Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

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So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

Einigkeit und Recht und Freiheit? Offene Gedanken zur Wiedervereinigung

25 Jahre Deutsche Einheit, in Frankfurt wird groß gefeiert, man spürte die Ausläufer hektischer Vorbereitungen bis hierher an den Rhein. Wer es damals miterlebt hat, hängt vielleicht dieser Tage seinen Gedanken und Erinnerungen nach. Wiederum eine gute Gelegenheit, noch einmal auf meinen Lieblings-Comickünstler Flix hinzuweisen. Seinen Band „Da war mal was“ habe ich kürzlich erst erstanden, die einzelnen Geschichten schon zu Entstehungszeiten gelesen, wenn nicht gar verschlungen. Flix verarbeitet in seinem Buch sein eigenen Erinnerungen und die von Freunden und Bekannten an „hier und drüben“ (klick: YouTube-Trailer). Unweigerlich dachte ich beim Lesen natürlich an das, was ich aus dieser Zeit noch vor Augen hatte.

Ich war 9 Jahre alt, als die Mauer fiel. Zu jung, um im Vorfeld viel von „der Wende“ mitzubekommen. Ich erinnere mich schemenhaft, dass mein Vater einige Jahre zuvor öfter geschäftlich nach Ostberlin reisen musste. Damals etwa vier oder fünf Jahre alt, erinnere ich mich an meine Mutter, die mir besorgt und traurig vorkam. Wenn ich fragte: „Wo ist denn der Papa? Wann kommt er wieder?“ antwortete meine Mutter bedeutungsschwanger: „Der Papa ist in der DDR.“ Die DDR, mir kam das damals so unendlich weit weg vor. Der Klang in der Stimme meiner Mutter verhieß nichts Gutes, ich stellte mir vor, die DDR sei in etwa so weit von uns entfernt wie der Mond , und ebenso karg und grau. Manchmal erzählte mein Vater, er habe nicht gewusst, was er abends unternehmen solle. Stattdessen schrieb er lange Briefe an meine Mutter. Das ihm zur Verfügung gestellte Geld habe er auch wieder komplett mitgebracht – wofür hätte er es ausgeben sollen? Einmal brachte er mir dennoch etwas mit, eine Art Wandaufbewahrung in Form eines blauen Hundes mit übergroßen bewimperten Augen und verschiedenen Täschchen an seinem Bauch, worin man Dinge verstauen konnte. Ich nannte ihn Hugo.

Im Herbst 1989 hörten und sahen wir im Fernsehen nichts anderes als Politiker, Menschen auf der Mauer und Ströme von Autos. Ich erinnere mich an Bilder von Autokolonnen, ein Mann in einem beigefarbenen Wagen wurde durch das Autofenster hindurch etwas gefragt. Er trug einen rötlichen Bart. Wahrscheinlich sind meine Erinnerungen an diese Zeit mittlerweile von Geschichtsunterricht und Reportagen, nicht zuletzt aber der eigenen Begeisterung für diese Zeit so verklärt, dass ich jenem Mann in meiner Erinnerung ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen verpasst habe. Die Stimmung jedenfalls war in diesen Tagen eine ganz besondere. Der Nachrichtensprecher rief dazu auf, diesen Menschen, die da über die Grenze zu uns strömten, eine zeitweise Unterkunft zu bieten. Ich war sofort Feuer und Flamme und bat meine Eltern: “ Mama, Papa, bitte, können wir auch so Leute bei uns aufnehmen?“ Ich war fasziniert, ich wollte diese Menschen kennenlernen, und ich wollte helfen. Irgendwie schien mir das ziemlich wichtig zu sein. Meine Eltern reagierten zunächst erstaunt und dann ablehnend. Das habe ich damals nicht verstanden.

Ein Jahr später nahmen meine Eltern mich mit zu einer kleinen Feierstunde in unserem Dorf. Es war Abend, und es dämmerte bereits. Meine Babyschwester war bei den Großeltern, und ich meine, ich habe ein wenig gemault, warum ich da jetzt mitgehen sollte. „Das ist ein ganz wichtiger Moment“, belehrte mich meine Mutter. „Wir feiern heute die Deutsche Einheit. Die DDR gibt es nicht mehr.“ Keine DDR, keine traurige Mama mehr, eigentlich eine gute Sache. Ich würde zu Hause gleich die eine Hälfte des Aufklebers an unserem Klavier abkratzen müssen, darauf stand „Leipzig / DDR“. Ich nahm also teil an der Feierstunde, an die sich das Einlassen einer kleinen Bodenplatte auf dem Dorfplatz anschloss.

25 Jahre später gehe ich wieder an dieser Bodenplatte vorbei, bleibe stehen. „Zur Deutschen Einheit“ steht darauf, „1990“. Ich weiß noch genau, wo ich damals als Kind gestanden hatte und zuschaute, als sie eingelassen wurde. Heute weiß ich mehr, kenne Hintergründe, und kenne Auswirkungen. Ich habe als Jugendliche Schüler unserer Partnerstadt in Sachsen kennengelernt und habe zugehört, wenn sie von „früher“ sprachen. Das war 1996. Innerlich entsetzt war ich über das vorherrschende Selbstbild dieser jungen Menschen, sechzehn-, achtzehnjährig, die sich selbst als „dumme Ossis“ bezeichneten, als „ungebildet“, „Wir können kein Englisch, nur Russisch“. War das unsere deutsche Einheit, die diese Selbstzweifel gesät hatte? Ich fand das alles schrecklich, denn ich fühlte Sympathie für meine Mitschüler. Ich mochte meine Austauschpartnerin, mir gefiel diese eine Woche in der Nähe von Dresden mit einer Familie, die meiner so erstaunlich ähnlich war. Wir verstanden uns.

In der Folgezeit, kurz nach der Wiedervereinigung, gab es immer wieder Fernsehsendungen. Es ging oft um „die Ossis“ und „die Wessis“, in Fernsehspielen wurden die gegenseitigen Aversionen thematisiert. Ich hielt „Ossi“ bislang für eine Abkürzung von Oswald und wusste bis dato nicht, welchen Unterschied es überhaupt zwischen uns gab, oder besser: zwischen „uns“ und zwischen „denen von drüben“. Waren wir nicht alle Deutsche? Menschen? Warum regte uns der Soli auf? Warum hörte man im Urlaub hinter vorgehaltener Hand Äußerungen wie „Das ist bestimmt ne Ossifamilie, guck mal, wie die ihre Teller vollhauen!“ Sie widerte mich an, diese Herablassung, und tut es noch heute.

Während ich Flix‘ Buch durchblättere, denke ich immer wieder an den Fernsehaufruf. „Mama, können wir auch so Leute aufnehmen? Bitte!“ War ich zu jung, um zu verstehen? In der Retrospektive bin ich sehr dankbar dafür, dass ich die Wiedervereinigung miterleben durfte. Ich bin dankbar, dass ich so jung war, denn für mich hat es nie diese Grenze zwischen Ost und West gegeben – bewusst wurde sie mir erst bei einem Besuch in Berlin im Jahr 2009, zuvor nie dort gewesen, sofort begeistert. Und erschüttert. Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Kopf die Mauer nie existiert hat.

Diese eine Frage stellt sich mir allerdings wieder: Wie werde ich heute reagieren, wenn ein neuerlicher Aufruf in den Medien erfolgt: „Bitte nehmen auch Sie Flüchtlinge bei sich auf!“

Madame und der vierbeinige Mond

Nicht, dass ich mich wieder, wie so oft, in meinem Schmerz ergangen habe, wie die kleine Konversation zwischen mir und mir selbst vermuten lassen könnte. So viel ist da gar nicht mehr. Die Retrospektive habe ich zum größten Teil abschaffen können, auch das Zu-weit-in-die-Zukunft-blicken-wollen. Anterospektive, lehrt mich ein Internetartikel, heißt der Begriff. Natürlich nicht ohne ein wenig Weitblick zu behalten – wobei, den überlasse ich derzeit JB. Eine Frage des Vertrauens, eine neue Lektion in Sachen Liebe und so. Und der Restschmerz verblasst dann auch ganz schnell.

Introspektiv allerdings bin ich nach wie vor tätig – und mit Erreichen kleinerer und größerer Meilensteine, die ich auf meinem Weg durch das Leben quasi en passant erreiche, ist immer mal wieder Zeit, sich das aktuelle Entwicklungsstadium zu vergegenwärtigen. Wo stehe ich jetzt?

Nach einem fulminanten Jahresstart – anders kann ich es nicht bezeichnen – ereilte mich im Hochsommer sowohl ein fieser Infekt (40 °C Außentemperatur, 40 °C Madametemperatur) als auch ein kleines, ebenso fieses Tief, gegraben und geflutet von vielen netten und weniger nett gemeinten Ratschlägen von außen, woher sonst. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich so viel darauf gebe und mir mein Leben dadurch mies machen lasse. Wieder stelle ich fest, dass sich jeder seine eigene Welt so schön oder schlecht redet, wie er will. Anderen Menschen wird darin die passende Rolle auf den Leib geschrie¦b¦en, um so lauter, je deutlicher der Nebendarsteller Protest anmeldet, weil er lieber etwas anderes spielen möchte. Beispielsweise die Hauptrolle in seinem eigenen Lebensfilm (wie vermessen!). Es wird gebogen und manipuliert, dass das Nervenkonstrukt ächzt. Vielleicht hatte es der Infekt deshalb so leicht, sich hinter die fleddrigen Kulissen zu mogeln. Aber ich will nicht hadern. Immerhin hat mir diese kleine Auszeit von insgesamt fünf Wochen (zwei Wochen darniederliegend, zwei Wochen Urlaub, eine weitere halbe Woche halbdarniederliegend) auch diverse selbsternannte Lebensregisseure vom Leib gehalten.

Hatte ich mich davor noch über das mir aufgeschwatzte Drehbuch geärgert, mir an dessen Szenen und Regieanweisungen Herz und Kopf zerbrochen und von selbstgefälligen Hauptdarstellern erzählen lassen, was genau ich beim Schau¦spielen falsch machte und wie ich gefälligst zu agieren habe, lasse ich mich mittlerweile auf keine Diskussionen in puncto Schauspielkönnen mehr ein. Ich bin es nämlich leid, Kameraeinstellungen korrigieren zu wollen, wenn ich der Meinung bin, dass die Perspektive da eventuell etwas verschoben sein könnte. Ich bin es leid, Handlungsabläufe erklären zu müssen, nur um ein Fetzelchen Verständnis für meine Situation zu erheischen. Lohnt sich nicht, ist alles bereits festgeschrieben im unabänderlichen Drehbuch aus der Feder jener Lebensregisseure, die keine weitere Revision desselben gestatten.

Künftige Regieanweisungen? Ich freu mich schon drauf:

– „!!!“
– „Der Mond hat vier Beine, sagst du? In Ordnung, der Mond hat vier Beine. Nein, wenn du dir da sicher bist, hat der Mond eben vier Beine. Doch, tatsächlich. Ein vierbeiniger Mond. Der Mond hat vier Beine? Der Mond hat vier Beine! Absolut.“
– „???“

Man glaubt es kaum, aber seit dieser Erkenntnis, dass es völlig egal ist, was man ebensolchen Personen entgegensetzt, dass man sich am besten keine weiteren Gedanken darüber macht und damit Hauptdarsteller seines eigenen Lebens bleibt, geht es mir erheblich besser. Der Infekt abgeklungen, das kleine Tief durchwandert, Madame schwimmt wieder obenauf und genießt das Leben wie selten. Das alles beflügelt mich so sehr, dass ich zwei neue Projekte begonnen habe, langgehegten Ideen für Haus und Hof Taten folgen lasse und mich vor allem weder mit Zukunft noch Vergangenheit streite. Erstere kommt sowieso. Letztere war schon da und ist bereits abgereist. Ich spüre die Bretter, die die Welt bedeuten, unter meinen Füßen vibrieren und genieße es, der gefeierte Star in meinem eigenen kleinen Theater zu sein. Und es ist mir ganz schön scheißegal, ob der Mond nun vier Beine hat oder acht oder gar keine. Ihm wahrscheinlich auch.

Starkschwach

Gestern habe ich eine Trauerkarte geschrieben. Das Bedürfnis, den Menschen, die jemanden verloren haben, mein Mitgefühl auszudrücken, ist oft sehr groß und ich gebe dem einfach nach. „Macht man so“, steht dabei weniger im Vordergrund als „Ich möchte, dass du weißt: ich bin auch sehr traurig über deinen Verlust und in Gedanken bei dir“. Als ich die Karte schrieb, fiel mir auf, dass ich meinen Vorrat an Kondolenzkarten wieder einmal aufstocken müsste.

Hingegen der Stapel mit Glückwunschkarten hatte in der letzten Zeit nicht wesentlich abgenommen. Wie das so ist mit Glückwünschen, meist fällt es einem am selben Tag erst ein, dass ein Wiegenfest oder ähnlich Freudiges ansteht. Dann eben schnell per Kurznachricht gratulieren. Meist fallen meine Sätze dabei unkreativ und mit einem Beigeschmack von Wieschontausendmalgesagt aus. Ich frage mich, weshalb ich beim Kondolieren so viel emotionaler und persönlicher bin als beim Beglückwünschen. Gleichzeitig überlege ich, was wohl eher im Herzen einer Person ankommt, der ich eine Karte schreibe.

Trost ist eine wunderbare Sache, auch wenn ich schon viele sagen gehört habe: Das brauche ich nicht, will ich nicht, kann ich nix mit anfangen. Einer sagte sogar: Damit fühle ich mich schwach. Trauer gibt uns ein Gefühl von Schwäche, ein unendlich tiefes Verletztsein, Insichkehren und Sichselbstumarmenwollen. Und da erscheint mir das Herz tatsächlich empfänglicher für Worte von außen.

Ich persönlich habe große Schwierigkeiten damit, die richtigen Worte zu finden, wenn ich eine trauernde Person auf der Straße treffe. Ein stummer Blick, eine stille Umarmung. Worte wirken für mich nur auf Papier. Was sagt man aber auch zu dem jungen Paar, das seine ungeborenen Zwillinge verloren hat? Ohnehin ein Thema, das man bisher immer noch erfolgreich totzuschweigen beliebt. Was hat man überhaupt davon, Anteilnahme auszudrücken? Ich sage, die Gewissheit, einem trauernden Herzen ein warmes Deckchen aus Trostworten angeboten zu haben, auch wenn es nur ein winzigkleines ist: „Ich bin in Gedanken bei euch“.

Nach¦trag¦ik

Ursache und Wirkung, manchmal ist es so einfach, dass man es glatt übersieht. Vor einiger Zeit nahm ich die Laufschuhe zu Hilfe, um mich zu befreien von zu viel seelischem Ballast. Laufen und schreiben. Weder das eine noch das andere konnte ich der letzten Zeit verfolgen, heute also schreibe ich, und ab morgen sind auch die Laufschuhe wieder an der Reihe. Was ist eigentlich aus meinen drei herznahen Menschen geworden, fragt man sich vielleicht, deren Schicksale mich an den Rand meines Weltver¦besser¦wisser¦tums brachten? Ich möchte einen Nachtrag wagen, denn nicht immer muss alles, was in manchen Momenten schlimm aussieht, tatsächlich den Bach runter gehen.

Meine liebe Nahestehende hat gekämpft. Hat nicht locker gelassen, hat geredet, sich umfassend informiert und ist nun an einem Punkt angelangt, der nicht mehr „Scheidung“ heißt, sondern „Zusammenbleibenwollen“. Weil sie ihn immer noch liebt. Und er sie. Deshalb kämpfen sie jetzt gemeinsam gegen die Schatten der Vergangenheit. Es sieht gut aus.

Meine liebe gute Freundin hat es angepackt. Ihre neue Wohnung eingerichtet, ganz nach ihren Vorstellungen, den letzten Kontakt zum Ex gekappt und ist trotz Heimweh und schlaflosen Nächten da geblieben, wo sie letztlich gefunden hat, was sie suchte: Unabhängigkeit, Eigenständigkeit. Mittlerweile hat sie die Vorzüge des Singledaseins erkannt. Und auf der Arbeit läuft es jetzt besser, seit sie ein neues Arbeitsgebiet bekommen hat und richtig Spaß daran findet – weg von der Kollegin und damit aus der Schusslinie des Chefs. Der sie nun kleinlaut lobt, anstatt ihre Zweifel lautstark zu schüren.

Und meine Dritte im Bunde, sie hat auch gekämpft und nicht aufgegeben. Mit der richtigen Unterstützung hat sie ihre Krebserkrankung in den Griff bekommen, und das hat sie so sehr bestärkt, dass sie nun auch andere Dinge in Angriff genommen hat, die seit langem im Argen lagen. Bei unserem letzten Treffen war sie quietschvergnügt, fiel mir um den Hals und sprach mir eine Einladung zu ihrer Hochzeit aus – in drei Jahren, wenn alles in trockenen Tüchern sei. Ich habe gerne zugesagt.

Und selbst wenn sich viele Dinge scheinbar von alleine lösen – ich werde nicht aufhören, mich um meine Lieben zu sorgen und für sie da zu sein. Ich bin so. Ich will es so.

Und es wird sich nicht¦s ändern.

10:21 Uhr: „Die Ärzte haben bei Jen einen Tumor festgestellt. Er hat es uns gerade geschrieben. Ich habe alle Termine abgesagt und fahre nachher hin. JB.“

… Es wird sich nicht¦s ändern …

Wenn, dann heftig

Nun ist es passiert. Wovor man mich vor nicht allzu langer Zeit warnte – Frau Knobloch tat’s, und ahnte – und doch warf ich meine gesamte Kondition hinein in den Strudel von Taten, Drang und Arbeitskraft, allein um Dinge zu bewegen, gut zu machen, der Gemeinschaft zu dienen. Erwartet habe ich nichts, bekommen habe ich unverdienterweise all den Tadel, der an anderen abperlt wie Regen an der imprägnierten Speckschwarte. Nur leider fällt dieser Tadelregen bei mir stets auf allzu fruchtbaren Boden und treibt die furchtbarsten Blüten. Die Folge: Nicht einmal mehr Zeit und Muße, all die wundervollen Beiträge hier zu lesen und zu kommentieren, geschweigedenn wieder das Schönschreiben zu üben. Zwischen dem Alltag und der Nacht versuchte ich mich zu erholen, was leider gründlich daneben ging, bis nun also eines der letzten verbliebenen Nervenfädchen riss. Und schmiss. Und zwar das mir so teure Smartphone, meine Standleitung in die Welt, mein Wecker und Wachhalter, Terminverwalter, WordPresserleichterer, Herzensneffenbilderspeicher und so manches mehr. Exitus. Finito.

Und mit einem Mal ebbt das Rauschen in meinem Kopf ab. Ich existiere virtuell nicht mehr, bin gleichzeitig nicht mehr nervbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, kann/muss nicht mehr umgehend reagieren. Und lebe trotzdem noch. Ich habe keine To-Do-Listen mehr vor Augen, keine Termine und keine unbeantworteten Nachrichten. Wie sich das auf die Dauer mit dem Alltag vereinbaren lässt, wird sich zeigen. Nur – jetzt im Moment ist es, als hätte ich diese meine grüne Wiese wiedergefunden, auf der ich doch so gern flanierte, sorglos und – glücklich. Wenn das so ist … dann lasse ich mir am besten mit der Reparatur dieses, wie ich glaubte, lebenserhaltenden Geräts noch eine Weile Zeit. Oder länger. Meine Liebsten wissen, wie sie mich erreichten, und, oh Wunder, Kommunikation kann man auch mündlich betreiben! So viel persönlicher und direkter, es ist mir fast schon ein Fest. Und was ich ebenfalls feststellen konnte: die Welt dreht sich weiter, ohne dass Madame „existiert“. Auf den Tadel kann ich ohnehin sehr gut verzichten, möge sich einstweilen ein anderer Sündenbock finden, Madame macht jetzt erst einmal Urlaub.

Und langsam, langsam lebe ich wieder. Was ist wohl befriedigender, sich jeden Abend vor dem Schlafengehen den kleinen Herzensneffen auf dem kleinen Display zu betrachten, oder mit verknutschter Wange, dem Halstuch voll Sabber und anderer babytypischer Erzeugnisse und dem Herzen voller Kinderlachen nach Hause zu kommen? Dem Herzliebsten in die Augen zu sehen oder sich elektronisch-summende Herzküsschen hin und her zu schicken? „Was meinst du? Stehen wir das noch eine Weile durch, ohne Handy?“ – „Klar. Ziehen wir halt zusammen, wollten wir doch eh…“ Nein, das war ein ganz und gar fiktiver Dialog, aber es muss ja nicht heißen, dass Unausgesprochenes weniger wahr und bedeutsam ist.

Es wird Zeit, sich neue Herausforderungen zu suchen. Die erste lautet: zur Ruhe kommen. Sich frei machen von all dem Ballast, den ich noch immer mit mir herumschleppe.  Und sich dann wieder in den Trubel stürzen. Aber in den richtige Trubel dieses Mal. Nicht wieder dieses Sackgassentadelding, sondern etwas mit Zukunft. Kann man ja auch mal verlangen: Leistung gegen Entlohnung. Und die hätte ich endlich mal gerne. Aber ich sehe schon: ich werde sie mir am besten selbst auszahlen.

Ein Augiasstall

[…]

Länger als einen Tag sollten Momentaufnahmen nicht liegen, sonst sind es keine Momentaufnahmen mehr. Natürlich nutze ich dieses Blog, um mir Dinge von der Seele zu schreiben, die sie belasten, möchte das jedoch nicht als Jammern verstanden wissen, sondern als Möglichkeit, meinen Emotionen einen Ausdruck zu verleihen – einen sprachlichen. Ärger kann tatsächlich schön sein, wenn er vaporisiert und durch ein Sieb aus Reflektion als feine Buchstaben auf Papier herniederrieselt.

Jedenfalls beschloss ich am Ende des gestrigen Tages, dass es nicht damit getan sein kann, sein Spiegelbild in anderen zu bewundern, wenn Dinge wirklich, wirklich im Argen liegen. Der kleine Hühnerstall, der die letzten Wochen olfaktorisch sehr präsent war, übertünchte eine Sache von größerer Wichtigkeit: Ein wahrer Augiasstall. Auch hier wurde und wird seit Jahrzehnten immer mehr kopros angehäuft, niemand wagte sich bisher ans Säubern. Es plätschert so vor sich hin, hat bisher immer irgendwie funktioniert, von kleineren Rückschlägen abgesehen. Aber jetzt bemerkt man auf einmal: Die Stalltür geht ja kaum noch auf! Ein Riesenbatzen Exkrement versperrt den Weg. Man hat die dafür verantwortlichen Kühe, die sich seit einiger Zeit auf dem immerselben Haufen erleichtern, nicht in ihre Schranken verwiesen. Und nun gibt es kein Vorankommen mehr. Nur noch ein bisschen, und der Stall wird für immer verschlossen bleiben. Und all das wegen der unkontrollierten Produktion von haufenweise Mist.

Wie es der Zufall aber will, schickt die von mir hochgeschätzte Frau Knobloch wunderbedeutsame Bilder fließenden Gewässers in die Welt. Ein Hoffnungsschimmer, immer, wenn sie ihre Feder bemüht.

Lassen wir es also fließen, was sich lange angestaut hat hinter Herzmauern. Ich bin nicht Herakles und will mir auch keine Rinder verdienen – wiederkäuende Paarhufer und auch Federvieh kenne ich bereits genug. Mir stehen weder Alfios noch Pinios zur Verfügung, nur ein kleines blaues Eimerchen. Aber das ist voll mit „kleinstkaskadender“ Wasserkraft, die ich mir von Frau Knobloch geborgt habe. Das schütte ich der nächsten dummen Kuh, die mir begegnet, mitten ins Gesicht. Madame Contraire hat schon die Gummistiefel an.

„Spieglein, Spieglein … oh. Kaputt.“

Der Spiegelbildeffekt: Menschen halten anderen genau das vor, was sie an sich selbst am meisten stört. Mir ist in der letzten Zeit recht Unangenehmes begegnet – unangenehm, das ist meine eigene, contrairsche Definition der momentanen Situation, jeder andere mag damit weniger Probleme haben und besser damit umgehen können als ich. Jedenfalls fühlt es sich für mich an, als hätte ich einen Spiegel um den Hals hängen, in den meine Mitmenschen hineinblicken und sich ob des Gesehenen empören. Da ist die junge Dame, die mich anherrscht, ich bräuchte sie wohl kaum derart anzuherrschen, obwohl ich die Stimme nicht einmal erhoben habe. Da ist eine andere, nun ja, Dame, die mir zu verstehen gibt: Sollte ich weiterhin in diesem Ton mit meinem Umfeld sprechen, hätte ich bald kein Umfeld mehr, das sich gerne mit mir abgibt. Da ist zum dritten, wer hätte es geahnt, noch eine weibliche Person, die mir Veräumnis und möglicherweise ein freches Mundwerk bescheinigt – mit einem ebensolchen Ton am Leibe und ganz offensichtlich Watte in den Ohren, die den Informationsfluss deutlich hindert und mindert. Spiegel¦bild¦defekt?

Überhaupt lerne ich langsam verstehen, weshalb ein Sündebock für alles, was nicht rund läuft, eine formidable Sache ist, solange man es nicht selbst ist. Glücklicherweise ist mein näheres Umfeld (oh ja, das gibt es noch) bereit, sich fast täglich meine derzeitigen Sorgen anzuhören und mir den Rücken zu stärken. Oder so ähnlich. Zumindest weiß ich, dass sie es wollen, auch wenn es als wohlgemeinte Ratschläge verpackt ist. Das Nicht-mit-sich-machen-lassen ist so eine Sache, genau so wie das Mal-auf-den-Tisch-hauen. Nie praktiziert, bin ich darin natürlich etwas ungeübter als andere und lasse mich dann gerne verunsichern, wenn wieder einmal mein Ton kritisiert wird, den ich an mir haben soll. Dann blicke ich verstohlen an mir herab und suche ihn, diesen Ton, der andere so stört, der an mir hängt wie die berühmte Bahn Toilettenpapier, die ich versehentlich irgendwo abgekriegt haben muss. Ich stelle mir vor, mein Ton ist eine blecherne Fahrradtröte, mit einem roten Gummiball, die mir irgendwo unerreichbar an der Kleidung angenäht wurde, und die jedes Mal ertönt – „Möööp!“ – wenn ich mich irgendwie bewege und an etwas stoße. „Möööp, möööp!“ – „Verzeihung! Mein Ton schon wieder! Wenn ich den zu fassen kriege …“

Ich vermute, dieser Spiegel, den ich da um den Hals hängen habe, wirft nicht nur Licht und Abbild zurück, sondern potenziert auch die Laustärke, mit der man ihn anspricht. Sprechen, auch so eine Definitionssache. Die Kommunikationswege haben sich in unserer Zeit vervielfältigt, und nie fiel es so leicht, einen anderen Menschen offen zu beleidigen, als über die sogenannten modernen Medien – altbekanntes Problem. Ein Zerrbild unserer Wirklichkeit, ein stummes Sich-Anschreien, bei dem man tatsächlich nicht mehr als das Klackern der Tasten vernimmt – und da bescheinigt man mir wiederum einen Ton, den ich doch gar nicht von mir gegeben habe? Die Enter-Taste vielleicht ein wenig zu heftig betätigt, das könnte es gewesen sein. Seither schweigen die Tastentöne konsequent.

Das berühmte dicke Fell, ich habe es noch nirgends auffinden können, vermute aber, dass es einen hohen Preis hat. Möchte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Nicht, solange es Menschen gibt, die mir gerne zuhören und mich trösten können. Ja, Trost und Zuspruch sind, wenn auch zeitverzögert, mein dickes Fell, mein geteiltes und daher halbes Leid. Leider leidet mein Herz darunter, ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt. Ein Gefühl, als hänge einem ein Schaufelradbagger am Herzgewebe und grübe sich immer tiefer hinein. Konsequenzen sind, im Kopf zumindest, bereits abgesteckt, es gilt noch eine kleine Weile durchzuhalten, bis diverse Dinge erledigt sind und sich nachher wieder alle auf die breiten Schultern klopfen, die ja ach-so-viel getragen haben. Was ich in meinem Herzen trage, das trage ich nicht nach außen.

Und so spiele ich eben den Spiegel, sündenbocke ein wenig vor mich hin. Wenn die Contenance fast bis zum Zerreißen gespannt ist, hilft mir Freundlichkeit durch den Tag. „Verlogenheit“ bezeichnen die Spiegelnutzer das hinter vorgehaltener Hand. Aber auch nur, weil sie’s ärgert. Und weil ihre eigene Freundlichkeit womöglich gelogen ist – der Spiegelbildeffekt, vermutlich wieder. In meinem Kopf zitiere ich die bösen Stiefmütter und Stiefschwestern dieser Welt: „Spieglein, Spieglein der ollen Contraire, warum ist die so, wie ich gern wär‘?“ Welch schöne Mär. Madame strafft ihre Schultern und legt ein Lächeln auf. Aus dem Spiegelmeer lächelt es zurück.

[…]

Los¦lass¦moment

Dieses Lied. Es lief fast das ganze Jahr über im Radio, und ich mochte es. Es war lebhaft. Es war laut. Es schien perfekt in diese Zeit zu passen, klang mir nach Freiheit, und frei war ich, wie noch nie. Ich konnte es bald mitsingen, war oft froh, dabei immer im schallgeschützten Innenraum meines Autos zu sitzen. Wann immer es lief, drang sein Beat in meinen Kopf und durch meinen Körper, riss mich mit wie eine Welle. Es würde sich die Gelegenheit bieten, diese eine im Jahr, bei der ich mich gehen lassen und darauf abtanzen würde. Wie sehr ich das wollte! Es wäre völlig egal, jeder würde das tun in diesem Moment. Ich würde ihn ganz genau zu meinem Moment machen, und ich würde ihn feiern.

Und dann kam die Gelegenheit. Während wir da standen, mitten in der lauten Menge. Während wir uns unterhielten, in die Augen des anderen hineinlauschten, während alles andere wie abgedunkelt und gedämpft um uns herum erschien, als ragten unsere Körper weit über eine laute, wogende Masse hinaus, nach oben, ins Licht. Da spielten sie es, dieses Lied, das ich zum Inbegriff meiner Freiheit gemacht hatte. Ich hielt kurz inne. Es gab nicht einmal den Anflug von Bedauern, sich eben nicht, wie so lange geplant, gehen zu lassen und abzutanzen. Ich wollte es nicht. Denn jetzt war nur eines wirklich wichtig. Die Eingebung, dass dieser Moment für mich, für uns eine Bedeutung haben sollte, war goldrichtig. Verharren in deiner Gegenwart, anstatt sich von der Welle erfassen zu lassen. Ich habe damit meine Freiheit nicht verloren, im Gegenteil. Ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Moment ganz genau zu unserem zu machen und ihn zu feiern. Jeden Tag. Jeden Augen¦blick.