Realitäts¦ver¦lust

Heimat, im physischen Sinne, ist ein überholtes Konzept. Das Herz sucht sich seinen Platz, ihm sind Distanzen und Umstände völlig egal. Mir wären Distanzen und Umstände gerne genau so egal, aber die Realität mit all ihren Einwohnern hat eine ganz andere, eine eigene Meinung. Aber, muss meine Realität zwingend die gleiche sein? Wenn Meinungen verschieden sein können, dann auch Realitäten. Eure Tatsachen gegen meine, euer Leben und meins. Und überhaupt, wer bestimmt, dass man sich auf eine Realität, diese eine Tatsache, dieses Leben festlegen muss? Ein überholtes Konzept, Heimat, wenn die Realitäten in ihr sich aneinander reiben. Eure Tatsachen, euer Leben. Aber ohne mich. Lust am Verlust.

Was, wenn die See die ganze Zeit das war, was ich unter Heimat verstand? Was, wenn meine Heimat gar keine war, weil sie mich immer wieder geschüttelt, gezogen und wieder verlassen hat? Was, wenn ich die ganze Zeit gar nicht nach ihr, sondern nach einer anderen Freiheit gesucht habe? Das erklärt, weshalb mir fester Boden unter den Füßen stets brüchiger, unsicherer schien als das Meer selbst, wenn nicht einmal eine Sandburg darauf lange hielt. Es ist Zeit für den Kurswechsel. Sandige Gestade, unbesetzter Leuchtturm, euch lasse ich im Rücken und setze die Segel, auf dass der Wind mich hinaustrage, so richtig weit fort. Denn er bläst stark, von Land. Ich habe es erst jetzt zu deuten verstanden. Die Sirenengesänge waren nur ein fernes Echo, die scharfen Klippen ließen sie abprallen und verschleierten ihre Herkunft.

Auf See schlägt man keine Wurzeln. Irgendwo da draußen ruft ein anderer Hafen. Neues Land zeichnet sich ab auf dem Herzradar. Dafür nehme ich Verlust in Kauf und schlage meinen persönlichen Gewinn daraus. Mein Leben, meine Realität.

Detox

– 2. Mai 2016 –

Abwarten. Und Tee trinken. Eine meiner liebsten Beschäftigungen – nicht. Warten war für mich schon immer ein Graus, einerseits. Andererseits habe ich viel Zeit verwartet, aufgeschoben und ausgehofft, auf dass sich unangenehme Dinge von selbst verflüchtigen. Meist hat das sogar wirklich funktioniert und tut es noch. Aber auf die schönen, die angenehmen Dinge zu warten, das fällt mir immer noch schwer.

Also Tee trinken. „Detox“ fiel mir ins Auge und gleich darauf in den Einkaufswagen. Eine Entgiftung, dachte ich bei mir, klingt wünschenswert. Von innen heraus, weg mit dem, was krank macht. Wovon ich mich auch äußerlich lösen sollte, wenn ich mir die Wartezeit auf ebenjene schönen und angenehmen Dinge nicht unnötig vergällen oder gar verlängern lassen will. Es klingt so einfach: Weg mit unliebsam gewordenen Aktivitäten! Weg mit Menschen, die mir nicht gut tun! Ausmisten auf der Freundesliste, Sperrmüll im Herzkästchen. Und so einfach wäre es, wäre da nicht diese angeborene Überfunktion an Pflichtgefühl und Gedankenspinnerei.

Es reicht also nicht, den Schnitt zu setzen. Die postoperative Wundversorgung nimmt den meisten Raum ein, die Achtsamkeit, dass sich das bloßgelegte Fleisch nicht entzünde. Höchste Sauberkeit, antibakteriell von außen, und inneres Ausfluten mittels Entgiftungstee. Klare Indikation, Umsetzung schwierig. Im Angebot ist nämlich eine Menge meist subkutan verabreichter Medikation, oft gegen meinen Willen. Ich finde, dass jeder selbst bestimmen sollte, was ihm unter die Haut geht. Was schwierig ist, wenn an jeder Ecke die Spritzen aufgezogen werden und nur darauf gewartet wird, bis ich hineinlaufe. Bei der Wahl meiner Mittel muss ich  sorgfältiger vorgehen und nicht alles schlucken, was mir an Möglichkeiten dargeboten wird.

Lange, viel zu lange habe ich all jenen vertraut, denen ich eine Behandlungskompetenz zugesprochen habe. Ich dachte, vertrauen ist das einzige, was ich kann. Ich dachte, Vertrauen ist eine gegenseitige Einrichtung. Ist es nicht.  Nicht überall. Ich habe viel zu lange auf die falschen Konten eingezahlt, meine Ersparnisse sind weg, einfach verraucht, ohne dass ich selbst etwas davon hatte. Das soll mir eine Lehre sein.

 

Freitagsblues

+++wieder einmal an der Zeit+++Dritter Meckermonat in Folge+++

Dürfen, müssen, sollen wollen – wie oft Verbiegen macht letztlich kaputt? Macht Nichtverbiegen nicht auch kaputt?

Ich habe kein Maß dafür. Mir fehlt der Blick. So einfach ist das – und darum auch wieder nicht. Gerade nicht.

Lernt man wirklich dazu oder sind das Schleifenfahrten, die das Leben mit einem treibt? Immer wieder von Anfang, andere Situation, gleiches Problem.

Hat man manche Dinge einfach viel zu schnell wegsortiert und abgehakt, fallen sie einem irgendwann wieder in die Hände und man wundert sich, wie unfertig sie noch sind. Dabei ist der Unfertig-Stapel so hoch, man weiß gar nicht, wie und wo man das jetzt noch unterbringen soll.

Hinterher ist alles leicht. Ja, wegsortiert und abgehakt. War gar nicht so schlimm. Hauptsache aus dem Blick.

Ich frage mich, ob das auf die Dauer so funktioniert, wenn ich Punkt B bearbeite, wo ich Punkt A noch nicht abgeschlossen habe. Worauf sich wiederum Punkt C und D und so weiter aufbauen. Habe ich dann nicht ein Loch im Konstrukt? Mag vielleicht durchaus halten, aber es ist ja nicht nur Punkt A, sondern so viele mehr. Ein löchriges Konstrukt, mein Leben also. Wie viele andere. Nur Vermutung. Die Fassaden lassen selten einen tieferen Blick zu. Man hört manchmal „Ich bin gescheitert“, gefolgt von einem „Es geht jetzt aber weiter“. Besser, reifer, mehr gelernt. Sagt man so, passt in die Fassade. Seltener bis gar nicht hört man „Ich bin gerade dabei zu scheitern. Und ich habe keine Ahnung, wie ich da wieder rauskomme“. Obwohl uns allen das Gefühl gut bekannt ist. Nur, wer gibt das gerne zu? Hinterher, lieber dann, wenn alles vorbei ist, Gescheitertsein abgeschlossen, Ergebnis: Gescheitert, aber weise. Kann ja jedem mal passieren.

Das mit dem Neuanfang, irgendwie hat das doch nie so richtig funktioniert. Aber was habe ich auch erwartet? Sehr wahrscheinlich ist es aber auch so, dass ich mir selbst gegenüber viel zu kritisch bin. Ich habe durchaus etwas erreicht. Aber mir ist ja nie was recht, was ich mache. Ich könnte es doch auch anders machen, war so eine Idee. Und dann sitze ich bei Besprechungen und höre mich Dinge sagen, die so gar nicht danach klingen, wie das, was ich nächtens in Traumdialogen ausgefochten und erkämpft habe. Plötzlich ist die Birne leer und am Ende, wie auch immer das passiert ist, steht ein goldgelbes Ja im Raum, oder zumindest ein blasses Na gut. Weil nämlich genau die Argumente nicht fallen, die ich mir zusammengesponnen hatte. Oder weil die Hirnaktivität aussetzt, sobald weitere Personen die Bühne betreten.

Ich sollte mal eine Weile verreisen, rät mir eine kleine Stimme irgendwo zwischen Herz und Bauch. Diese dämliche Selbstfindung, so nervig wie mein Autoschlüssel, den ich ständig suche, weil ich in verlegt habe. Mit dem Schlüsselkästchen geht es neuerdings. Ob es ein Selbstfindungsaufbewahrungskästchen gibt? Und gleich noch eins für die Selbstachtung und die Lebensfreude. Dass ich sie nicht ständig wieder suchen muss. Mit Deckel am besten.

Ein roter Punkt im Nichts

„Ganz schön ungerecht ist die Welt“, denke ich, als ich versuche, meinen kleinen Kahn durch die hohen Wellen der schwarzen See zu manövrieren. „Ganz schön ungerecht. Immer hänge ich zu allen Tageszeiten die Laterne an den Bug, damit jeder sieht: ‚Ah, da vorne gibt’s Halt, da kann man mal anlanden und sich’s gemütlich machen.‘ Und wenn ich selbst ein wenig Land gebrauchen könnte – keine Laterne in Sicht. Sogar der große Leuchtturm hat sich umgedreht und hält sich die Augen zu. Echt, so was Ungerechtes.“

Aber der Reihe nach. Man mag sich fragen, was ich da schon wieder mache, allein draußen auf der schwarzen See. Aber bin ich dort nicht schon immer, immer wieder? Mein Leben, mein Element, das Meer. Natürlich träume ich vom Landgang, natürlich werfe ich ab und an mal den Anker, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Aber lange halte ich es da nicht aus. Warum eigentlich? Weil ich keinen festen Ankerplatz habe. Dort, wo ich mich niederlasse, fängt nach einiger Zeit alles an zu bröckeln, kleine und größere Landmassen, die das Meer verschlingt, langsam, stetig. Es zersetzt sich alles unter meinen Füßen, und so setze ich sie wieder in den Kahn, fahre weiter an der Küste entlang. Ich habe nämlich das Gefühl, dass es nur da bröckelt, wo ich gerade bin. Das muss man dem jeweiligen Ankerplatz auch nicht antun, ihn der schleichenden Zerstörung und Zersetzung anheim geben, nur weil unter meinen Füßen alles bröckelt. Ich schippere also zwischen zwei Punkten hin und her, um wenigstens ein bisschen das Gefühl von Heimat zu haben. Eine Strecke, tausendfach befahren, kann auch so etwas wie Heimat sein, bewegliche Heimat, ein Hierundort und ein Sonstnirgends.

Anstrengend wird es, wenn wieder einmal ein Sturm aufzieht. Ich kann mich nirgends festmachen und bin ihm ausgeliefert. Entweder kommt er vom Land und drängt mich von der Küste ab aufs weite Meer oder er klatscht mich gegen die Klippen, wenn er von draußen, vom kalten großen Wasser kommt. Momentan bläst er also vom Land aus, ich sitze in meinem Kahn, irgendwo da draußen zwischen Nichts und Horizont, oben graue Wolken, unten schwarze See, ringsum wassertropfengraue Nebelwand und in der Mitte ich. Die Laterne baumelt noch am Bug, die Kerze ist fast heruntergebrannt. „Ich ersetze sie erst einmal nicht, wenn sie ausgeht“, denke ich. Erst muss ich wieder zurück finden, in meine Fast-Heimat, an meine Quasi-sowas-wie-Landestelle. Es wird dort immer schwerer für mich, den Anker immer und immer wieder aus dem Wasser zu ziehen, wenn er einmal unten ist. An jedem Punkt schlingen sich sogleich die Algen um ihn, überlagert ihn der Sand, als ober er ihn mit seiner dumpfen Umarmung nie wieder loslassen will. Manchmal glaube ich, meine Arme werden das nicht mehr lange mitmachen. Länger und länger werden sie, von Muskelaufbau kaum die Rede, eine nicht wirklich gute Übung, im Gegenteil.

Gerade das könnte mein Problem sein. Ich bin oft so ermüdet von diesem Ankerlassen und Ankeraufziehen, dass ich mich nicht in der Lage fühle, ein Paddel zu nehmen und mich wieder in die Nähe des Hafens – Verzeihung, der Häfen – zu bringen. Ich fühle mich müde, ausgelaugt. Dummerweise habe ich schon wieder vergessen, ein Tau festzumachen, am Bug, dort wo eigentlich die Laterne hängt. Daran könnte ich mich wieder zurück hangeln, zurück auf meine Heimat-Heimatlosstrecke. Die Laterne bringt in der Nebelsuppe auch nichts. Vielleicht Rufen? In alle Richtungen? Vielleicht hört mich jemand und holt mich ab? Aber meine Stimme trägt nichts weiter. Nur ein bisschen Gejammere und Gewinsel, und wer reagiert schon auf sowas? Naja, dann bleibe ich eben still. Strecke mich eine Weile im Kahn aus, mein Kaputzenpulli, ein winziger roter Punkt zwischen Nichts und Horizont, zwischen grauen Wolken und schwarzer See, inmitten einer wassertropfengrauen Nebelwand. Ich lasse mich treiben. Und hoffe, hach ja! Ich hoffe tatsächlich noch, hier, inmitten vom Nichts, dass der vermaledeite Leuchtturmwärter endlich ans Telefon geht. „Von mir wird doch auch erwartet, dass ich meinen Job mache“, werfe ich noch erbost einen Gedanken über Bord in die gluckernde See. Sie lacht. Ich ziehe mir die rote Kaputze über den Kopf und schließe die Augen. Vorerst.

Mein Meer

glücklich un¦d¦zufrieden

Chronisch schlecht gelaunt bin ich seit Jahresbeginn. So lange Wochen schon, ich bin das überhaupt nicht mehr gewohnt. Wirklich, in mir schwirrte doch bisher ein stets leicht erhöhter Glückszuckerspiegel und spielte sein Spiel mit meiner Gesichtsmuskulatur – debiles Dauergrinsen, Botoxwirkung auf die Stirnfalten. Und kaum ist hier 2016, schwirrt gar nichts mehr, zumindest nicht im Blut, sondern nur noch im Kopf. Negative Gedanken den ganzen Tag, Schwarzfahren auf dem Kirmeskarussell, nämlich ohne vorher den Fahrschein beim Glücksaufsichtsbeauftragten zu lösen. Das gibt Kopfschmerzen. Mein Körper macht gerade mit mir, was er will. lässt sich hängen und fletscht nur bedrohlich die Zähne, wenn ich mir Dinge vornehme wie Laufen gehen, Frischluft tanken, gesunde Ernährung. Ein Teil von mir weiß diese Zeichen zu deuten, hat eine längere Schulungsphase durchlaufen, wie man mit derartigen Anwandlungen umgehen sollte. Das bisschen Restverstand bäumt sich denn immer mal wieder auf, und zum Glück habe ich damals auch gelernt, mein Mundwerkzeug nicht nur zum Kauen und Schlucken zu gebrauchen, sondern auch zum Kommunizieren. Mit zwei Menschen spreche ich öfter nun über meinen Zustand und ernte – positiv – keine Vorwürfe oder gutgemeinte Rat¦schläge, sondern Verständnis. Auch das war Teil meines vergangenen Seminars, sich beim Hängenlassen auch fallen lassen zu können. Am besten in die Arme solcher Menschen.

Natürlich ist der Ausblick auf meinem Elfenbeintürmchen ganz nett, wenn ich mich vor der Welt verkrieche und daheim vor mich hin lebe, auf Sparflamme, ein Teekännchen im Schlepptau, ein Wärmfläschchen und zwei lebendige Katzenfelle. Bücher, oh ja, ich habe endlich Zeit für meine geliebten und lange vernachlässigten Kinderlein und für neue, irre spannende Zeitvertreibe: Aufgetrennte Kleidungsnähte per Hand zusammennähen, Kalkablagerungen mit Zahnbürste und Essigessenz wegschrubben, im Hobbyschrank die Stoffreste nach Farbe, Webart und Verwendungsmöglichkeit sortieren. Nein, das waren keine Metaphern, das sind Tatsachen, reale, traurige Tatsachen. Aber will ich das wirklich? Mich aus der lebendigen Welt zurückziehen und wieder nur Beobachter sein? Nein, will ich nicht. Nicht noch einmal.

Was will ich dann? Schwierige Frage, formulieren wir sie umgekehrt, wie sich das für wandelnde Widersprüche gehört: Was will ich nicht? Und da schimmert es doch schon durch den Wandvorhang – was mich nicht weiter wunders nimmt, ist es doch immer das gleiche, abgehangene und doch nie bis zum Reifegrad gekommene Thema: Ich will mich nicht mehr erdrücken lassen von Verantwortung, die sich nicht gegen mich selbst richtet, sondern einer fremden Sache zugute kommt. An der ich, und das ist der wunde Punkt, zwar doch ab und an meinen Spaß habe, aber die mir großteils viel Energie raubt. Und so ist es nicht nur mit dieser einen Sache, davon gibt es noch mehr. Energieräuber, Unzufriedenheitsgeneratoren. Gut, eins dieser Dinge ist mein täglich Brot, aber damit habe ich mich arrangiert und sehe nach wie vor die guten Seiten bei aller Schwarzmalerei. Aber zu meiner nicht einmal erforderlichen Verteidigung muss ich erwähnen, ich habe schon ein wenig an den Weichen gedreht (nicht: sie gestellt, das wäre zu viel gesagt), so dass eine Änderung dieser Situation zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Alles andere ist noch nicht zu Ende gedacht. Am besten, sagt mir so ein winziges Gefühl, wäre es doch, nicht immer eine Entschuldigung nach der anderen zu suchen, einen „Notausgang“ aus all diesen Dingen, der propagiert: “ Tja, tut mir leid, ich würde ja gern, aber die Umstände sind nun mal so und so, deswegen kann ich nicht mehr weitermachen.“ Um sich das letzte bisschen Selbstachtung zu bewahren, müsste es anders lauten: „Ich will nicht mehr. Das ist der einzige Grund, und es tut mir überhaupt gar nicht leid!“ Blöde, verantwortungsbewusste Erziehung. Immerhin, die Erkenntnis, wie es besser, richtiger laufen sollte.

Aber jede Erkenntnis muss erst einmal reifen, bis sie in die Tat umgesetzt wird. Das habe ich natürlich auch gelernt. Geduld ist also erforderlich und das berühmte Quäntchen Glück, ein wenig Zufall, ein wenig Schicksal wohl. Und so lange heißt es weitermachen, einen Tag nach dem anderen meistern, um Himmels Willen nicht aufgeben. Ein bisschen sich zwingen, zumindest nach außen normal zu wirken – es gibt Dinge, die will man der Öffentlichkeit nicht auf die Nase binden, selbst wenn es einen potenziellen Notausgang darstellen könnte. Nun ja, die meisten merken es ohnehin nicht. Zwischen all dem Gewimmel in meinem Kopf taucht seit kurzem immer mal wieder ein Begriff auf wie eine kleine Leuchtboje zwischen den hohen Wellen, der sich noch seltsam auf der Zunge anfühlt. Ja, ich habe ihn probeweise schon das eine oder andere Mal ausgesprochen, in die Stille hinein, einem Lieblingsmenschen ins Ohr, aber auch diesen Begriff lasse ich lieber noch ein wenig reifen, bis ich es nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen spüre. Wie ein Bonbon, das man hin und her wälzt. Am Ende wird alles rund, am Ende ist noch jeder Drops gelutscht. Neuer Zucker für die Blutbahn.

 

Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

R

Wenn die Glühlampe zu flackern beginnt, dreht man sie raus. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, und kaputt geht sie sowieso. Energiesparlampen, etwas anderes gibt es nicht mehr, heißt es. Energie sparen guuut, Energie verschwenden schleeecht.

Wenn der Kopf zu flackern beginnt, wünschte ich, ich könnte ihn abdrehen wie diese alte Glühlampe. Raus aus dem rostigen Gewinde. Das Flackern verbraucht zu viel Energie, raubt mir den Schlaf. Ungesund für den Körper, und ungesund für das Umfeld.

Übellaunigkeit einfach abdrehen und den Einsatz mit dem gewünschten Fröhlichkeitsgrad einschrauben. Nicht möglich. Vielleicht wenigstens einen Dimmschalter? Ich lese nach:

Bei der Phasenanschnittsteuerung wird der Stromfluss meist durch einen Triac (Antiparallelschaltung zweier Thyristoren) gesteuert. Nach dem Nulldurchgang der Wechselspannung (und des Stromes) leitet der Triac den Strom so lange nicht, bis er einen Zündimpuls erhält; ab diesem Zeitpunkt (dieser „Phase“ des Wechselstromsignals) wird der Verbraucher mit Energie versorgt (bis zum nächsten Nulldurchgang). Je später der Triac gezündet wird, desto geringer ist die mittlere Leistung.

Aber ich verstehe nichts. Offenbar sind meine Stromkreise nicht für derartige Information ausgelegt, denn ich nehme nur „Nulldurchgang“ wahr und denke nicht im entferntesten an die schon länger zurückliegende Elektrizitätslehre im Studium …

… Im flackernden Kopf, wo sich Gedanken und Emotionen aufstauen, kein Abfließen möglich, zero crossing. Die Grenzen zur Außenwelt sind dicht, Kontakte überlagert von salzverkrusteten Gedankenfetzen. Wie konnte sich diese Wand in mir aufbauen, wie konnte ich sie nicht bemerken? „Niemand hat die Absicht …“ Sie hat sich in unglaublicher Geschwindigkeit, Sedimentgestein, Schicht auf Schicht, in Zeitraffer gebildet. Auch deshalb ist es unmöglich, das Gewinde herauszuschrauben, es sitzt fest, und jeder Versuch würde unweigerlich zur Zerstörung führen. Damit ist keinem gedient.

Den berühmten Schalter im Kopf umlegen. Erst einmal finden. Erst einmal bewegen können, verstaubt, verklebt von dicken Spinnweben, verkrustet. So einfach ist das nicht. Es erfordert Anstrengung im Vorfeld. Ich bin allein, hier, in meinem Kopf. Die Putzkolonne (selbst wenn ich wüßte, woher nehmen) dringt genau so wenig zu mir durch wie alles andere. Unwirklich, ein Traumgespinst, diese plötzliche Verwahrlosung.

Sprengen. Ja, ich wüsste, was all den Dreck fortsprengen könnte. Aber – ich bin allein, immer noch, der Sprengstoff liegt außerhalb meiner Reichweite. Und überhaupt, auch das kann in Zerstörung enden, wenn nicht gut genug geplant. Wer weiß, was dabei rauskommt. Ich muss selbst etwas tun, das Spontanchaos irgendwie beseitigen. Ich steige in die Tropfsteinhöhle hinab, stetig tropft es hier auf den Spiegelsee, ein guter Ort zum Nachdenken. Es tropft. Es bewegt. Die Oberfläche erzittert, immer wieder. Ein einziger Tropfen kann die gesamte Oberfläche erschüttern.

Ich versuche es. Schleppe zwei hölzerne Eimer heran, fülle sie mit dem Wasser des Tränensees und steige wieder hinauf, in den Kopf, den salz- und sedimentgesteinverkrusteten, der nichts nach draußen und nichts hineindringen lässt. Mit Schwung schütte ich das Wasser gegen die Wand. Den zweiten Eimer. Nichts. Ich hole weiter Wasser, schütte weiter, Tränenflüssigkeit auf Granit. Und weiter. Immer mehr. Wie ein Sturm lasse ich das Meer gegen die Klippen schlagen. Schon sind meine Füße von Wasser bedeckt, aber ich steige immer wieder hinunter und hinauf, schleppe, schütte, schütte. Und tatsächlich werden die Wände schon dünner, erst nur wenig, das Gestein leicht abgeschwemmt, dann immer mehr. Als das erste kleine Loch entsteht, als mir die Kräfte schon zu schwinden drohen, dringt neue Hoffnung in den Kopfraum, ein fahler Lichtstrahl. Weiter. Die Wand durchlöchern mit Tränen, alles hinausschwemmen, was nicht gut ist. Fließen lassen. Irgendwann fließt doch alles ab.

Doch noch

Noch einmal zurück zu dir:

Die vergangenen Tage brachten unerwartet Licht, wenn auch zweifelhaftes, in ein Dunkel, das abgeschlossen und undurchdringlich geglaubt war. Ich kam zu einigen Gedanken, die meinen Geist in eine sehr ähnliche Situation katapultierten, in der du dich befunden hattest. Eine Situation, die deinen Entschluss reifen ließ. Nicht reifen – die alles bereits enschied, sobald sie eintraf. Ich hatte mich demgegenüber immer verschlossen, aber nun, gestern und vorgestern, fühlte ich am eigenen Leibe sozusagen, wenn auch nur in Gedanken, was du durchgemacht haben musst. Wir waren und sind immer ein wenig zu egoistisch, wenn wir urteilen. Ich habe es damals nicht erfasst. Ich würde auch heute nicht so handeln wie du, weil ich den Schmerz der anderen Seite kenne. Aber die Gedanken überkamen mich dennoch, genau so wie sie dich eingeholt haben müssen, an jenem Tag, in all den darauffolgenden Nächten. Und das macht mir Angst. Es ist so schrecklich, und so schrecklich schön zugleich. Ich glaube, die Liebe fordert mehr von uns als alles andere. Ich glaube, höchste Liebe und tiefste Trauer, das fühlt sich im Herzen beides gleich an: nicht auszuhalten. Ich möchte beides dennoch nicht mehr missen, dankbar dafür, überhaupt jemals diese Erfahrung machen zu dürfen. Das ist es, was uns eint. Ich habe dir schon verziehen, doch jetzt verstehe ich. Wirklich, nicht nur gewollt. Kein „Ja, aber“ mehr. Nicht von mir. Das ist letztlich etwas Gutes, oder nicht?

Vier Jahre

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Anfangs warst du ständig präsent, das lag schon an den ganzen Stücken, die ich nicht loslassen wollte und unweigerlich täglich trug oder damit lebte. Dein Eigengeruch, Joop und Zigaretten, war selbst nach mehrmaligem Waschen nicht wegzubekommen. Er hing mit der gleichen Selbstverständlichkeit in der Luft, wie du einst am erfüllten Leben. Und ich hüllte mich hinein wie in eine tröstende warme Decke. Ich habe kürzlich großzügig aussortiert. Es gibt nur noch ein paar wenige Dinge, die ich behalten habe. Mit der Zeit weicht die Trauer und damit die Notwendigkeit, zu viel von allem aufzuheben und heimlich anzubeten.

Was ich sagen kann, ist, dass heute mit der Erinnerung an dich die beißende Frage „Warum?“ nicht mehr mitschwingt. Die Überlegung, wie das Heute wäre, wärst du noch bei uns, doch wohl. Wäret ihr noch hier, zumindest hätte ich die Gelegenheit, euch mein neues Dasein vorzustellen – oder gerade deshalb nicht? Der Tag, an dem ihr gegangen seid, war der Beginn einer neuen Denkzeit. Alles wurde relativ, alles befand sich für mich im Zweifel. Dieses Warum stellte mein Leben zunächst auf den Kopf und anschließend in Frage, und bald fragte ich mich selbst, ob ich so weitermachen wollte.

Erstaunlich, wie schnell du zurück kamst zu mir. Ich dachte, es würde eine lange Zeit dauern, bis wir uns erneut und diesmal für immer verabschieden konnten. Aber du kamst, als ich in Barcelona weilte, und ich musste dich bedauernswerterweise wegschicken – ich hatte Angst, es könne uns jemand zusammen sehen, denn ich war nicht allein in Barcelona. Du trugst das wunderschöne schwarzrote Kleid, das du auch damals, an einem traumhaft sommerlichen Tag, getragen hast, als unsere Familie einen großen Tag zu feiern hatte. Du batest mich um Verzeihung, damals, in Barcelona. Ich nahm dich in den Arm. Und musste dich fortschicken. Ich bedaure es, noch immer.

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Es gibt jedoch Tage, da rufe ich die Erinnerung bewusst wach, weil ich verstehen möchte, was das alles mit uns gemacht hat. Meine Mutter kann dir nicht verzeihen, ihr gutes Recht. Ich verstehe sie. Ich kann nicht gutheißen, was du getan hast. Und gleichzeitig komme ich nicht umhin, dir zu danken, sobald ich mir diesen einen Tag in Erinnerung rufe und alles, was danach geschah. Dafür, dass ich mit dieser Erfahrung nicht zulassen konnte, dass das Versinken in einem Leben, das nicht zu mir passte, sich meiner bemächtigt. Dass ich aktiv werden musste, um selbst die Oberhand zu erlangen. Ich bin so verwegen zu behaupten: wenn du nicht gegangen wärst, wäre ich heute nicht mehr hier. Physisch vielleicht. Mein Geist aber wäre längst schon tot und eingeäschert.

Mit der Zeit weicht die Trauer, und auch das Warum. Aber du bist immer noch da. Gerade eben überkam mich der Gedanke „Was würdest du zu all dem sagen?“ Es ist unerheblich. Du würdest genau so wieder handeln, in einem nächsten Leben, für immer. Es ist unüblich, dass ich Verstorbenen öfter als dieses eine Mal im Traum begegne. Es ist der Abschied für immer. Aber ich hoffe dennoch auf ein Wiedersehen. Damit ich dir sagen kann: Es geht mir gut. Und: Ich habe dir verziehen.

Ich liebe euch.