Abrechnungsmonat: Vanitas

Alles leer und eitel.

Das neue Leben, von dem ich so oft sprach, am 1. September nun beginnt es. Begann schon viel früher, spätestens seit der Geburt unserer kleinen Madame steht es Kopf und treibt wunder-wundervolle Blüten. Aber gut, es gibt ein Datum, an dem alles Bisherige endlich endet. Das neue Heim macht sich bereit, das alte muss sich leeren. Und so bin ich seit einiger Zeit dabei, auszuräumen. Diesmal richtig. In den hintersten Ecken noch Reste alter, unbrauchbar gewordener Wäsche, verstaubte Erinnerungen, die kein Mensch mehr braucht. Oder will. Trübgewordener Inhalt, Dornröschenschlaf ohne Happy End. Vertrocknete Lippen empfangen keine Küsse.

Säckeweise verstummter Schmerz, kaum mehr wahrnehmbar. Tüten voll abgelegter Trauer und Schuhkartons verblichener Gefühle – wohin damit? Mit Sicherheit nicht ins neue Heim, weder auf den Speicher, noch in den Keller. Mein Herzgerüst ist zwar erstarkt und stabiler denn je, aber ich werde es nicht mit alten Laste¦r¦n füllen, dazu ist es mir zu schade. Der Platz wird benötigt für Neues, Schönes und all das, was noch kommt, schön oder nicht. Keine Einmachgläser mehr voll eingekochter Begegnungen. Schauen heißt jetzt vorwärts. Vorwärtsfreuen, vorwärtsleben. Fürs Zurück fehlt mir glücklich jegliche Zeit.

Konsequent – jetzt endlich bin ich es – wird aussortiert, entsorgt, entrümpelt. Endgültig. Die neuen Gestade locken, und leicht fällt mir der Abschied, jeden Tag ein bisschen mehr. Und sei es, dass mich der Inhalt des einen oder anderen Müllsacks dennoch fesselt – ein wenig Wühlen mag erlaubt sein – ruft mich aus der Wiege leises Wehklagen zurück in meine Zukunft. Nie war mir leichter als jetzt, das Ende zu Füßen, der Anfang klar voraus.

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Was gerade noch fehlte

Beitrag aus Dezember 2017 (irgendwann muss ich damit anfangen, ein bisschen was aufzuarbeiten)

***

Natürlich fehlt noch etwas, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Oder nicht rechnen wollte, jedenfalls nicht jetzt. Tonnen von Funkelstreusel, ein Kerzenschimmermeer und ein ausgewachsener, reißender Sturzbach flüssigen Goldes, was da auf mich einbrach. Machen wir es kurz: Ich habe den weltschönsten Antrag bekommen. Der es geschafft hat, mich erst einmal ganz sprachlos zu machen. Ich erspare euch die Details, die euch wahrscheinlich auch allzu klebrig-süß vorkommen würden. Mindestens mandelkrokantig-honigsüß. Mit Zimtstaub.

Fakt ist allerdings: Ich habe keinen klassischen Verlobungsring bekommen. Ich habe überhaupt keinen Ring bekommen. Das Edelmetall, traditionelles Wahrzeichen eines solchen Unterfangens, formt die Spitze meines Geschenks, das so passend ist, weil es mich in solcher Gänze und Klarheit erfasst und beschreibt. Ja, es schreibt. Es ist der vermutlich erste Verlobungsfüller, dessen Einsatz zukünftig mit bedeutsamen Momenten einher gehen wird. Seine erste Verwendung nach der obligatorischen Schriftprobe (ein großes „Ja“, da ich meine Sprache zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wiedergefunden hatte) war beim Verfassen einer Geburtstagskarte für meinen kleinen Neffen – noch so ein Goldklumpen in meinem Leben, den ich nie wieder missen möchte. Und – fast vergessen! – den Mann an meiner Seite übrigens auch nicht, der mich so gut kennt und mich trotzdem und gerade deshalb will. Komplett mit allem. Niemalsnienichtwieder lasse ich den los. Ein blaues Band, ein Tintenstrich. Bindet, ohne zu fesseln.

Nun waren kaum die Tränen über diesen mehr als bescheidenen Jahresanfang getrocknet, jetzt laufen sie wieder, aber aus völlig anderem Grund. Madames Happy End, endlich? Mitnichten! Es hat gerade erst begonnen …

Der längste Monat ist der Januar

Ganze 31 Tage zählt er, der erste Monat des Jahres. Dennoch kommt er mir seit langer Zeit sehr viel länger vor als jeder andere Monat. Ich vermute, es liegt daran, dass man im Dezember so sehr auf das Jahresende hingearbeitet hat, um an den Feiertagen, dazwischen und vielleicht über ein kleines Urläubchen danach die Füße hochzulegen. Dass es meistens anders kommt, ist ja hinlänglich bekannt. Oder hat sich schon mal jemand im Weihnachtsurlaub wirklich entspannt? Und schon prügelt der Januar wieder los, es hagelt neue Projekte, neue Arbeit und vor allem ist da noch all das Liegengebliebene, was man mehr oder weniger sorglos aufs Neue Jahr verschoben hat.

Mein Januar begann deshalb mit ein paar Tagen Urlaub, die ich aufgrund längerer Abwesenheit noch nehmen musste, damit sie nicht verfallen. Einfach schön, mal nur auf der Couch zu liegen oder in der Badewanne, endlich wieder Bücher zu lesen, vielleicht ein kleiner Ausflug … Aber nein, auch JB hat so ein Gedankenkarussell im hübschen Köpfchen, sodass diese Entspannungsphasen mehr dazu genutzt wurden, neue Pläne zu schmieden – Hallo? Nachwuchs als einziges Jahresvorhaben? Nicht mit uns! Wir haben eine Menge aufzuholen, zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich das Resultat dieser 31 Januartage vor mir sehe.

Ich bin dieser Tage so zufrieden mit mir wie gefühlt noch nie. Was ich anpacke, gelingt. Weil ich es anpacke, und nicht ausharre und warte, was sich von selbst erledigt (das ist nämlich genau nichts). Und es ist so leicht! Seit die Gesundheit sich dazu entschlossen hat, wieder ihren vertrauten Job stabil auszuführen, sind meine Gedanken endlich frei für all die vielen neuen Dinge, auf die ich Lust habe, auf die ich so lange gewartet habe. Die jetzt Schlange stehen und abgearbeitet werden wollen. Plus: Ich habe jetzt einen JB, der ganz ähnlich tickt und ebenso voller Tatendrang steckt, so dass wir quasi fast das Doppelte von all dem schaffen könnten, was wir beide erreichen wollen. Aber ein bisschen Luft zum Ausspannen muss natürlich auch gegeben sein. Insgesamt fühlt sich der Januar des neuen Jahres sehr gesund und reich an.

Und das ist gut so. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch „voll Stoff“ geben kann. Aber es erleichtert mich sehr, zu sehen, dass mit der richtigen Motivation alles so läuft, wie gewünscht. Das macht mir Mut, dass ich in ein paar Monaten doch nicht kopflos zur Mama-Maschine mutiere, sondern vielleicht ein klitzekleinwenig Organisation aufrecht erhalten kann, ein winzigbisschen Souveränität, ein ganz kleines Bisschen Herr meines Lebens bleiben darf. Lassen wir uns überraschen.

Es kann natürlich passieren, dass hier die nächsten Wochen oder Monate gar nichts mehr in meinem schönen Gärtchen gedeiht, was ich für euch pflücken und hübsch arrangieren könnte, wenn die Welle wahrgewordener Träume heranrollt und es nach dem Planen ans Realisieren geht.

Nur so viel: Heute habe ich, weil sonst nichts mehr zu erledigen blieb, meine Steuer gemacht, aus lauter positiver Verzweiflung über den vermeintlichen Stillstand. So früh war ich noch nie dran…

Schon Dezember!

Nun ist er da, der letzte Monat des Jahres. Es wird höchste Zeit, wieder etwas zu schreiben. Gedanken habe ich genug, Zeit und die Ruhe dafür nicht ganz so. Aber ich nehme sie mir, zumindest ein bisschen, jetzt.

Nein, tatsächlich bin ich gerade ein wenig vollkommen sprachlos angesichts der vielen guten Dinge, die mir im Moment begegnen. Hatte ich zu Beginn des Jahres noch gehadert mit meiner Gesundheit, meiner schlechten Laune und einigen Menschen in meinem näheren Umfeld, über die ich mich kolossal geärgert habe, so scheint 2016 ziemlich genau in seiner Mitte einen Schnitt gemacht zu haben und überschüttet mich jetzt mit kleinen und größeren Glücksmomenten. Sand und Muschelschalen. Sonnenglitzer auf dem blauen Meer. Zweistreifige Bestätigung einer Gewissheit, die schon so viel tiefer verankert war, dass es das Ding gar nicht gebraucht hätte. Eine fast wahnsinnige Trendwende. Abgesehen vielleicht von den knapp drei Monaten, in denen ich nicht viel mehr als mein Bett und das kleine blaue Eimerchen vor mir sah, ein paar besorgte Anverwandte und durchweg freundliches und einfühlsames Krankenhauspersonal. Aber auch da blitzten immer mal wieder kleine goldene Glückskügelchen hindurch.

Besonders schön war es, kürzlich einen alten Freund wiederzutreffen. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren und sind fast ebenso lange befreundet – wobei diese Freundschaft wie ein zartes Pflänzchen von Jahr zu Jahr erst wachsen musste. Wir pflegen sie mit möglichst jährlichen Treffen, ab und an einem Brief oder einer E-Mail zwischendurch seit meinem Abitur, das ich bei ihm einigermaßen zufriedenstellend abgeschlossen hatte. Aus meinem ehemaligen Lehrer ist im Laufe der Zeit ein guter Freund geworden. Mit einigen durchlaufenen Lebenssituationen, die er aufgrund seines Alters schon längst hinter sich hatte, und mit einer fast zeitgleich gemachten, leider nicht besonders schönen Erfahrung näherten wir uns immer weiter an, so dass ich heute von einem guten freundschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe sprechen kann. Unser Treffen dauerte daher viele Stunden, in denen wir abwechselnd erzählten, von früher, von der Zukunft, so dass ich am Ende beseelt zu Hause ankam, voller Dankbarkeit für diesen schönen Abend. Ich verglich mein Bild von meinem ehemaligen Lehrer mit dem meines heutigen Freundes und befand, dass ich mit der Zeit viele Kapitel über ihn lesen durfte, und dass er als Protagonist dieses „Buches“ mittlerweile ein ganz anderer ist, als im ersten oder zweiten Kapitel noch, im Schulsaal, 9. Klasse, mit der üblichen, nötigen Autorität und den Macken, die man einem Lehrer eben andichtet. Ein bescheidener, hochgebildeter und sensibler Mensch. Ich bedaure Generationen von Schülern und andere Menschen, die dieses Buch wahrscheinlich nie lesen werden.

Und schon geht es auf Weihnachten zu. Der übliche Stress steht vor der Tür, weniger der Geschenke wegen – im Hause Contraire wird es keine geben, nur für die kleinen Mitbewohner, und ansonsten wird Madame wieder ein paar hübsche Dinge zusammenrühren und mit dem Siegel „homemade“ an ihre Lieben verteilen. Dennoch, Termine allüberall. Und trotzdem ist mein Blick eingetaucht in schimmerndes Gold, mit funkelnden Streuseln und Kerzenschein. Es hat eine Menge aufgeholt, dieses Jahr, das so schwach begonnen hat.

Eigentlich ist jetzt alles gut, oder? Oder fehlt noch etwas?

Glückswellen

Glückswellen

Zwei Worte

Zwei Worte. Nicht diese oder jene nämlichen drei berühmten Worte, obwohl das natürlich auch irgendwie alles zusammen hängt. Zwei Worte also, und ein Zwiespalt, wie sie tausend nicht verursachen könnten. Aber nur gefühlt. Gefühlt und ganz persönlich.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, aber das nicht ausschließlich auf Gefühlsebene. Der Körper hat einen großen Anteil daran, vor allem, wenn es um die Talfahrten geht. Und da reißt er die Seele oft mit. So ein Mittelding, so irgendwo zwischendrin, das gab es auch manchmal. Aber meist wechseln sich kurzzeitige Superhochs mit langwierigen Supertiefs ab.

Seit ein paar Tagen sehe ich wieder Land. Muss ja, es wurde mir von allen Seiten prognostiziert, und auch wenn ich es zeitweise nicht glauben konnte oder wollte – ich hoffe einfach, dass die breite Masse einfach mal recht hat damit. Hoffnung in allen Dingen, es gibt keine andere Option.

Alles hat seine zwei Seiten. Zwei Worte, zwei Seiten, pro und kontra, plus und minus. Und so wird das auch bleiben. Obwohl das Plus überwiegt. Sollte zumindest. Natürlich überwiegt es, hätte ich, hätten wir sonst diese Situation bewusst und sehenden Auges herbeigeführt? Habe ich nicht immer daran geglaubt, dass alles seine Zeit hat? Nun ja, ein wenig Selbstüberredungskunst hat das erfordert, was an meiner übermäßig ausgeprägten Ungeduld liegt. Die ist aber in den letzten 12 Monaten durch eine harte, und doch erfolgreiche Schule gegangen und wurde letzten Endes nun belohnt. Mit zwei Worten, einem Zwiespalt, dessen Tendenz aber immer deutlicher zutage tritt, je mehr Zeit vergeht, und dem langsamen, wirklich langsamen Begreifen, dass hier das Glück sich seinen zähen, goldenen Weg bahnt. Auch wenn es sich zum Kotzen anfühlt.

Erforderlich für die kommende Zeit ist – Ironie des Schicksals – noch mehr Geduld. Und zukünftig noch eine ganze Schippe mehr davon. Aber wir werden belohnt werden. Das weiß ich einfach. Oder rede es mir ein. Oder die breite Masse tut es. Egal. Es gibt kein Zurück. Zum Glück.

Ihr Lieben, die ihr hier lest und euch vielleicht schon fragtet, was aus der ollen Madame geworden ist: viel geht im Moment nicht, aber ich bin noch da, ich möchte und ich werde wieder präsenter sein, sobald es mir möglich ist und die Inspirationsquellen wieder sprudeln. Was sie allerdings von sich geben werden, und in welcher Form, kann ich heute noch nicht sagen.

Ach so, die zwei Worte. Damit niemand, der bis hierher nur Bahnhof verstanden hat, weiter im Dunkeln tappen muss: Hyperemesis gravidarum. Nicht schön, überhaupt nicht. Und so wundervoll, ihr glaubt es nicht.

Nostalgie

In Zeiten täglicher Schreckensmeldungen sehne ich mich schlichtweg, wie viele andere, nach guten Nachrichten. Nach ein wenig Schönheit. Schönen Gedanken.

Eine besondere Freude hat mir mein Vater kürzlich gemacht. Nach einem langen Geburtstagsabend, die Verwandtschaft war längst schon gegangen, saßen wir, JB und ich, noch am Tisch und lauschten den alten Geschichten. Wir lieben beide alte Geschichte(n), muss man dazu sagen. So fanden wir uns unverhofft vor Vaters alter Plattensammlung wieder. Sie hat lange kein Tageslicht mehr gesehen, war vergessen und verstaubt, und nun offenbarte sie uns tatsächlich so manche vinylgewordene Schätzchen.

„Ich hab noch so ein Gerät. Und einen Verstärker. Bring ich euch morgen mal vorbei, wenn ihr wollt.“ Selbstverständlich wollten wir. Die Gedankenreise begann noch in derselben Nacht: Ein Schallplattenspieler, kombiniert mit einem Kassettendeck (ein einziges Ungetüm) hatte schon früh Einzug in mein Kinderzimmer erhalten dank der technik- und musikaffinen Eltern. Kinderlieder und Märchen-LPs liefen darauf, bevorzugt zur Schlafenszeit, aber auch immer, wenn ich in meinem kleinen Zimmer spielte, malte und bastelte. Das schwarze Ungetüm, vor dessen Abschaltmechanismus ich mich des nachts immer fürchtete (weil so laut) und das ich bald spielend bedienen konnte, es wurde mein bester Freund. Meine Geschwister waren ja noch nicht geboren. Ich lebte in der Welt von König Drosselbart, Plumpaquatsch und Ivanhoe.

Später kam der erste CD-Player und eine neue Anlage. Das heißt, neu waren all diese Dinge nie, denn mein Vater bezog seine Sammlerstücke oft günstiger gebraucht. Silbern war der Verstärker, das Kassettenteil und der Tuner, ein wenig retro, ein wenig futuristisch und vor allem: massiv schwer. Ich war unheimlich stolz und wollte es lange nicht hergeben. Leider nagte der Zahn der Zeit an den 70er-Jahre-Geräten, und irgendwann zog ich aus ohne meinen vielgeliebten Silberklotz mitzunehmen. Man lobte nämlich mittlerweile Dolbi Digital über den grünen Klee, mein damaliger Mitbewohner kratzte seine Ersparnisse zusammen, und von da an rumpelte es aus den Ecken beim DVD-Abend, wummerten die Bässe durchs Haus, wenn ich mich allein wähnte.

Diese Technik zog mehrfach mit uns um, wurde unvernünftigerweise und hingegen aller Einwände sogar mit auf Festivals geschleppt, und daher klebt noch heute ein Rest Zeltplatzmatsch an einem der verbeulten Lautsprecher. Drauftreten sollte man nämlich nicht. Der Mitbewohner verzichtete bei der Aufkündigung unseres gemeinsamen Wohnverhältnisses auf die Anlage, auch wenn ich beteuerte, sie nicht behalten zu wollen. Wahrscheinlich lockte die nun aktuelle Technik mehr, als die Möglichkeit ein paar Kröten zu sparen. Letztendlich brauchte ich es wirklich nicht. Der Fernseher, beziehungsweise die Empfangseinheit, ging schon vor über zwei Jahren während eines schweren Gewitters über den Jordan. DVDs kann ich damit noch anschauen, aber ich tue das nur sehr selten (wahrscheinlich erst wieder, wenn die neue Staffel von Sherlock käuflich zu erwerben ist). Die restliche Beschallung erfolgt nun noch über meinen kleinen Laptop.

Erfolgt? Erfolgte! Nach einer kurzen Testphase steht nun ein wunderschöner alter Plattenspieler in meinem Wohnzimmer auf einem eigens freigeräumten Platz, der passende Verstärker daneben, die schwarzen Boxen auf Hochglanz poliert:

Und das Beste, all das ist noch älter als ich, stammt aus der Zeit Ende der 60er Jahre. Noch bin ich dabei, die vielen LPs zu sichten, die mein Vater nicht mehr haben will – eigentlich waren die alle gar nicht von ihm, sondern von einem Freund, der seine Sammlung damals, als die CDs aufkamen, einfach verschenkt hat. Gut für uns, denn ausschließlich Klassik und deutscher Schlager wäre uns auf die Dauer irgendwie ein wenig einseitig, so sehr ich Wagner und Mozart auch schätze. Diana Ross‘ Erfolgsalbum ist dabei, Soul, Sixties, Eighties – und die Märchen-LPs habe ich auch mitgenommen. Zurück ins kleine Kinderzimmer zu meinem schwarzen Ungetüm, zurück zur Gänsemagd, dem kleinen Muck und einer absoluten Unkenntnis von Angst, Terror und Gewalt.

 

P.S.: Gestern habe ich bei meinen Eltern auf dem Speicher einige persönliche Dinge aussortiert und vieles entsorgt. Dabei fand ich noch ganze drei Kartons voller Briefe und kleinen Zettelchen, die man sich früher während der Schulstunde geschrieben und von einer Ecke des Klassenzimmers in die andere weitergereicht hat (das funktionierte!). Einige andere Schätze traten dabei noch ans Tageslicht. Kurzum, ich könnte mir vorstellen, dass hier bald noch mehr über nostalgische Gefühle und Madames Jugend zu lesen sein wird!

Plage noire

Das Meer macht alle Dinge so gleich. So weich. So herrlich schön.
Am schwarzen Strand.

Ein Ort, der um diese Zeit noch ruhig ist. Fast still. Nur Meeresrauschen. Und auch das ist sanft, als ob die Bucht und ihre Felsen jedes Geräusch abfangen, schlucken, dämpfen. Ein Friedhof für alles, was einmal lebte. Glatt geschliffen, sanft und schön. Der schwarze Sand ist durchsetzt mit den fein gemahlenen Überresten einstiger Meeresbewohner. Ein Mosaik früheren Lebens, ein schwarzbuntes Bild aus Lavastein und Vergänglichkeit.

Ich könnte stundenlang hier sitzen, den Blick fern auf die schroffen Felsen, umringt von hohen, wellenförmigen Gesteinsablagerungen. Eine drohende Festung, ein sicherer Ort. Sonnenwarm.

Ich senke den Blick. Die Füße im Wasser, der verwunschene Sand rieselt durch meine Hände. Schwarzbunt und voller Kostbarkeiten. Schön. So herrlich schön. Hier, am schwarzen Strand.

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P.S.: Ich habe den Text ein wenig editiert. Im Anbetracht kürzlicher Geschehnisse kam es mir im Nachhinein sehr unangebracht vor, das Thema Tod zu idealisieren. So war es auch nicht gemeint.

„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

Schulmedizin

Ich habe es ja verstanden. Zu viel Meckern macht krank. Oder umgekehrt. Nur, beides bringt so gut wie nichts, außer maximal einer Auszeit, und da ist es fraglich, wie erstrebenswert sie wirklich ist. Ich habe mich über mich selbst gewundert, als ich da so saß, wieder einmal wochenends, wieder einmal Klinikum. Ich wusste, was auf mich zu kommen würde. Und trotzdem war ich – ruhig, ja. Was hätte ich auch machen sollen, in solchen Momenten nützt weder hadern noch meckern, man muss sich auf Gedeih und Verderb fremden Menschen ausliefern, denen man aufgrund der Profession und dem weißen Kittel eben Vertrauen entgegenzubringen hat. Madame und ihre allererste OP. Ich schicke gleich vorweg, es war nichts Wildes, nichts Lebensbedrohliches, maximal war es akut und etwas unangenehm. Gut, dass es gleich am selben Tag erledigt werden konnte, eine längere Wartezeit hätte mir wahrscheinlich doch die mir nur zu gut bekannte Panik beschert. So durfte ich direkt bleiben, hatte sogar ein Zimmer für mich und diese nette kleine blaue Beruhigungspille, die alles andere als matschig im Kopf macht, wie ich eigentlich dachte.

Die Narkoseärztin hatte hübsche grüne Augen, das Schmerzmittel ließ mir orangefarbene Streifen quer über den Rücken laufen und das Narkosemittel war hammergut. Aufgewacht bin ich wenig später zwischen den Zweigen eines Apfelbaums mit schönen runden Pink-Lady-Äpfeln. Ich habe keine Ahnung, wie ich ausgesehen haben mag, als man mich wieder auf die Station rollte, aber ich dachte daran, wie toll ich es als Kind gefunden hatte, ein Bett mit Rollen zu besitzen, mit dem man, auf unzählige Kissen gebettet, in die Schule hätte fahren können. Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett lässt grüßen. Kurz nach einer OP so gut drauf zu sein kam mir selbst ein wenig pervers vor. Vor allem, wenn der Liebste am Bett sitzt und mit dem Kreislauf zu kämpfen hat, während ich fröhlich am Tropf hänge und von meinem Apfelbaumabenteuer erzähle. Aber keine Sorge, spätestens zurück in den einsamen vier Wänden, verlassen vom Pflegepersonal, da kehrt der Blues zurück.

Wie konnte es soweit kommen? „Pech“, ist die lapidare Aussage des Assistenzarztes, und dieses Mal ist es endlich eins dieser seltenen, durchaus ansehnlichen Exemplare. Aber ich weiß es besser, natürlich, unbelehrbar, wie ich bin. Immer dieses Verbiegen, das muss doch auf die Dauer schlecht für den Körper sein. „Für irgendwas muss es dennoch gut sein“, klingt es wohlbekannt aus der Plan-B-Schmiede. Vierzehn Tage Zwangsurlaub sind schon mal ganz in Ordnung, und halbliegenderweise kann ich sogar bloggen, und auch meine Katzen freut es ungemein, dass ich nicht den ganzen Tag wie sonst im Haus herumlaufe, ohne die Beine stillhalten zu können.

Und wie ich so entspannt versuche, den Tag herumzubringen, offenbart sich einmal wieder eine dieser kleinen, spitzen Ungeheuerlichkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs. Sofort ist mein Puls auf hundertachzig. Aber anstatt ihn wieder herunterzubringen, statt den sonst indizierten Achnichtsoschlimms und Daskannjamalvorkommens pocht die Enttäuschung einen Tick zu laut gegen die Herzwand und mäandert sich ungehindert durch den Körper ins Gehirn, wo der Entschluss so schnell heranreift wie kürzlich diese andere Sache, die operativ entfernt werden musste. Operativ entfernen. Genau das ist es. Es gibt Dinge, die sich einfach nicht mit Nachsicht und Geduld kurieren lassen. Versucht man es, kommen sie doch immer wieder, und mehr Nachsicht und Geduld sind gefordert, ein jedes Mal. Und dabei macht man sich lächerlich. Die immer mit ihrer Geduld! Mit der kann man echt machen, was man will. Ich fühle mich plötzlich wie eine kleine unverbesserliche Esoterikerin zwischen hunderten von Schulmedizinern, die sich nicht scheuen, ihr Skalpell kühl und berechnend einzusetzen, ihr Beruhigungsmittel und andere Gifte zu injizieren, wenn es gerade zupaß kommt. Und ich, mittendrin, jongliere noch immer mit Globuli und Kräutertee.

Nichts da, dieses Mal greife ich auch mal zur Knochensäge. Akribisch bereite ich den Eingriff vor, notiere mir die notwendigen Schnitte, lege Tupfer und sogar ein Pflaster bereit und greife zum Telefonhörer. Natürlich ist die Performance noch holprig und nicht so elegant, wie meine Notizen das vorsehen, aber das Wichtigste ist, dass der entscheidende Schnitt richtig platziert ist. Und das ist er. Mein Patient versteht sofort und versucht auch nicht, mich daran zu hindern, die Amputation zu Ende zu bringen. Immerhin liegt hier genug Eigenverschulden vor, auch eine Entschuldigung erweist sich als kontraindiziert.

Anstatt nun überglücklich zu sein, dass ich diese Operation erfolgreich durchgeführt habe, wandert nun der Phantomschmerz paukend und trompetend durch mich hindurch. War das richtig? Soll ich meine Glaubwürdigkeit riskieren und es doch schnell wieder annähen? War ich zu rigoros? Dann betrachte ich meine eigene Operationsnarbe und frage mich ernsthaft, ob ich das so oder so ähnlich noch einmal durchleben möchte. Nein, sicher nicht. Ich war auch nicht zu rigoros, ich war so freundlich und habe noch den Verband ordnungsgemäß angebracht, anstatt den Patienten verbluten zu lassen. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Leere. Bedauern. Aber damit muss ich jetzt leben. Es wird besser werden, je öfter ich es übe. Daran muss ich glauben, wenn ich zukünftig öfter andere dran glauben lasse.

Schnitte

Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.