Schluss¦aus, aber wirklich!

Er hatte gestern Geburtstag. Ich habe nicht gratuliert. Nicht per Nachricht, nicht mal auf dieser Plattform, die mich mehr nervt als sie mir nutzt. Endlich mal konsequent sein, denke ich mir. Es ist zwar nicht so, dass wir uns je gestritten hätten. Dass wir uns gegenseitig etwas Schlechtes gewünscht hätten – außer das eine Mal, als ich schon längst JBs Bekanntschaft gemacht hatte. In seiner Vorstellung sind alle Männer nach ihm völlige Idioten. Diese Vorstellung war es letztlich, die mich vertrieb. Also, konsequent keinen Kontakt mehr halten, auch nicht aus Mitleid. Er ist wieder Single, aber das sollte mich am allerwenigsten interessieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich ihn vermisse. Der Gedanke an ihn ärgert mich vielmehr. Ich denke, schuld sind einfach die vielen alten Dinge, die mir jetzt, bei der Renovierung, wiederbegegnen, die kleinen Erinnerungsstücke, die zu meinem Leben gehören. Und vielleicht ist es auch der Blick in die Zukunft. Der mich ermahnt, dass es endlich, endlich Zeit ist, den Schlussstrich zu ziehen. „Okay“, sage ich zur Zukunft, „du hast ja recht. Gib mal den dicken schwarzen Stift, ich zieh ihn jetzt. Den Schlussstrich. Und hepp!“

Das war leicht, verdächtig leicht. Ich schraube die Kappe wieder auf den Stift. Als ich aufblicke, steht JB vor mir und meint: „Es kann doch auch mal leicht sein im Leben. Es ist nicht alles nur kompliziert.“ Ich stimme dem einfach mal zu. Und während die dicke schwarze Linie trocknet und der Geruch von Schlussaus-und-Ende allmählich verfliegt, beschließe ich, dass ab dem gestrigen Datum einfach alles anders ist. Alles neu. Jetzt aber wirklich: Hallo Zukunft!

Rosenregen

Rosenregen

Re¦novierung

Es ist schon dunkel draußen. Fast Schlafenszeit. Ich betrete noch einmal den leeren Raum. In seiner Mitte drehe ich mich um die eigene Achse, betrachte die kahlen Wände. Bahn um Bahn habe ich die alten Tapeten entfernt, sorgfältig, eine nach der anderen. Ich weiß gar nicht, wie lange ich gebraucht habe. Es kam mir nicht lange vor. Ich weiß nur, dass es damals eine schiere Unendlichkeit gedauert hat, die Tapeten an die Wand zu kleben. Der erste Raum. Das erste Mal tapezieren, voller Motivation und voller Hoffnung. In rot.

Die Ernüchterung folgte bald auf dem Fuße. Ganz so leicht war es doch nicht, nur mit Motivation und Hoffnung. Fehler passierten, das ist auch gar nicht schlimm, daraus lernt man nur. Dachte ich. Aber jeder geht anders mit Fehlern um. In diesem Raum prallten zum ersten Mal Welten aufeinander. Am Ende, eine schiere Unendlichkeit später, hatten wir es aber geschafft, alle Fehler ausgebügelt, alle unsicheren Stellen perfektioniert bis in die kleinste Ecke. Kein anderer Raum im Haus repräsentierte die Beziehung besser als dieser: Alles Fassade.

Und nun ist der Raum wieder leer, die Wände kahl. Man erkennt noch Farbspritzer von vorangegangenen Renovierungen, lange vor meiner Zeit. Der Mond scheint zum Fenster herein. Ich habe das Bedürfnis, mit den Händen über die rauhen Wände zu wandern. Die Spachtelabdrücke zu erfühlen, die vor vielen Jahren entstanden. Die kaum wahrnehmbaren Ausbuchtungen. Ein altes Haus und seine liebenswerten kleinen Macken. Wieder am Anfang. So hatte es begonnen. Mit nackten Wänden, ein sanfter Geruch von angefeuchtetem Stein, rauh und gleichzeitig glatt unter meinen Händen, pure Nostalgie. Eine Liebkosung, einmal über alle vier Ecken. Noch einmal von vorn, noch einmal nackt und leer. Bereit, wieder neu mit Hoffnung bespannt zu werden.

Was ist das für ein Gefühl, das da in mir aufgeht ? Stolz? Sentimentalität? Ich weiß, welches Kleid die Wände schon morgen erhalten sollten. Aber ich weiß nicht, wie lange ich davon haben werde. Seit viel zu langer Zeit befinde ich mich in einer Warteposition, in der nichts geschieht und das Warten wie zähes Wachs von der Decke tropft und mich lähmt. Doch nun kommt Bewegung ins Spiel. Ich kann einfach nicht verharren, ich muss meine Hände bewegen, ich muss etwas tun. Nur so bewegt sich etwas. Und das tut es. Zwar liegt das Ziel noch im Nebel, aber es nimmt langsam, ganz langsam Konturen an. Und deshalb bespanne ich die nackten Wänden wieder mit Hoffnung, rein und weiß, und sehe dann, was daraus wird. Es ist nie verkehrt, sich zu bewegen, etwas zu er¦schaffen.

Wie lange? Ich weiß es nicht. Und ich versuche auch nicht darüber nachzudenken. Jetzt ist jetzt. Und Morgen kommt, ganz bestimmt. Das aufkeimende Gefühl, was es nun auch sein mag, lenkt meinen Blick zu einem Bleistift auf der Fensterbank. Ich schreibe meinen Namen an eine der vier Wände, in Kopfhöhe. Da steht er nun. Ich. Und da werde ich bleiben, unter der neuen Tapete, unter der neuen Farbe, die irgenwann später von irgendjemandem aufgetragen werden wird. Die Wand trägt meinen Namen, auch wenn ich schon lange nicht mehr hier wohnen werde.

Analysen¦konsequenz

Oder: To¦Do is To¦Be is To¦Do is To¦Be …

Ich habe keine Ahnung. Wirklich, ich weiß nicht, was heute anders ist als Freitag vor einer Woche. Es liegen lediglich sieben Tage dazwischen, sagt der Kalender. Ganze, große, weite Welten, sagt mein Gefühl. Also das im Bauch. Und das im Kopf nickt bestätigend. Starten wir sie, eine:

Analyse

Nach einer dunklen, viel zu früh herbeizitierten und daher sehr langen Nacht glitzerten noch die Hoffnungstautropfen, die ich beim Schlafengehen beiseite gelegt hatte, um mich dumpfen und ziellosen Gedanken hinzugeben. Vielleicht war’s die Sonne, die mich auf meinem nachfolgenden Streifzug – ich ganz allein mit meiner Seele an der Hand – so hell begleitete. Wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag zusammen, sie erzählte mir so einiges, als wir durchs Land streiften, und ich hörte ihr aufmerksam zu. Währenddessen habe ich kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, ich ließ die Zeit einfach Zeit sein, ohne Druck und ohne die Vorgabe, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Jene Stunden, die wir glücklich und frei verbringen, was dagegen ist sinnvoller? Und so war ich in guter Stimmung und erfüllte meiner kleinen Seele an meiner Hand den einen oder anderen Wunsch, wenn sie plötzlich stehen blieb und sich die Nase an den Schaufenstern voller Süßigkeiten plattdrückte. Ich hakte gar nicht nach, ob „sinnvoll“, „nahrhaft“ oder gar „gesund“. Es machte mir einfach Spaß, die Kleine glücklich zu sehen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen und zuweilen völlig selbstvergessen. Kaum mehr etwas zu ahnen von der nicht einmal 24 Stunden zurückliegenden Quälerei mitten im Nichts.

Und siehe da: Als wir uns fröhlich kichernd und gegenseitig neckend auf den Heimweg machten, hatte noch niemand vergeblich angerufen, niemand vor verschlossener Türe gewartet. Nur die beiden Mademoiselles gebarten sich, als kehrten wir erst nach mehrwöchiger Weltreise wieder heim. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Und ein bisschen hatten sie es auch im Gespür mit der Welt¦en¦reise…

Oder sind vielleicht doch Frau Knoblochs Blautadelchen schuld am plötzlichen Sinnes¦wandel, die beim Lesen Sinne wandeln ließen über das Meer? Womöglich ist es überhaupt nicht schlimm, da draußen zu sein, wenn man die rechte Ausrüstung mit sich führt. Es gilt noch immer auszuloten. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen und kann unmöglich einfach so übersprungen werden. Man sollte auch keinen Kuchen anschneiden, ohne vorher den Teig für einige Zeit dem Ofen anvertraut zu haben und, auch wichtig, ihn auskühlen zu lassen, sonst ist das Ergebnis mit Sicherheit nicht das gewünschte. Die Verdächtigen – die Hoffnungstautropfenschenkerin, die Sonne und die Blautadelchenverfasserin – mögen daher meinen breitgestreuten Dank annehmen. Erkenntnisse ziehe ich ebenso aus dem Seelenspaziergang. Aber nicht nur Erkenntnisse, es darf daraufhin gerne eine Anpassung erfolgen, um sich nicht wieder zu diesen viel zu langen, dunklen Nächten hinreißen zu lassen. Et voilà, eine mögliche:

Konsequenz

Eine To¦Do-Listenrevolution steht an. Ja, ich bin ein Listenmensch, ich kann nicht ohne sie, weil ich sonst alles vergesse. Vom Einkaufszettel über die täglichen Arbeitsnotizen bis zur generellen (also die mit den utopischen Vorhaben, beispielsweise endlich die Garage aufzuräumen) und der wöchentlichen To-Do-Liste mit kleinen und größeren Haushaltsaufgaben. Letztere hat meist einen triftigen Grund, dieses Mal sind Gäste geladen, und das Häuschen soll daher etwas „Repräsentatives“ ausstrahlen. Sagt man doch so. Mit zwei Mademoiselles leidet leider die Sauberkeit zuweilen aufgrund von Katzenhaaren allüberall. Ein junger Neffe, im vollerblühten Erkundungs-, Krabbel- und Hinfallmodus, soll nach seinem Besuch nicht unbedingt aussehen wie ein haariges Äffchen oder Gefahr laufen, anstatt einer der beiden Mademoiselles aufgrund akuter Verwechslungsgefahr in meinem Haushalt zu verbleiben, wenn seine Eltern den Heimweg antreten. Kurz gefasst, es muss etwas getan werden, und das liste ich mir gerne auf, um jede Aktivität, und sei sie noch so gering, von der Liste zu streichen. Das befriedigt ungemein. Unbefriedigend dagegen ist das rasche Anwachsen solcher Listen. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich sehr viele von ihnen. Ein Hilferuf in Richtung des Herrn Papa soll zumindest vorerst Abhilfe schaffen, ein Sammelkästchen wird benötigt, das der Herr Papa anzufertigen imstande ist. Kaufen kann ja jeder. Aber auch gebündelt und hübsch aufbewahrt bleiben To-Do-Listen immer noch eines: meist lästige Pflichten. Und hier greift der Sinneswandel und wandelt Sinnen in reale Verhaltensanpassung:

Ich nehme mir vor, pro von mir angelegter Pflichtenliste einen Punkt auf einer „Schöne-Dinge-Liste“ zu ergänzen. Dinge, die ich gerne mache, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, die mir einfach Freude machen und in denen kein tieferer Sinn liegt. Meistens. Manchmal schon. Ein Beispiel setze ich darunter. Auch das bereitet mir Freude, sich die Zeit nehmen und einfach mal ein Bildchen schießen, das zum Thema passt. Diesen Punkt sollte ich vielleicht auch gleich ergänzen auf meiner Liste. Solange es nicht zum Zwang wird.

To Dos und To Loves

Man sieht es schon an der Schrift, was mir mehr liegt … Grüße an dieser Stelle an Gérard Otremba von Sounds&Books! Dessen Empfehlungen, die ich gerne mal wieder in Ruhe nachlesen möchte, kann ich meist uneingeschränkt weiterempfehlen.

Briefe

Einem glücklichen Zufall geschuldet, erblickt dieser Artikel nun doch das Licht des World Wide Web. Gerrit Jan Appel sinniert auf seinem Blog ebenfalls über „altertümliche“ Kommunikationsformen. Dazu hat Madame natürlich auch etwas zu sagen.

Die zweite Januarwoche, und Madame liegt auf der Nase. Allzu schlimm ist es nicht, ein wenig das Übliche, ein wenig berufsgeschuldete Symptome. Deswegen heißt mich die Ärztin daheim zu bleiben, Wärme auf die schmerzenden Stellen, Ruhe und vor allem: sich selbst etwas Gutes tun. Wie Frau Doktor befehlen!

Bevor ich die Haustüre aufschließe, sehe ich gewohnheitsmäßig in den Briefkasten, meist erwarte ich lediglich Rechnungen oder Werbesendungen. Diesmal überrascht mich aber ein hübscher blauer Umschlag, meine Adresse prangt in schön geschwungener Handschrift darauf. Ein persönlicher Brief.

Ich kann es kaum erwarten, ihn zu öffnen, und als ich den Brief feierlich hineintrage und ein geeignetes Werkzeug suche, erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich stets erwartungsvoll zum Briefkasten tigerte und, wesentlich öfter als heute, freudestrahlend Briefe von Bekannten und Freunden herausholte. Madame war eine eifrige Briefeschreiberin. Mit Internet und E-Mail verschwanden nach und nach die handschriftlichen Nachrichten, wahrscheinlich haben wir es nicht einmal wirklich bemerkt. Aber noch heute gehe ich gerne zum Briefkasten. Irgendwie erwarte ich immer noch Post, schöne Post, handgeschrieben, wobei nicht mal das zwingend notwendig ist (ich kenne meine eigene Handschrift und weiß: lieber ein paar persönliche Zeilen getippt und ausgedruckt, als ein Leser, der nicht mal im entferntesten erahnt, was der Schreiber eigentlich sagen wollte).

Was macht eine Madame, wenn sie Ruhe verordnet bekommt und sich etwas Gutes tun soll, damit die Rückenschmerzen bald wieder weg sind? Ganz genau, sie räumt das Schlafzimmer um und schiebt das zierliche Röhmhild-Tasteninstrument durch die Gegend. Fiel hier schon einmal das Wort „unbelehrbar“? Und so geht es weiter, beflügelt von einem blauen Umschlag samt seines Inhalts setze ich mich an eine längst überfällige Nachricht an eine liebe Freundin aus Frankreich. Berichte ihr, was sich in den letzten zwei Jahren ereignet hat, füge ein paar Bilder hinzu. Es fühlt sich großartig an. So, nun die logische Konsequenz …

… Kurz darauf sitze ich auf dem Boden und stöbere in meiner alten Briefekiste. Zwischen 1996 und heute haben sich einige Schriftstücke angesammelt. Ich verwahre sie in meinem kleinen Kinderköfferchen, das ich geschenkt bekam, als ich etwa 5 Jahre alt war. Es platzt aus allen Nähten, denn außer Briefen und Postkarten habe ich auch noch diese kleinen Zettelchen aufbewahrt, die man sich in der Schule schrieb und die man heimlich von einer Ecke des Klassenraums in die andere weitergab. Wie haben wir in unserer Jugend ohne Handies überlebt? Genau so. Man schrieb sich zu Hause Briefe und überreichte sie sich am nächsten Tag in der Schule. Ich finde sogar noch kleine schüchterne „Willst du mit mir gehen?“-Zettelchen, die mich natürlich zum Lächeln bringen.

Ich hatte einen besonders treuen Brieffreund. Wir haben uns in einer Jugendfreizeit kennengelernt, und nachdem die anfänglichen Annäherungsversuche meinerseits erfolgreich abgeblockt waren (meine Freundinnen waren zwar entsetzt, wie ich es bloß ausschlagen konnte, mit jemandem zusammenzusein, der nahezufastschon den Führerschein hatte! Doch ich glaubte damals noch an „die Liebe“ mit allem drum un dran, inklusive spontaner Selbstentzündung durch Blitzeinschlag und so), führten wir eine über mehrere Jahre währende intensive Brieffreundschaft. Wir haben einige Höhen und Tiefen zusammen durchgemacht, haben uns viel erzählt und öfter auch telefoniert. Jeder Tag, an dem ich einen kleinen grauen Briefumschlag aus dem Briefkasten fischte, war ein guter Tag.

Gleichzeitig denke ich an die Fluten von E-Mails, die ich schon in die Welt hinausgeschickt habe. Man könnte ganze Bücher damit füllen. Und wo sind sie heute? Auf irgendeinem Server? Ausgedruckt in irgendeiner Schublade? Ich bezweifle es fast. Eventuell hält sich die NSA noch den Bauch vor Lachen. Jedenfalls macht es wesentlich weniger Freunde, sich alte Mails durchzulesen, rasch verfasst, vielleicht in einer Mittagspause, eine schnelle Antwort, nichts wie raus damit. Ob das wohl immer so gut war? Ein „richtiger“ Brief dauerte seine Zeit, verlangte Ruhe. Dabei erinnere ich mich an die ständigen Störungen meiner kleinen Schwester. Zimmer abschließen, das war damals ungern gesehen, und selbst wenn ich es tat, fürchtete ich eher um die Glasscheibe. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: herrlich, diese ständigen kleinen Geschwisterkabbeleien.

Ich überfliege Briefe, die über mehrere Tage verfasst wurden. „Muss jetzt los zur Party … So, bin wieder da. Ich wollte dir noch erzählen…“ Aus dem Leben. Gerne denke ich an die vielen selbstgemachten Briefumschläge. Ich sammelte schon immer nette Papierfetzelchen, interessante Werbeanzeigen oder Poster, und daraus bastelte ich die Umschläge. Mein treuer Brieffreund tat es mir manchmal gleich, aber eigentlich mochte ich die kompakten Recyclingumschläge immer am liebsten. Irgendwann war ich dann auch fertig mit der Schule, und die Wahl meines Studienortes fiel, Zufall oder nicht, schließlich hatte er mir von der dortigen Uni erzählt – auf seinen Wohnort. Wir haben uns natürlich ein paar Mal getroffen. Aber offensichtlich war die Zeit der Briefeschreiberei zu diesem Zeitpunkt dann einfach vorbei, jeder ging seiner Wege.

Zur Entspannung also habe ich all diese Briefe und Karten und Zettelchen und Liebesschwüre und kleine Schullästereien durchgeblättert und in eine größere Kiste gepackt. Wieso? Um den kleinen Kinderkoffer wieder freizumachen für neue Briefe. Ich hoffe nämlich, dass der blaue Umschlag nicht alleine bleibt. Ein hübscher Vorsatz für das neue Jahr, mehr Briefe schreiben. Mehr schreiben, öfter mal an liebe Menschen denken, und, hoffentlich, auch mehr Briefe bekommen. Oh, ich freue mich jetzt schon! Briefkasten, bist du bereit?

 

Nachtrag: Ich habe ihm einen kleinen Brief geschrieben, meinem damaligen lieben Brieffreund. Und bin unheimlich gespannt, ob der Brief ihn erreicht. Elektronische Kommunikation ist bei weitem nicht so aufregend!

The Post-London Diaries of Little Miss Contrary III

Der Vollständigkeit halber

In Gedanken sitze ich in einem kleinen Café am Rhein, die Sonne scheint schüchtern durch eine diesige Schicht Wolken. Vor mir ein großer Milchkaffee, wunderschön und lecker, und ein Karamellkeks. Da sitze ich, zusammen  mit meinem Lächeln, und klopfe mir, ebenfalls in Gedanken, auf die Schulter. Gemacht. Geschafft. Innerhalb weniger Minuten war die Vorsorgeuntersuchung vorbei, das Ergebnis lautet: alles in Ordnung. „Wie im Lehrbuch“, schwärmt Frau Doktor. Gut, ein bisschen Wartezeit hatte ich, wurde aber dafür mit folgender Szene entschädigt:

Ein Mann, geschätzt Mitte 30, sitzt im Wartezimmer, unter 8 Frauen. Er blättert in einem Heft, in der Praxis gibt es tatsächlich auch Sportzeitschriften und Automagazine, aber so recht bei der Sache ist er doch nicht? Blickt ständig hoch und in den Flur. Eine junge Frau kommt schließlich ins Wartezimmer, sie strahlt, und selbst wenn ich ihr leises Flüstern und den lauten Schmatz auf seine Lippen vollkommen überhört hätte, würde ich trotzdem den Grund dafür kennen. „Sechste Woche.“ Das Wartezimmer wird Zeuge, wie hier und jetzt ein neues Abenteuer beginnt. Mit einem strahlenden Lächeln, roten Ohren und ichfassesnicht-feuchten Augen. Ich bin seltsam berührt und lächle den beiden zu, während sich die übrigen Wartenden wieder hinter ihren Zeitschriften verschanzen.

Daran denke ich, als ich am Rhein sitze, den letzten Tag eines märchenhaften Oktobers und meinen Milchkaffee genieße. In Gedanken. Denn eigentlich sitze ich schon wieder am Schreibtisch und versuche die zwei Stunden, die ich weg war, wieder aufzuholen. Verloren sind sie nicht, im Gegenteil. Gewissheit ist das,was ich gewonnen habe. In mehrfacher Hinsicht.

 

Danke, Manny!

 

 

Manny: Kämpfer, Krafttier, Schleifenträger

Pünktlich zum Wochenende wurde mir, wurde uns die Ehre zuteil, der Leserschaft ein neues Krafttier vorzustellen: Manny, benamt von Frau Knobloch, entworfen von Mo Beumers, erbeten von Madame. Ein kleiner Waschbär mit einer großen Aufgabe, nämlich für den Kampf gegen Brustkrebs einzustehen und das Bewusstsein hierfür zu fördern – und zu fordern.

Waschbärstarkes Bewusstsein

 

Verschiedene Fragen mögen sich ergeben, was Madame sich nun genau vorstellt. Ich versuche es mal:

Wie soll Manny eingesetzt werden?
Mir persönlich gefiele es, wenn jeder, der sich mit Manny identifizieren kann, ihn auf seiner Seite verlinkt und gerne ein oder zwei Worte zum Thema Brustkrebs verliert. Wenn gewünscht. Sich wortlos solidarisch zeigen ist in meinen Augen aber genau so wertvoll und wünschenswert.

Warum?
Siehe Mannys Aufgabe. Mir, uns liegt daran, das Bewusstsein für diese Erkrankung zu fördern und zu fordern. Solidarität für Betroffene, Angehörige, Freunde zu bekunden. Das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir eine Verantwortung haben. Für uns selbst und für andere.

Und sonst?
Wenn ich schon am Fordern bin – und das habe ich in den letzten Tagen oft getan – dann möchte ich gerne noch dieses loswerden: Greift zum Telefon, macht einen Vorsorgetermin aus, besser heute noch als morgen – auch Ihr, liebe Jungs! Die Untersuchung dauert nicht lange, und durch eine Früherkennung stehen die Chancen einer vollständigen Heilung gut. Gerade bei einer familiären Vorbelastung ist es wichtig, regelmäßige Untersuchungen durchführen zu lassen, auch schon vor 30. Die Ärzte haben dafür im allgemeinen großes Verständnis. Mein Termin ist am 31.10. um 10:30 Uhr.

Wortstrom: Kopfgeburt

Worte sind nicht einfach da. Oft genug wünscht man sich das, oft genug braucht man sie gerade jetzt – und niemand da weit und breit, der sie uns geordnet in einem gut verschnürten Bündel bis vor die Haustür liefert. Worte wachsen im Kopf. Auge, Ohr und Herz nehmen wahr, schöpfen aus der Realität. Zersplittern und fragmentieren sie, modifizierte, infizierende Wirklichkeitspartikel schießen explosionsartig ein: Inspirationsfunkeninsemination. Worte müssen erst geboren werden.

Meine Wortfruchtbarkeit ist mir zuweilen unheimlich. Aggressive Wortlust, der libidinöse Wunsch nach Gedankenreproduktion. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum. Vielleicht zeitweise zu laute Musik, die meine Gedanken übertönt und alle Sinne betäubt. Und Zeitmangel. Abortinduzierender Zeitmangel, der unterbindet, dass der Wortstrom reift, aus dem Kopf in die Finger über die Tastatur aufs Papier fließt. Wortwehenhemmer. Embryotoxischer Textfötenvernichter, zerfetzender, austrocknender, vergessenmachender Zeitmangel: eine Texttotgeburt. Es war nicht an der Zeit, mag man nachher sagen. Und auch das: Du kannst noch so vielen weiteren Texten Leben geben, trauere dem verlorenen nicht nach. Der Gegenschrei verhallt lautlos im leeren, ausgehöhlten Raum. Es gibt kein geeignetes Wortkontrazeptivum, ich müsste blind und taub durch die Gegend laufen, und gefühllos. Partielle Lobotomie, zur Gedankensterilisation.

Ich lasse zu, dass sich im inspirationsinseminierten Kopfraum ein Wortgefüge ballt, sich teilend vereint, anwächst und nach draußen drängt. Worte müssen geboren werden, manchmal unter Schmerzen. Manches muss schmerzen, manches muss zerreißen, manches tatsächlich unter Tränen zur Welt gebracht werden, damit es ist, was es sein soll. Damit es wirkt. Schmerzhaft-sinnige, sinnschwindende Kopfgeburt. Nicht selten nie enden wollendes Wortweh – ungehemmte Wortwehen -, wachkomatöses Ausstoßen sinnentleerter Laute. Es gibt keinen Kopfkaiserschnitt, keine Chirurgenhand, die in meine geöffnete Hirnschale greift, mein hochwortschwangeres Hirn herausholt und ihm wort- und bild- und emotionsinfiziert die Flausen aus den Windungen schüttelt, damit sie textwert auf papiernem Grund landen. Ausgeschüttelt, ausgeklopft, vom Schleim zäher Gedankenfetzen befreit. Desinfiziert mit Alkohollösung. Zurück bleibt ein sauberer Denkapparat ohne Fetzen jedweder Art, ohne Dreck, ohne Schmutz. Entflaust, allerdings. Weder Rotz noch Wortströme, die mein cleanes Inneres auf Papier gebiert. Kein Fluss, nur mehr der Geschmack von trockenem, staubigem Zellstoff. Ein bedauerlicher Wunsch nach Vereinfachung und Entschmerzung einer Kopfgeburt.

Das Aus- und Aufschrei¦b¦en, so unverzichtbar und dazugehörig, wehschmerzige naturstaunende Gewalt, durch nichts zu lindern. In schweißnasser Umarmung finden sich Wellen vergessenmachender Wohligkeit, sobald ich das lichterblickende Wortgebilde in meinen Armen halte. Herzgold, aufwallende, sanft fließende Zuneigung zwischen mir und – ihm.  Stille, stumme Liebe stömt aus meinen Augen: Mein Kind.

Zusatz:
Das war in der Tat eine schwere Geburt. Als ich gestern so im Stau stand und die Diktiergerätefunktion auf meinem Schlaufon entdeckte, startete das Experiment: Wortfetzen zu Sätzen zusammenfügen und im stetigen Stop-and-go auf Band sprechen. Zu Hause abhören, sich über die eigene Stimme wundern, abtippen und letzendlich in Form bringen. Ich zweifle, ob es mir gelungen ist, es hat jedenfalls schrecklich lange gedauert und schmeckt noch viel zu kantig. Zeitraubende Teufelsbrut.

Wortstrom: Worte und ich

Im gewissen Sinne – Worte und ich – man könnte sagen, uns verbindet mehr, als uns lieb ist.

Ich lebe von Worten, im gewissen Sinne, von Worten, die nicht meine sind.
Die mich tagtäglich arg ärgern, die ich zerbröseln muss, um Sinnschwund darin zu finden.
Im gewissen Sinne bin ich Ab- und -satzaufdrösler, Wortewechsler, Synonymsucher, nur um diesen Worten, die nicht meine sind, einen Sinn zu verleihen, einen ganz gewissen, damit auch der dümmste anzunehmende User sie anwenden kann.
Ob meine Worte mit dem gewissen Sinn die besseren sind – ich weiß es nicht.
Weder meine Worte, noch meine Sprache, und ganz gewiss nicht mein Sinn, aber es hält mich am Leben, so ganz im Sinne von Nahrung, Kleidung, Finanzierung des stillen Kämmerleins, in dem die Wortschmiede steht, gemiedene Worte, die fremden, wie fremde Hemden über vertrauten, verbauten Satzgestellen, konstruiert, hingeschmiert ohne Punktkommastrich, Wortgemisch mit Informationsessenz, im gewissen Sinne anleitend, ab- und überleitend zu weiteren Konstrukten, gedruckten Wortballen am Ende, erst entwirrt, dann wieder verworren, die sowieso kein Schwanz liest, weil – man weiß es ja besser, intuitiv.

Tiefstapeln daher die Devise, fiese Kommentare, weil ich nun mal nicht reden kann, wo ich doch schreibe, mit entschuldigendem Lächeln beileibe nicht abzuschmettern.
Denn Worte, die nicht meine sind, kommen mir so schlecht über die Lippen, Klippen, an denen ich tagtäglich scheitere, mehr noch als an den fremden Hemden, von denen ich derweil schon weitere gebügelt und auf Bügelkonstrukten zu Hügeln drapiert habe, kapiert, nein, kapituliert vor gewaltigen Worten an Orten, wo Wortgewalt wehlich waltet – alliteriert sogar, weil sie’s können, die anderen, die besseren, selbst wenn sie Worte verwässern, solange sie flüssig aus deren Mundhöhle sprudeln, sich zu Rudeln formen, mich überfluten und mir jede Glut auslöschen an den Gedanken, ich sei gut in dem was ich tu …
– bereit für ein Stückchen mehr Unzufriedenheit?

Im gewissen Sinne aber lebe ich für Worte, sinnlich gewissenhaft, solange sie die meinen sind und ich sie leiten kann in solche Weiten, in die mein gesprochenes Wort nie dringen wird.
Oft unterbrochen, mittendrin, habe ich aufgegeben, sprechen können zu wollen,  klamm und wortleer mein Mund also, dafür um so wortvoller der Kopf, es tropft aus meinen Fingern, sobald ich die Tastatur berühre, selbstentführt in meine Wortwelt, in der Weltworte zu Toren werden.

Im gewissen Sinne l¦i¦ebe ich doch Worte, nur erwidern sie das manchmal nicht.

Mme Contraire „Adventswünsche“

Mesdames Candy, Bella und Anais, meine Verehrtesten –

heute war es so weit, meinem Gastbeitrag auf eurem genial-frivolen Blog wurde die Ehre zuteil, auf den Herrengedeck-Adventskalender einzustimmen. Ich danke euch von Herzen für die freundliche Einladung und damit die Chance, den einen oder anderen Leser auf meine Seite zu locken. Damit habt ihr mir meine persönlichen Adventswünsche bereits erfüllt. Ich bin schon sehr gespannt auf die folgenden Beiträge und freue mich auch von euch noch ganz viel zu lesen – ihr amüsiert und inspiriert mich gleichermaßen, davon bekomme ich nie genug.

Zimtsternige Grüße, Eure Mme Contraire

Koronarkorrosive Kranialkonstipation

– Konkret konzipierte Kronenzackenkrise

(Inspiriert von, aber nicht basierend auf Erlebtem)

Tut mir leid, ich hab‘ dich angezickt.
Keine Absicht war das, nur …
Ja, ich weiß. So bin ich nicht.
Bin wohl ein wenig von der Spur.

Klar, natürlich freu‘ ich mich.
Kann wohl auch am Wetter liegen.
Stimmt, die Tage sind grad wunderlich
Ich werd‘ sie sicher selbst bald kriegen.

Was red‘ ich da, warum nicht ehrlich?
Also. Ich sag‘ es mal konkret:
Ein bisschen fällt’s mir schwer, ich –
habe Angst. Das Konzept steht.

Das Konzept Angst steht innerlich,
Sobald mein Herz an einem hängt,
dass mir’s den Kopf dreht, fürchterlich,
und mehr und mehr nach mehr noch drängt.

Deshalb wollt‘ ich das so nicht haben.
Deshalb bin ich so un¦ab¦sicht¦lich.
Deshalb vertiefe ich den Graben
Zwischen dir, dein, mein, mir, mich.

Oh Schreck. Ich glaub‘, ich     ¦ … ¦     dich.