Kleine Wünsche, große Wünsche

Wenn ich an früher denke, fällt mir mein kleines Wünschekistchen ein. Ich habe es vor über drei Jahren angelegt, das war in den ersten Tagen, als mein Blog hier laufen lernte. Es steht heute im Regal, und ab und zu sehe ich hinein und lese meine damaligen Wünsche, auf weißes Papier geschrieben mit meinem Füller und dunkelroter Rosentinte. Ich dachte, das macht sie zu etwas Besonderem. Und das waren sie, sind sie noch. Kleine, wirklich kleine Wünsche. Auf einem Zettel steht „Einmal Kaffee ans Bett gebracht bekommen.“ Es rührt mich, denn schon zu dem Zeitpunkt, als ich das aufschrieb, war mir klar, das sollte etwas Selbstverständliches sein. Den Partner bitten: „Bring mir Kaffee ans Bett“, natürlich gerne als Frage formuliert und den üblichen Höflichkeitsfloskeln und dem Augengeklimper und ein wenig kokettem Schauspiel, jetzt absolut nicht selbst aufstehen zu können aufgrund ungeheurer morgendlicher Erschöpfung … Es ist nie passiert, in diesem Früher. Ein weiterer Zettel: „Einfach mal grundlos in den Arm genommen werden.“ Ich spüre den Stich, den ich damals schon spürte, wenn ich wieder um jede kleine Berührung kämpfte und meist verlor. Um so größer und bedeutsamer auch der nächste Wunsch „Jeden Tag geküsst werden.“ Man bedenke, ich befand mich zu der Zeit in einer festen Beziehung, wie man das so schön nennt. Eine Beziehung ohne Küsse und Umarmungen? Ohne Kaffee?? Jetzt wisst ihr’s.

Diese Zettelchen, feines, weißes Papier, Rosentinte, die Ränder kunstvoll mit verschiedenen Zacken- und Bordürenschnitten veredelt – so wichtig waren sie mir, so viel Bedeutung maß ich ihnen bei. Es macht mich heute noch traurig, einerseits. Einige dieser Zettelchen, unter anderem die oben genannten und einige mehr, tragen nun ein schwungvolles Häkchen, und ein Name steht darunter. Erledigt. Erfüllt. Ich könnte fast jeden Tag ein Häkchen setzen, aber dann könnte man mittlerweile nichts mehr entziffern auf diesen Zettelchen, also muss ein großer Haken genügen um auszusagen: Ja, das habe ich erreicht, hat man mir ermöglicht, ist man bereit mir täglich zu schenken. Was für ein hübsches, sonniges Glück.

Ich habe noch ein paar weitere Wünsche hinzugefügt, Wünsche, die mir erfüllbar erscheinen, aber die man sich nicht so mir nichts, dir nichts ständig erfüllten könnte. Weil einige Arbeit dazu nötig ist. Am besten mache ich es wie bisher und lasse das Wünschekistchen eine Weile verschlossen, um später einmal wieder hineinzuschauen und im besten Fall ein paar schwungvolle Haken setzen zu dürfen. Und dann vielleicht zu denken: Unglaublich, dass ich das mal als Wunsch aufgeschrieben habe, obwohl es so selbstverständlich ist. Kleine Wünsche, große Wünsche. Weshalb eigentlich diese Klassifizierung? Ist nicht jeder Wunsch gleich groß und gleich wertvoll? Die Machbarkeit, die Situation entscheidet letztlich, ob ein Kaffee im Bett genau so leicht oder hart verdient sein will, wie eine Weltreise. Oder ein Neuanfang. Der Neuanfang, damals, war tatsächlich leichter zu erreichen als jene Tasse Kaffee, jene grundlose Umarmung oder jener so ersehnte Kuss.

Mein 200. veröffentlichter Beitrag auf diesem Blog seit Oktober 2012. Ein wenig Versöhnliches anlässlich dieser schönen Wegmarkierung.

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8 Gedanken zu “Kleine Wünsche, große Wünsche

  1. Ach Liebste! Ich nahm mir heute die notwendige Zeit, um Ihre letzten Beiträge nachzulesen. Meine Antwort wird eine sein, die Blautadelchen enthält und hoffnungsschenkende Silbenschwünge. Ich werde mich befingerflecken und Glückspünktchen mitsenden hinter jedem Satz, der auf Zuneigung endet. Also allen, auch den tadelichen…
    Vergißmeinichtblaue Grüße, immer die Ihre.

    • Liebe Käthe, Sie glauben nicht, wie gern ich Ihre Blautadel empfangen werde. Einer muss es ja machen, und da setzte ich, um ehrlich zu bleiben, ganz arg auf Sie. Alles, glauben Sie mir, alles bringt mich weiter, auch und gerade Tadel. Traut sich ja sonst keiner. Beste, zugetane Grüße, Ihre momentan gerade wieder ankergelassene Madame

  2. Nichts ist selbstverständlich und manches von dem wir denken es sei etwas Besonderes wird als völlig selbstverständlich angesehen – im Wert gesenkt. Erst der Mangel zeigt auf, dass es etwas ist, das sich lohnt gewünscht zu werden und dann auch geschätzt.
    Ich denke auch, es ist ganz gut, den Wünschen (Zettelchen) etwas Ruhezeit zu geben, um dann festzustellen, was sich getan hat. Mit besonderer Freude werdn dann sicher die Häkchen gesetzt.

    Beste Grüße,
    Silbia

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