Realitäts¦ver¦lust

Heimat, im physischen Sinne, ist ein überholtes Konzept. Das Herz sucht sich seinen Platz, ihm sind Distanzen und Umstände völlig egal. Mir wären Distanzen und Umstände gerne genau so egal, aber die Realität mit all ihren Einwohnern hat eine ganz andere, eine eigene Meinung. Aber, muss meine Realität zwingend die gleiche sein? Wenn Meinungen verschieden sein können, dann auch Realitäten. Eure Tatsachen gegen meine, euer Leben und meins. Und überhaupt, wer bestimmt, dass man sich auf eine Realität, diese eine Tatsache, dieses Leben festlegen muss? Ein überholtes Konzept, Heimat, wenn die Realitäten in ihr sich aneinander reiben. Eure Tatsachen, euer Leben. Aber ohne mich. Lust am Verlust.

Was, wenn die See die ganze Zeit das war, was ich unter Heimat verstand? Was, wenn meine Heimat gar keine war, weil sie mich immer wieder geschüttelt, gezogen und wieder verlassen hat? Was, wenn ich die ganze Zeit gar nicht nach ihr, sondern nach einer anderen Freiheit gesucht habe? Das erklärt, weshalb mir fester Boden unter den Füßen stets brüchiger, unsicherer schien als das Meer selbst, wenn nicht einmal eine Sandburg darauf lange hielt. Es ist Zeit für den Kurswechsel. Sandige Gestade, unbesetzter Leuchtturm, euch lasse ich im Rücken und setze die Segel, auf dass der Wind mich hinaustrage, so richtig weit fort. Denn er bläst stark, von Land. Ich habe es erst jetzt zu deuten verstanden. Die Sirenengesänge waren nur ein fernes Echo, die scharfen Klippen ließen sie abprallen und verschleierten ihre Herkunft.

Auf See schlägt man keine Wurzeln. Irgendwo da draußen ruft ein anderer Hafen. Neues Land zeichnet sich ab auf dem Herzradar. Dafür nehme ich Verlust in Kauf und schlage meinen persönlichen Gewinn daraus. Mein Leben, meine Realität.

Detox

– 2. Mai 2016 –

Abwarten. Und Tee trinken. Eine meiner liebsten Beschäftigungen – nicht. Warten war für mich schon immer ein Graus, einerseits. Andererseits habe ich viel Zeit verwartet, aufgeschoben und ausgehofft, auf dass sich unangenehme Dinge von selbst verflüchtigen. Meist hat das sogar wirklich funktioniert und tut es noch. Aber auf die schönen, die angenehmen Dinge zu warten, das fällt mir immer noch schwer.

Also Tee trinken. „Detox“ fiel mir ins Auge und gleich darauf in den Einkaufswagen. Eine Entgiftung, dachte ich bei mir, klingt wünschenswert. Von innen heraus, weg mit dem, was krank macht. Wovon ich mich auch äußerlich lösen sollte, wenn ich mir die Wartezeit auf ebenjene schönen und angenehmen Dinge nicht unnötig vergällen oder gar verlängern lassen will. Es klingt so einfach: Weg mit unliebsam gewordenen Aktivitäten! Weg mit Menschen, die mir nicht gut tun! Ausmisten auf der Freundesliste, Sperrmüll im Herzkästchen. Und so einfach wäre es, wäre da nicht diese angeborene Überfunktion an Pflichtgefühl und Gedankenspinnerei.

Es reicht also nicht, den Schnitt zu setzen. Die postoperative Wundversorgung nimmt den meisten Raum ein, die Achtsamkeit, dass sich das bloßgelegte Fleisch nicht entzünde. Höchste Sauberkeit, antibakteriell von außen, und inneres Ausfluten mittels Entgiftungstee. Klare Indikation, Umsetzung schwierig. Im Angebot ist nämlich eine Menge meist subkutan verabreichter Medikation, oft gegen meinen Willen. Ich finde, dass jeder selbst bestimmen sollte, was ihm unter die Haut geht. Was schwierig ist, wenn an jeder Ecke die Spritzen aufgezogen werden und nur darauf gewartet wird, bis ich hineinlaufe. Bei der Wahl meiner Mittel muss ich  sorgfältiger vorgehen und nicht alles schlucken, was mir an Möglichkeiten dargeboten wird.

Lange, viel zu lange habe ich all jenen vertraut, denen ich eine Behandlungskompetenz zugesprochen habe. Ich dachte, vertrauen ist das einzige, was ich kann. Ich dachte, Vertrauen ist eine gegenseitige Einrichtung. Ist es nicht.  Nicht überall. Ich habe viel zu lange auf die falschen Konten eingezahlt, meine Ersparnisse sind weg, einfach verraucht, ohne dass ich selbst etwas davon hatte. Das soll mir eine Lehre sein.