Vier Jahre

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Anfangs warst du ständig präsent, das lag schon an den ganzen Stücken, die ich nicht loslassen wollte und unweigerlich täglich trug oder damit lebte. Dein Eigengeruch, Joop und Zigaretten, war selbst nach mehrmaligem Waschen nicht wegzubekommen. Er hing mit der gleichen Selbstverständlichkeit in der Luft, wie du einst am erfüllten Leben. Und ich hüllte mich hinein wie in eine tröstende warme Decke. Ich habe kürzlich großzügig aussortiert. Es gibt nur noch ein paar wenige Dinge, die ich behalten habe. Mit der Zeit weicht die Trauer und damit die Notwendigkeit, zu viel von allem aufzuheben und heimlich anzubeten.

Was ich sagen kann, ist, dass heute mit der Erinnerung an dich die beißende Frage „Warum?“ nicht mehr mitschwingt. Die Überlegung, wie das Heute wäre, wärst du noch bei uns, doch wohl. Wäret ihr noch hier, zumindest hätte ich die Gelegenheit, euch mein neues Dasein vorzustellen – oder gerade deshalb nicht? Der Tag, an dem ihr gegangen seid, war der Beginn einer neuen Denkzeit. Alles wurde relativ, alles befand sich für mich im Zweifel. Dieses Warum stellte mein Leben zunächst auf den Kopf und anschließend in Frage, und bald fragte ich mich selbst, ob ich so weitermachen wollte.

Erstaunlich, wie schnell du zurück kamst zu mir. Ich dachte, es würde eine lange Zeit dauern, bis wir uns erneut und diesmal für immer verabschieden konnten. Aber du kamst, als ich in Barcelona weilte, und ich musste dich bedauernswerterweise wegschicken – ich hatte Angst, es könne uns jemand zusammen sehen, denn ich war nicht allein in Barcelona. Du trugst das wunderschöne schwarzrote Kleid, das du auch damals, an einem traumhaft sommerlichen Tag, getragen hast, als unsere Familie einen großen Tag zu feiern hatte. Du batest mich um Verzeihung, damals, in Barcelona. Ich nahm dich in den Arm. Und musste dich fortschicken. Ich bedaure es, noch immer.

Ich kann gar nicht sagen, ob es mittlerweile Tage in meinem Leben gibt, an denen ich nicht an dich denke. Es gibt jedoch Tage, da rufe ich die Erinnerung bewusst wach, weil ich verstehen möchte, was das alles mit uns gemacht hat. Meine Mutter kann dir nicht verzeihen, ihr gutes Recht. Ich verstehe sie. Ich kann nicht gutheißen, was du getan hast. Und gleichzeitig komme ich nicht umhin, dir zu danken, sobald ich mir diesen einen Tag in Erinnerung rufe und alles, was danach geschah. Dafür, dass ich mit dieser Erfahrung nicht zulassen konnte, dass das Versinken in einem Leben, das nicht zu mir passte, sich meiner bemächtigt. Dass ich aktiv werden musste, um selbst die Oberhand zu erlangen. Ich bin so verwegen zu behaupten: wenn du nicht gegangen wärst, wäre ich heute nicht mehr hier. Physisch vielleicht. Mein Geist aber wäre längst schon tot und eingeäschert.

Mit der Zeit weicht die Trauer, und auch das Warum. Aber du bist immer noch da. Gerade eben überkam mich der Gedanke „Was würdest du zu all dem sagen?“ Es ist unerheblich. Du würdest genau so wieder handeln, in einem nächsten Leben, für immer. Es ist unüblich, dass ich Verstorbenen öfter als dieses eine Mal im Traum begegne. Es ist der Abschied für immer. Aber ich hoffe dennoch auf ein Wiedersehen. Damit ich dir sagen kann: Es geht mir gut. Und: Ich habe dir verziehen.

Ich liebe euch.

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7 Gedanken zu “Vier Jahre

    • Alles im Leben fordert seinen Tribut, lieber Sir Alec. Vier Jahre haben ein wenig geheilt, aber auch geteilt. Ich für meinen Teil möchte lieber verzeihen, damit lebe ich besser, wenn ich schon damit leben muss, dass es geschehen ist. Generell sage ich mir lieber: Mach was draus, auch aus weniger beneidenswerten Erfahrungen, bevor sie etwas aus dir machen. Danke fürs Lesen und für deine Anteilnahme.

  1. Vorab: Ein großer Text. Ein sehr großer. Er springt einen an und macht einen schaurig, doch wenn man in richtig gelesen hat, gibt er ab von seiner Größe. Von Ihrer Größe, meine liebe MmeMme. Dafür meinen Dank. Ich lasse ihn noch ein wenig weiter sein warmes Werk innendrinnig tun, diesen so wertvollen Text und lasse ihn in meine dunkelsten Herzkammern leuchten. Wäre es möglich, daß es auch da dann endlich den Kopf und die Bilder darin überstrahlt. Könnte das sein? Es wäre mir mehr als ein Geschenk…

    Meine liebe Mme, er läßt mich noch etwas erkennen, dieser Text. Es braucht alles seine Zeit. Nur weil die äußeren Narben dünnweißlinig geworden sind, klopfen drunter noch heiße Ströme, brandheiße, die schmerzen und lavasierend entweichen wollen. Ich strahlte letztzeitig so innenhell und vergaß darob die Gefahr. Deshalb heute mein erstes Erschrecken beim Lesen. Aber Ihre Botschaft zeigt sich nun deutlich: Wen einem jemand nicht mehr um Verzeihung bitten kann, liegt die Vollendung bei einem selbst. Ich habe ihm schon längst vergeben, doch zeihte ich ihn immernoch des Kummers, den er in unsere Familie trug. Und nun kommen Sie und stellen sich und mir solche Fragen, mit der inneschwingenden Antwort gleich drin. Ich werde mir diese Gedanken einpflanzen, sie werden wachsen müssen.

    Von ganzem Herzen zugetan, Ihre Fernfreundin Käthe.

    • Liebe Käthe, Ihren Worten entgegne ich so viele Jas, fast jedem Wort ein Ja. Es ist eine so individuelle Erfahrung, so viel persönlicher Schmerz, und doch irgendwie mit-fühlbar, nach-fühlbar. So eine Geschichte ändert vieles, nicht zuletzt und vor allem die eigenen Ansichten. Es ist eine grausame Geschichte, man bleibt zurück ohne jede Anleitung, was damit zu tun ist, muss selbst interpretieren und sortieren und bekommt doch niemals eine Antwort. Man muss lernen, sich selbst zu genügen, wenn man ausbrechen will aus dieser Gedankenspirale, glaube ich.
      Hier ist nicht der geeignete Raum, um darüber ausschweifend zu sprechen, dafür werden wir uns einmal treffen. Wobei Sie sich heute Nacht wieder einmal in meine Träume geschlichen haben, liebe Fern-und-doch-so-Nahfreundin.

      Ein Gruß, vom Herz zum Herzen, buntherbstlichraschelig und tautropfenbenetzt.

      • Auch hier fast jedes Wort ein Ja bei mir. Ein bunter, schillernder Berg Jas… Jas-min fällt mir ein dazu und ich rieche den schwersüßen Liebduft, Jas-mund mit seinen Kreidefelsen, ich sehe die Ostsee und höre das Rauschen der Urwälder, bevor die See ihnen andere Gestalt unter sich begrabend gibt. Lächelnd denke ich dann an Jas-on, den Helden und füge diese Jas kurzerhand zusammen. Und in mir bildet sich ein großes, süßes, zeitloses und mutiges Ja! zum Leben mit allen seinen Facetten.

        Ihre Geschichte ist eine andere wie meine und anders wie vieler anderer. Was uns eint, ist die Art damit umzugehen. Genau dieses Erkennen alleine tut schon wahre Wunderwerke an Heilung, meine Liebe. Lassen sie mich ruhig in ihre Träume, ich bin eine geübte Schildmaid.
        Ihren Text bewahre ich ganz tief in mir drin, er muß noch reifen und sein Wunderwerk tun. Da ist noch eine Wand voller Zorn und Wut, die flackernd lodert und sich ausbrennen muß.
        Ihren Satz: “ Man muss lernen, sich selbst zu genügen, wenn man ausbrechen will aus dieser Gedankenspirale,…“, den habe ich schon längst verinnerlicht, ohne ihn jemals so auf den Punkt bringen zu können. Danke dafür und Ihnen alles Gute auf dem Weg. Bis gleich, ein Vöglein zwitscherte mir Neuigkeiten…
        Ihre herzkraftvollzugetane Käthe.

  2. Liebe Madame,
    Ich begegne Ihnen ab und an bei Frau Knobloch. Eben fand ich Ihren Text. Ein großer, wie Frau Knobloch trefflich bemerkte. Da kommen jene Gedanken an Schuld, an Sühne und dass manchmal das Leben einen Menschen wegreißt, bevor man Wichtiges für den Seelenfrieden mit ihm klären konnte. Das Maß, in dem man um ihn und das Ungeklärte trauert, ist eines mit zwei Seiten. Die dunkle Seite ist der tiefe Schmerz, den jemand hinterlässt, der voller Wunder war und ein naher Mensch, bei all seiner Menschlichkeit sowie den scharfen Ecken und Kanten, die ein solches Herzurgestein ebenfalls aufweist. Verstehen und Versöhnen ist das einzige, das möglich bleibt, wenn die Trauer erträglicher wurde und Heilung für Überleben und Weiterleben notwendiger wird als der unausgesetzte Fall ins Bodenlose. Die helle Seite ist so strahlend, weil sie die Wertschätzung und das schöne Gefühl reicher Erinnerungen birgt, Dankbarkeit auch, dass ein solcher Mensch einmal da war, es ihn gab und er so real war wie ein komplexes faszinierendes Schauspiel, in dem man mitwirken durfte.
    Ihr Text berührt mich sehr. Ich kenne den hohen Wert eines Friedens, der durch Akzeptanz und Toleranz erkämpft und erstritten wurde um den Preis der Liebe. Ich kenne den Schmerz und den Duft der Trauer in den Details, die die Bilder der Erinnerung überdauern.
    Es ist lohnenswert, um diesen Frieden zu ringen, seinen Zwiespalt zu kennen und dennoch in Liebe zu bleiben in all dem Wissen ihrer zeitweisen Unmöglichkeit und ihrer verletzlichen Fehlbarkeit.
    Herzliche Grüße von der Karfunkelfee✨

    • Liebe Karfunkelfee,
      vielen lieben Dank für Ihre Zeilen! Sie haben das wunderbare Talent, Ihre Gefühle und Ansichten so in Worte zu kleiden, dass man sich umfangen fühlt, verstanden und aufgehoben. Das durfte ich ebenfalls drüben bei Frau Knobloch schon erfahren. Es tut unglaublich gut, dass diese meine so persönlichen Empfindungen bei Ihnen nicht auf taube Ohren, sondern ein offenes Herz stoßen. Verständnis für etwas, das man selbst nicht immer so ganz versteht – das ist vielleicht das Wertvollste, was man zurückbekommen kann, wenn man sich öffnet.
      Haben Sie vielen Dank fürs Lesen, und Niederschreiben Ihrer Gedanken!
      Bis bald, und ebenso herzliche Grüße
      Mme C.

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