Ameisengedanken

Derzeit fehlen mir die Worte angesichts all der Geschehnisse in der Welt, all der Eindrücke in den letzten Tagen, auch bei mir im persönlichen Umfeld. Ich bin sehr dünnhäutig, nehme mir vieles zu Herzen – ich sehe das jedoch immer noch positiv, Mitgefühl kann nicht falsch sein. Nie.

Ich habe daher einen Entwurf ausgegraben vom März dieses Jahres. Und auch wenn die Ursache eine andere war: das Gefühl der Ohnmacht ist heute ähnlich wie vor acht Monaten.

Ameisen im Kopf. Es krabbelt überall, schwarze Ameisenströme rinnen durch jede Hirnwindung, rennen an der inneren Schädeldecke entlang. Schwarze Ströme fühle ich fließen aus Mund und Nase, Auge und Ohr. Ich bin angefüllt mit Ameisen.

Taten und Nichttaten, Futur, Perfekt, Imperfekt, das sind Gedankenameisen. Breite, tiefe Ströme mäandern durch meinen ganze Körper, graben sich ein Bett aus Zweifeln und tragen Substanz dabei ab, lassen mich innerlich zerbröckeln. Ist meine Selbstliebe so groß, dass ich daran zerbreche, wenn ich mich zeitweise selbst hasse? Eine seltsame Beziehung, die ich mit mir führe.

Es muss wohl so sein: ich habe noch immer nicht genug Vertrauen. Ich traue mir selbst nicht über den Weg. Hinterfrage alle Entscheidungen, und wenn sie sich noch so gut anfühlen. Halse mir immer mehr auf und habe schon wieder verlernt, den nötigen Abstand zu wahren. Alle Emotionen von außen dringen durch die dünne Membran meiner Haut, ich fühle mich so nackt und schutzlos ihnen gegenüber. Ich konnte das mal. Im Ansatz zumindest. Abschotten. Glaube ich. Und jetzt verstärken sie sich, sobald sie durchgedrungen sind, die fremden Emotionen, mein Kopf potenziert sie und lässt stetig neue Ameisenströme entstehen, wieder brauchen sie mehr Nahrung, wieder fallen sie über die Teile meines Inneren her. Der Strom frisst sich unaufhaltsam durch mich hindurch. Ich stelle mir vor, irgendwann nur noch eine dünne Hülle zu sein, ein Gerüst aus Ameisengedanken und schwarzen mäandernden Strömen, die mir Gestalt geben.

Was hilft gegen diese Ameisenplage? Ich habe die Antwort gefunden: Ein rotes Insektizid, direkt ins Herz injiziert. Mit jedem Schlag verteilt es sich dünnflüssig, vaporisierend in jeder Zelle meines Körpers. Es drängt die Ameisenströme zurück, sie fließen in völliger Panik aus mir heraus, verlassen mich auf einen Schlag. Ein Wahnsinnsmittel, wo kriegt man das her? Es ist –

Ein Lichtblick. Und ein Erklärungsversuch. Ich lasse meine Gedanken ungefiltert in dein Ohr strömen. Jeden Tag. Jede Nacht. Begleitet von Gackern und Scherzen, Tränenströmen und immer mit der Auflage an mich selbst: Alles muss raus, beschönige nichts, rede dich frei. Da klappt das. Da spüre ich Verständnis. Und manchmal ist eine Umarmung tausendmal mehr wert und heilend als alle Worte dieser Welt.

„Wollen wir nachher eine Runde Joggen gehen?“ Mir scheint als könne ich all deine Liebe, deine Besorgnis und dein Verständnis aus diesen paar Worten lesen. Ich brauche Licht und Luft und einen freien Kopf. Warum kannst du mir das geben, was ich mir verweigere? Warum frage ich überhaupt, ich sollte annehmen, einfach annehmen. „Ja“.

Ich stelle mir vor, wie du mir ebenjenes rotes Insektizid direkt ins Herz injizierst mit jeder Berührung und jedem Wort. Es schlägt, endlich, und mit jedem Schlag verteilt sich dünnflüssig, vaporisiert das rote Gift im ganzen Körper. Gift also. Liebe ist Gift. Für so manches und so manchen. Lieben und heilen, lieben und töten, lieben und einen, lieben und entzweien. Lieben und verzeihen? Wenn ich das nur könnte. Verzeihen. Vor allem mir selbst.

März 2015

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6 Gedanken zu “Ameisengedanken

  1. Die Zweifel kann dir niemand nehmen. Zweifel ist der Anfang des Verstehens. Aber du solltest lernen dir selbst zu vergeben, dich selbst so anzunehmen, wie du bist. „Wie?“, wirst du vielleicht fragen. Nun, das ist nicht wirklich schwer. Wenn dich wieder Zweifel plagen stellst du dir eine Person vor, für die du große Sympathie verspürst. Einmal von diesem warmen Gefühl durchströmt, visualisierst du deine (scheinbar) negativen Eigenschaften, oder schlechten Taten. Das können auch Nachlässigkeiten sein. Du wirst spüren, wie nun ein Gefühl von Selbstverachtung in dir aufsteigt. Aber du lässt nicht zu, dass es dich beherrscht sondern richtest den Fokus wieder auf die liebevolle Zuneigung.

    Die Kunst liegt nun darin sich selbst aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Wie ein Kind, das zwar vieles falsch macht, aber gerade deshalb deiner Unterstützung bedarf. Du führst dir vor Augen, wie sinnlos es ist, über eine konstruktive Reue hinaus in Schuldgefühlen über längst vergangene Dinge zu verharren. Vielleicht hast du andere Personen verletzt in deinem Leben. Du stellst dir diese Personen vor und bittest sie innerlich um Vergebung. Du denkst / siehst, wie sie die Entschuldigung freudig akzeptieren und spürst wie Harmonie entsteht. Dieses Gefühl der Milde und Vergebung richtest du nun auf dich und vergibst dir ebenfalls.

    • Liebe Mayumi, vielen Dank für deinen Rat! Ich glaube, ich habe in der vergangenen Zeit sehr viel gelernt, manchmal, wie es mir scheint, fast über Nacht. Ich fühle mich seither so viel wohler in meiner Haut und habe richtig Spaß an dem, was ich Leben nenne, das mir früher oft mehr Angst als Freude gemacht hat. Als ob sich ein Krampf gelöst hätte. Das musste zum Teil aus mir selbst erwachsen, zum Teil aber hilft es mir, mich geliebt zu fühlen, und zwar mit allen Konsequenzen und allem, was mich ausmacht: bedingungslos nennt man es wahrscheinlich. Und das ermöglicht mir das gleiche. Ich habe erfahren, dass ich ebenso dazu in der Lage bin, also wieso sollten andere es nicht auch können? Das fördert Vertrauen und rückt mich aus meiner vormals eingeschränkten inneren Sicht hinaus und gibt mir die Möglichkeit, mich und vieles andere mit anderen Augen bzw. aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Eine tolle Sache! Und toll ist auch, dass ich das alles hier zu „Papier“ bringen kann. Insofern finde ich solche älteren Entwürfe genau so heilsam wie „frische“ Gedanken.
      Liebe Grüße ins Elfenheim!

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