Zitat

Wenn ich mich heute einmal selbst zitieren dürfte: Folgender Beitrag stammt aus dem letzten Jahr, zum Jahresende verfasst, aber nie veröffentlicht. Zum Glück. Ich finde, im Vergleich zu dem, was ich heute so schreibe, zeigt das eine sehr positive Entwicklung in meinem Denken und Fühlen.

– Partielle Lobotomie zum Jahreswechsel gefällig, die Dame?
– Oh gern! Können Sie mir bitte einen Teil des Erinnerungsvermögens abnehmen, und dazu auch das komplette Schmerzempfinden?
– Das komplette? Madame, Sie werden nicht mehr als eine Maschine ohne Herz und Seele sein ohne Ihr Schmerzempfinden…
– Bestens. Ich wollte schon immer so sein wie alle anderen um mich herum…

Wie froh ich bin, dass Madame Contraire doch nicht, wie einst gewünscht, herz- und schmerzlos wurde! Nur um das Drumherum zu ertragen, das sie diesen Wunsch hegen ließ. Stattdessen hat sie ein bisschen ihr Drumherum und ganz viel ihr  Innendrin verändert. Jetzt muss ich sagen, herz- und schmerzvoll lebt es sich so viel besser! Intensiver! Ich bin jedes Mal so dankbar, wenn ich jetzt mein Herz sprechen lassen darf, in Worten, in Taten – es erfüllt mich mehr, so viel mehr, als mich anzupassen und nicht mal bemerkt zu werden. Wer Herz gibt, kann Schmerz bekommen. Kann aber auch Herz zurück bekommen, und – ganz ehrlich – kommt das nicht weitaus häufiger vor? Oder es fühlt sich einfach doppelt so gut an, oder der Schmerz nur halb so schlimm. Es lohnt sich, will ich damit sagen, mit seinem Innendrin und Drumherum aufzuräumen. Da kommen Schätze zum Vorschein, die man lang vergessen glaubte. Und neue werden einem zuteil. Das Herz, eine übervolle Schatzkiste. Man muss es nur öffnen wollen und sich daraus bedienen.

Momo

Quid sit futurum cras fuge quaerere – schon im Lateinunterricht versuchte ich mir das zu Herzen zu nehmen. Selten schien das geklappt zu haben. Nun hat thesmellofgreen ein wunderbares Zitat gepostet, das mich sofort daran erinnerte, und das mir heute nur zu gut in den Kopf passt: ein Schritt nach dem anderen, und nicht zu viel zerdenken. Danke dafür.

Gehen und doch bleiben …

… und im Bleiben gehen.

Das ist die erste Zeile eines Sonnetts von Lope de Vega, das mir während des Studiums über den Weg gelaufen ist und mich seitdem nicht loslässt. Alle paar Jahre unternehme ich einen eigenen Übersetzungsversuch – irgendwo hatte ich auch mal eine sehr gute Übersetzung aus einem Buch herauskopiert und dem mir eigenen Chaos übergeben, also bleibt sie bis heute unauffindbar. Bisher ist es mir nicht vollständig gelungen, eine adäquate Übersetzung anzufertigen.

Lope und ich – unsere Verbindung dauerte einen Frühling lang, als ich sein Sonett Qué tengo yo, que mi amistad procuras für eine Hausarbeit interpretieren sollte. Ein Frauenheld und Abenteurer im spanischen Siglo de Oro, schreibt über Glaube, Liebe, Ehre, erlebt den Untergang der spanischen Armada aus nächster Nähe, heiratet, verführt, hat zahlreiche Affären, wird Priester und prägt nebenbei das spanische Drama. Nein, ich bin kein Lope-Spezialist, dafür dauerte die kleine Interpretation (und der Frühling) nicht lange genug. Aber es fasziniert mich schon noch, jedes Mal wieder, wenn nur irgendein kleiner Fetzen aus seinen Sonnetten durch mein Hirn schwimmt.  Schade, schade, dass ich hier keine Übersetzung zur Verfügung stellen kann, mit der ich wirklich zufrieden wäre. Zufrieden wäre ich mit einem deutschen Text, der, wie das Original, beim Lesen die Haut brennen lässt und sie gleichzeitig mit Gänsehaut übersät. Ein Gefühl hervorruft, das sagt: „Und genau so ist es“. Leider scheitert das ja schon an der Sprache selbst …

Ir y quedarse, y con quedar partirse,
partir sin alma, y ir con alma ajena,
oír la dulce voz de una sirena
y no poder del árbol desasirse;

arder como la vela y consumirse,
haciendo torres sobre tierna arena;
caer de un cielo, y ser demonio en pena,
y de serlo jamás arrepentirse;

hablar entre las mudas soledades,
pedir prestada sobre fe paciencia,
y lo que es temporal llamar eterno;

creer sospechas y negar verdades,
es lo que llaman en el mundo ausencia,
fuego en el alma, y en la vida infierno.

(Félix Lope de Vega Carpio, 1562 – 1635)