Begegnung gierend. Aber nun würde sie erst einmal Unterschlupf suchen im Wald, oder zwischen den Betonbauten der nächtlichen Stadt, um ihre eigenen Wunden zu lecken. Die eine Wunde, die sie schwärend im Herzen trug, die ständig wuchs. Wie oft würde sich das noch wiederholen müssen? Vielleicht so lange, bis dieses Herzgeschwür alles Material aufgebraucht hatte und es nichts mehr gab, worin es brennen und wüten konnte.

 

Credits
Ein Dank an den Vollmond heute früh auf der Fahrt zur Arbeit, als er hinter Wolkenfetzen hervorlugte und mir einen Inspirationsfunken ins kranke Hirn streute.

10 Wörter, Runde 10: Erinnerungen

Die liebe Frau Ahnungslos hat uns wieder 10 Wörter zur Verfügung gestellt, dieses Mal stammen sie von Monika-Maria, ein Dank an dieser Stelle für eine neue, kreative Aufgabe.

Sprache
Schönheit
Anerkennung
Frieden
Spätsommer
Tee
Kerzen
Häckeldecke
Wiedersehensfreude
Wollkiste

Es hatte ihr glatt die Sprache verschlagen, als sie ihn das erste Mal sah. Er war keine Schönheit im Sinne von großgewachsen oder besonders gut gekleidet. Aber seine Augen… Und die Nase, vor allem die. Eine Philosophennase, das mochte sie, und sie wusste, sie würde sich dagegen nicht wehren können. Philosophennasen verschlugen ihr stets beim ersten Anblick den Atem, und sie war ihr Herz los, bevor sie eine bewusste Entscheidung treffen konnte. Er war eines Tages plötzlich da, nahm wochentags die gleiche Bahn wie sie zur Arbeit. Sie warf ihm verstohlene Blicke zu, die er ebenso verstohlen zu erwidern begann.

Sie hatte ihren Frieden mit sich gemacht. Dieser Mann gab ihr die Anerkennung, die sie verdiente. Sie hatte endlich gelernt, sich und ihre Fähigkeiten zu schätzen und fasste Vertrauen in die Welt. Sie verbrachten einen traumhaften Spätsommer, redeten oft bis spät in die Nacht hinein. Und als es herbstlich wurde, saßen sie bei Tee und Keksen auf dem Balkon. Sie liebte Kerzen, ein sanftes Licht, das zwischen ihnen schien, wenn der Tag wieder viel zu schnell zur Neige ging und er ihr, aufmerksam wie er war, eine Häkeldecke über die fröstelnden Schultern legte. Er war einfach immer da.

An einem Sonntagnachmittag saßen sie wieder einmal auf ihrem Balkon und genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen. Sie hatte die Häkelnadel und die fertiggehäkelten Quadrate in den Schoß gelegt, und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Eine Decke sollte es werden, für die kühleren Tage, die sicher bald kommen würden. „Morgen“, sagte sie und legte Entschlossenheit in ihre Stimme. Sie warf Häkelnadel und Wolle zurück in die Wollkiste, nippte an ihrem bereits erkalteten Tee und sprach in Richtung des zweiten Sessels: „Morgen spreche ich dich endlich an.“ Ihre Wiedersehensfreude war riesengroß.

 

Anmerkung:
Dieses Mal drängte sich mir schon beim Überfliegen der Wörter ein Szenario auf, daher dauerte es nur etwa 15 Minuten, bis die kleine Geschichte entstanden war. Offensichtlich war ich ein wenig zu schnell, ich finde sie nämlich nicht besonders originell, sie klingt schrecklich nach „schon da gewesen“. Aber geschrieben ist geschrieben.