So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.

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11 Gedanken zu “So blau, so satt, so leer

  1. Oh meine Liebe.. ich kenne das so gut. Da bist du nicht alleine mit. Ich mag meinen kleinen Laden so viel lieber.. und ich mag so wenig diese vermeintlich viel zu neugierigen Blicke auf meinen Einkauf. Das Einmischen. Gott, das Kommentieren. …
    Liebe Grüße zu dir

    • Lieben Dank, Mia! Ich ertappe mich selbst ganz oft, dass ich mir denke: wie sieht wohl mein Einkauf aus? Mal offensichtlicher Singlehaushalt mit einem Päckchen Spaghetti und einer TK-Pizza, mal Familieneinkauf.Die Gedanken sind frei. Aber das Kommentieren finde ich wirklich unhöflich. Fand es letztens schon grenzwertig, als mich die Kassiererin (im selben Laden) ausgefragt hat, wie ich den erstandenen Kürbis zubereiten wolle, sie mache das ja immer so und so. Ist vielleicht eine Firmenphilosophie, quatsch den Kunden an und vermittle ihm echtes Interesse an seinem jämmerlichen Einkaufskorb. Das nächste Mal klage ich zurück: „SIE verführen mich doch, außersaisonale Blaubeeren zu kaufen! SIE sind schuld am Verfall der Menschheit! Ziehn’s mir bitte noch das Cockpitspray ab, ja?“
      Liebe Grüße in den Norden!

      • Verstehe es voll und ganz. Am Besten noch an einem Tag, der voll Gedanken fern und dunkel ist.. Dann kannste nur noch drüber lagen und der das – verzeih – lose Maul stopfen :D
        Wobei.. letztens auf dem Wochenmarkt, da kaufte ich – das erste Mal- Rouladen. Da fragte mich die Gute ob ich Speck hätte für die Füllung. Das war ein guter Tag, die Frau sehr sympathisch und er hätte sonst tatsächlich gefehlt. Da ward ich dankbar..
        Was den eigenen Einkauf angeht.. und die Gedanken der anderen. Samstags morgens, da ertappte ich mich beim Kauf des Alibibrötchens.. schrieb da auch schon mal drüber hier irgendwo. Wenn al die strahlenden Familienväter ihre Körnertüten, plus fünf Runde extra kaufen und ich „Ein Mohn bitte“. Ne… das wollt ich da mal nicht und kaufte gleich zwei dazu.. ;)

        • Ich bin natürlich auch dankbar für solche Hinweise und Ideen. Auf dem Markt kann ich es mir tatsächlich vorstellen, aber in diesen Konsumtempeln, wo jeder doch nur mit sich selbst beschäftigt ist und möglichst ungestört und unpersönlich gehalten werden will? Vielleicht muss ich mich auch mehr öffnen, natürlich denke ich mir auch oft, so an der Kasse ist es ja nicht gerade spannend, wenn alles nach Plan über den Scanner biept. Was die Brötchengeschichte betrifft, denke ich, dass letztendlich alle immer nur mit sich selbst beschäftigt sind. Ich zum Beispiel frage mich, ob man mir sonntags morgens anmerkt, dass ich allein/nicht allein frühstücke, rein aufgrund der sitzenden oder nicht sitzenden Frisur. Es ist unerheblich. Es interessiert niemanden. Außer vielleicht die Nachbarin. Vielleicht erzähle ich der Kassiererin das nächste Mal wortreich von meinen Kochvorhaben und von meinem Neffen, ich würde sogar eine Alibipackung Kondome kaufen und rüberzwinkern „Tja, schon wieder leer…“ – irgendwie glaube ich, das wäre spaßig :)
          Danke für diese sonnigen Gedanken!

  2. Ich ziehe den Hut vor Deiner Selbstreflexion, wo ich mich in Teilen wiederfinde. Man tut mitunter, was man in Frage stellt… Und wahrscheinlich ließe sich der Text noch um all den Supermarktüberfluss ergänzen, der tagtäglich – noch essbar – in den Müll geworfen wird.

    • Lieber Tristan, auch das ist ein Thema, das dazu führt, dass ich mich oft unwohl in meiner Haut fühle. Es macht die Situation allerdings nicht besser, dass ich mich unwohl fühle im Einkaufsmarkt. Dieses Gefühl ist mitnichten eine Absolution, aber immerhin bin ich dankbar, dass ich so empfinde und dass noch mehr Menschen ähnlich denken. Bewusstsein. Und Verbesserungspotenzial, wenigstens für das eigene Gewissen. Lieben Dank fürs Lesen und Kommentieren!
      Herzliche Grüße, Mme C.

  3. Wie schrecklich. Ich weiß garnicht, wann ich das letzte Mal in so einem Konsumtempel war. Ich gehe ja nicht mal mehr in Supermärkte, weil mich da die kalte Wut packt wegen meiner Konsumterrorallergie. Hier in Provinzanien gibt es drei Markttage pro Woche und noch ausreichend Einzelhändler. Der Marktkaufkoloss vor den Toren der Stadt, ich habe ihn ewig nicht betreten. Ein kleiner Innenstadtedeka und eine Drogerie erleichtern das gediegene Einkaufen zusätzlich. Aber ich bin ja soundso bekennender Einkaufsmuffel…

    Trotzdem Danke für diesen Einblick, ich weiß nun, was ich nienienie erleben will, bjäch.
    Herzgrüße in den Samstag, Ihre Blumenfrau von nebenan.

    • Liebe Käthe, da bewundere ich Ihre Konsequenz! Supermärkte gibt es hier in Madames Ort auch, die sind zum Glück nicht so groß, aber der noch vorhandene Bäcker und der Metzger spüren es auch, das veränderte Konsumverhalten.
      Herzliche Grüße nach Provinzianien und in den verwunschenen kleinen Blumenladen! Ihre wie stets zugeneigte Mme C.

      • Die Konsequenz ergab sich nach und nach und wird durch Landleben erleichtert. Wie lange noch und ob der Konsumterrortrend nicht auch hier bald die Überhand gewinnt, ist fraglich. Zum Jahresende schließen die kleine, feine Strumpfboutique, eine der zwo letzten inhabergeführten Buchhandlungen und ein Antikladen. Zum Heulen ist das.
        Und dabei steht das provinzianische Kurörtchen noch gut aufgestellt da, so im Vergleich zu Nachbarstädtchen.

        Ich grüße Sie nicht minder zugeneigt aus dem flickerflackerlichtigem Floratelier, Ihre Frau Käthe, herzlichtleuchtend.

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