„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

Wir sitzen am Wasser und trinken Fassbrause. Der Fluss zieht mit hoher Geschwindigkeit an uns vorüber, Hochwasser nach den starken Regenfällen, und kein Ende in Sicht. Ich denke daran, dass die 26 Jahre, die wir uns jetzt kennen, zum Teil genau so schnell vorübergezogen sind. 15 davon haben wir uns nicht mehr gesehen, aber ich spüre es kaum, selbst in diesem Moment nicht, in der kurzen Gesprächspause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir haben uns viel zu berichten, es füht sich an wie ein halbes und noch ein halbes Leben, das wir uns in den letzten drei Stunden zusammenerzählt haben.

Wir haben zusammen Abi gemacht. Danach ging jeder seiner Wege, ohne jemals groß zurück an die Abschlussklasse zu denken. Wir haben beide relativ wenig Kontakt zu unseren damaligen Mitschülern. Das hatten wir nämlich gemeinsam, wir gehörten nicht zu den coolen Kids auf dem Schulhof, sondern hielten uns lieber am Rand unseres Jahrgangs auf. Von Klassentreffen bekommen wir ab und an Wind, aber hingegangen sind wir beide nur selten, denn nur die damals coolen Kids bekommen regelmäßig Einladungen. Es schert uns nicht.

Ich war nicht gerade mit dem Plan aufgebrochen, meiner damaligen Klassenkameradin nach so langer Zeit mein ganzes Leben zu erzählen. Aber wie es so ist, man fängt an und dann gibt es diese seltsamen Parallelen, diese ständigen Déjà-Vus, und am Ende weiß man so unglaublich viel über eine Person, die man zwar schon so lange kennt, die aber im Laufe der Jahre verblasst ist. Die nach dem Abi einen so ganz anderen Weg und doch irgendwie den gleichen eingeschlagen hat. Wir sprechen über die Schulzeit, denkwürdige Lehrgestalten, aber auch über seelische Qualen, die man als Heranwachsender verspürt. Wir berichten von Dingen, die uns abgrundtief erscheinen, die wir wahrscheinlich noch niemand anderem anvertraut haben, während wir am Wasser sitzen und an unserer Fassbrause nippen.

Auf der Flucht. Von der Schule, in der wir uns oft unverstanden fühlten, in eine langjährige Beziehung, die uns zum Unverständnis noch das Gefühl des Unwertseins vermittelte, durch eine aufreibende Trennungsphase hin zur Neuordnung, zu einem anderen Leben. So oft schon gehört, so oft erlebt. So langsam kommt es mir vor, als sei das das Paradeschicksal unserer Generation. In einer Zeit des Wohlstands und Friedens fechten wir innere Kämpfe aus ohne Aussicht auf Erfolg und lassen uns emotional beuteln, immer wieder, immerhin ohne den Optimismus zu verlieren, dass am Ende alles gut werden wird.

Eine Geschichte bleibt mir noch länger im Gedächtnis. Sie erzählt von einem Wettlauf der besten Schüler ihrer Grundschule. „Ich war immer schon groß und gut im Sprint. Ich lag ganz vorne, zusammen mit einer Mitschülerin. Ich wusste, ich hätte sie schlagen können. Aber mein Gewissen war da anderer Meinung. Auf den letzten Metern noch habe ich mit mir gerungen. Und kurz vor der Ziellinie … da hab‘ ich sie einfach vorgelassen. Nachher, bei der Siegerehrung, hab‘ ich ihr noch überschwänglich zum Sieg gratuliert…“

Wie bezeichnend, denke ich. Egoismus-Verbot, in allen Lebenslagen. Das macht es natürlich möglich, sich leichtfertig ausnutzen zu lassen – bloß nicht egoistisch sein, auch wenn das Innere aufbegehrt, das größte Stück Kuchen fordert, den größten Erfolg ersehnt. Bloß nicht egoistisch sein. Wo hat es uns hingebracht? Ans Wasser, neben uns die Fassbrause, während wir den Sand durch unsere Hände rieseln lassen. Die vergangenen 26 Jahre, erodiertes Leben, staubgewordene Träume. Der Fluss zieht schnell vorüber, sein Strom bringt neue Jahre, neues Leben, neue Träume mit sich. Ich denke, wir werden noch einmal zugreifen.

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6 Gedanken zu “„… da hab‘ ich sie einfach vorgelassen.“

    • Oh, das hab ich als Kind leider nicht oft genug gesehen, um mich daran zu erinnern …. aber das nächste Treffen ist schon ausgemacht, ich werde es auf jeden Fall anregen! Lieben Dank für deine Gedanken :)

  1. Zugreifen, um dann doch wenigstens einmal im Leben zu gewinnen? Aber ist das Leben selbst nicht der eigentliche Gewinn? Oder doch nur die Gehaltserhöhung, die Pelzjacke?

    • Nein, zugreifen nicht im Sinne von gewinnen. Das Leben anpacken, meinte ich. Sandgewordene Träume bedeuten nicht, dass es nicht immer wieder neue Träume und Chancen geben kann.
      Pelzjacke und Gehaltserhöhung scheren uns ähnlich viel wie die Klassentreffen, by the way…

  2. Ja, wo hat es euch hingebracht? Ans Wasser, nebeneinander und zu diesem Gespräch, was so schön Wellenbewegungen entfacht. Es ist manchmal sehr wohltuend, zu bemerken, dass andere ähnliche Erfahrungen machen, wie man selber, oder? Man fühlt sich weniger ‚anders’…
    Ich verstehe dein Bild vom Zugreifen als eine Art neues Bewusstsein, anders als vielleicht früher mit einem anderen Selbst(wert)gefühl das Leben anders erkennen, wahrnehmen und für sich ’nutzen‘ zu können, so dass man sich runder fühlt und weniger von Meinungen, Ansprüchen, Erwartungen und Bedürfnissen anderer leiten zu lassen. Mehr man selbst zu sein, wahrnehmen und umsetzen, wie man (sich) fühlt und versteht. Authentischer?
    Wobei, oft kann man im akuten Moment ja nicht anders, als man gerade ist und tut, deshalb lassen sich all diese Lebenshasen ja auch als Wachstumsphasen sehen. Und somit geht es immer ein Stückchen weiter und es liegt noch vieles offen. So denke ich gerade.
    Danke für deinen Text. Gedankenanregend.
    LG aus dem Norden

  3. Liebe jetamele, genau dieses Gefühl wollte ich auch noch in den Text bringen, aber es hat dann nicht mehr so recht gepasst: man fühlt sich auf einmal weniger anders, weniger allein. Das, was man all die Teenagerjahre spüren wollte – vergebens. Und dann macht man Erfahrungen, die so ganz wenig glorreich sind, und genau dann stellt es sich ein, dieses Gefühl.
    Richtig, es geht dabei um das Zugreifen ohne Scheu, einhergehend mit dem zaghaften Kosten vom „gesunden Egoismus“. Alles andere hat man ja schon durch, die Aufopferung und das Wegschieben der eigenen Bedürfnisse für andere. Mehr Selbst, ja, das unterschreibe ich.
    Und natürlich die Akzeptanz des eigenen Ichs, dass man eben in bestimmten Situationen so reagiert. Eine Art Aussöhnung mit dem Selbst.
    Und immer dabei, der fließende Strom. Ich mag dieses Bild einfach. Es geht immer weiter. Und die Aussichten sind, wie stets, optimistisch.
    Vielen lieben Dank fürs Lesen und für deine Gedanken dazu!

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