Fiktion: Gelegenheiten

Und auf einmal ist er da. Dieser Moment, den du dir seit langem schon immer wieder vorgestellt hast, der sich aber bisher nie ereignete. Die Zeit vergeht, und langsam hast du vergessen, was du damals dachtest, wie es sich anfühlte, was du alles noch hättest sagen wollen. Denkst kaum mehr daran. Und dann ist er da. Der Moment. Du erkennst ihn und trittst ihm gegenüber, noch bevor du dir Zeit gelassen hast, darüber nachzudenken, ob das wirklich eine so gute Idee ist.

Dieser Moment, er hat auf sich warten lassen. Aber im Nachhinein betrachtet war es gut so. Viele Gedanken sind in der Zwischenzeit zerflossen, du hast aufgehört, dir nächtens Dialoge auszumalen, wenn du nicht schlafen konntest, und deine Schlagfertigkeit zu erproben. Mittlerweile weißt du, sollte er denn jemals kommen, dieser Moment – dahin wäre deine Schlagfertigkeit, dahin alles, was du noch hättest sagen wollen, damals. Also aufhören, darüber nachzudenken.

Nun ist er also da, du ergreifst die Gelegenheit und es entwickelt sich tatsächlich ein nettes Gespräch. Den halben Abend lang erzählst du und sprühst vor Begeisterung, und gefällst dir selber richtig gut heute Abend. Der Druck ist raus, es sprudelt aus dir heraus, meine Güte – hättest du geglaubt, dass sich das so gut anfühlt, nach all der Zeit voller Grübeln und zwanghaftem Nichtmehrdrandenkenwollen? Du hast aber auch viel zu berichten, lässt keins der besten Details aus, schwingst en passant und ganz unauffällig das Chirurgenbesteck, das du gegen gedankliche Mistgabeln und stumpfe Sensen ausgetauscht hast und spürst: es schneidet, fein, dennoch spürbar. Schließlich bist du die Contenance in Person, du schwingst keine Mistgabeln und Sensen. Nicht mehr.

Herrlich, dieser Abend, diese Gelegenheit! Es könnte noch Stunden so gehen, der Moment noch verweilen, aber mittlerweile gibt es Wichtigeres, und das ruft nun. Und du löst dich ohne Bedauern aus dem Gespräch, gerade rechtzeitig, denn bisher war es ein gutes Gespräch, ein, zwei Gläser Wein dazu, die Zunge wohlig gelöst, und doch unter Kontrolle. Na denn, machs mal gut, man sieht sich! rufst du fröhlich. Der Wein jedoch tut seinen Dienst und reißt deinen Gegenüber beim Verabschieden dann doch noch zu einer Frage hin, die du im ersten Augenblick nicht einzuordnen weißt. Am liebsten würdest du schallend lachen, allein die Contenance (und Höflichkeit) hält dich zurück. Auch ein kumpelhafter Nasenstöber wäre unangebracht, du lächelst einfach weiter und sagst: „Zerbrich dir mal nicht meinen Kopf, mein Lieber.“ Oder so ähnlich. Zumindest bröckelt jetzt die Contenance deines Gegenübers.

Küsschen links, Küsschen rechts, so rettest du die Situation. Ach ja, bis bald mal wieder, und Gottseidank, keine Sekunde zu früh verabschiedet. Sonst hätte der Moment  dich tatsächlich auch noch dazu hingerissen, ihm Dinge an den Kopf zu werfen, die du bedauert hättest. Und der andere noch viel mehr. Kleine Chirurgenbesteckschnitte sind okay, ein wenig Bohren mit dem Uhrmacherfeinstwerkzeug. Man muss ja nicht immer gleich das ganze Herz zerpflügen, so groß die Verletzung damals vielleicht war. Und wenn er nicht verblutet ist, dann trefft ihr euch vielleicht mal wieder.

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11 Gedanken zu “Fiktion: Gelegenheiten

  1. Womöglich heilt die Zeit die Wunden. Nur Contenance hatte ich nie. Zum Glück bleiben es Momente.
    Eine feinsilbene Geschichte von dir. Sie eröffnet Erinnerungen.

  2. Perfekt eingefanger Moment. Gratulation.
    Allerdings dauert es manchmal im Leben seeeeehr lange, bis man üüüberhaupt in der Lage ist, sich auch nur ansatzweise voooorzustellen, dass solch ein Moment irgendwann kommen könnte… ;-)
    Und ich weiß gar nicht, die Zeit ‚heilt‘ vielleicht die Wunden, so dass sie nicht mehr offen liegen, aber es bleiben doch Narben, an die man sich lange erinnern kann.

    • Manchmal, nein, oft sogar glaubt man gar nicht mehr daran, dass solche Momente sich ereignen. Und Narben bleiben, für immer. Man kann sie stolz tragen, man kann sie streicheln, man kann sie auch wieder und wieder aufkratzen. Am heilsamsten empfand ich bisher die Konfrontation mit den Verursachern – auch wenn es Jahre dauern sollte. In diesem Fall sage ich: die Zeit heilt alle Wunder (sic), ich zitiere hier zwar WsH, aber nichts trifft gerade besser zu als das!

      • :D die darfst du gerne zitieren. Bei dem Lied krieg ich immer die Wut, aber vermutlich haben sie verflixt Recht.
        Ja, ‚Konfrontation‘ ist meistens heilsam. Aber dafür braucht es Zeit, unterschiedlich viel Zeit, bis es möglich ist, ohne daraus wieder als ‚Opfer‘ hervor zu gehen. Sondern irgendwie stolz, so wie du es beschreibst.
        Und dass dieser Moment kommen kann, das ist tatsächlich manchmal kaum vorstellbar. Und manchmal dauert es eben sehr lange. Und Kopf und Emotion brauchen auch noch unterschiedlich lange Zeit ;-)

        • Sehr gut beobachtet.Während man so wachliegt, verflucht man denjenigen und sich selbst, dass man so blöd war und immer noch ist und sich Gedanken macht und nicht schlafen kann.
          Aber vielleicht versteht man irgendwann, dass genau das so sein musste und das alles schon heilte, als man es noch für frisch und schmerzhaft hielt. In uns reift eine Erkenntnis, ohne dass wir es bemerken. An Abenden wie „diesen“ dann fällt sie uns in den Schoß. Solche Momente kommen (hoffentlich) erst dann, wenn es so weit ist!

          • Da hast du Recht. Schön beschrieben. Da laufen Prozesse parallel, die man oft erst rückblickend erkennt und versteht.
            Und ja, am besten ist es, wenn man selbst und die Zeit reif ist für solche Begegnungen. Nicht immer ist das möglich und dann braucht es möglicherweise noch ein, zwei, drei Schleifen, bis es soweit ist.
            Danke für die Gedankenanregung.

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