Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

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13 Gedanken zu “Christine

    • Wie das Gefühl, das ich beim Schreiben hatte. Es macht die Situation nicht besser, nachdem es zu Papier gebracht ist, aber wenigstens konnte ich meine Emotionen bündeln und mitteilen.
      Liebe Grüße, Mme C.

  1. Geht ziemlich nahe… Eine so schwere Situation… und weißt du was ich auch so schwer für die betroffene Person finde? Die müssen und sind meist immer sehr zusammen gerissen… sie müssen ständig die Traurigkeit in aller anderen Augen ansehen. Sie müssen so häufig alle anderen aufbauen. Beschwichtigen. Den anderen die Trauer versuchen zu nehmen. Stark sein. Bis der eine Moment kommt.. der kleine Moment, wenn der Person auf einmal vor Augen kommt, … es ist unabänderlich…

    • Ja, liebe Mia. Es ist unabänderlich, und das weiß man auch. Aber erst, wenn „es“ dann wirklich so weit ist – wenn der Krankenwagen vor der Tür steht, oder wenn der Anruf kommt – dann kommt es einem so vor, als sei man überhaupt nicht so weit und darauf vorbereitet.
      Liebe Grüße in den Norden!

      • So ist es wohl… die Theorie und Praxis. Gerade dort, unterscheiden sich immens… Als damals meiner besten Freundin just in dem Moment als ich bei ihr war, plötzlich bewusst wurde, das sie sterben wird.. Gott, das war wirklich furchtbar.
        Aber nun denn, das beste wünsch ich euch
        … ich schick dir herzliche Grüße zurück !

        • Danke meine Liebe! Ich gebe die guten Wünsche in Gedanken weiter. Ich kenne die Familie nicht persönlich, nur aus Erzählungen, und selbst das geht mir gefährlich nahe. Deshalb bin ich froh, dass ich hier sein darf um mich mitzuteilen. Bis bald!

    • Hallo liebes Kameramädchen, vielen Dank für deine Worte und fürs Lesen – auch noch einen Monat nach deinem Kommentar! Ich kann mich selbst auch nicht entscheiden, beim Schreiben fühlte ich tiefe Betroffenheit. Wie es Christine wirklich ergangen ist, kann niemand sagen. Ich habe mir aber gewünscht, dass es vielleicht ähnlich gewesen sein könnte … Herzliche Grüße, Mme C.

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