Doch noch

Noch einmal zurück zu dir:

Die vergangenen Tage brachten unerwartet Licht, wenn auch zweifelhaftes, in ein Dunkel, das abgeschlossen und undurchdringlich geglaubt war. Ich kam zu einigen Gedanken, die meinen Geist in eine sehr ähnliche Situation katapultierten, in der du dich befunden hattest. Eine Situation, die deinen Entschluss reifen ließ. Nicht reifen – die alles bereits enschied, sobald sie eintraf. Ich hatte mich demgegenüber immer verschlossen, aber nun, gestern und vorgestern, fühlte ich am eigenen Leibe sozusagen, wenn auch nur in Gedanken, was du durchgemacht haben musst. Wir waren und sind immer ein wenig zu egoistisch, wenn wir urteilen. Ich habe es damals nicht erfasst. Ich würde auch heute nicht so handeln wie du, weil ich den Schmerz der anderen Seite kenne. Aber die Gedanken überkamen mich dennoch, genau so wie sie dich eingeholt haben müssen, an jenem Tag, in all den darauffolgenden Nächten. Und das macht mir Angst. Es ist so schrecklich, und so schrecklich schön zugleich. Ich glaube, die Liebe fordert mehr von uns als alles andere. Ich glaube, höchste Liebe und tiefste Trauer, das fühlt sich im Herzen beides gleich an: nicht auszuhalten. Ich möchte beides dennoch nicht mehr missen, dankbar dafür, überhaupt jemals diese Erfahrung machen zu dürfen. Das ist es, was uns eint. Ich habe dir schon verziehen, doch jetzt verstehe ich. Wirklich, nicht nur gewollt. Kein „Ja, aber“ mehr. Nicht von mir. Das ist letztlich etwas Gutes, oder nicht?

Ameisengedanken

Derzeit fehlen mir die Worte angesichts all der Geschehnisse in der Welt, all der Eindrücke in den letzten Tagen, auch bei mir im persönlichen Umfeld. Ich bin sehr dünnhäutig, nehme mir vieles zu Herzen – ich sehe das jedoch immer noch positiv, Mitgefühl kann nicht falsch sein. Nie.

Ich habe daher einen Entwurf ausgegraben vom März dieses Jahres. Und auch wenn die Ursache eine andere war: das Gefühl der Ohnmacht ist heute ähnlich wie vor acht Monaten.

Ameisen im Kopf. Es krabbelt überall, schwarze Ameisenströme rinnen durch jede Hirnwindung, rennen an der inneren Schädeldecke entlang. Schwarze Ströme fühle ich fließen aus Mund und Nase, Auge und Ohr. Ich bin angefüllt mit Ameisen.

Taten und Nichttaten, Futur, Perfekt, Imperfekt, das sind Gedankenameisen. Breite, tiefe Ströme mäandern durch meinen ganze Körper, graben sich ein Bett aus Zweifeln und tragen Substanz dabei ab, lassen mich innerlich zerbröckeln. Ist meine Selbstliebe so groß, dass ich daran zerbreche, wenn ich mich zeitweise selbst hasse? Eine seltsame Beziehung, die ich mit mir führe.

Es muss wohl so sein: ich habe noch immer nicht genug Vertrauen. Ich traue mir selbst nicht über den Weg. Hinterfrage alle Entscheidungen, und wenn sie sich noch so gut anfühlen. Halse mir immer mehr auf und habe schon wieder verlernt, den nötigen Abstand zu wahren. Alle Emotionen von außen dringen durch die dünne Membran meiner Haut, ich fühle mich so nackt und schutzlos ihnen gegenüber. Ich konnte das mal. Im Ansatz zumindest. Abschotten. Glaube ich. Und jetzt verstärken sie sich, sobald sie durchgedrungen sind, die fremden Emotionen, mein Kopf potenziert sie und lässt stetig neue Ameisenströme entstehen, wieder brauchen sie mehr Nahrung, wieder fallen sie über die Teile meines Inneren her. Der Strom frisst sich unaufhaltsam durch mich hindurch. Ich stelle mir vor, irgendwann nur noch eine dünne Hülle zu sein, ein Gerüst aus Ameisengedanken und schwarzen mäandernden Strömen, die mir Gestalt geben.

Was hilft gegen diese Ameisenplage? Ich habe die Antwort gefunden: Ein rotes Insektizid, direkt ins Herz injiziert. Mit jedem Schlag verteilt es sich dünnflüssig, vaporisierend in jeder Zelle meines Körpers. Es drängt die Ameisenströme zurück, sie fließen in völliger Panik aus mir heraus, verlassen mich auf einen Schlag. Ein Wahnsinnsmittel, wo kriegt man das her? Es ist –

Ein Lichtblick. Und ein Erklärungsversuch. Ich lasse meine Gedanken ungefiltert in dein Ohr strömen. Jeden Tag. Jede Nacht. Begleitet von Gackern und Scherzen, Tränenströmen und immer mit der Auflage an mich selbst: Alles muss raus, beschönige nichts, rede dich frei. Da klappt das. Da spüre ich Verständnis. Und manchmal ist eine Umarmung tausendmal mehr wert und heilend als alle Worte dieser Welt.

„Wollen wir nachher eine Runde Joggen gehen?“ Mir scheint als könne ich all deine Liebe, deine Besorgnis und dein Verständnis aus diesen paar Worten lesen. Ich brauche Licht und Luft und einen freien Kopf. Warum kannst du mir das geben, was ich mir verweigere? Warum frage ich überhaupt, ich sollte annehmen, einfach annehmen. „Ja“.

Ich stelle mir vor, wie du mir ebenjenes rotes Insektizid direkt ins Herz injizierst mit jeder Berührung und jedem Wort. Es schlägt, endlich, und mit jedem Schlag verteilt sich dünnflüssig, vaporisiert das rote Gift im ganzen Körper. Gift also. Liebe ist Gift. Für so manches und so manchen. Lieben und heilen, lieben und töten, lieben und einen, lieben und entzweien. Lieben und verzeihen? Wenn ich das nur könnte. Verzeihen. Vor allem mir selbst.

März 2015

Christine

„Mama, wo bringen sie dich hin?“

Ich sehe in das entsetzte Gesicht meiner Tochter. Wir hatten es besprochen, mehrere Male. Und jetzt doch Entsetzen. Eine Situation, die man nicht absprechen oder üben kann. Ich würde sie so gerne in den Arm nehmen, meinem Sohn über den Kopf streichen, der sich tapfer hält, wie er da im Türrahmen steht. Ich sehe meiner Nachbarin ins Gesicht. Stumme Blicke, wie gern würde ich ihr sagen „Danke, dass du da gewesen bist. Dass du dich kümmerst.“ Die Kinder, die Tiere. Und die Blumen. Scheiß auf die Blumen, ich bekomme kein Wort über die Lippen. Ich kann schon länger nicht mehr alleine laufen, sitze im Rollstuhl, werde durch die Glastür des Mehrfamilienhauses geschoben, hinaus in die Novembersonne. Darf sie das? So strahlen? An einem Tag wie heute? Ich hätte gerne noch so viel gesagt. Dinge geordnet und besprochen, aber auch erzählt, von früher, vom Jetzt. Hätte gerne noch so viel mehr erlebt. Miterlebt. Einfach da sein, sorgen, wie es sich gehört. Was gehört sich überhaupt, warum darf das sein? Mir wird schlecht, als ich die Bäume und Autos am Krankentransporter vorbeirasen sehe. Die Augen schließen will ich nicht, sonst kommen die Dämonen zurück, die hämmernden Gedanken. Ich kann mich durch nichts befreien, mich nicht mehr artikulieren, nur stumm hinausblicken in die Welt, die ich verlassen werde. Der Wagen hält an.

Ich habe nun doch die Augen geschlossen, will nichts mitbekommen von Formalitäten, was auch immer. Sollen sie mich irgendwo hinschieben, es ist egal. Als ich die Augen wieder öffne, nehme ich einen hellen Raum wahr. Sanft fällt das Licht durch die weißen Vorhänge. Eine junge Frau beugt sich zu mir, sie lächelt. „Hallo Frau Altmann, ich bin Jessica.“ Jessica. So wunderschön.  Hospizangestellte. Sterbebegleitung. Engel. Ist sie wirklich so jung und schön und strahlend? Halluziniere ich? Es ist unerheblich. Meine letzten Stunden, oder sollten es Tage sein, werde ich mit Jessica verbringen. Ich möchte gar nichts sagen jetzt. Ich kann gar nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie weiß. Dass alle, die ich zurücklasse, wissen.

So blau, so satt, so leer

„Blaubeeren? Um diese Zeit?“

Ich mag es nicht, wenn die Kassiererin meine Einkäufe kommentiert. Es passiert mir hier aber nicht zum ersten Mal. Diesen Supermarkt suche ich immer nur dann auf, wenn ich spezifische Dinge brauche, die es im Provinzkaff nicht zu kaufen gibt. Spezielle Zutaten. Besonderes Gewürz. Die Auswahl ist riesig, und das überfordert mich nicht selten. Spontanes Einkaufen? Hier nicht. Ich laufe mit meiner Liste in der Hand durch die Gänge, verlaufe mich zum Glück nicht, denn ich parke den Wagen bei größeren Streifzügen immer im Nudelgang. Vor fünfzehn Jahren im Floridaurlaub war das noch ein Faszinosum für mich, doch nun frage ich mich ernsthaft: Weshalb muss man zwischen zwölf verschiedenen Sahnemarken in drei Größen wählen können? Ist die teurere Packung vielleicht die bessere? Für mich allein nicht, aber der geplante Kuchen ist für Gäste, er soll ihnen schmecken. Möglichst gut. So viele Gedanken. So viele andere Menschen mit ihren Einkaufswagen, aus den Lautsprechern klingt abwechselnd Musik und Marktwerbung, etwas zu laut, etwas zu schrill. Einem älteren Paar begegne ich ständig, wir fahren Slalom um uns herum, immer kommen sie mir in einem der prall gefüllten Gänge entgegen, so als ob wir genau denselben unkoordinierten Einkaufsweg hätten, nur entgegengesetzt. Irgendwie. Oft bleibe ich vor einem Regal stehen, versinke in den Angeboten. Zehn Meter bunte Backzutaten, was es alles gibt. Eine fantastische Welt, so viele Möglichkeiten. Ich kann mich erst losreißen, als eine Familie durch den Gang stöbert und ich nur haarscharf dem vollen Einkaufswagen ausweichen kann. Prompt vergesse ich, die Äpfel abzuwiegen, weil ich gedanklich noch bei den Millionen Käsesorten bin, den tausenden von Milchtüten. Braucht man diese Auswahl wirklich? Ich habe mich immer noch nicht an die riesigen Einkaufsmärkte gewöhnt, bei uns im Ort gab es früher den Bäcker und den Metzger und ein Lädchen mit ein paar Dingen für den täglichen Gebrauch. Wir wurden auch satt. Statt dessen kann ich heute durch das riesige Gebäude schlendern, und einfach alles – Bücher, Sportschuhe, Kosmetik, Autoreifen, Gartendünger, Küchenmaschinen, Geschirr, Süßigkeiten, Tiefkühlgänse, Schnaps und, ja, auch Lebensmittel – in den Wagen häufen. Das neuste Smartphone liegt übrigens abholbereit vorne beim Kundenservice. Macht mich das satt?

„Auf den Äpfeln ist kein Barcode. Die haben Sie wohl nicht gewogen?“ reißt mich die anklagende Stimme der Kassiererin aus meinen Gedanken. Ich murmele eine Entschuldigung und muss vor an die Waage, um den Äpfeln den fehlenden Aufkleber zu verpassen. Ich denke kurz über dieses Kunde-ist-König-Ding nach, aber ich wische den Gedanken beiseite und gönne ihr diesen Moment, nach zig Kunden vor mir, die wahrscheinlich auch alle vergessen haben, ihr Obst und Gemüse abzuwiegen. Ich habe selbst eine Zeitlang im Einzelhandel gearbeitet und mich manchmal sehr zusammenreißen müssen, um das Lächeln nicht zu verlieren.

„Blaubeeren“, schnaubt die Kassiererin noch einmal, als ich meine Sachen vom Band in den Wagen geräumt habe und bezahlen will. Ich fühle mich ertappt und angeprangert. Genau das, was mich beim Betreten dieses Marktes immer so traurig stimmt, genau das nutze ich zu meinem eigenen Vorteil und lege dekadentes Einkaufsverhalten an den Tag, treffe an der Kasse noch meine Nachbarin, die sich echauffiert, dass ihr Lieblingsmüesli heute nicht da war – Wiedasdennseinkann! – und denke: Satt und zufrieden fühlt sich anders an. Ich überlege noch kurz, mich zu rechtfertigen, dass ich auf Wunsch des morgigen Geburtstagskindes Blaubeermuffins backen wollte. Der Dame zu sagen, dass sie der Inhalt meines Einkaufswagens nichts angeht und sie damit eindeutig eine persönliche Grenze überschreitet, auf diesen Gedanken komme ich erst gar nicht. Ich entscheide mich, stur weiterzulächeln, bedanke mich für den Einkauf und wünsche noch einen schönen Abend. „Blaubeeren im Winter. Aber so ist halt unsere Welt“, verabschiedet mich die Kassiererin, und ich gebe ihr recht. So ist unsere Welt halt, was kaufe ich denn nichtsaisonales Obst, es hätten bestimmt auch Tiefkühlfrüchte ihren Dienst getan, daran kann man wiederum rummeckern, warum gehe ich überhaupt hierher zum Einkaufen, muss ich mir das wirklich vorwerfen lassen … Es ist bereits dunkel, als ich meine unbescheidenen Einkäufe im Kofferraum verstaut habe, eine Tüte voll Glückseligkeit, und den Wagen zurückbringe. Der Unterstand riecht streng nach Urin. Ich lasse den Blick über den vollen Parkplatz streifen, die vollen Warenhäuser, die überfütterten Menschen. Hinter mir hupt es, der Seat will genau diesen meinen Parkplatz. Keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn die Blaubeeranklage von eben im Notizbuch festzuhalten. Ein Gefühl von Leere, mitten im vollen Leben.