Schwesterndialog

– Wie siehst du denn heute aus?
– Danke. Dir auch einen guten Morgen … Toller Empfang, Schwester. Gibt’s Kaffee?
– Wir kennen uns jetzt lange und gut genug, kannst du dir eigentlich vorstellen, was das für ein Schock frühmorgens am Esstisch verursacht, wenn du mit solchen Klamotten reinkommst?
– Ah, meine ästhetisch veranlagte große Schwester! Entschuldige vielmals, wenn ich deinen Geschmack mit meinem Anblick beleidigt habe … Ich bleibe trotzdem. Ist schließlich auch mein Frühstückstisch.
– Versteh mich richtig, ich will dir ja nicht vorschreiben, was du anziehen sollst, aber …
– Klingt ganz so, als würdest du es trotzdem tun …
– Ja, schau dich doch mal an!
– Und?
– Na …
– Hallo! Es geht aufs Wochenende zu! Endspurt! Da wird man sich doch wohl noch ein bisschen leger und bequem kleiden dürfen. Ich mach heute eh Homeoffice. Was geht dich das überhaupt an? Dann guck halt weg, wenns dich so stört, oder geh spazieren!
– Ach Kleines… es ist ja nix gegen bequem und leger einzuwenden. Aber ausgerechnet dieser Pulli!
– Was ist damit?
– Also, … der hat Löcher! Der hält doch nicht mal mehr auf deinen Schultern! Und er ist am Bund viel zu eng. Der schnürt ja schon ein!
– Komm mir jetzt bloß nicht mit Diättipps …
– Das mein‘ ich doch nicht. Der ist uralt! Und wann hast du den zuletzt gewaschen? Mal ehrlich, sowas zieht man nicht mal zum Schweinestallmisten an! Bei der Farbkombi kriegt jedes Schwein gleich einen epileptischen Anfall!
– Man kanns auch übertreiben …
– Der lag bestimmt in der hintersten Ecke deines Kleiderschranks. Warum hast du ihn nicht letztens entsorgt, als du aufgeräumt hast?
– Weiß auch nicht … dachte, der ist irgendwie .. der war mal warm und kuschelig …
– Klar. Mit nem Riesenloch auf der Brust. Und wenn ich mir die Fäden so ansehe … der ist kratzig wie Putzwolle. Was willst du dir damit eigentlich beweisen?
– Gehts noch? Dann lass mich doch einfach in Ruhe und geh woanders hin, wenn dir das so viel ausmacht!
– Du bist so ne dumme Nuss! Ich sitz dir tagtäglich gegenüber! Die meiste Zeit vom Tag jedenfalls. Sind wir schon mal irgendwo getrennt gewesen? Ich meine, für länger als ein paar wenige Stunden, wenn du mal wieder deinen Rebellenanfall hattest und ich hinterher alles wieder glattziehen musste? Wir können uns nicht den ganzen Tag aus dem Weg gehen! Außerdem geht es hier eigentlich nicht um mich.
– Ach, worum geht es dann?
– Ich mach mir Sorgen, weil du dich in so ein ekelhaftes altes Kleidungsstück zwängst. Karneval hin oder her, das ist echt krank. Ich dachte wirklich, das ist vorbei.
– Sicher, dass du nicht übertreibst? Es ist ein Pullover.
– Es war mal ein Pullover, jetzt ist es ein Fetzen Stoff, mit dem ich nicht mal … Das Muster, Mensch! Ich krieg gleich nen Anfall!
– Oooh Mann, ist ja gut! Ich zieh mich um! Nach meinem Kaffee.
– Gottseidank …

Schweigen.
– Sch*! Du hast ja recht! Er ist wirklich zu klein. Und kratzt. Und … stinkt.
– Das auch, ja. Nach Verwesung …
– Okay! Ich schmeiß ihn weg. Diesmal wirklich.
– Okay.
– Danke, Contenance.
– Nix zu danken, Contrairchen. Nix zu danken … Dieses uralte, hässliche Beziehungsmuster … was hat dich da heute morgen nur geritten? Liebes, das ist ja so 2012 …

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6 Gedanken zu “Schwesterndialog

        • Innere Schwestern sind einfach großartig. Aber sie machen eine gefühlt einfach Entscheidung oftmals schwer – Sie wissen ja, je mehr Meinungen, desto mehr Verwirrung. Deshalb ist es mir am liebsten, die beiden, Contraire und Contenance, im Gleichgewicht zu wissen. Nicht immer leicht, wie Sie sich sicher denken können, liebe Mme Ruth …. Herzlichen Gruß, Mme C.

  1. „Liebes, das ist ja so 2012 …“, täte ich diese Schwester nicht ohnehin schon äußerst mögen, müßte ich sie für diesen Satz herzkrachknutschen! Obwohl, Mooooment, ich glaube, sie war es auch, die so gelassen Gingkoblätter berittenen Boten anvertraute…
    Ich annonciere Scheißherzchenkonfettiregen, meine Liebe!
    In voller Zugeneigtheit, Ihre Käthe, murmeligkringelig.

    • Herzkrachknutschige Grüße zurück, liebe Käthe! So ist es denn gewiss, dass der berittene Ginkgoblätterbote bei Ihnen angekommen ist! Sie glauben kaum, wie süß das Warten, Hoffen, Bangen war. So gar nicht elektronischpostiglesebestätigend. Ich erlaube mir in Ihren Murmelkringelreigen mit einzustimmen!
      Ebenso zugetan, Ihre schwesterntippbefolgende Fernnahe

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