Risse

Nach dem Telefonat wiegt er sein Handy noch eine Weile in der Hand und blickt in die Ferne. Das Display hat Risse. Ein halbes Jahr alt war es, als er es aus Unachtsamkeit auf den Asphalt fallen ließ. Das passiert eben. Es funktioniert ja noch, und in ein paar Monaten holt er sich ein neues. Über das alte mit dem rissigen Display freut sich bestimmt noch jemand, wenn er es billig verscherbelt. Macht er immer so. Und wenn es keiner haben will, vertickt er es eben im Internet, da kann man immer noch was rausholen. Er hat seine Leute dafür.

Nach dem Gespräch steigt er in sein Auto und fährt nach Hause. Er blickt in die Ferne. Wieder einmal die Kurve gekriegt. Relativ früh hatten sich erste Risse gebildet, aus Unachtsamkeit. Das passiert eben. Aber nichts, was man mit Worten und Beteuerungen nicht wieder kitten könnte. Es funktioniert ja noch. Und so ist er eben. Er hat seine Leute, und die wissen das. Was sollten sie auch ohne ihn machen? Sie brauchen ihn, ganz klar. So ein bisschen Unachtsamkeit und die paar Risse!

Nach seiner Nachricht schaltet er das Handy aus. Er blickt in die Ferne. Endlich hat er sich Luft gemacht. Ob die anderen die Risse nicht bemerkt haben? Ob sie ihnen egal sind? Immer tiefer, immer breiter wurden sie, und niemand hat sich mehr darum gekümmert, wie sonst. Es funktioniert so nicht. Er dachte, er hätte seine Leute dafür. Wie unachtsam sie sind! Risse im eigenen Herz fühlen sich ganz plötzlich viel schlimmer an als anderswo. Der Kitt aus Worten und Beteuerungen bedeckte nur die Oberfläche. Was, wenn es dieses Mal irreparabel ist? Er braucht sie doch, ganz klar. Was sollte er denn ohne sie machen?

Federn und Klinge

Ein roter Punkt im Nichts

„Ganz schön ungerecht ist die Welt“, denke ich, als ich versuche, meinen kleinen Kahn durch die hohen Wellen der schwarzen See zu manövrieren. „Ganz schön ungerecht. Immer hänge ich zu allen Tageszeiten die Laterne an den Bug, damit jeder sieht: ‚Ah, da vorne gibt’s Halt, da kann man mal anlanden und sich’s gemütlich machen.‘ Und wenn ich selbst ein wenig Land gebrauchen könnte – keine Laterne in Sicht. Sogar der große Leuchtturm hat sich umgedreht und hält sich die Augen zu. Echt, so was Ungerechtes.“

Aber der Reihe nach. Man mag sich fragen, was ich da schon wieder mache, allein draußen auf der schwarzen See. Aber bin ich dort nicht schon immer, immer wieder? Mein Leben, mein Element, das Meer. Natürlich träume ich vom Landgang, natürlich werfe ich ab und an mal den Anker, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Aber lange halte ich es da nicht aus. Warum eigentlich? Weil ich keinen festen Ankerplatz habe. Dort, wo ich mich niederlasse, fängt nach einiger Zeit alles an zu bröckeln, kleine und größere Landmassen, die das Meer verschlingt, langsam, stetig. Es zersetzt sich alles unter meinen Füßen, und so setze ich sie wieder in den Kahn, fahre weiter an der Küste entlang. Ich habe nämlich das Gefühl, dass es nur da bröckelt, wo ich gerade bin. Das muss man dem jeweiligen Ankerplatz auch nicht antun, ihn der schleichenden Zerstörung und Zersetzung anheim geben, nur weil unter meinen Füßen alles bröckelt. Ich schippere also zwischen zwei Punkten hin und her, um wenigstens ein bisschen das Gefühl von Heimat zu haben. Eine Strecke, tausendfach befahren, kann auch so etwas wie Heimat sein, bewegliche Heimat, ein Hierundort und ein Sonstnirgends.

Anstrengend wird es, wenn wieder einmal ein Sturm aufzieht. Ich kann mich nirgends festmachen und bin ihm ausgeliefert. Entweder kommt er vom Land und drängt mich von der Küste ab aufs weite Meer oder er klatscht mich gegen die Klippen, wenn er von draußen, vom kalten großen Wasser kommt. Momentan bläst er also vom Land aus, ich sitze in meinem Kahn, irgendwo da draußen zwischen Nichts und Horizont, oben graue Wolken, unten schwarze See, ringsum wassertropfengraue Nebelwand und in der Mitte ich. Die Laterne baumelt noch am Bug, die Kerze ist fast heruntergebrannt. „Ich ersetze sie erst einmal nicht, wenn sie ausgeht“, denke ich. Erst muss ich wieder zurück finden, in meine Fast-Heimat, an meine Quasi-sowas-wie-Landestelle. Es wird dort immer schwerer für mich, den Anker immer und immer wieder aus dem Wasser zu ziehen, wenn er einmal unten ist. An jedem Punkt schlingen sich sogleich die Algen um ihn, überlagert ihn der Sand, als ober er ihn mit seiner dumpfen Umarmung nie wieder loslassen will. Manchmal glaube ich, meine Arme werden das nicht mehr lange mitmachen. Länger und länger werden sie, von Muskelaufbau kaum die Rede, eine nicht wirklich gute Übung, im Gegenteil.

Gerade das könnte mein Problem sein. Ich bin oft so ermüdet von diesem Ankerlassen und Ankeraufziehen, dass ich mich nicht in der Lage fühle, ein Paddel zu nehmen und mich wieder in die Nähe des Hafens – Verzeihung, der Häfen – zu bringen. Ich fühle mich müde, ausgelaugt. Dummerweise habe ich schon wieder vergessen, ein Tau festzumachen, am Bug, dort wo eigentlich die Laterne hängt. Daran könnte ich mich wieder zurück hangeln, zurück auf meine Heimat-Heimatlosstrecke. Die Laterne bringt in der Nebelsuppe auch nichts. Vielleicht Rufen? In alle Richtungen? Vielleicht hört mich jemand und holt mich ab? Aber meine Stimme trägt nichts weiter. Nur ein bisschen Gejammere und Gewinsel, und wer reagiert schon auf sowas? Naja, dann bleibe ich eben still. Strecke mich eine Weile im Kahn aus, mein Kaputzenpulli, ein winziger roter Punkt zwischen Nichts und Horizont, zwischen grauen Wolken und schwarzer See, inmitten einer wassertropfengrauen Nebelwand. Ich lasse mich treiben. Und hoffe, hach ja! Ich hoffe tatsächlich noch, hier, inmitten vom Nichts, dass der vermaledeite Leuchtturmwärter endlich ans Telefon geht. „Von mir wird doch auch erwartet, dass ich meinen Job mache“, werfe ich noch erbost einen Gedanken über Bord in die gluckernde See. Sie lacht. Ich ziehe mir die rote Kaputze über den Kopf und schließe die Augen. Vorerst.

Mein Meer

Zwonullsechzehn

Ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr wünsche ich allen, die bei mir lesen, ab und an vorbei schauen und mit denen ich auf anderem Wege in Kontakt stehe! Ich hoffe, ihr habt 2016 gut angefangen und lasst euch nicht von überehrgeizigen Vorsätzen vom Leben abhalten!

Es ist kein Kreis, das Leben, es ist für mich eher eine Gerade, Zielgerade, wenn man will. Etappen, Strecken werden bewältigt, Täler durchschritten und Höhen überflogen. Absturz nie ausgeschlossen. So manches Wunder begegnet einem auf diesem Weg. Und dennoch hält man gerne am Jahresende inne und denkt über Vergangenes nach, fühlt vor ins neue Jahr, wie es werden könnte, sortiert seine Wünsche. Ich natürlich auch.

2015 war, im Vergleich zu den Jahren meines alten Lebens, also vor dem großen Knall, zwar einigermaßen ruhig und wenig ereignisreich, aber es war irgendwie auch zäh. Es wollte nicht so recht, auch die Gesundheit ließ mich zur Jahresmitte desöfteren hängen, und lang ersehnte Pläne und Wünsche lagen und liegen zum Teil noch immer auf der langen Bank. Ein zähes Jahr, ein wenig trotzig und rotzig, mit durchaus schönen Seiten und der immer noch sehr präsenten goldglücklichen Grundstimmung, wenn ich einfach still bin und in mich hinein höre. Veränderungen passieren immer wieder, die eigenen spürt man mal mehr, mal weniger, meist aber spüre ich sie an anderen Menschen. Wenn sie anders mit mir umgehen als bisher. Und meistens, leider, akzeptiere ich das nicht einfach, sondern gebe mir immer noch viel zu oft die Schuld daran, wenn alltägliche Beziehungen und Freundschaften irgendwie nicht mehr so rund laufen wollen. Es ist jedoch wie bei Waagschalen. Wenn die eine Seite abnimmt, nimmt die andere zu. Vielleicht besitze ich tatsächlich so etwas wie ein festes Kontingent an Freundschaft, Liebe, Hingabe und so weiter, das ich verteilen kann, aber mehr als das zu geben erscheint mir manchmal unmöglich. Sind das meine persönlichen Grenzen?

Ich habe ja nun wieder eine Zweitfamilie. Die ist nahezu unüberschaubar groß, aber mehr und mehr fühle ich mich so richtig hinein, fühle mich wohl und akzeptiert. 20 Monate hat nun das gedauert, was ich in den 12 vorhergehenden Jahren nicht annähernd erreichen konnte. Ein großes Plus auf dem Glückskonto. Mit der Zeit schubbert sich der tuberkulöse Scheidungsfleck auf meiner Seele ab an den vielen freundlichen Worten, an netten Gesten, viel Reden und manchmal einfach Schweigen. Wahrscheinlich weicht er irgendwann schneller auf als ein eingetrockneter Soßenfleck in der Waschlauge. Ähnliches Seelenbalsam sind die Tage, Abende, Nächte mit Menschen, die ich mittlerweile gerne als gute Freunde bezeichnen möchte. JBs beste Freunde aus Kinder- und Jugendttagen, wo gibt es das eigentlich noch? Ich selber sehe mich eher als Freundschaftsnomade, meine alten Freunde aus der Schule sind in vielen Ecken verstreut, man sieht sich nicht besonders oft übers Jahr. Ein paar wenige, wirklich wichtige Menschen. Ein erweiterter Freundeskreis, Bekannte. Umso mehr genieße ich es, wenn alte Geschichten erzählt werden – oh ja, wir sind mittlerweile tatsächlich in dieser Altersklasse angekommen – ohne mich ausgegrenzt zu fühlen. Ja, auch da fühle ich mich wohl. Und ich erwische mich ganz oft dabei, dass ich denke: Hab ich das wirklich gerade gesagt? Vom Herzen direkt aus dem Mund, ohne nachzudenken. Ich darf sein, wie ich bin, und genau das führt zu Akzeptanz und, ja, Freundschaft.

Seltsam, wie sehr ich mich früher immer bemüht habe, akzeptiert zu sein. Richtig anstrengend war das. Und jetzt ist es auf einmal so leicht. Interessant wird das erst, wenn ich durch Zufall alte Freunde, Bekannte aus der Schulzeit etwa, wiedertreffe. Das wurde mir im vergangenen Jahr einige Male zuteil, und ich bin sehr dankbar für solche Begegnungen, habe daraus viel Freude und Kraft geschöpft. Leider verspüre ich das Gegenteil bei solchen Beziehungen nun umso mehr, die mich bisher sehr viel Anstrengung gekostet haben. Leider, oder glücklicherweise? Ich fühle mich in Aufbruchstimmung. Umbruch. Abbruch, vielleicht sogar. Immer öfter denke ich über Dinge nach, die mich heute nicht mehr so glücklich machen, die mir mehr abverlangen als gut tun. Wenn ich wieder einmal mit dem Zahnstocher an der meterdicken Eisschicht kratze und mich wundere, warum ich einfach nicht durchkomme. Wenn ich mich um konstruktive Vorschläge bemühe und immer öfter ignoriert werde. Wenn eine innere Stimme mir sagt, dass mir manche Menschen einfach nicht mehr wohlgesonnen sind, aus welchen Gründen auch immer. Wenn ich friere, wenn jemand bestimmtes den Raum betritt. Alles Anzeichen dafür, dass es womöglich Zeit ist, den Kurs zu wechseln. Dass es womöglich Zeit ist, sich nicht mehr an anderen aufzureiben, die es nicht zu schätzen wissen. Mich nicht zu schätzen wissen. Ich bin nicht dafür gemacht, jemand anderes Stiefelknecht zu sein, gleichzeitig würde ich auch niemand anderen dazu mißbrauchen wollen. Leben und leben lassen, gehen und gehen lassen. Geben und geben lassen, nicht wahr, Frau Knobloch?

Mittlerweile weiß ich, was das Gefühl zu bedeuten hat, wenn das Herz wie von einem Riesenkrater in zwei Hälften geteilt zu sein scheint. Was zu tun ist. Es stehen Änderungen bevor. Und 2016 ist eins der besten Jahre dafür.

Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

Erntezeit: Gelassenheit

Die Herbstsonne strahlt. Ich fühle mich dieser Tage herrlich entschleunigt, schon seit einiger Zeit habe ich etwas neues für mich entdeckt, das mir das Leben ganz offensichtlich erleichtert wie noch nie. Das Wundermittel nennt sich Gelassenheit. Diese Erkenntnis fühlt sich ganz ähnlich wie ein reifer Apfel an – ich habe bereits vor zwei Jahren einmal die angenehme Bekanntschaft mit selbigem Obst gemacht – der sich nun anschickt, reif und erntebereit zu sein.

Wie oft hat man es schon gesagt bekommen: Nicht zu viel denken! Nicht alles zerdenken! Ganz ehrlich, als hätte ich es nie ausprobiert! Ein wichtiger Faktor fehlte mir bisher, nämlich Vertrauen. Richtiges, echtes Vertrauen, nicht das mal so Dahergefühlte und dann doch nicht so Gespürte. Vertrauen bildet sich dann, wenn ich selbst mit Vertrauen bedacht werde. In vielen langen Gesprächen entwickelt es sich, je mehr ich bekomme, desto mehr bin ich bereit zu geben. Gebe es ganz von allein. Es ist ein Unterschied, ob man einer Person an einem Abend sein ganzes Leben erzählt oder ob man ihr sein ganzes Leben im Laufe von Monaten, Jahren, vielleicht (und hoffentlich) im Laufe seines restlichen Lebens in kleinen Häppchen serviert und dabei stets vollkommen ehrlich zu sich selbst ist.

Ich habe vor längerem schon gelernt, dass eine Beziehung – nennen wir sie einmal: „gut“ und nicht „funktionierend“, darin steckt mir zu wenig Emotion -, dass eine gute Beziehung nicht davon lebt, sich gegenseitig zu „brauchen“. Ich möchte mit jemandem zusammen sein, den ich mag, den ich schätze. Und nicht absolut dringend und lebensnotwendig brauche. „Ich brauche aber einen Partner!“ – „Ich brauche endlich jemanden, der mich versteht, der mich erdet, der …“ BLAH. Nein. Wenn ich überlege, mit welchen Ansprüchen ich aus meiner langjährigen Beziehung ausgebrochen war und was ich von meinem weiteren Leben erwartet habe, dann eigentlich nur dies: glücklich sein, und zwar ungebunden an einen anderen Menschen. Klar, auf eine gewisse Art und Weise wollte ich einen Partner „brauchen“, braucht man halt, wenn man eine Familie möchte. Allerdings habe ich mir nie „Samenspender gesucht!“ auf die Stirn tätowiert – dieses Projekt, Kind(er) und so, wollte und will ich nämlich auch nicht komplett alleine verfolgen. Was also habe ich gesucht? Einen Partner mit ähnlichen Interessen. Abstriche machen, Kompromisse eingehen und auch mit der einen oder anderen Enttäuschung leben, das konnte ich, war sozusagen geübt darin. Also rein ins Vergnügen.

Jetzt komme ich aber völlig ab von dem, was ich eigentlich erzählen wollte. Warum ich mich so entspannt fühle, als ob der ganze Druck, den ich mein Leben lang und vor allem noch im Sommer verspürt habe, plötzlich von mir genommen wurde. Als ob sich Dinge, über die ich eine gefühlte Ewigkeit gegrübelt habe, urplötzlich ohne mein Zutun von selbst erledigen oder gar eine Form annehmen, die ich im positivsten Sinne nie erahnt habe. Der Grund ist, dass ich verstanden habe: Ich muss nicht mutterseelenallein versuchen, meinen Weg zu gehen und meine Ziele zu erreichen. Ich darf durchaus den Partner mit ins Boot holen, der ja schließlich die gleichen oder ähnliche Wege und Ziele vor sich hat. Der auch mal das Ruder in die Hand nehmen darf und sich daran beteiligen kann, dass wir zusammen voran kommen. Denn wenn nur einer wie wild auf seiner Seite paddelt, dreht sich das Boot im Kreis, kein Vorankommen, höchstens ein genervter Mitinsasse, dem das Seewasser vom Gesicht tropft.

Gemeinsam also. Und immer im Vertrauen, dass jeder seine Ruderportion beisteuert – man muss das im Übrigen auch nicht nachkontrollieren oder immer wieder darauf hinweisen. Einfach vertrauen genügt. Und das lässt mich zur Zeit eine überaus bequeme Position auf meinem, auf unserem kleinen Boot einnehmen, ein paar Kissen im Rücken, eine Porzellantasse Kaffee in der Hand, auf dem Gesicht die Sonne, und selbst mit geschlossenen Augen spüre ich, dass das eine höchst komfortable Art ist, gelassen und doch zielgerichet in die Zukunft zu schippern.

Heute glaube ich, die beste Reise, die ich je unternommen habe, war die zu mir selbst. Mein großes Ziel, und mein neuer Ausgangspunkt. Für einen Neustart in ein neues, noch größeres Abenteuer. Natürlich mit JB – bei dem weder Abstriche noch Kompromisse nötig sind. Aber das hab ich ja vorher nicht wissen können.

Ent¦sorgung

Als wenn man etwas losgeworden ist, das einem schon lange in den Füßen herumstand.
Als wenn man altes Gerümpel, an dem man täglich sichärgernd vorbeigelaufen ist, endlich entsorgt hat.
Als wenn man Sachen, die man schon lange nicht mehr braucht, endlich abgeben konnte.
Der freigewordene Platz fühlt sich noch ungewohnt an, war er doch so lange belagert. Sauber ist er nun. Und frei. Ein so lange herbeigewünschter Zustand. Und dennoch, ein wenig Leere ist spürbar. Aber mit Sicherheit findet sich etwas Schönes, Gutes, das man mit dem freien Platz anfangen kann. Einstweilen die Leere – den freien Raum genießen. Und durchatmen. Es ist geschafft. Ent¦sorgt. Sorgenbefreit. Ich freue mich darüber. Sehr.

Klatschmohnfelder

Das Leben, dieses Leben, das wir allzugerne in all seinen Facetten beleuchten wollen, anstatt es zu leben, es lieber zerdenken und analysieren, lehrt auf ungewöhnlichen Pfaden selbst die Lernunwilligen und selbsternannten Unbelehrbaren. Wenn es an der Zeit ist, gibt es die entsprechenden und unübersehbaren Hinweise – wenn wir alles andere vorher schon übersehen und ignoriert haben, denn nur die Holzhammermethode scheint die einzig verlässliche zu sein.

Ja, dieses Leben, dieses liebe nette, das oft so freundlich daher kommt, hat so manche Klatsche in petto, wenn wir seine kleinen Botschaften zwischen den Zeilen überlesen – was leider viel zu häufig vorkommt, sind wir doch damit beschäftigt, nur das zu interpretieren, was uns lautstark ins Auge sticht, anstatt einmal dazwischenzufühlen, was es uns sagen will  mit all seinen großen und kleinen Nettigkeiten.

Je mehr wir uns daran festhalten, daran herumzerren, um es in eine Form zu zwingen, die uns zusagt, desto mehr scheint es sich zu sträuben, biestiges Leben, aber wir fühlen nun mal nicht hinein, wir blicken nur darauf und wollen dies und jenes, diese Ecke, jene Kante geglättet und transformiert haben, natürliche Läufe einebnen und begradigen, anstatt entspannt zu verfolgen, wie es sich von selbst entwickelt, pulsiert und immer neue schöne Dinge hervorbringt – das könnte ja gefährlich sein, wenn man nicht kontrollieren kann, wo es uns denn genau hinbringt, das pulsierende Leben, das da frech und unkontrolliert durch einen durch mäandert und einem die Eingeweide durcheinander bringt.

Und plötzlich klatscht es, haut das Leben einem eine runter, voll vor den Bug und auf die Zwölf, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten, man taumelt nur noch durch den Tag, an dem man sich nirgends festhalten kann, es rückt sich selbst aus der Mitte und schaut dabei zu, wie man zuschaut, am Rande steht und zuschauen muss, wie es sich davon macht. Wenn man dann endlich begreift, dass all das Schauen und Denken und Analysieren damit sinnlos wird, dann hat man vielleicht Glück und entdeckt eine neue Dimension, entdeckt, dass man auch fühlen kann, wenn Auge, Ohr und Verstand versagt haben beim Begreifenwollen. Greift man dann blindtaub mit dem Herzen nach dem Leben, möglicherweise braucht es dazu noch etwas Übung, denn wer packt schon gewöhnlich mit dem Herzen zu, ohne vorher zu sehen, nach was man da packt, dann ergeben sich vielleicht sogar ganz neue Dinge, formen sich nie gedachte Landschaften in einem drin.

Nun streif mal mit dem Herzen über deine innere Landschaft, was fühlst du da? Da sind Krater, wo du nie welche vermutet hast, und Berge, Berge, Täler, Flüsse – reiche Ströme ungeahnter Kraft. Und natürlich Klatschmohnfelder. Da sind auch Menschen, die diese Landschaft besiedeln, den Boden bestellen und säen, versorgen und ernten, Gaben, die so erfüllend und schön sind wie ein Lächeln. Und da sind andere, die deine Herzensacker brandroden und das Erdreich vergiften mit Worten und Taten. Warum hast du das nicht längst erkannt, dass sie deinen Boden und das Klima kaputt machen? Weil du es nicht glauben konntest? Wolltest?

Du musst handeln. Du musst ihnen das Land wieder wegnehmen, das du ihnen einmal geschenkt hast. Wie soll das gehen? Ich weiß es nicht, aber es muss geschehen, bevor sie alles in dir zunichte machen, das darfst du nicht zulassen. Du musst ihnen die geschundenen Felder unter den Füßen wegziehen, auch wenn sie dann hinfallen und sich womöglich weh tun. Du stellst dir entvölkerte Landstriche vor, in deren Verwüstung nie wieder etwas wachsen wird. Aber bestimmt erholt sich die Natur, ganz bestimmt wirst du bald wieder neue Bewohner zulassen können, die hoffentlich pfleglicher mit ihrem geschenkten Herzboden umgehen und ihn wieder zum Erblühen bringen. Du musst darauf vertrauen. Das Leben weiß schon, was es tut, und es klatschmohnt, so oder so, nicht ohne Grund.

Ex¦tern¦herz

Und so sitze ich auf deiner Bettkante, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln. Die Leere in mir lässt nichts spüren. Lässt deine Wärme nicht in mich hinein, ein hölzernes, eckiges Behältnis voller Leere. Ich habe mein Herz verlegt. Irgendwo da draußen streunt es umher wie ein ausgesetzter Hund. Ich suche nicht, ich habe es selbst weggeschickt. Manchmal muss man sich auch solcher Dinge entledigen, die eigentlich gut sind. Das gesunde Maß ward überschritten, es gibt von allem ein „zu viel“, auch vom Herzen. Wenn allzuviel Herzblut fließt, wird es empfindlich schwach und angreifbar. Es musste einfach mal raus..

Ich habe es beurlaubt, damit es sich erholen kann. Ertrug den Schmerz darin nicht mehr, denn es war kein sinnvoller Schmerz, es war unnötiger Stress und unsinnige Aufregung. Nichtigkeiten, im großen Kontext gesehen, fremdverschuldet von unwichtigen Menschen, doch herzinnerlich mit großem Druck potenziert, wieder und wieder. Und nun steht das Herzkästchen leer, die Läden sind geschlossen. Die Vertretung, Rationalität, hat alle Hände voll zu tun, denn Frau Contenance meldete sich zu Beginn der Woche ebenfalls krank und überließ der wilden Contraire das weite Feld, frei von jeglicher Selbstbeherrschung. So ist das mit verlegten Dingen: im einen Moment werfen wir sie achtlos beiseite, im nächsten benötigen wir sie wieder und stehen dann betrtoffen und mit leeren Händen da.

Ich blicke von außen auf mich herab, wie ich auf deiner Bettkante sitze, dein Kopf in meinem Schoß, wie jeden Morgen. Nicht fähig dir übers Haar und die schläfrigen Wangen zu streicheln, während extern mein beurlaubtes Herz überquillt vor Heimweh. Leihst du mir deines, solange meins sich erholt?, möchte ich dich fragen. Und kann es nicht. Mein Herz hat seine Sprache in die Auszeit mitgenommen, sein gutes Recht. Und mir fehlen sie nun beide, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sie gesund wieder nach Hause kommen.

Es ist immer zu wenig

Immer zu wenig, nie genug. Immer fehlte ein kleines Stück. Und wenn man mir sagte: es ist gut, es ist genug, wusste ich, es stimmt nicht. Worte konnten mir nichts geben, das innere Gefühl war viel zu stark, und der Gedanke hämmerte stets in meinem Kopf: Ich bin nicht genug. Du spürtest das, noch ehe Du wusstest. Es war oft ein Spiel für Dich, ein leichtes. Begriffst Du, was das in mir tat? Ich zweifle.

Aufgabe um Aufgabe, Projekt um Projekt – nie zu langfristig, denn langfristig genug sein, das ist ja ein Albtraum. Beginnen, dann triumphieren  – selten scheitern. Letzteres vermieden, so oft es ging, bis es unvermeidlich wurde. Das Scheitern holte mich ein. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass ich schon längst genug war, dass ich nur lernen musste, mir selbst zu genügen. Und Scheitern wurde leichter. Angenehm war es bisweilen, nicht mehr nur der Genüge nachzueifern, sondern sich mit dem zufriedenzugeben, was machbar ist, ohne sich dabei selbst zu geißeln.

Jenen, denen gegenüber ich mich nie genug fühlte, die meine Emotionen einbetonierten und mich so weit in die Tiefe zogen, bis ich mich nahezu lebens- und liebensunwert fühlte, warf ich schließlich aus meinem Leben, solange es noch irgendwie den Namen verdiente, weil ich erkannte, dass nicht ich ihnen, sondern sie mir nicht genug waren. Mich nicht mehr erfüllten. Ich beschloss: ich wollte nie wieder ein Spiegel für die Unzulänglichkeiten anderer sein.

Doch eine Sache pocht und rührt: Was ist mit Dir? Bin ich Dir nicht Vertraute, war ich Dir nie Vorbild genug, als es von mir verlangt wurde? Weil ich mich irgendwann zu scheitern entschloss, mich endlich selbst wahr nahm? Ich dachte, Dein Ziel sei es, mich glücklich zu sehen, Vertraute, Vorbild nun Du, in umgekehrten Rollen? Was willst Du wirklich? Muss ich mehr geben oder weiter scheitern, damit Du zufrieden bist? Nun suche ich das Wort, das mir so lieb geworden, doch Du ziehst das Schweigen vor, Dein emotionaler Beton, eingetauscht gegen Dein Repertoire aus scharfen Wortklingen und spitzer Kritik.  Ich nehme den Spiegel von der Wand meines Herzens, hänge ihn mit dunklen Tüchern ab, denn das ertrage ich nicht. Dass gerade Du mir nicht mehr genug sein könntest.