glücklich un¦d¦zufrieden

Chronisch schlecht gelaunt bin ich seit Jahresbeginn. So lange Wochen schon, ich bin das überhaupt nicht mehr gewohnt. Wirklich, in mir schwirrte doch bisher ein stets leicht erhöhter Glückszuckerspiegel und spielte sein Spiel mit meiner Gesichtsmuskulatur – debiles Dauergrinsen, Botoxwirkung auf die Stirnfalten. Und kaum ist hier 2016, schwirrt gar nichts mehr, zumindest nicht im Blut, sondern nur noch im Kopf. Negative Gedanken den ganzen Tag, Schwarzfahren auf dem Kirmeskarussell, nämlich ohne vorher den Fahrschein beim Glücksaufsichtsbeauftragten zu lösen. Das gibt Kopfschmerzen. Mein Körper macht gerade mit mir, was er will. lässt sich hängen und fletscht nur bedrohlich die Zähne, wenn ich mir Dinge vornehme wie Laufen gehen, Frischluft tanken, gesunde Ernährung. Ein Teil von mir weiß diese Zeichen zu deuten, hat eine längere Schulungsphase durchlaufen, wie man mit derartigen Anwandlungen umgehen sollte. Das bisschen Restverstand bäumt sich denn immer mal wieder auf, und zum Glück habe ich damals auch gelernt, mein Mundwerkzeug nicht nur zum Kauen und Schlucken zu gebrauchen, sondern auch zum Kommunizieren. Mit zwei Menschen spreche ich öfter nun über meinen Zustand und ernte – positiv – keine Vorwürfe oder gutgemeinte Rat¦schläge, sondern Verständnis. Auch das war Teil meines vergangenen Seminars, sich beim Hängenlassen auch fallen lassen zu können. Am besten in die Arme solcher Menschen.

Natürlich ist der Ausblick auf meinem Elfenbeintürmchen ganz nett, wenn ich mich vor der Welt verkrieche und daheim vor mich hin lebe, auf Sparflamme, ein Teekännchen im Schlepptau, ein Wärmfläschchen und zwei lebendige Katzenfelle. Bücher, oh ja, ich habe endlich Zeit für meine geliebten und lange vernachlässigten Kinderlein und für neue, irre spannende Zeitvertreibe: Aufgetrennte Kleidungsnähte per Hand zusammennähen, Kalkablagerungen mit Zahnbürste und Essigessenz wegschrubben, im Hobbyschrank die Stoffreste nach Farbe, Webart und Verwendungsmöglichkeit sortieren. Nein, das waren keine Metaphern, das sind Tatsachen, reale, traurige Tatsachen. Aber will ich das wirklich? Mich aus der lebendigen Welt zurückziehen und wieder nur Beobachter sein? Nein, will ich nicht. Nicht noch einmal.

Was will ich dann? Schwierige Frage, formulieren wir sie umgekehrt, wie sich das für wandelnde Widersprüche gehört: Was will ich nicht? Und da schimmert es doch schon durch den Wandvorhang – was mich nicht weiter wunders nimmt, ist es doch immer das gleiche, abgehangene und doch nie bis zum Reifegrad gekommene Thema: Ich will mich nicht mehr erdrücken lassen von Verantwortung, die sich nicht gegen mich selbst richtet, sondern einer fremden Sache zugute kommt. An der ich, und das ist der wunde Punkt, zwar doch ab und an meinen Spaß habe, aber die mir großteils viel Energie raubt. Und so ist es nicht nur mit dieser einen Sache, davon gibt es noch mehr. Energieräuber, Unzufriedenheitsgeneratoren. Gut, eins dieser Dinge ist mein täglich Brot, aber damit habe ich mich arrangiert und sehe nach wie vor die guten Seiten bei aller Schwarzmalerei. Aber zu meiner nicht einmal erforderlichen Verteidigung muss ich erwähnen, ich habe schon ein wenig an den Weichen gedreht (nicht: sie gestellt, das wäre zu viel gesagt), so dass eine Änderung dieser Situation zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Alles andere ist noch nicht zu Ende gedacht. Am besten, sagt mir so ein winziges Gefühl, wäre es doch, nicht immer eine Entschuldigung nach der anderen zu suchen, einen „Notausgang“ aus all diesen Dingen, der propagiert: “ Tja, tut mir leid, ich würde ja gern, aber die Umstände sind nun mal so und so, deswegen kann ich nicht mehr weitermachen.“ Um sich das letzte bisschen Selbstachtung zu bewahren, müsste es anders lauten: „Ich will nicht mehr. Das ist der einzige Grund, und es tut mir überhaupt gar nicht leid!“ Blöde, verantwortungsbewusste Erziehung. Immerhin, die Erkenntnis, wie es besser, richtiger laufen sollte.

Aber jede Erkenntnis muss erst einmal reifen, bis sie in die Tat umgesetzt wird. Das habe ich natürlich auch gelernt. Geduld ist also erforderlich und das berühmte Quäntchen Glück, ein wenig Zufall, ein wenig Schicksal wohl. Und so lange heißt es weitermachen, einen Tag nach dem anderen meistern, um Himmels Willen nicht aufgeben. Ein bisschen sich zwingen, zumindest nach außen normal zu wirken – es gibt Dinge, die will man der Öffentlichkeit nicht auf die Nase binden, selbst wenn es einen potenziellen Notausgang darstellen könnte. Nun ja, die meisten merken es ohnehin nicht. Zwischen all dem Gewimmel in meinem Kopf taucht seit kurzem immer mal wieder ein Begriff auf wie eine kleine Leuchtboje zwischen den hohen Wellen, der sich noch seltsam auf der Zunge anfühlt. Ja, ich habe ihn probeweise schon das eine oder andere Mal ausgesprochen, in die Stille hinein, einem Lieblingsmenschen ins Ohr, aber auch diesen Begriff lasse ich lieber noch ein wenig reifen, bis ich es nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen spüre. Wie ein Bonbon, das man hin und her wälzt. Am Ende wird alles rund, am Ende ist noch jeder Drops gelutscht. Neuer Zucker für die Blutbahn.

 

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17 Gedanken zu “glücklich un¦d¦zufrieden

  1. Schwer greifbar manchmal, oder?
    Meine Erfahrung inzwischen ist: Zeit geben, es ist in Ordnung, dass es dauert, jeden Tag verändert sich etwas, ein Gefühl zu einer Vorstellung, zu einem Zustand, zu einer Situation, das Gedankenkarussell dreht sich, scheinbar sinnlos und dann doch nicht so sinnlos, der Körper in seiner Reaktion auf unsere Gedanken. Es kommt Kraft dazu und innerer (oder manchmal auch äußerer) Abstand zu manchem und es tauchen neue Gedanken auf und neue oder andere Gefühle und irgendwann ist es soweit: dann kann der nächste Schritt gegangen werden.
    Vielleicht bald, vielleicht dauert es auch noch. Der Wille zum Verändern, der ist der Same. Es braucht allerdings echt Geduld, die Zeit auszuhalten, bis sich endlich mal ein Keim zeigt, der so stabil ist, dass man ihn vielleicht sogar umtopfen könnte ;)
    Vielleicht braucht es noch ein wenig. Aber es ist alles da.
    LG aus HH

    • Liebe Jetamele,
      vielen lieben Dank fürs Lesen und für deine Gedanken. Es tut gut zu hören, dass ich nicht allein bin mit diesen meinen Gedankenkarussellen und Gefühlsblockaden. Nicht, dass das schön ist.
      Du hast absolut recht, jeden Tag verändert sich etwas, und heute ist es schon wesentlich besser als gestern früh, als diese Zeilen auf den Bildschirm flossen. Schon das hat geholfen, einmal nachlesen, was sich da im Inneren die ganze Zeit aufschreibt und aufbaut und vielleicht auch wieder abflaut. Beziehungsweise: nur das hilft effizient, sich selbst lesen, noch eine Nacht drüber schlafen, ein paar Sätze entwirren und neu zusammenfügen.
      Geduld, ja … das ist so eine Sache. Am meisten braucht man davon, wenn man glaubt, sie ist schon längst aufgebraucht. Und noch einmal ja, es ist alles da. Das Handwerkszeug habe ich, die Erfahrung wächst mit jeden Schritt, der Same in meiner Hand freut sich auf den neuen Boden. Und ich freue mich darauf, im Laufe der Zeit erzählen zu dürfen, wie es weitergeht und keimt und vielleicht auch Früchte trägt …
      Liebe Grüße in den Norden,
      Mme C.

      • Nein, alleine bist du nicht damit. Ich kenne sowas auch. Besser als mir lieb ist ;)
        Ich staune immer wieder, wenn ich es schaffe, die Geduld nicht zu verlieren und mich beobachte und mir selbst im Innern (oder Äußeren) zu schaue, dann ist es überraschend oft so, dass sich Gefühle zu den Gedanken tagtäglich verändern, wiederholen, abflauen und wieder erstarken. Wann kommt dann wohl der Punkt, an dem es klarer wird und weniger schwankend?? Dafür braucht man, oder zumindest ich: Geduld. Und ja, stimmt, oftmals habe ich auch den Eindruck, die Geduldsbox ist aufgebraucht, aber dann geht es doch irgendwie noch. Ich wünschte mir allerdings durchaus auch manchmal im Stillen, dass der Faden der Geduld vielleicht mal reißen möge, vielleicht würde mich das MANCHMAL auch weiter bringen, aber wer weiß, möglicherweise kommt dann nur die nächste Kurve ;)
        Ich bin gespannt, immer wieder von dir zu lesen.
        Liebe Grüße aus dem sonnigkalten Norden!!

    • Hofft man nicht immer auf Großes? Sagen wir mal so, es liegen einige Dinge vor mir, nix Wildes, aber die Summe machts. Hinterher hoffe ich, daran wieder etwas größer geworden zu sein, etwas gelernt zu haben. Nun aber gehe ich erst mal kleine Schritte (allein die Entscheidung, die kleinen vor den großen Schritten zu machen, das ist eigentlich nichts für Madame). Erst einmal geht die Gesundheit vor (ich war länger mit einem Virus beschäftigt, fieses kleines Ding, das schlägt ein wenig aufs Gemüt).

    • Dankeschön! Na, die kleine Boje behalte ich mal fest im Blick, sie sieht von Tag zu Tag besser aus. Vielleicht erreiche ich sie eines Tages. Vielleicht ist sie größer, als sie bisher scheint. Dir auch alles Liebe!

  2. So eine Boje ist bestimmt fein und ein Bonbon würde mir auch schmecken, ist nur keines in Sicht. Feine Symbole daran denke ich jetzt noch länger.

    Beste Grüße aus der Silbenkemente,
    Silbia

    • Liebe Silbia, vielen Dank fürs Lesen und für deine Gedanken dazu. Es freut mich, wenn meine Symbole auf Verständnis stoßen. Viele liebe Grüße zurück in deine feine Silbenkemenate – auch so ein schönes Bild! Wo die Silbersilben ruhen … Herzlich, Mme C.

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