Schulmedizin

Ich habe es ja verstanden. Zu viel Meckern macht krank. Oder umgekehrt. Nur, beides bringt so gut wie nichts, außer maximal einer Auszeit, und da ist es fraglich, wie erstrebenswert sie wirklich ist. Ich habe mich über mich selbst gewundert, als ich da so saß, wieder einmal wochenends, wieder einmal Klinikum. Ich wusste, was auf mich zu kommen würde. Und trotzdem war ich – ruhig, ja. Was hätte ich auch machen sollen, in solchen Momenten nützt weder hadern noch meckern, man muss sich auf Gedeih und Verderb fremden Menschen ausliefern, denen man aufgrund der Profession und dem weißen Kittel eben Vertrauen entgegenzubringen hat. Madame und ihre allererste OP. Ich schicke gleich vorweg, es war nichts Wildes, nichts Lebensbedrohliches, maximal war es akut und etwas unangenehm. Gut, dass es gleich am selben Tag erledigt werden konnte, eine längere Wartezeit hätte mir wahrscheinlich doch die mir nur zu gut bekannte Panik beschert. So durfte ich direkt bleiben, hatte sogar ein Zimmer für mich und diese nette kleine blaue Beruhigungspille, die alles andere als matschig im Kopf macht, wie ich eigentlich dachte.

Die Narkoseärztin hatte hübsche grüne Augen, das Schmerzmittel ließ mir orangefarbene Streifen quer über den Rücken laufen und das Narkosemittel war hammergut. Aufgewacht bin ich wenig später zwischen den Zweigen eines Apfelbaums mit schönen runden Pink-Lady-Äpfeln. Ich habe keine Ahnung, wie ich ausgesehen haben mag, als man mich wieder auf die Station rollte, aber ich dachte daran, wie toll ich es als Kind gefunden hatte, ein Bett mit Rollen zu besitzen, mit dem man, auf unzählige Kissen gebettet, in die Schule hätte fahren können. Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett lässt grüßen. Kurz nach einer OP so gut drauf zu sein kam mir selbst ein wenig pervers vor. Vor allem, wenn der Liebste am Bett sitzt und mit dem Kreislauf zu kämpfen hat, während ich fröhlich am Tropf hänge und von meinem Apfelbaumabenteuer erzähle. Aber keine Sorge, spätestens zurück in den einsamen vier Wänden, verlassen vom Pflegepersonal, da kehrt der Blues zurück.

Wie konnte es soweit kommen? „Pech“, ist die lapidare Aussage des Assistenzarztes, und dieses Mal ist es endlich eins dieser seltenen, durchaus ansehnlichen Exemplare. Aber ich weiß es besser, natürlich, unbelehrbar, wie ich bin. Immer dieses Verbiegen, das muss doch auf die Dauer schlecht für den Körper sein. „Für irgendwas muss es dennoch gut sein“, klingt es wohlbekannt aus der Plan-B-Schmiede. Vierzehn Tage Zwangsurlaub sind schon mal ganz in Ordnung, und halbliegenderweise kann ich sogar bloggen, und auch meine Katzen freut es ungemein, dass ich nicht den ganzen Tag wie sonst im Haus herumlaufe, ohne die Beine stillhalten zu können.

Und wie ich so entspannt versuche, den Tag herumzubringen, offenbart sich einmal wieder eine dieser kleinen, spitzen Ungeheuerlichkeiten des zwischenmenschlichen Umgangs. Sofort ist mein Puls auf hundertachzig. Aber anstatt ihn wieder herunterzubringen, statt den sonst indizierten Achnichtsoschlimms und Daskannjamalvorkommens pocht die Enttäuschung einen Tick zu laut gegen die Herzwand und mäandert sich ungehindert durch den Körper ins Gehirn, wo der Entschluss so schnell heranreift wie kürzlich diese andere Sache, die operativ entfernt werden musste. Operativ entfernen. Genau das ist es. Es gibt Dinge, die sich einfach nicht mit Nachsicht und Geduld kurieren lassen. Versucht man es, kommen sie doch immer wieder, und mehr Nachsicht und Geduld sind gefordert, ein jedes Mal. Und dabei macht man sich lächerlich. Die immer mit ihrer Geduld! Mit der kann man echt machen, was man will. Ich fühle mich plötzlich wie eine kleine unverbesserliche Esoterikerin zwischen hunderten von Schulmedizinern, die sich nicht scheuen, ihr Skalpell kühl und berechnend einzusetzen, ihr Beruhigungsmittel und andere Gifte zu injizieren, wenn es gerade zupaß kommt. Und ich, mittendrin, jongliere noch immer mit Globuli und Kräutertee.

Nichts da, dieses Mal greife ich auch mal zur Knochensäge. Akribisch bereite ich den Eingriff vor, notiere mir die notwendigen Schnitte, lege Tupfer und sogar ein Pflaster bereit und greife zum Telefonhörer. Natürlich ist die Performance noch holprig und nicht so elegant, wie meine Notizen das vorsehen, aber das Wichtigste ist, dass der entscheidende Schnitt richtig platziert ist. Und das ist er. Mein Patient versteht sofort und versucht auch nicht, mich daran zu hindern, die Amputation zu Ende zu bringen. Immerhin liegt hier genug Eigenverschulden vor, auch eine Entschuldigung erweist sich als kontraindiziert.

Anstatt nun überglücklich zu sein, dass ich diese Operation erfolgreich durchgeführt habe, wandert nun der Phantomschmerz paukend und trompetend durch mich hindurch. War das richtig? Soll ich meine Glaubwürdigkeit riskieren und es doch schnell wieder annähen? War ich zu rigoros? Dann betrachte ich meine eigene Operationsnarbe und frage mich ernsthaft, ob ich das so oder so ähnlich noch einmal durchleben möchte. Nein, sicher nicht. Ich war auch nicht zu rigoros, ich war so freundlich und habe noch den Verband ordnungsgemäß angebracht, anstatt den Patienten verbluten zu lassen. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Leere. Bedauern. Aber damit muss ich jetzt leben. Es wird besser werden, je öfter ich es übe. Daran muss ich glauben, wenn ich zukünftig öfter andere dran glauben lasse.

Schnitte

Freitagsblues

+++wieder einmal an der Zeit+++Dritter Meckermonat in Folge+++

Dürfen, müssen, sollen wollen – wie oft Verbiegen macht letztlich kaputt? Macht Nichtverbiegen nicht auch kaputt?

Ich habe kein Maß dafür. Mir fehlt der Blick. So einfach ist das – und darum auch wieder nicht. Gerade nicht.

Lernt man wirklich dazu oder sind das Schleifenfahrten, die das Leben mit einem treibt? Immer wieder von Anfang, andere Situation, gleiches Problem.

Hat man manche Dinge einfach viel zu schnell wegsortiert und abgehakt, fallen sie einem irgendwann wieder in die Hände und man wundert sich, wie unfertig sie noch sind. Dabei ist der Unfertig-Stapel so hoch, man weiß gar nicht, wie und wo man das jetzt noch unterbringen soll.

Hinterher ist alles leicht. Ja, wegsortiert und abgehakt. War gar nicht so schlimm. Hauptsache aus dem Blick.

Ich frage mich, ob das auf die Dauer so funktioniert, wenn ich Punkt B bearbeite, wo ich Punkt A noch nicht abgeschlossen habe. Worauf sich wiederum Punkt C und D und so weiter aufbauen. Habe ich dann nicht ein Loch im Konstrukt? Mag vielleicht durchaus halten, aber es ist ja nicht nur Punkt A, sondern so viele mehr. Ein löchriges Konstrukt, mein Leben also. Wie viele andere. Nur Vermutung. Die Fassaden lassen selten einen tieferen Blick zu. Man hört manchmal „Ich bin gescheitert“, gefolgt von einem „Es geht jetzt aber weiter“. Besser, reifer, mehr gelernt. Sagt man so, passt in die Fassade. Seltener bis gar nicht hört man „Ich bin gerade dabei zu scheitern. Und ich habe keine Ahnung, wie ich da wieder rauskomme“. Obwohl uns allen das Gefühl gut bekannt ist. Nur, wer gibt das gerne zu? Hinterher, lieber dann, wenn alles vorbei ist, Gescheitertsein abgeschlossen, Ergebnis: Gescheitert, aber weise. Kann ja jedem mal passieren.

Das mit dem Neuanfang, irgendwie hat das doch nie so richtig funktioniert. Aber was habe ich auch erwartet? Sehr wahrscheinlich ist es aber auch so, dass ich mir selbst gegenüber viel zu kritisch bin. Ich habe durchaus etwas erreicht. Aber mir ist ja nie was recht, was ich mache. Ich könnte es doch auch anders machen, war so eine Idee. Und dann sitze ich bei Besprechungen und höre mich Dinge sagen, die so gar nicht danach klingen, wie das, was ich nächtens in Traumdialogen ausgefochten und erkämpft habe. Plötzlich ist die Birne leer und am Ende, wie auch immer das passiert ist, steht ein goldgelbes Ja im Raum, oder zumindest ein blasses Na gut. Weil nämlich genau die Argumente nicht fallen, die ich mir zusammengesponnen hatte. Oder weil die Hirnaktivität aussetzt, sobald weitere Personen die Bühne betreten.

Ich sollte mal eine Weile verreisen, rät mir eine kleine Stimme irgendwo zwischen Herz und Bauch. Diese dämliche Selbstfindung, so nervig wie mein Autoschlüssel, den ich ständig suche, weil ich in verlegt habe. Mit dem Schlüsselkästchen geht es neuerdings. Ob es ein Selbstfindungsaufbewahrungskästchen gibt? Und gleich noch eins für die Selbstachtung und die Lebensfreude. Dass ich sie nicht ständig wieder suchen muss. Mit Deckel am besten.

Risse

Nach dem Telefonat wiegt er sein Handy noch eine Weile in der Hand und blickt in die Ferne. Das Display hat Risse. Ein halbes Jahr alt war es, als er es aus Unachtsamkeit auf den Asphalt fallen ließ. Das passiert eben. Es funktioniert ja noch, und in ein paar Monaten holt er sich ein neues. Über das alte mit dem rissigen Display freut sich bestimmt noch jemand, wenn er es billig verscherbelt. Macht er immer so. Und wenn es keiner haben will, vertickt er es eben im Internet, da kann man immer noch was rausholen. Er hat seine Leute dafür.

Nach dem Gespräch steigt er in sein Auto und fährt nach Hause. Er blickt in die Ferne. Wieder einmal die Kurve gekriegt. Relativ früh hatten sich erste Risse gebildet, aus Unachtsamkeit. Das passiert eben. Aber nichts, was man mit Worten und Beteuerungen nicht wieder kitten könnte. Es funktioniert ja noch. Und so ist er eben. Er hat seine Leute, und die wissen das. Was sollten sie auch ohne ihn machen? Sie brauchen ihn, ganz klar. So ein bisschen Unachtsamkeit und die paar Risse!

Nach seiner Nachricht schaltet er das Handy aus. Er blickt in die Ferne. Endlich hat er sich Luft gemacht. Ob die anderen die Risse nicht bemerkt haben? Ob sie ihnen egal sind? Immer tiefer, immer breiter wurden sie, und niemand hat sich mehr darum gekümmert, wie sonst. Es funktioniert so nicht. Er dachte, er hätte seine Leute dafür. Wie unachtsam sie sind! Risse im eigenen Herz fühlen sich ganz plötzlich viel schlimmer an als anderswo. Der Kitt aus Worten und Beteuerungen bedeckte nur die Oberfläche. Was, wenn es dieses Mal irreparabel ist? Er braucht sie doch, ganz klar. Was sollte er denn ohne sie machen?

Federn und Klinge